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Auf die Taschenuhr folgte die Armbanduhr. Auf das Handy folgt die Smartwatch.
Auf die Taschenuhr folgte die Armbanduhr. Auf das Handy folgt die Smartwatch.
bild: shutterstock
Interview

Schweizer Smartwatch-Experte im Interview: «Herr Koenig, hat Swatch den Zug verpasst?»

Schweizer Marktforscher haben die umfangreichste Studie zum Milliardengeschäft mit den schlauen Uhren verfasst. Im Interview beurteilt Pascal Koenig die wichtigsten Player und verrät, was er von der Apple-Uhr hält. 
02.05.2015, 11:0102.05.2015, 11:31

Herr Koenig, die Apple Watch ist da. Ihr Eindruck?
Pascal Koenig:
Apple hat ein solides Startprodukt auf den Markt gebracht – ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der Smartwatch-Industrie.

Der Apple-Uhr fehle ein Killerfeature, monieren Kritiker. Sehen Sie das auch so? 
Nein. Einerseits ist es Apple mit dem Design gelungen, das Tragen einer Smartwatch chic zu machen. Andererseits bieten bedienerfreundliche «User Interfaces» sowie eine stark wachsende Nutzerzahl die Basis dafür, dass sehr viele und gute Apps entwickelt werden.

Die Smartwatch-Hersteller im Visier
Der «Smartwatch Industry Report 2015» ist eine 179-seitige Studie, verfasst vom unabhängigen Schweizer Marktforschungs-Unternehmen Smartwatch Group. Es handelt sich laut den Autoren um die bislang umfassendste Analyse des Smartwatch-Marktes. Der kostenpflichtige Bericht durchleuchtet eine noch junge Branche, in der sich Techgiganten, Start-ups und Uhrenhersteller tummeln.

Mit Ihrem Unternehmen beobachten Sie weltweit die Smartwatch-Industrie und sagen den Wearables eine rosige Zukunft voraus. Im Jahr 2020 soll der Umsatz nur schwer vorstellbare 117 Milliarden Dollar betragen. Sind Sie nicht zu optimistisch?
Hinter dieser Zahl stehen 650 Millionen Uhren, die 2020 zu einem Durchschnittspreis von 180 Dollar verkauft werden. Ausgehend von rund 1,2 Milliarden konventionellen Armbanduhren, die momentan pro Jahr verkauft werden, bedeutet dies, dass im Jahr 2020 etwas mehr als jede zweite Armbanduhr mit dem Internet verbunden sein wird. 

Wenn man bedenkt, wie viele relevante Funktionalitäten in den kommenden Jahren über Smartwatches ermöglicht werden, steht diese Schätzung auf einem soliden Fundament.

In diesen Ländern sind die 300 wichtigsten Smartwatch-Unternehmen zuhause

Sie haben in einem früheren watson-Interview gesagt, der Erfolg hänge von gutem Design und nützlichen Funktionen ab. Welche Features überzeugen Sie bei der Apple-Uhr am meisten?
Sicherlich die Fitness-Funktionalitäten. Schon heute gibt es gegen 100 Millionen Menschen auf der Welt, die mit Fitness-Trackern ihre Aktivitäten messen und versuchen, sich mehr zu bewegen und gesünder zu leben. Apple wird diesen Trend weiter verstärken.

Die erste Generation der Apple-Uhr misst den Puls, mehr nicht. Aus Ihrer Sicht enttäuschend?
Apples Stärke ist nicht die Entwicklung neuer Sensoren, sondern eine überzeugende und einfach bedienbare Integration bestehender Technologien.

«Die Fans halten selbst dann zu Apple, wenn die erste Produktgeneration noch nicht in allen Dimensionen perfekt ist.» 

Was meinen Sie zum Akku, der weniger als 24 Stunden hält?
Dieses Kriterium ist wichtig aus Kundensicht, und momentan eine der grössten Schwächen der Apple Watch.

Die geschätzten bisherigen Verkaufszahlen bewegen sich bei ein bis drei Millionen Stück. Wie beurteilen Sie dies? 
Im Rahmen der Markteinführung hat Apple bereits so viel umgesetzt, wie alle anderen Smartwatch-Unternehmen im Jahr 2014 zusammen. Das ist durchaus ernstzunehmen.

Japan gehört zu den neun Ländern, die zuerst die Apple Watch erhalten.
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Bild: FRANCK ROBICHON/EPA/KEYSTONE

Was macht Apple besser als der grösste Konkurrent Samsung?
Drei Dinge: Erstens wird deutlich stärker über den praktischen Nutzen des Produkts kommuniziert als über Technik. Zweitens ist Apple sehr viel näher an der App-Community dran als Samsung und kann Entwickler begeistern, mitzuziehen. Drittens hat Apple eine riesige – und in vielen Teilen der Welt nach wie vor stark wachsende – Fangemeinde, die neue Produkte mit Offenheit und Begeisterung erwirbt. Die Fans halten selbst dann zu Apple, wenn die erste Produktgeneration noch nicht in allen Dimensionen perfekt ist. 

