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Hannes Urs Wiedmer, Oberst im Generalstab, spricht anlaesslich des offiziellen Medientermin der Spitzensport RS, am Mittwoch 8. Juli 2020 in Magglingen Foto: Marcel Bieri

Oberst Hannes Wiedmer, Kommandant der Spitzensport-Rekrutenschule. Bild: MBG

Militarismus gegen Sportleidenschaft – der Kommandant der Spitzensport-RS geht

Eklat im Militärdepartement: Oberst Hannes Wiedmer, der hoch geschätzte Kommandant der Spitzensport-Rekrutenschule geht. Muss gehen. Er hat den Machtkampf gegen seinen Chef verloren. Militarismus triumphiert über Sport-Leidenschaft. Eine Geschichte aus der bunten Welt des Sportes, der Bürogeneräle, Divisionäre, Brigadiers und Obristen.



Der Konflikt schwelte schon eine Weile und geht auf eine inzwischen zweijährige Fehlkonstruktion zurück. Bis 2018 untersteht die Spitzensport-Rekrutenschule (gehört zum Kompetenzzentrum Sport der Armee) direkt dem Ausbildungschef der Armee. Im Zuge einer der regelmässig wiederkehrenden Reformen, bei denen von den Büro-Generälen die Kästchen und Organigramme neu gezeichnet werden um den Trägern der steifen, laubgeschmückten Hüte neue Karrierewege zu öffnen, wird die Spitzensport-RS dem Lehrverband «Genie/Rettung/ABC» unterstellt.

Dort kommandiert Brigadier Stefan Christen, der so zum direkten Vorgesetzten des Spitzensport-RS-Kommandanten avanciert. Im Juni 2018 übernimmt Oberst Hannes Wiedmer* die Führung der Spitzensport-RS. Er tritt die Nachfolge von Oberst René Ahlmann an, der nach fünf Jahren ins Rekrutierungszentrum nach Rüti (ZH) abkommandiert wird.

Zwischen Oberst Hannes Wiedmer und Brigadier Stefan Christen kommt es bald einmal zu Spannungen. Ein Beispiel, das in Magglingen oben oft und gerne erzählt wird: Brigadier Christen, der in der Kaserne Wangen an der Aare residiert, hätte die Sportlerinnen und Sportler in den ersten fünf RS-Wochen weiterhin gerne in Wangen kaserniert. In den ersten Wochen mussten die Sportsoldatinnen und -soldaten deshalb täglich mit Armee-Fahrzeugen von Wangen nach Magglingen zum Training und zurück kutschiert werden. Ein Weg 40 Kilometer.

Diesen Unsinn stellt Hannes Wiedmer bald einmal ab. Inzwischen wohnen die Sportlerinnen und Sportler auch in der ersten RS-Phase in Magglingen. So sind 50 Stunden für die Ausbildung, hunderte von Autokilometern und grosse Mengen Benzin eingespart worden. Und natürlich wird so auch etwas für den Klimaschutz getan.

Hannes Urs Wiedmer, Oberst im Generalstab, spricht anlaesslich des offiziellen Medientermin der Spitzensport RS, am Mittwoch 8. Juli 2020 in Magglingen Foto: Marcel Bieri

Hannes Wiedmer. Bild: MBG

Einerseits der unkomplizierte, sportaffine Oberst oben in der Sonne von Magglingen, der mit seiner Dynamik erfolgreich neue Projekte mit internationaler Strahlkraft anpackt und weiterentwickelt, bei den Sportrekrutinnen und -rekruten und seinem Mitarbeiterstab gleichermassen beliebt ist und im väterlichen Sinne von General Henri Guisan führt und motiviert.

Andererseits der hierarchie- und machtbewusste Brigadier mit einem Flair für Rapporte, militärische Umgangsformen und Dienstwege unten im Nebel von Wangen an der Aare, der nach der preussischen Tradition von General Ulrich Wille kommandiert und diszipliniert: Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Was das Fass zum Überlaufen brachte

Zwei Ereignisse haben nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Erstens: Im Herbst wechselt Major Pascal Stöckli zur Schwyzer Polizei. Ein Grund, warum er eine neue Herausforderung annimmt, so wird in Magglingen erzählt, seien wohl auch die Spannungen mit dem Brigadier in Wangen. Pascal Stöckli war Hannes Wiedmers Stellvertreter, engster Vertrauter und wichtigster Mitarbeiter. Als neuer stellvertretender Kommandant residiert seither Major Joël Mattle in Magglingen. Es heisst, er sei ein Zuträger und «Buddy» von Stefan Christen. Ob wahr oder nicht: Die Luft in der Höhenlage von Magglingen wird für Hannes Wiedmer immer dünner.

