Wie die Schweiz nur knapp einer Atomkatastrophe entging
Die Mannschaft im Kontrollraum der Versuchsanlage in Lucens (VD) kannte ihren Reaktor gut. Die meisten waren bereits bei der Montage dabei gewesen, und seit drei Monaten lief das Mini-Atomkraftwerk nun schon ohne Unterbruch. Zwar war bekannt, dass die Technik noch unter Kinderkrankheiten litt – anfänglich hatten die Gebläse für das Kühlgas nicht richtig funktioniert, und Ende 1966 hatte sich bei einem Test im aargauischen Würenlingen ein Brennelement überhitzt und war geschmolzen.
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Aufwändige Verbesserungen waren die Folge gewesen, und aus Sicherheitsgründen war das Kraftwerk in den Sandstein eines Berghangs hineingebaut worden. Ende Dezember 1968 hatte der Bund aber dann doch die definitive Betriebsbewilligung erteilt. Endlich sollte die Stromproduktion beginnen.
Als die Techniker am 21. Januar 1969 um 4.00 Uhr morgens den Reaktor hochzufahren begannen, waren keine Unregelmässigkeiten zu verzeichnen. Der Start verlief gemäss Betriebsreglement, alle Anzeigen waren normal. Um 4.23 Uhr wurde der Reaktor «kritisch», die Kernspaltung in den Uran-Brennelementen lief an. Damit begann das Kraftwerk, Strom zu erzeugen. Schrittweise erhöhte die Bedienungsmannschaft die Leistung, ohne zu ahnen, dass in den Monaten zuvor unbemerkt Wasser in den Kühlkreislauf eingedrungen war und die Brennstäbe hatte korrodieren lassen.
Die Ablagerungen verengten die Rohre für das Kühlgas, und als nach 17 Uhr die Reaktorleistung nochmals gesteigert wurde, begannen sich erste Brennelemente zu überhitzen. Durch sie konnte zu wenig kühlendes CO₂ hindurchfliessen. Aus Kostengründen waren nicht alle Brennstäbe mit Temperaturfühlern ausgerüstet worden, und so blieb die sich anbahnende Havarie im Kontrollraum unbemerkt.
Die Bedienungsmannschaft sass, von Fels und Beton gut geschützt, im Nebenraum und bekam von alledem nichts mit. Um 17.14 Uhr erreichte das Kraftwerk eine Leistung von 12 Megawatt, rund 40 Prozent der nominellen Stärke. Bei 600 Grad schmolz die am stärksten korrodierte Magnesiumhülle von Brennstab Nummer 59 und verstopfte den Kühlkreislauf schliesslich ganz. Darauf schmolz auch das enthaltene Uran und das ganze Element begann «wie eine Kerze» zu brennen. So zumindest wurde es später im Untersuchungsbericht festgehalten.
Das umgebende Druckrohr hielt der Belastung nicht mehr stand und explodierte; über eine Tonne geschmolzenes radioaktives Material und schweres Wasser wurde durch die Reaktorkaverne geschleudert. Eine Sekunde später liess eine zweite Explosion verstrahltes Kühlgas austreten; geringe Mengen davon gelangten bis in den Kontrollraum und durch den porösen Stein in die Umwelt.
Um 17.20 Uhr leitete der Reaktor eine automatische Schnellabschaltung ein, im Kontrollraum gingen alle Alarmsignale gleichzeitig los. Die Anzeigen zeigten derart abnorme Werte an, dass die Operateure sie nicht mehr interpretieren konnten. Insbesondere konnten sie nicht sicher sein, dass alle Steuerstäbe korrekt eingefahren waren und der Reaktor tatsächlich abgeschaltet war. Nur eines war klar: Tief im Berg war es zu einer Kernschmelze gekommen. Das Versuchskraftwerk war zerstört.
