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Knock-out in Interlaken: Hat Boxweltmeisterin Viviane O. ihren Ehemann ermordet?

Gerichtsurteile dokumentieren die Spurensuche im Berner Oberland. Sieben Indizien belasten Boxweltmeisterin Viviane O. Ein Krimi um eine ungewöhnliche Frau.
22.01.2022, 17:08
Andreas Maurer / ch media
Viviane O. bei einem Spitzenkampf in Bern.
Viviane O. bei einem Spitzenkampf in Bern.Bild: zvg

Viviane O. baute sich am Brienzersee ein neues Leben auf, das perfekt zu sein schien. Die 35-Jährige arbeitete an einer Karriere von der Tellerwäscherin zur Millionärin.

Berühmt wurde sie als Boxerin. Angefangen hatte sie mit 25, als ihr Sohn zur Welt kam und sie nach der Schwangerschaft eine Sportart suchte, um ihr Übergewicht (32 Kilo) loszuwerden. Taktisch boxte sie nie besonders gut. Doch mit ihrer unerschrockenen Art schaffte sie es bis ganz nach oben. Mit 31 wurde sie Weltmeisterin im Superfedergewicht (bis 59 Kilo).

Die Frau mit dem Chevrolet und der Königspython

Für die Medien war sie interessant, weil sie extravagant und bescheiden zugleich war. Sie fuhr einen roten Sportwagen, einen Chevrolet Camaro, und hielt eine Königspython namens Lucy als Haustier. Gleichzeitig arbeitete sie als Kellnerin und betrieb ein Boxstudio, in dem sie alles selber machte, auch das Putzen. Von ihren Boxkämpfen konnte sie nicht leben.

Das Schweizer Fernsehen und die «Schweizer Illustrierte» dokumentierten ihre Erfolgsgeschichte, die mit einer harten Kindheit in Brasilien begann. Ihr Vater liess sie und ihre Geschwister als Morgenritual kalt duschen und danach Liegestütze machen. Er verbot ihr, einen Freund zu haben, und kontrollierte ihre Jungfräulichkeit. Mit 22 reiste sie nach Europa und landete in Zürich, Baden und Basel und machte das Wirtinnenpatent.

Die Liebe in der Gastronomie

In Basel verliebte sie sich in einen Wirt. Das Glück währte kurz: Hochzeit, Geburt ihres Sohnes, der heute zehn Jahre alt ist, Trennung. Darauf zog sie ins Berner Oberland, wo sie in Interlaken einen Job im Service fand.

Wieder verliebte sie sich in einen Wirt. Er führte das Restaurant Des Alpes in Interlaken. Am 22. Januar 2020 heirateten sie im Hotel Beatus in Merligen. Ihr Eheglück machten sie öffentlich, indem sie ein Bild von der Trauung den Medien schickten.

Hochzeit im Hotel Beatus.
Hochzeit im Hotel Beatus.Bild: zvg

Dann kam die Pandemie. Die Krise traf Interlaken besonders hart, weil der Ort vom Massentourismus lebt. Die Restaurants blieben auch nach dem Lockdown leer. Boxkämpfe und -trainings waren abgesagt.

Am Anfang hatte das Paar einen Kinderwunsch. Doch er ging nicht in Erfüllung. Am 11. Oktober stand ein Online-Beratungstermin mit einer Fruchtbarkeitsklinik in der Agenda. Viviane O. sagte den Termin aber mit folgender Begründung ab: «Wir haben in Moment schlecht und schwere Zeit.» (Sie sprach gut Deutsch, aber nicht perfekt.) Der Streit hatte schon kurz nach der Hochzeit begonnen. Sie war bei ihm ausgezogen.

Die Tat und die sieben Indizien

Eine Woche später, am 18. Oktober 2020, lag der Ehemann tot in seiner Wohnung. Viviane O. gab an, sie habe ihn am Morgen danach so vorgefunden. Beim Anblick sei sie kollabiert. Mit der Ambulanz liess sie sich ins Spital einliefern.

Doch schon bald geriet sie in den Verdacht, ihren Mann ermordet zu haben. Bis heute streitet sie alles ab. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Seit mehr als einem Jahr sitzt Viviane O. in Untersuchungshaft. Weil sie sich gerichtlich gegen die Haftverlängerungen wehrt, geben Gerichtsurteile Einblick in ihren Fall. Sieben Indizien belasten sie.