«Eine künstliche Verknappung führt zu Hype und Begierde.» 

Die Apple-Uhr ist während Wochen nur in sehr begrenzten Stückzahlen verfügbar. Hat Apple schlecht geplant oder führen Sie die Engpässe auf technische Probleme zurück?
Apple hat verschiedene Produktionsschwierigkeiten, die die Auslieferung verzögern und zunächst auch auf die Margen drücken.

Wie bei früheren Apple-Lancierungen gibt es Gerüchte bezüglich künstlicher Verknappung: Werden absichtlich weniger Uhren produziert, um den medialen Hype zu befeuern? 
Richtig, der zweite Faktor der Lieferverzögerungen ist gewollt. Eine künstliche Verknappung führt zu Hype und Begierde. 

Swatch-Chef Nick Hayek tritt mit dieser Sportleruhr gegen Apple an.
Swatch-Chef Nick Hayek tritt mit dieser Sportleruhr gegen Apple an.
Bild: KEYSTONE

Kommen wir zur Swatch Group. Mittlerweile wissen wir, wie der weltgrösste Uhrenkonzern auf die Bedrohung durch die Apple Watch reagieren will. Wie beurteilen Sie die Strategie von Nick Hayek, der mit Sportler-Smartwatches und NFC-Chips in diversen Uhren punkten will? 
Positiv beurteile ich, dass Swatch die strategische Wichtigkeit von Smartwatch-Technologien erkannt hat und mit eigenen, differenzierten Angeboten auf den Markt kommt.

Swatch hat lange gezögert – und wird nun vom Tempo überrascht, das Apple und andere Silicon-Valley-Giganten vorlegen. 
Der Zug ist nicht abgefahren, aber sicherlich ist Swatch kein Vorreiter neuer Technologien mehr, wie dies früher der Fall war.

Die traditionelle Schweizer Uhrenindustrie wird Marktanteile verlieren

Mit wem sollte Swatch eine Kooperation eingehen, um bei der Entwicklung neuer Hardware und vor allem Software nicht ins Hintertreffen zu geraten? 
Auf der Software-Seite gibt es aus meiner Sicht momentan kaum eine Alternative zu Android Wear und damit einer Partnerschaft mit Google. Auf der Elektronik-Seite ist eine Partnerschaft weniger zwingend.

Jean-Claude Biver ist beim Luxusgüter-Konzern LVMH verantwortlich für die Uhrenmarke TAG Heuer.
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Bild: ARND WIEGMANN/REUTERS

Was halten Sie von der Ankündigung von TAG Heuer, bis Ende Jahr in Kooperation mit Intel und Google eine Smartwatch herauszubringen, die auf Android Wear basiert? 
Davon halte ich viel. Android hat einen globalen Marktanteil von über 80 Prozent bei den Smartphones. TAG Heuer kann entsprechend eine attraktive Alternative zur Apple Watch im oberen Preissegment werden. 

Wie schon bei den Smartphones zeichnet sich auch bei den Smartwatches ab, dass die Betriebssysteme von Apple und Google den Markt von A bis Z dominieren werden. Gibt's Platz für eine weitere Plattform?
Reale Chancen haben chinesische Betriebssysteme, weil dort viele westliche Dienste (wie Google, Anmerkung der Red.) gesperrt sind. So können sich eigene Lösungen entwickeln, die auf der Grundlage des geschützten Binnenmarktes in einem zweiten Schritt internationalisiert werden können. Bei den Erfolgsaussichten von Tizen (freies Linux-System) wie auch von Pebble OS bin ich eher skeptisch.

Apple startet stark, längerfristig wird Android Wear zum wichtigsten Smartwatch-Betriebssystem

Auch bezüglich Hardware sind die Entwicklungskosten immens. Haben vergleichsweise kleine Projekte wie Pebble überhaupt eine Chance, gegen die Techgiganten zu bestehen? 
Richtig – das ist eine grosse Herausforderung. Ein KMU hat eigentlich nur zwei Chancen: entweder man fokussiert auf einen Nischenmarkt, oder geht Partnerschaften mit grossen Playern ein.

«Bezüglich Geschwindigkeit in der Hardware-Entwicklung kann es kaum ein Unternehmen mit Samsung aufnehmen.»

