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Interview

Schweizer Impfexperte: «Diese Gerüchte sind schlicht und einfach falsch»

Viele junge Menschen wollen sich nicht impfen lassen – auch wegen kursierender Meldungen über Nebenwirkungen. Christoph Berger, Präsident der Impfkommission, sagt, was stimmt und was falsch ist. Und er stellt in Aussicht, dass man künftig den Impfstoff auswählen kann.
10.07.2021, 19:4710.07.2021, 21:47
Bruno Knellwolf, Patrik Müller / ch media
Christoph Berger, Präsident der Impfkommission, erklärt das abflachende Impftempo auch mit dem Ferienbeginn.
Christoph Berger, Präsident der Impfkommission, erklärt das abflachende Impftempo auch mit dem Ferienbeginn.
Bild: keystone

Herr Berger, einige Wochen lang impfte die Schweiz in einem weltrekordverdächtigen Tempo, nun erlahmt die Dynamik. Warum?
Christoph Berger:
Das Wichtigste ist, dass wir zuerst die Risikopersonen geimpft haben. Das haben wir geschafft, jetzt sind etwa 80 Prozent der über 70-Jährigen vollständig geimpft. Unsere Strategie hat funktioniert: Schwere Komplikationen und Hospitalisationen zu verhindern und die Gesundheitsversorgung leistungsfähig zu halten. Bei den jüngeren Menschen ist die Nutzen-Risiko-Abwägung eine andere, darum hat das Tempo jetzt etwas nachgelassen. Dazu kommen nun auch noch die Ferien: Wer den zweiten Termin in seinem Urlaub hat, der verschiebt vielleicht auch den ersten Termin auf später.

Die Delta-Variante, die hochansteckend ist, wird dominanter. Reicht das Ziel des Bundes noch, 75 Prozent der Bevölkerung zu impfen? Oder müsste man es heraufsetzen?
Wir von der Impfkommission nennen keinen Zielwert bei der Impfquote. Wir sagen einfach: Wichtig ist, dass sich möglichst viele Menschen impfen, damit das Virus möglichst wenig zirkuliert. Mit der ansteckenden Variante trifft es die Ungeschützten noch leichter und häufiger.

Die Herdenimmunität wird erst bei 70 bis 80 Prozent erreicht, mit Delta – so schätzen deutsche Behörden – sogar erst bei 85 Prozent. Ist das erreichbar in der Schweiz?
Absolute Herdenimmunität bedeutet, dass das Virus nicht mehr zirkuliert, weil zu viele Personen in der Population immun sind. Eine solche Immunität wird mit Delta kaum zu erreichen sein. Dazu bräuchte es 85 oder wohl 90 oder noch mehr Prozent Immune in der Bevölkerung. Wir müssen davon ausgehen, dass wir das Virus nicht loswerden – und uns deshalb davor schützen. Das beste Tool dazu ist die Impfung.

Man hört im persönlichen Umfeld von Nebenwirkungen, die stärker sind als erwartet. Lähmt das die Impfkampagne?
Nein. Auf diese Impfung reagieren mehr Menschen stärker als auf andere Impfungen. Vielen geht es nach der zweiten Dosis nicht so gut, aber nach einem oder zwei Tagen ist alles vorbei. Es gehört zum guten Ton, sich gegenseitig von den Nebenwirkungen zu erzählen. Fragt man die Leute aber, ob sie deswegen nicht mehr zur Impfung gehen würden, sagt keiner nein. Die Menschen wollen raus aus der Pandemie. Aber vielleicht sind Jüngere und Gesunde unentschieden, weil sie denken, dass die Impfung primär für die Älteren und Gefährdeten ist. Diese muss man überzeugen, dass die Impfung allen nützt.

Warum sollten sich Jüngere impfen, wenn eine Corona-Infektion für sie weniger mühsam ist als die Impf-Nebenwirkungen?
Erstens gibt es auch in dieser Altersgruppe schwere Fälle, wenn auch wenige. Zweitens drohen bei einer Infektion Langzeitfolgen, wie Long-Covid oder Konzentrationsstörungen, die noch genauer untersucht werden. Nach neusten Studien können in der jungen Generation etwa 10 Prozent betroffen sein. Jeder impft sich also zu seinem eigenen Schutz. Zudem hat ein junger Geimpfter Zertifikatsvorteile und muss nicht mehr in Quarantäne. Das ist bei Schülern und Studenten ein wichtiger Punkt.

Unter jungen Leuten kursieren über Whatsapp Meldungen von verhinderten Schwangerschaften durch die Impfung.
Diese Meldungen sind schlicht und einfach falsch. Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit sind hartnäckige Behauptungen von Impfgegnern ohne jegliche wissenschaftliche Basis. Das sind Mythen. Die Impfgegner, die das behaupten, haben gar kein Modell, warum das denn so sein sollte. Hätte dieser frei erfundene Effekt mit dem Spike-Protein des Coronavirus zu tun, hätten wir ja während der Pandemie keine Schwangerschaften gehabt. Das ist bekanntlich nicht so. Es gibt auch keine Hinweise auf vermehrten Abort.

Im Gegensatz dazu gibt es aber Hinweise, dass die Impfung die Menstruation bei Teenager-Mädchen beeinflussen kann.
Die ersten Zyklen sind meistens unregelmässig. Hormonell sind die Abläufe dann noch nicht stabil beziehungsweise noch nicht eingespielt. Und zwar unabhängig von der Impfung. Stress oder Krankheiten können den Zyklus beeinflussen. Einen solchen Einfluss kann unter Umständen auch die zweite Impfung haben, denn sie löst eine Entzündungsreaktion aus.

