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epa08820712 Switzerland's Remo Freuler celebrates after scoring the 1-0 lead during the UEFA Nations League soccer match between Switzerland and Spain at St. Jakob-Park stadium in Basel, Switzerland, 14 November 2020.  EPA/ALESSANDRO DELLA VALLE

Es hat etwas gedauert, doch seit 2019 ist Remo Freuler fixer Bestandteil der Nati. Hier jubelt er nach seinem Tor im letzten Herbst gegen Spanien. Bild: keystone

Remo Freuler war einst zu wenig gut für die Super League – doch er glaubte an seinen Weg

Mit Atalanta Bergamo erobert Remo Freuler, 28, derzeit Fussball-Europa. Eine Annäherung an einen, der in seiner Karriere häufig zwei Anläufe brauchte – und dabei einige Zweifel überwinden musste.

etienne wuillemin / ch media



Die Worte sind hart. Remo Freuler muss sie erst verdauen. «Sorry, es reicht nicht mehr, du kannst dir einen anderen Verein suchen.» Es ist Winter 2012, der Weg bei GC für Freuler zu Ende. Wie weiter? «Ich hatte Zweifel. Fragte mich: Lohnt es sich noch, alles in den Fussball zu investieren?»

Neun Jahre sind seither vergangen. Und wenn Remo Freuler auf die schwierigen Zeiten seiner Karriere zurückblickt, und am Telefon in Bergamo über seinen Weg spricht, tut er das mit einem Lächeln. Weil er weiss: Das Kämpfen hat sich gelohnt.

In der Schweizer Nationalmannschaft gibt es viele Frühberufene. Spieler, die den Sprung ins A-Team bereits in jungen Jahren schaffen. Ob bei Captain Xhaka, Shaqiri, Rodriguez, Seferovic, Embolo, Elvedi oder Zakaria, manch ein Weg führt früh steil nach oben.

«Es gab einige Nati-Spiele, in denen ich nicht gut war.»

Remo Freuler

Bei Freuler ist das anders. Fast 25-jährig ist er, als er 2017 in der Nati debütiert. Am Donnerstag, wenn die Schweiz in Bulgarien das erste Spiel der WM-Qualifikation absolviert, ist es ­genau vier Jahre her. «Ich war damals ein Spieler, der seinen Platz suchte. Ich wollte mich aufdrängen. Aber ich habe mich als Neuling auch hinten ­angestellt», sagt Freuler. Und er fügt an: «Seither ist sehr viel passiert.»

An der WM 2018 ist Freuler zwar dabei, kommt aber nicht zum Einsatz. «Es war schön, ein grosses Turnier einmal live und von innen zu erleben.» Aber nach der WM fasst sich Freuler ein persönliches Ziel: «Nochmals ein grosses Turnier ohne Einsatz, das möchte ich nicht mehr erleben.»

epa06820230 Switzerland's midfielder Remo Freuler controls the ball during a training session of the Switzerland's national soccer team at the Torpedo Stadium, in Togliatti (Tolyatti), Russia, 19 June 2018. The Swiss team is in Russia for the FIFA World Cup 2018 taking place from 14 June until 15 July 2018.  EPA/LAURENT GILLIERON

Bei der WM 2018 kam Freuler nicht zum Einsatz – nochmal soll das nicht passieren. Bild: EPA/KEYSTONE

Dass nach der WM die Zeit des Umbruchs kommt, davon profitiert auch Freuler. Er gewinnt an Einfluss. Seit 2019 und dem Beginn der EM-Qualifikation werden die Einsätze regelmässiger. Schliesslich gelingt ihm bis zum Herbst 2020 noch einmal ein riesiger Schritt. «Einverstanden!», ruft er ins Telefon. Aber warum ist das so?

«Freuler ist Leistungsträger, nicht mehr Mitläufer.»

Vladimir Petkovic

«Vielleicht hat der Prozess der Eingewöhnung bei mir ein bisschen länger gedauert als bei anderen. Ich habe in Bergamo über Jahre konstant gut gespielt. Irgendwann realisierte ich: Wenn ich so spiele wie bei Atalanta, reicht es auch in der Nati. Und dann wächst natürlich mit jedem guten Spiel auch das Vertrauen.»

Nationaltrainer Vladimir Petkovic sagt: «Remo hat sich von einem Mitläufer zu einem sehr wichtigen Spieler entwickelt. Er hat grosse Fortschritte gemacht. Und es ist schön, dass wir ihn mittlerweile dank der Champions League auch öfters in der Schweiz am TV zu sehen bekommen.»

From left, Switzerland's forward Haris Seferovic, Switzerland's defender Nico Elvedi, Switzerland's midfielder Remo Freuler, Switzerland's head coach Vladimir Petkovic, Switzerland's goalkeeper Yann Sommer and Switzerland's midfielder Steven Zuber look desapointed after loosing the UEFA Nations League third place soccer match between Switzerland and England at the D. Afonso Henriques stadium in Guimaraes, Portugal, on Sunday, June 9, 2019. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Nati-Trainer Petkovic (hier hinter Freuler) baut auf den Mittelfeldspieler. Bild: KEYSTONE

Es ist augenfällig, wie gut Freuler mittlerweile mit Xhaka harmoniert. «Beide sind sehr intelligente Spieler», sagt Petkovic, «Granit bewegt das Spiel gerne mit dem Ball, Remo mit seinen Bewegungen. Und er geht gerne auch mit ganz nach vorne.» Zu sehen war das bei seinen beiden herrlichen Toren gegen Deutschland und Spanien in der Nations League.