  1. Die Wohnung des Opfers war nicht aufgebrochen. Nur sie hatte noch einen Schlüssel.
  2. Der Mann wurde mit einem Baseballschläger getötet, der blutverschmiert neben ihm am Boden lag. Ihr Sohn sagte in einer Befragung, dass dieser Schläger Vivian O. gehört habe und sie ihn lange Zeit in ihrem Auto mit sich herumfuhr.
  3. Sie sagte, dass sie am Tatabend zu Hause Filme geschaut habe. Doch ein Automechaniker gab an, er habe an diesem Abend den roten Chevrolet Camaro in Interlaken gesehen. Ein solches Auto fährt hier sonst niemand. Der Mechaniker kennt ihren Wagen genau, er hat ihn erst kürzlich repariert. Sie selber sagt, dass sie ihr Auto nie anderen Leuten ausleihe.
  4. Das Mobiltelefon des Mannes wurde bei der Tat zerstört. Daran hafteten ihre DNA-Spuren.
  5. An ihren Schuhen wurden Blutspritzers ihres Mannes sichergestellt. Gemäss der Kriminaltechnik entstehen solche Spritzer nur, wenn sie mit einer gewissen Geschwindigkeit aufprallen. Am Morgen danach war das Blut des Opfers grösstenteils eingetrocknet.
  6. In einem Container in der Nähe fand die Polizei eine Trainerjacke des Opfers mit DNA-Spuren von Viviane O.
  7. Die Rechtsmediziner gehen von 19 Schlägen gegen den Kopf und unzähligen gegen weitere Körperteile aus. Das deutet darauf hin, dass die Tat mit Emotionen begangen wurde. Dafür spricht auch: Sein Ehering lag neben ihm auf dem Boden.

Entlastende Indizien gibt es auch. So wurden weder im Chevrolet noch in ihrer Wohnung Blutspuren gefunden.

Viviane O. sagt gemäss den gerichtlichen Zwischenentscheiden, dass jemand anders ihren Mann umgebracht haben müsse. Sie gibt an, in der besagten Nacht hätten mehrere Leute verdächtige Personen in der Nähe gesehen.

Zudem verdächtigt sie einen langjährigen Freund ihres Mannes, der mit ihm zusammengearbeitet habe. Die Männer hätten sich zerstritten. Dieser Freund sei bei ihr im Spital aufgetaucht, obwohl sie ihn kaum kenne. Er habe rote Flecken an den Wangenknochen gehabt, stark geschwitzt und nervös gewirkt.

Die andere Seite von Viviane O.

Aus dem Leben von Viviane O. gibt es allerdings auch Episoden, die in den langen Berichten des Schweizer Fernsehens und der «Schweizer Illustrierten» nicht vorkamen. So soll sie in London zwei Männer in einem Club verprügelt haben, die sie blöd angemacht hätten. Ein Ex-Freund berichtete zudem, sie habe ihn geschlagen.

Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, Anklage zu erheben. Viviane O. bleibt in Haft, weil die Gerichte von Fluchtgefahr ausgehen. Sie muss mit einer Strafe von weit mehr als zehn Jahren rechnen. Deshalb könnte sie nach Brasilien zurück fliehen. Das Land ist nicht verpflichtet, eigene Staatsangehörige auszuliefern. Viviane O. galt als Schweizer Boxerin, hatte aber nur einen B-Ausweis - ihr Eintrittsticket in ein Leben, das zu perfekt war, um wahr zu sein.

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Imfall
22.01.2022 18:58registriert März 2016
Wie krank können eltern eigentlich sein...

" und kontrollierte ihre Jungfräulichkeit."
10211
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Der Eggu
22.01.2022 21:38registriert Januar 2017
Meine Frau und ich haben beide gekannt, den des-Alpes-Wirt schon seit vielen Jahren, seine Frau seit dem Zeitpunkt, in dem sie sich kennengelernt haben. Wir haben beide in guter Erinnerung, den Wirt ganz besonders, weil er uns damals. als wir zugezogen sind, mit einer für Interlakener Verhältnisse ganz besonderen Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit in der Gemeinde willkommen geheissen hat. Viviane haben wir als aufgestellte, stets freundliche und unkomplizierte Frau kennengelernt. Das Ganze ist eine Riesentragödie, die uns geschockt und traurig gemacht hat. Wir vermisen beide sehr!
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