Wie dieser Zürcher den Ersten Weltkrieg verhindern wollte
Wo Grossmächte mit Krieg drohen, gibt es immer auch jene, die versuchen, das Unheil aufzuhalten. Heinrich Angst hat in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg diese Rolle gespielt, zumindest was die Rivalität Deutschlands mit dem britischen Empire betraf. Der Zürcher Grossbürger war ein Mann mit mehreren Gesichtern: als erster Direktor des Schweizerischen Landesmuseums eidgenössischer Beamter, zugleich aber als Generalkonsul Vertreter der britischen Krone in der deutschsprachigen Schweiz. Dazu pflegte er eine enge Freundschaft mit August Bebel, dem deutschen Sozialdemokraten und «Kaiser der Arbeiter».
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Heinrich Angst (1847–1922) war eine beachtliche Persönlichkeit. Sein Biograf Robert Durrer bezeichnete ihn als ein «Urbild von kraftvoller Männlichkeit». Mit dieser Beschreibung haben wir heute unsere berechtigte Mühe, trotzdem können wir etwas daraus lesen: Angst war ein selbstbewusster, ja vielleicht auch dominanter Charakter. Andere Autoren nannten ihn gar «ehrgeizig und geltungssüchtig». Jedenfalls war er ein Mann, der Konflikte nicht scheute und auch einem Bundesrat zu widersprechen wagte.
In der Tat war er kein bequemer Charakter. Im «Freskenstreit» um die Wandmalereien von Ferdinand Hodler im neuerbauten Landesmuseum stellte er sich mit Leidenschaft, aber letztlich vergeblich gegen die Entwürfe des Künstlers. Selbst Freunde brachte er damit gegen sich auf. Ebenso kompromisslos verteidigte er jahrelang seine verfassungswidrige Doppelrolle als eidgenössischer Beamter und gleichzeitig Beauftragter der britischen Krone.
Doch es gibt auch eine andere Geschichte über Heinrich Angst, eine, die ihn in milderem Licht erscheinen lässt. In den Jahren vor 1914 leitete der Generalkonsul vertrauliche Informationen aus dem politischen Zentrum des Deutschen Reiches direkt nach London. Er umging die diplomatischen Kanäle und schickte seine Nachrichten an enge Kontakte im Foreign Office – in der Hoffnung, damit den drohenden Krieg zwischen Deutschland und England zu verhindern.
Der Beginn einer Freundschaft
Der 16. August 1905 war ein heiterer, trockener Tag in einem Sommer, der sich zuvor regnerisch und kühl gegeben hatte. Reinhold Rüegg, Redaktor der Züricher Post und führender Kopf der Zürcher Demokraten, war an diesem Tag bei Heinrich Angst zu Tisch geladen – und brachte einen besonderen Gast mit: August Bebel, den charismatischen Führer der deutschen Sozialdemokratie, der sich gerade in Zürich aufhielt. Was als Mittagsgesellschaft begann, wurde der Anfang einer acht Jahre währenden Freundschaft, die erst mit Bebels Tod am 13. August 1913 endete.
August Bebel, gelernter Drechsler, Mitbegründer der SPD und über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Politiker des Deutschen Reiches, war ein Mann von einfacher Herkunft und klarem Verstand. Über Bildungsvereine hatte er sich vom Handwerker zum Abgeordneten emporgearbeitet und sass seit seinem 27. Lebensjahr fast ununterbrochen im Reichstag. Seine Tochter studierte in Zürich Medizin, heiratete hier, und Bebels Frau Julie zog krankheitsbedingt zu ihrer Tochter. Auch Bebel lebte zeitweise in der Region Zürich, wo er auf dem Friedhof Sihlfeld seine letzte Ruhe fand. Er war zu seiner Zeit zweifellos einer der bekanntesten deutschen Politiker.
Mit Bebel und Angst trafen sich zwei starke Persönlichkeiten – der sozialistische Stratege und der bürgerliche Pragmatiker –, beide mit weitreichenden Verbindungen. Angst ging bei Schweizer Bundesräten wie bei britischen Ministern ein und aus. Als ausgebildeter Kaufmann hatte er im Seidenhandel ein Vermögen erworben und in England, wo er von 1870 bis 1878 lebte, nicht nur Geschäftssinn, sondern auch eine Leidenschaft für alte Kunst entwickelt. Diese sollte später dem jungen Landesmuseum zugutekommen, dessen Gründungsdirektor (1892–1903) er wurde. Zeit seines Lebens blieb Angst Grossbritannien eng verbunden, nicht nur durch seine englische Gattin.