In Ihrer aktuellen Studie bezeichnen Sie Samsung als führend bei der Hardware und erwähnen unter anderem die in Uhren integrierte Mobilfunk-Technologie.
Samsung bietet im Gegensatz zu Apple bereits Smartwatches an, die ohne Handy auskommen. Die Koreaner sind jedoch nicht die ersten, die diese Technologie beherrschen. Beispielsweise bietet das Schweizer Jungunternehmen Limmex (von Pascal Koenig mitgegründet) seit einigen Jahren Notruf-Uhren mit integrierter SIM-Karte an. 

Generell ist es aber schon so, dass es bezüglich Geschwindigkeit in der Hardware-Entwicklung kaum ein Unternehmen mit Samsung aufnehmen kann. Das jährliche Entwicklungsbudget von rund 10 Milliarden Dollar hilft dem Unternehmen natürlich dabei. Allein dieses Budget entspricht dem Gesamtumsatz der Swatch Group.

Samsungs neue Smartwatch, die Galaxy Gear S.
Samsungs neue Smartwatch, die Galaxy Gear S.
Bild: John Locher/AP/KEYSTONE

In Ihrer Rangliste der Smartwatch-Unternehmen steht Xiaomi auf dem beachtlichen vierten Platz. Trauen Sie den Chinesen mehr zu, als einfach die Konkurrenz perfekt zu kopieren? 
Xiaomi ist es gelungen, in China innerhalb weniger Jahre mehr Smartphones abzusetzen als der vorherige Marktführer Samsung. Natürlich haben die tiefen Preise zu diesem Erfolg beigetragen. Aber es ist mehr als das: qualitativ gute Produkte, starkes Marketing, und ein visionärer CEO sind mindestens genau so wichtig. Auch wenn es bei der Internationalisierung noch grosse Herausforderungen gibt, ist Xiaomi auch im Smartwatch-Bereich vieles zuzutrauen.

Zur Person

Pascal Koenig
Pascal Koenig ist Geschäftsführer der Smartwatch Group mit Sitz in Zürich. Er arbeitet seit 11 Jahren im Bereich von Wearable Technologies. Neben anderen Tätigkeiten ist er Mitgründer und ehemaliger CEO des Schweizer Unternehmens Limmex, das Notruf-Uhren herstellt. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» zählte Koenig zu den 300 einflussreichsten Personen der Schweiz. Nach Studien in St.Gallen und New York startete er beim Medtech-Unternehmen Synthes und als Berater bei McKinsey. 

In Ihrer Analyse erwähnen Sie als grosse Herausforderung für Android Wear, dass China wichtige Google-Dienste blockiere, darunter eben auch die Spracherkennung Google Now. Wie schwer wiegt dieser Nachteil? 
In Anbetracht dessen, dass China in Kürze zur grössten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen wird, wiegt dieser Nachteil schwer. Vor kurzem haben ehemalige Mitarbeiter von Googles «Voice Recognition Team» ein Startup in Beijing gegründet, um vor Ort eine Konkurrenz aufzubauen.

Ist die Spracherkennung wirklich eine Schlüsseltechnologie? Aus Sicht vieler Konsumenten ist es nur schwer vorstellbar, mit dem Handgelenk zu sprechen – schon gar nicht in der Öffentlichkeit. 
Auf dem relativ kleinen Bildschirm einer Smartwatch ist es mühsam, über den Touchscreen einhändig Text einzugeben. Spracherkennung ist in diesem Zusammenhang eine attraktive Ergänzung. Für einfache Eingaben funktioniert das auch schon überraschend gut, insbesondere auf Englisch.

Aktuelles G-Shock-Modell von Casio.
Aktuelles G-Shock-Modell von Casio.
Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

In Ihrem Bericht heisst es, der typische Soldat werde im Jahr 2020 keine Casio G-Shock am Handgelenk tragen, sondern eine Smartwatch. Welche anderen Branchen werden massiv von den schlauen Uhren profitieren? 
Im Gegensatz zu Smartphones ist eine Uhr immer in Sichtweite, und hat direkten Zugriff auf verschiedene Vitalwerte. Dies ist für diverse Berufsgattungen hochrelevant. Smartwatches können die Sicherheit von Arbeitern erhöhen, die Einsatzpläne von Mitarbeitern optimieren, und vieles mehr. Disney zum Beispiel investiert momentan eine Milliarde Dollar in ein entsprechendes Projekt.

Wo sehen Sie die grössten Risiken, wenn Smartwatches unseren beruflichen und privaten Alltag erobern? 
Bei ungenügendem Datenschutz.

Was sollten die Smartwatch-Hersteller keinesfalls tun? 
Wichtig ist aus meiner Sicht insbesondere Transparenz, welche Daten erhoben werden und was genau damit gemacht wird. Die Kunden müssen die Möglichkeit haben, dies selbst weitgehend zu steuern. Zudem müssen sie Besitzer der sensiblen Daten sein. Damit verbunden ist das Recht, die Daten zu transferieren oder auch zu löschen.

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