Dass die Periode beeinflusst wird, ist manchen Mädchen oder ihren Eltern unheimlich.
Hier wirken ganz unterschiedliche Faktoren auf den Zyklus ein. Wichtig ist: Ist dieser einmal unregelmässig, ob wegen der Impfung oder aus anderen Gründen, ist das überhaupt nicht schlimm. Es hat absolut nichts mit der Fruchtbarkeit zu tun. Nichts.

Gibt es Studien, welche die unter Teenager-Jungs kursierenden Gerüchte widerlegen, die Impfung könne die Potenz beeinträchtigen?
Ja, absolut. Das ist völlig falsch. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Impfung und der Potenz oder Spermienqualität von Männern. Dazu sind Daten vorhanden, die eindeutig sind.

Nicht alle Impfstoffe haben dieselben Nebenwirkungen. Wäre es sinnvoll, die Leute auswählen zu lassen, ob sie Moderna, Pfizer oder etwas anderes wollen?
Bislang war das wegen der Organisation und des anfänglichen Mangels an Impfstoffen nicht möglich. Der Mangel ist jetzt behoben, insofern ist es richtig, über eine solche Änderung nachzudenken. Es kam schon vor, dass sich jemand um Pfizer/Biontech bemüht hat, weil er wusste, in diesem oder jenem Impfzentrum oder bei diesem oder jenem Arzt gibt es diesen Impfstoff. Die freie Wahl wäre ein Zusatzaufwand; ob er sich rechtfertigt mit Blick auf eine allenfalls höhere Impfbereitschaft bei einem Teil der Bevölkerung, wird man abklären müssen.

Spricht medizinisch etwas dagegen, zwei unterschiedliche Vakzine zu bekommen?
Bis jetzt ist das nicht möglich, weil Studien fehlen, die zeigen, dass der Schutz gleich gut ist, wenn man wechselt, wie mit zweimal demselben Impfstoff. Mittel- oder langfristig sollte diese Wahlfreiheit möglich sein. Spätestens bis zum Moment der Auffrischimpfung.

Das heisst, bei der Auffrischimpfung sollte man den Wirkstoff auswählen können?
Ja. Ich hoffe und gehe davon aus, dass man die Impfung übers Kreuz machen kann, das heisst, wer zuerst mit Moderna zweimal geimpft wurde, kann danach Pfizer/Biontech bekommen, und umgekehrt.

Das Impfzertifikat ist für vorerst zwölf Monate gültig. Wann ist diese Erneuerungsimpfung nötig?
Die zwölf Monate sind nicht definitiv, vielleicht geht diese Frist noch rauf. Anfänglich waren es ja nur sechs Monate. Je länger man die Entwicklung beobachtet, umso mehr kommt man erfreulicherweise zum Schluss, dass die Schutzwirkung länger anhält als ursprünglich gedacht.

Ein Techniker überprüft Ampullen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer.
Ein Techniker überprüft Ampullen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer.
Bild: keystone

Werden dieses Jahr noch Auffrischungsimpfungen durchgeführt?
Für die Schweiz gehe ich nicht davon aus, dass 2021 bereits dritte Dosen verimpft werden. Bisher ist das nur für eine sehr kleine Gruppe von Menschen mit Immunschwächen, etwa Nierentranspantierte, geplant.

Also werden solche Impfungen frühestens 2022 zum Thema?
Ja, das ist der Plan. Dieses Jahr braucht es keine Auffrischungsimpfungen. Es gibt ein Notfallszenario, falls sich unerwartet gewisse Parameter ändern sollten, aber davon ist nicht auszugehen.

Impfungen für Kinder sind ab zwölf Jahren möglich. Wann werden auch jüngere Kinder geimpft?
Das schauen wir an. Wir brauchen aber noch Zeit dafür. Ab zwölf Jahren impfen wir nach dem Schema für Erwachsene. Das geht definitiv nicht für kleinere Kinder, denn ein Kind ist nicht einfach ein kleines Erwachsenes. Dazu benötigen wir Studien zur Dosisfindung für null bis sechs und von sechs bis zwölf Jahren. Die Schutzwirkung und die Verträglichkeit müssen vertieft untersucht werden.

Bekommen Sie Anfragen von Eltern, die ihre Kleinsten impfen lassen wollen?
Ja, das gibt es. Wir machen das nicht. Es gibt zu viele offene Fragen, zum Glück laufen bereits Studien sowohl von Moderna wie von Pfizer/Biontech. Der Zeitdruck ist insofern nicht so gross, als Kinder nicht viele direkte Bedrohungen durch das Virus haben.

Für Eltern, die mit ihren Kindern ins Ausland verreisen, bleibt vorderhand nur das Testen. Spucktests wären für Kinder besser als die unangenehmen oder gar schmerzhaften Stäbchentests, sie sind aber teurer.
Richtig, sobald man spucken kann, sind Speicheltests möglich, also etwa ab dem Schulalter. Weil es PCR-Tests sind, sind sie teurer. Darüber wird man reden müssen, auch an den Schulen nach den Sommerferien. Die Kantone und Schulen müssen sich überlegen, wie sie mit Tests für Kinder umgehen, die gar nicht die Option zum Impfen haben.

Spucktests kosten etwa 150 Franken pro Kind, und Eltern müssen sie selber zahlen …
Da ist sehr viel und unfair. Die Kinderärzte – die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie – beantragen, dass die Kosten übernommen werden und die Familien so entlastet werden. Kinder haben ja keine Alternative zum Testen. Bei den Unter-6-Jährigen gehen Spucktests nicht, aber beim Reisen müssen diese in der Regel auch keinen Test vorweisen.

(schweizamwochenende.ch)

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