Zweitens: Brigadier Stefan Christen versucht seinen Untergebenen in einer Aufsichtsbeschwerde zu disziplinieren. Moniert wird unter anderem, Oberst Wiedmer rapportiere zu wenig fleissig und allenthalben gehe es in Magglingen oben zu wenig zackig und militärisch zu und her. Der Fall landet auf dem Schreibtisch von Korpskommandant Hanspeter Walser, dem Ausbildungschef der Armee.

Die Vorwürfe gegen Hannes Wiedmer lassen sich in keinerlei Art und Weise erhärten. Aber Hierarchie ist Hierarchie. Es geht ja nicht, einem Oberst recht und einem Brigadier nicht recht zu geben. Die Armee ist keine Rudolf Steiner-Schule. Jawoll. Also verläuft die Beschwerde, die wohl eher eine Intrige war, im Sand.

Aber eben: Nun ist noch mehr Geschirr zerschlagen. Eigentlich ist das Vertrauensverhältnis zwischen dem Kommandanten der Spitzensport-RS und seinem Vorgesetzten vollends zerrüttet. Logisch also, dass Hannes Wiedmer nun geht. Er bestätigt auf Anfrage: «Ja, es ist richtig. Ich verlasse Magglingen und übernehme ab Januar 2021 innerhalb der Armee eine neue Herausforderung.» Er wechselt in die Logistikbasis der Armee nach Bern.

Die Gründe für den vorzeitigen Wechsel nennt der scheidende Kommandant nicht und betont, es habe ihm in Magglingen sehr, sehr gut gefallen. Sein Nachfolger wird Oberst Marco Mudry, bisher Kommandant des Kompetenzzentrums Gebirgsdienst der Armee in Andermatt. Er stammt aus einer berühmten Soldatenfamilie. Sein Vater Jean-Daniel kommandierte einst im Range eines Divisionärs unsere Gebirgstruppen.

Die Spitzensport-RS findet zwar in Magglingen statt, ist aber der Armee und nicht dem in Magglingen domizilierten Bundesamt für Sport (BASPO) unterstellt. Und so hütet sich BASPO-Direktor Matthias Remund wohlweislich, den Kommandowechsel zu kommentieren. Er sagt lediglich: «Hannes Wiedmer hat einen sehr, sehr guten Job gemacht.» Und rühmt den scheidenden Kommandanten in den allerallerhöchsten Tönen. Aber als schlauer Diplomat fügt er noch an: «Bei der Armee werden halt die Kommandos regelmässig gewechselt.» Man solle daraus keine grosse Geschichte machen.

Das Motto in dieser Sache scheint nach dieser beschwichtigenden Aussage klar: Nur ja den Ball flach halten. Sonst wird am Ende gar noch Sport- und Verteidigungsministerin Viola Amherd «aufgescheucht».

Bundesraetin Viola Amherd spricht an einer Medienkonferenz des Bundesrates am Mittwoch, 18. November 2020, im Medienzentrum Bundeshaus in Bern. Auch in der zweiten Coronavirus-Welle kommt der Zivilschutz zum Einsatz. Der Bundesrat hat an seiner Sitzung am Mittwoch beschlossen, den Kantonen zur Bewaetigung der Krise ein Kontingent von maximal 500'000 Diensttagen zur Verfuegung zu stellen.(KEYSTONE/Anthony Anex)

Bloss nicht Sport- und Verteidigungsministerin Viola Amherd «aufscheuchen». Bild: keystone

Einerseits hat Matthias Remund schon recht: Zur DNA der Armee gehört es tatsächlich, Chefs regelmässig auszutauschen. Dahinter steckt der politische Wille jeder Zivilgesellschaft, zu verhindern, dass das Militär Machtstrukturen zementieren kann. Aber andererseits hätte Hannes Wiedmer sein Kommando mit den möglichen und üblichen Verlängerungen noch gut und gerne vier weitere Jahre behalten können.

Unter der Oberfläche schwelt der Konflikt weiter. Der Unmut über den Kommando-Wechsel ist gross, die Rede ist hinter vorgehaltener Hand sogar von Mobbing. Die Bestrebungen, das Kompetenzzentrum Sport wieder direkt dem Armee-Ausbildungschef zu unterstellen – so wie es vor 2018 war – gewinnen an Dynamik. Und sind wohl im Interesse der Sache. Mit dem Abgang von Hannes Wiedmer hat der Sport gegen die «Armee-Betonköpfe» eine Niederlage erlitten.

*Hannes Wiedmer bekleidete zum Zeitpunkt der Übernahme des Kommandos der Spitzensport RS und des Kompetenzzentrums Sport in der Armee noch den Rang eines Oberstleutnants. Der einfacheren Lesbarkeit halber wird er im Text durchgehend als Oberst bezeichnet.

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