Diese Verbundenheit zeigte sich in einer Episode, die erst nach Angsts Tod bekannt wurde. Kurz vor dem Zweiten Burenkrieg hatte die südafrikanische Republik Transvaal bei der Winterthurer Kartendruckerei von Jakob Schlumpf ein Set von sechs Landkarten ihres Territoriums bestellt. Als die Briten den Krieg 1899 begannen, war erst ein kleiner Teil der Karten ausgeliefert, und eine Kiste davon wurde auch noch vom britischen Nachrichtendienst abgefangen.
Heinrich Angst hörte von diesen Karten. Sofort reiste er gemeinsam mit dem britischen Nachrichtenoffizier James Edward Edmonds nach Winterthur, um die restlichen Karten für London aufzukaufen. Ende Dezember 1899 begleitete er persönlich den Transport der über 2000 Karten in die britische Hauptstadt. Später erklärte der britische Generalstab, die Winterthurer Karten hätten einen unschätzbaren Dienst bei der Eroberung der Burenrepubliken geleistet.
Die ganze Operation musste geheim bleiben. In der Schweiz war die Stimmung vehement gegen den britischen Krieg, was Angst auf deutsche Propaganda zurückführte. In Artikeln in der Züricher Post verteidigte Heinrich Angst das Vorgehen Londons mit der Begründung, das Empire habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, seine Landsleute – die «Uitlanders» – in den Burenstaaten zu schützen und ihnen politische Rechte zu sichern. Die Argumentation erinnert frappant an spätere Rechtfertigungen imperialer Kriege. Der Zürcher musste die Argumente nicht selber erfinden. Er rühmte sich seiner Freundschaft mit dem britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain, einem Vertreter des Imperialisums.
Rivalität der Grossmächte
Als Heinrich Angst 1905 auf August Bebel traf, war der Burenkrieg Vergangenheit. Nun bestimmte ein anderes Thema die Gespräche: die immer gefährlicher werdende Rivalität zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien. Kaiser Wilhelm II. liess die Flotten ausbauen und trieb die Kolonialpolitik voran, um dem Reich einen «Platz an der Sonne» zu sichern. Dafür riskierte er immer stärker den offenen Konflikt mit Grossbritannien.
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Bebel teilte mit Angst die Ansicht, dass nur eine starke Aufrüstung Britanniens Deutschland am Losschlagen hindern könne. Angst brachte seinen sozialistischen Freund in Kontakt mit britischen Politikern. So traf man sich in Angsts Haus zu dritt mit dem britischen Unterstaatssekretär Edmond Fitzmaurice oder mit dem liberalen Unterhausabgeordneten und Pazifisten John Brunner, dessen familiäre Wurzeln in der Schweiz lagen. Brunner wollte trotz Bebels eindringlichen Worten die drohende Kriegsgefahr nicht wahrhaben – bis der deutsche Überfall auf das neutrale Belgien am 4. August 1914 ihn eines Besseren belehrte.
Bebel sass als erfahrener Reichstagsabgeordneter in verschiedenen Ausschüssen, darunter der Reichshaushaltskommission. Dort erfuhr er Dinge, die nur wenigen bekannt waren: dass die deutsche Flottenrüstung gezielt gegen Grossbritannien gerichtet war, dass die offiziellen Zahlen geschönt, die Kriegsplanungen weit fortgeschritten waren. Der Generalstab ging davon aus, dass ein Krieg dank zweimonatigem Vorsprung zu gewinnen sei. Bebel teilte diese Erkenntnisse mit Angst – im Bewusstsein, dass dieser sie nach London weitergeben würde. Zwar konnte Bebel keine klassifizierten Informationen weitergeben, wohl aber fundierte Einschätzungen und politische Stimmungen aus den inneren Machtzirkeln.
Er war überzeugt, dass Europa am Rande des Untergangs stand. «Wir befinden uns am Vorabend des schrecklichsten Krieges, den Europa je gesehen hat», sagte er zu Angst. Deutschland, so seine Überzeugung, wolle diesen Krieg – und werde ihn gewinnen. Dann aber, so fürchtete er, würde Europa dem Kaiser zu Füssen liegen, und in Deutschland selbst würden Sozialdemokratie, Gewerkschaften und Wahlrecht vernichtet. Der Krieg, so Bebel, werde die Gesellschaft zerreissen, und die Sozialdemokratie gleich mit – und genau das geschah.
Angst teilte diese Sorge. Für beide Männer bedeutete der drohende Massenkrieg die Selbstzerstörung Europas. Und so wurde aus dem Zürcher Grossbürger ein heimlicher Botschafter, der im Stillen versuchte, Brücken zwischen den Mächten zu schlagen. Gemeinsam mit Bebel suchte er Wege, den Krieg zu verhindern. Sie scheiterten. Ihr Versuch, die Vernunft gegen die Raserei der Nationen zu stellen, gehört zu jenen stillen, weniger bekannten Episoden der Geschichte.
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