«Ich treffe immer gegen die Grossen – gegen die Kleinen ist es mir zu einfach.»

sagt Remo Freuler und lacht schallend

Auch in der italienischen Meisterschaft hat er schon in einigen Topspielen wunderbare Tore erzielt. Zuletzt gegen Juventus Turin.

Bruder Dario ist zwei Jahre älter – und beschützt Remo gegen die Älteren

Die Geschichte des Fussballers Remo Freuler beginnt im Zürcher Oberland. Sein erster Klub ist der FC Hinwil. «Ich habe immer meinem grösseren Bruder nachgeeifert», sagt Freuler. Dario ist zwei Jahre älter als Remo. «Er war mein Leitwolf, hat mich immer beschützt, wenn ich auf all die älteren treffe.»

Heinz «Boffi» Kohler ist Freulers erster Trainer. Er erinnert sich: «Die Mutter fragte mich an, ob es nicht möglich wäre, dass die beiden Jungs in ­derselben Mannschaft spielen. Aus logistischen Gründen. So entfallen viele Auto-Wege an unterschiedliche Orte.» Es war möglich. Und entstanden war damit auch Remo Freulers Spitzname, «Mini», weil er immer der Kleinste war.

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Freulers erster Trainer beim FC Hinwil: Heinz Kohler Bild: zvg

Kohler erinnert sich an viele talentierte Spieler, die er hatte. «Profi wollte jeder werden. Das Talent hatten auch viele. Aber den Kopf und einen klaren Fokus dazu nicht.» Freuler war anders.

«Meine Tochter und er wurden gemeinsam konfirmiert. Ich erinnere mich genau, wie Remo in der Kirche sagte: ‹Ich will Profi-Fussballer werden.› Er wusste früh, was er wollte, und hatte den Ehrgeiz dazu, seinen Weg gnadenlos durchzuziehen.»

Nach der Primarschule geht Freuler an die Kunst- und Sportschule ­Uster. Später absolviert er das KV, schliesst dieses ab. Die fussballerische Ausbildung geht beim FC Winterthur weiter.

2010 folgen die ersten Challenge-League-Spiele für Winterthur, im Sommer der Wechsel zu den Grasshoppers, die ersten Super-League-Spiele. 18-jährig ist Freuler da. Er pendelt zwischen U21 und Profis. Bis er nach eineinhalb Jahren den Bescheid erhält: Es reicht nicht. Warum nicht? «Auch ich habe ­sicher meinen Teil dazu beigetragen. Es lief einiges nicht optimal, fussballerisch, menschlich.»

«Gescheitert? Freuler ist anders, macht immer weiter.»

Carlos Bernegger

Wie weiter? Das ist die grosse Frage, begleitet von Zweifeln. Freuler trifft bald einmal Boro Kuzmanovic, damals Trainer des FC Winterthur. Er fragt ihn, ob es eine Möglichkeit zur Rückkehr gibt. «Er sagte mir, ich dürfe gerne kommen – aber eine Garantie für einen Stammplatz gebe es nicht.»

Freuler könnte auch zum FC Lugano wechseln. Doch der Bauch sagt: Winterthur. Der Neustart gelingt. Und Freuler sagt im Rückblick: «Die Erfahrung hat mir gut getan. Es reifte die Erkenntnis: Ein paar gute Spiele ­reichen als Profi nicht.»

Zwei Jahre bleibt er beim FCW. ­Danach klopft Luzern an. Alex Frei ist Sportchef, Carlos Bernegger heisst der Trainer. Die beiden sind überzeugt, dass Freuler nun reif ist für die Super League. Sie täuschen sich nicht.

Bernegger, heute Trainer beim FC Thun, sagt: «Wenn ein Spieler von der Super League einen Schritt zurück in die Challenge League macht, ist das häufig schwierig. Viele denken, gescheitert zu sein. Bei Freuler war das anders. Er hat diese Herausforderung angenommen, alle Kräfte mobilisiert. Und einfach in Ruhe weitergearbeitet.»

Marco Schneuwly, rechts, und Remo Freuler, links, von Luzern feiern das 2:2 beim Fussball Super League Meisterschaftsspiel zwischen dem FC Luzern und dem FC Sion am Samstag, 18. Juli 2015, in Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

In Luzern erhielt Freuler (links) sofort viel Vertrauen. Bild: KEYSTONE

Freulers Leistungen werden registriert. Bald einmal klopft der FC Torino an. Fragt, ob er bereit sei für den Schritt in die Serie A. Freulers Gefühl aber stimmt nicht. Er wartet lieber auf den richtigen Moment für den Ausland-Transfer. Anfang 2016 ist er da. Nach der Anfrage von Atalanta Bergamo schaut sich Freuler den Klub genau an, spricht mit den Verantwortlichen. «Ich merkte rasch: Das ist ein seriöser Verein, diese Chance muss ich packen.»

