DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein Eisbär bei den norwegischen Spitzbergen. Nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Plastik-Verschmutzung bedroht die Fauna in der Arktis.
Ein Eisbär bei den norwegischen Spitzbergen. Nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Plastik-Verschmutzung bedroht die Fauna in der Arktis. bild: shutterstock
Interview

«Dieser Gedankengang ist ein Schwachsinn! Ich kann das langsam echt nicht mehr hören»

Meeresbiologin Melanie Bergmann spricht über die zunehmende Verschmutzung der Arktis. Sie erklärt, welche Folgen der Müll für die Tiere hat, macht eine besorgniserregende Prognose und sagt, welchen Gedankengang sie nicht mehr hören kann.
10.04.2022, 09:5711.04.2022, 16:04

Die Arktis ist ähnlich mit Plastik vermüllt wie andere Regionen der Welt. Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es da Küstenabschnitte voller Müll?
Nein, die Strände sind nicht dicht an dicht mit Plastik gefüllt. Pro Quadratmeter findet man zwischen 0 und 1,3 Teilen Müll. Das meiste davon ist Plastik.

Welche Art von Müll gibt es in der Arktis hauptsächlich?
Im europäischen Teil der Arktis sind vor allem Teile der Fischerei vorherrschend. Viele Netze und Seile. An einem Strand stammte knapp 100 Prozent des Abfallgewichtes aus der Fischerei. Das macht wirklich einen grossen Teil aus. Man trifft auch oft auf Produkte aus dem Haushalts-Alltag. Reinigungsmittel-, Ketchup-Flaschen und Kanister etwa. Wir können da nicht genau sagen, ob dieser Abfall wirklich vom Land kommt. Er könnte auch von Schiffen stammen.

So gelangen die Schadstoffe in die Arktis.
So gelangen die Schadstoffe in die Arktis.Bild: zvg

Wie hat sich die Müll-Menge in der Arktis entwickelt in den vergangenen Jahren?
Wir haben Messungen im Tiefseeobservatorium am Meeresboden durchgeführt. Die Müll-Menge in den vergangenen 15 Jahren hat sich versiebenfacht. An einer Station hat sie sich sogar mehr als verdreissigfacht.

Woher kommt der Müll? Aus der lokalen Fischerei?
Wir haben zum einen diesen Müll, der aus Fernquellen stammt. Dieser gelangt etwa durch den Atlantik in die Arktis. Zum anderen gibt es auch Müll aus lokalen Quellen.

Aber dort oben wohnt ja kaum jemand ...
Die Gegend ist vielleicht nicht dicht besiedelt. Aber die Menschen, die dort wohnen, benutzen viel mehr Plastik als früher. Häufig gibt es in diesen Gegenden sehr schlechte Entsorgungsmöglichkeiten, also landet der Müll im Meer. Und nicht zu vergessen: Die Fischerei rückt auch immer weiter in den Norden vor.

Zur Person
Melanie Bergmann ist Meeresbiologin und arbeitet für das Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und das Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Diese Woche veröffentlichte das AWI neue Erkenntnisse zur Plastikverschmutzung in der Arktis. Bergmann ist Erstautorin der Analyse und nimmt regelmässig an Forschungsreisen in die Arktis teil. Hier geht es zur Publikation.
bild: Alfred-Wegener-Institut/Kerstin Rolfes

Von welchen Ländern sprechen wir hier?
Das ist ja das Erstaunliche. Es handelt sich hier nicht um arme Staaten. Das sind Dänemark, Norwegen, Russland, Kanada und die USA. Dass diese Länder kein gutes Abfall-Management in den nördlichen Regionen haben, ist nicht verständlich. Aber wie gesagt, der Abfall stammt nicht nur von der lokalen Bevölkerung. Gerade beim Mikroplastik wird ein Aspekt oft vergessen.

Welcher denn?
Mikroplastik kann in der Luft sehr viel schneller enorm weite Strecken zurücklegen als im trägen Medium Wasser. Innerhalb weniger Tage kann Mikroplastik von unseren Breitengraden in die Arktis getragen werden. Messungen von Gletschern auf Grönland und Island weisen daraufhin.

Wissenschaftlerinnen des Alfred-Wegener-Instituts nehmen Schneeproben auf Eisschollen. Selbst in der Arktis enthält der Schnee Mikroplastik.
Wissenschaftlerinnen des Alfred-Wegener-Instituts nehmen Schneeproben auf Eisschollen. Selbst in der Arktis enthält der Schnee Mikroplastik.bild: alfred-wegener-institut/mine tekman

Etwas provokativ gefragt: Wieso sollte es mich als Mitteleuropäer kümmern, wenn in der Arktis viel Plastik liegt? Da leben ja so wenig Leute und ich werde wohl auch nie in die Arktis in die Ferien fahren ...
Dieser Gedankengang ist ein Schwachsinn! Ich kann das langsam echt nicht mehr hören. Alles hängt mit allem zusammen. Wir sind mit der Arktis verbunden.

«Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage. Das müssen wir endlich begreifen!»

Erläutern Sie!
Die Arktis ist das globale Kühlhaus und das geht gerade kaputt. Der Temperaturanstieg in dieser Region geschieht drei Mal schneller als im globalen Schnitt. Das Ökosystem der Arktis steht sowieso schon unter einem immensen Druck. Jetzt kommen noch die Plastikverschmutzung und die Überfischung hinzu. Wenn die Tiere Plastikpartikel anstatt Nahrung zu sich nehmen, schwächt sie das. Gleichzeitig haben sie schon mit dem Klimawandel zu kämpfen. All das führt dazu, dass Arten aussterben und die Biodiversität weiter zurückgeht. Und Biodiversität ist unsere Lebensgrundlage. Das müssen wir endlich begreifen!

Gehen wir auf die Fauna ein. Gibt es Tiere, die besonders unter der Verschmutzung in der Arktis leiden?
Das kann man noch nicht wirklich sagen. Da wissen wir zu wenig, weil wir in der Arktis so wenig präsent sein können.
Die Forschung in dieser Gegend ist mit sehr viel Aufwand verbunden. Wie will man so herausfinden, wie viele Eisbären Seile um den Hals haben? Aber es ist davon auszugehen, dass sich die Verschmutzung ähnlich auswirkt wie in anderen Regionen der Welt. Vielleicht sogar stärker, da die Tiere aufgrund der Klimakrise sowieso schon am Limit sind. In einer Studie konnten wir kürzlich feststellen, dass sogar die Ruderfusskrebse Mikroplastik aufnehmen. Sie stehen ganz am Anfang der Nahrungskette. Das hat vermutlich Folgen für alle Tiere in der Arktis.

Dieser Müll wurde an einem Strand von Spitzbergen gefunden. Er stammt von Ländern rund um den Globus.
Dieser Müll wurde an einem Strand von Spitzbergen gefunden. Er stammt von Ländern rund um den Globus.alfred-wegener-institut/esther horvath

Hat die Verschmutzung einen direkten Effekt auf die Erderwärmung?
Die beiden Themen sind nur schon daher miteinander verknüpft, weil die Plastikindustrie für 4,5 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist. Alleine deswegen müssen wir die Plastik-Herstellung stark drosseln. Es gibt aber auch noch andere Zusammenhänge.

Welche wären die?
Es gibt erste Studien, die darauf hindeuten, dass eine hohe Konzentration dunkler Plastik-Partikel das Eis insgesamt dunkler macht. Dunkle Plastik-Partikel stammen etwa vom Reifenabrieb. Das führt wahrscheinlich dazu, dass die Rückstrahlkraft abnimmt. Wenn die Fläche dunkler wird und die Wärme nicht zurückgestrahlt wird, schmilzt das Eis vermutlich schneller. Unter dem geschmolzenem Eis liegt das Meer, welches ebenfalls dunkler ist. Dieses nimmt die Wärme dann nochmals besser auf, als wenn da Eis gewesen wäre.

Gibt es weitere Zusammenhänge?
Ja. Die Plastik-Partikel befinden sich auch in der Luft. Sie können Kondensationskerne bilden, wo sich Feuchtigkeits-Tröpfchen bilden. Dadurch können sich die Wolkenbildung
und die Niederschlagsmuster verändern. Wenn dies häufig passiert, kann es das Wetter und langfristig auch das Klima beeinflussen. Und dann gibt es noch einen dritten Punkt.

Bitte sehr.
Es wird vermutet, dass die vielen Plastik-Teilchen im Meer das Wasser trüber machen könnten. Dadurch gelangt weniger Licht an die Algen, welche so weniger Fotosynthese betreiben und CO2 binden können. Auch hier sieht man wieder: Alles hängt mit allem zusammen. Zu den Rückkopplungseffekten zwischen Plastikmüll und dem Klimawandel ist die Datenlage insgesamt aber dünn. Hier gibt es dringenden Forschungsbedarf.

«Es ist prognostiziert, dass sich die Herstellung von Plastik bis 2045 verdoppelt.»

Wie sehen die Prognosen bezüglich Plastikverschmutzung aus?
Sie wird zunehmen, wenn wir nichts tun. Wir sprechen zwar die ganze Zeit darüber, was wir gegen die Plastikverschmutzung machen können. Etwa Einweggeschirr oder Strohhalme verbieten. Währenddessen sind aber Milliarden-Investitionen bereits getätigt und neue Plastikproduktionsstätten werden bereits gebaut. Es ist prognostiziert, dass sich die Herstellung von Plastik bis 2045 verdoppelt. Man darf nicht vergessen: Das Plastik, das einmal da ist, kriegen wir nicht mehr weg. Er wird einfach in immer kleinere Teilchen zerfallen. Zu Mikroplastik und dann zu Nanoplastik, was auch schon im menschlichen Blut und der Lunge nachgewiesen wurde.