Knapp an einer Atomkatastrophe vorbeigeschrammt
Glücklicherweise hatten die radioaktiven Substanzen Halbwertszeiten von Minuten oder wenigen Stunden, sodass die Strahlung rasch zurückging. Nach mehreren Tagen konnten Fachleute mit Spezialanzügen und Gasmasken in maximal 15 bis 20 Minuten dauernden Einsätzen die stark verstrahlte Reaktorkaverne betreten. Erst da wurde klar, dass die Schweiz nur knapp an einer Atomkatastrophe vorbeigeschrammt war.
Der Nuklearunfall von Lucens rangiert auf der von 0 bis 7 reichenden internationalen Skala für Atomunfälle auf der Stufe 4–5 und gilt als «ernster Unfall», ähnlich gravierend wie der Unfall im Kraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania im Jahr 1979. Die Zerlegung des zerstörten Reaktors sollte Jahre dauern; leicht verstrahltes Material wurde in der Kaverne eingemauert.
Der Atomunfall in Lucens markierte das Ende hochfliegender Schweizer Nuklearträume. Atomkraft galt als Energie der Zukunft. Seit den 1930er-Jahren war im Bereich der Kernphysik intensiv geforscht worden, allem voran am Physikalischen Institut der ETH Zürich und an der Universität Basel. Erforscht wurden sowohl die zivile als auch die militärische Nutzung: Im Auftrag des damaligen Eidgenössischen Militärdepartements beschaffte die Kriegstechnische Abteilung in einem Dreiecksgeschäft mit Belgisch-Kongo von Grossbritannien 10 Tonnen Natururan.
5 Tonnen davon gingen an die 1955 von 125 Firmen in Würenlingen gegründete Reaktor AG, der Rest wurde als Kriegsreserve in einem Stollen in den Alpen eingelagert. Zusammen mit Brennelementen aus Kanada diente dieses metallische Uran als Basis für einen Schweizer Forschungsreaktor namens «Diorit», der 1960 in Betrieb ging.
«Diorit» war ein Kind des Strebens nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Bei der Kernenergie sollte die Schweiz im Kriegsfall nicht vom Ausland abhängig sein. In den USA waren die ersten atomgetriebenen U-Boote vom Stapel gelaufen, und Maschinenhersteller orakelten bereits über Frachtschiffe und Lokomotiven mit Nuklearantrieb. Von einem Reaktor Marke Eigenbau versprach sich die Industrie den Anschluss an die Technik- und Energiezukunft; vor allem aber lockten lukrative Kraftwerksaufträge und der Export von Bauteilen in die ganze Welt.
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Das Ganze kostete viel Geld: Bis 1959 steckte der Bund 59 Millionen Franken in das Projekt, die Industrie trug weitere 18,2 Millionen bei, eine Summe, die heute 0,6 Milliarden Franken entspräche. Schlechtes Kostenmanagement und fehlende weitere Investitionsbereitschaft von privater Seite führten dazu, dass die Anlagen in Würenlingen als «Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung» (heute Paul-Scherrer-Institut) an die Eidgenossenschaft übertragen wurden. Und so baute die 1961 gegründete, überwiegend vom Bund finanzierte «Nationale Gesellschaft zur Förderung der industriellen Atomtechnik» in Lucens eine Versuchsanlage – eben jenen Unglücksreaktor, dem eine Reaktorexplosion am 21. Januar 1969 ein Ende bereiten sollte.
Der Traum von einem industriellen Atomreaktor «made in Switzerland» war damit endgültig ausgeträumt. Die Entwicklung eines eigenen Reaktortyps wurde eingestellt, die neuen Kernkraftwerke der Schweiz wurden mit Reaktoren aus US-amerikanischer und deutscher Herstellung ausgestattet. In Lucens erinnert nur noch wenig an das unglückselige Experiment: Die Anlage ist längst dekontaminiert und zubetoniert; in den verbleibenden Stollen hat der Kanton Waadt ein Depot für Kulturgüter eingerichtet.
Und dennoch lässt sich noch immer eine leicht erhöhte Strahlung feststellen: Im Sickerwasser aus der Kaverne im Fels misst das Bundesamt für Gesundheit bis heute Spuren von Tritium, radioaktivem Wasserstoff aus dem einstigen Kühlwasser des Unglücksreaktors.
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