Natürlich, auch jetzt ist nicht jeder von diesem Wechsel überzeugt. ­«Roland Vrabec, damals Assistent beim FCL, fragte: ‹Hör mal Remo, Atalanta pendelt zwischen Rang 10 und den ­Abstiegsplätzen, ist das wirklich der richtige Schritt?› Ich fand es sinnvoll, nicht gleich zu einem Top-Verein zu wechseln, wo ich kaum Chancen auf Einsatzzeit gehabt hätte.»

«Freuler ist wie eine Bankgarantie»

Pietro Serina, Journalist aus Bergamo

In der Tat: Nach ein paar Wochen der Eingewöhnungszeit etabliert sich Freuler als Stammspieler. Und Atalanta entwickelt sich zum Spitzenteam. Zum Ende der Saison 2016/17 steht der 4. Platz. In den Jahren darauf die Ränge sieben, drei und nochmals drei. Mittlerweile sorgt der Verein auch in der Champions League für Aufsehen. Und mittendrin: Freuler.

Pietro ­Serina ist Journalist beim «Eco di Bergamo». 2017 schrieb er einmal: «Wenn einer den Ball verliert, weiss er: Remo ist da. Er mag kein Künstler sein, aber er entwickelt sich dank seiner taktischen Intelligenz und seinem Fleiss zu einem unverzichtbaren Wert. Er kommt mir vor wie eine Bankgarantie.»

Freuler lacht, als er die Worte hört. Was zeichnet sein Spiel aus? «Schwierig, das selbst zu beschreiben, Dribblings sind sicher nicht meine Stärke. Aber ich habe ein gutes Spielverständnis. Und manchmal gelingt es mir ganz gut, Sachen vorauszusehen, die passieren werden.»

Jedem neu geborenem Baby schickt Atalanta ein Päckli

In Bergamo hat Freuler seine zweite Heimat gefunden. Gut 120'000 Einwohner zählt die Stadt. «Eine Grossstadt, die klein geblieben ist», erzählt Freuler und schwärmt von den unzähligen Gassen und wunderbaren kleinen Läden. «Dazu sind die Leute immer herzlich.» Mailand liegt 30 Minuten entfernt, «aber mir ist es dort zu gross, zu hektisch, zu laut, zu viele Leute – ich bin lieber in Bergamo.»

Nicht selten wird bei einem Fussball-Verein die Geschichte der «grossen Familie» erzählt. In Bergamo ist es wirklich so. «Jedes neugeborene Kind wird quasi zum Atalanta-Fan erzogen. Der Klub schickt ein Päckli mit einem Baby-Dress von Atalanta.» So wächst die Grossfamilie stets.

«Jeder dachte: ‹Corona ist bei euch, bei uns sicher nicht.›»

Remo Freuler

Doch dann, das letzte Jahr. Bergamo ist die erste europäische Stadt, in der das Coronavirus wütet. «Wir wussten nicht, was da genau passiert. Und vor allem wussten wir nicht, was tun», sagt Freuler. «Nach Wuhan war Bergamo der zweite grosse Hotspot. Es gab viele Tote. Und aus ganz Europa bekamen wir das Gefühl vermittelt, Sündenböcke zu sein: ‹Jaja, Corona ist bei euch – zu uns dringt dieses Virus ganz sicher nicht durch.›»

Die Bewohner der Stadt rückten noch einmal näher zusammen. «Die Solidarität spüre ich täglich», sagt ­Freuler. Und die Fussballer machten sich auf, ein Märchen zu schreiben. Im Viertelfinal der Champions League führen sie lange 1:0 gegen Paris St. Germain, «wir versuchten der Stadt ­wenigstens für zwei Stunden irgendein Lächeln zurückzugeben.»

Atalanta's Remo Freuler, left, and PSG's Julian Draxler battle for the ball during the Champions League quarterfinal match between Atalanta and PSG at Luz stadium, Lisbon, Portugal, Wednesday, Aug. 12, 2020. (David Ramos/Pool Photo via AP)

Remo Freuler konnte das Ausschieden im Champions-League-Viertelfinal gegen PSG nicht verhindern. Bild: keystone

Doch das Spiel endet im Drama, auch für Freuler. Kurz vor Schluss zieht er sich bei einer Bewegung eine Muskelverletzung zu. Atalanta hat schon fünfmal gewechselt, Freuler muss humpelnd mit ansehen, wie Paris doch noch zwei Tore schiesst. Das Aus schmerzt bis heute.

Ein Jahr später endet die Champions League für Freuler erneut unglücklich. Im Hinspiel des Achtelfinal gegen Real Madrid sieht er die rote Karte. Das Wunder im Rückspiel bleibt aus. Aber vielleicht ist es bei Freuler mit dem grossen Wurf ja wie häufig in seiner Karriere. Manchmal gelingt es im zweiten oder dritten Anlauf. Die Zweifel jedenfalls sind längst verflogen.

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