Plastiktüte am Hausgarten, dem Tiefsee-Observatorium des Alfred-Wegener-Instituts in der Framstrasse. Diese Aufnahme stammt vom OFOS-Kamerasystem aus 2500 m Tiefe.
Plastiktüte am Hausgarten, dem Tiefsee-Observatorium des Alfred-Wegener-Instituts in der Framstrasse. Diese Aufnahme stammt vom OFOS-Kamerasystem aus 2500 m Tiefe.bild: alfred-wegener-institut/melanie bergmann

Welche wirkungsvollen Massnahmen gibt es gegen die Plastikverschmutzung?
In den kommenden zwei Jahren wird per UN-Mandat ein globales Plastikabkommen ausgehandelt. Dies sollte dringend rechtsverbindliche Reduktionsziele für die Plastikproduktion festlegen. Denn der Markt hat es bisher nicht geregelt.

Wie ist es eigentlich für eine Naturwissenschaftlerin wie Sie, wenn die Themen wie Klimawandel und Biodiversität immer wieder in den Hintergrund rücken? Im Moment wird in den Medien viel über den Krieg in der Ukraine berichtet, zuvor war das Coronavirus Dauerthema. Ist das frustrierend?
Ja. Natürlich müssen wir uns mit dem Krieg auseinandersetzen. Aber wir dürfen dabei die anderen Krisen nicht vergessen. Gerade der Klimawandel verzeiht uns das nicht. Der IPCC-Bericht von dieser Woche hat nochmals aufgezeigt, dass das Zeitfenster zum Handeln eigentlich fast geschlossen ist. Und durch Kriege wird in der Regel mehr CO2 ausgestossen. In Deutschland fangen wir jetzt wieder an, über eine Verlängerung des Kohleausstieges zu diskutieren. Das ist schwer zu ertragen.

Die deutsche Regierung will zudem mit 100 Milliarden die Bundeswehr modernisieren. Da wird auch wieder sehr viel CO2 ausgestossen ...
Das ist bitter. Wenn wir den Klimawandel weiter vernachlässigen, wird es womöglich immer mehr solche Krisen und Kriege geben. Teile der Erde werden unbewohnbar werden oder sind es bereits heute. Wassermangel, Dürren, Hungersnöte: Irgendwann werden sich die Leute auf den Weg zu uns machen. Das kann man ihnen auch nicht übel nehmen. Wir sind die Verursacher des Treibhausgases, nicht sie. Wir werden uns mehr abschotten und zeitgleich werden immer mehr Kriege um Ressourcen stattfinden. Das wird zur Folge haben, dass nochmals mehr in die Rüstung investiert wird, was letztlich auch wieder den Klimawandel befeuert.



So sieht ein Polarbär die Arktis

Video: srf/SDA SRF
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

91 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Cosmopolitikus
10.04.2022 11:18registriert August 2018
Es macht schon unglaublich ohnmächtig, wenn man an Stränden sieht, was dort alles rumliegt. Oder beim Tauchen auf verschiedenste Abfälle stösst, nicht nur Plastik.
Bei uns in der Schweiz ist besser? Denkste! Schaut euch einmal die Bilder der Abfalltaucher an.
Vorbildliches Verhalten beginnt bei jedem von uns selbst.
1248
Melden
Zum Kommentar
avatar
Hadock50
10.04.2022 10:22registriert Juli 2020
Die 4 stufen des Klimawandel nicht warhaben wollen
1) Klimawandel gibt es nicht
2) ok klimawandel gibt es aber nicht durch Mensch verursacht, früher war es auch mal heiss hö hö
3) ok klimawandel ist durch Menschen verursacht, aber ist doch nicht so schlimm
4) ok es ist schlimm....wir sind alle verloren, jetzt können wir eh nix mehr machen..

🙈
13549
Melden
Zum Kommentar
avatar
chrimark
10.04.2022 11:22registriert November 2016
Der einfachste Weg zu weniger Plastik und mehr Schutz für unsere Lebensgrundlage ist unseren Konsum zu hinterfragen. Wir werfen viel zu viele Dinge weg, nur weil sie nicht mehr Hipp genug sind, obwohl sie noch längst funktionieren. Dann noch all die Sachen auf die wir getrost verzichten könnten.
6914
Melden
Zum Kommentar
91
«Der Kassenzettel ist ein Stimmzettel» – was du gegen Fast Fashion tun kannst
Wie genau erkennt man als Verbraucher, ob Unternehmen unter menschenrechtswidrigen Bedingungen produzieren und was kann man dagegen machen? Eine Expertin gibt Antworten im Interview.

«Wir wollten raus, aber sie liessen uns nicht. Unser Manager sagte, wir werden alle irgendwann sterben. Wenn ihr hier sterbt, dann ist es so. Aber ihr könnt hier nicht raus. An die Arbeit», sagt Jhorna in die Kamera eines TV-Teams von ICCO/Red Orange. Jhorna und ihre Tochter arbeiteten in der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesh, die am 24. April 2013 einstürzte. Die weltweite Entrüstung war gross.

Zur Story