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US-Soldaten halten fluchtwillige Afghanen auf dem Flughafen Kabul in Schach.
US-Soldaten halten fluchtwillige Afghanen auf dem Flughafen Kabul in Schach.
Bild: keystone
Kommentar

Die Dolchstosslegende von Afghanistan

Kritiker von Joe Bidens Truppenabzug behaupten, der Verbleib von wenigen US-Soldaten in Afghanistan hätte die Taliban abschrecken können. Diese Illusion ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.
20.08.2021, 08:5821.08.2021, 11:25

Im Herbst 1918 befand sich die deutsche Armee in einer verzweifelten Lage. Nach vier Kriegsjahren stand sie vor dem Zusammenbruch. Die oberste Heeresleitung um die Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff forderte die Regierung auf, mit Frankreich und Grossbritannien eine Waffenruhe zu vereinbaren – um jeden Preis.

Am 11. November 1918 wurde in Compiègne bei Paris der Waffenstillstand unterzeichnet, der faktisch einer Kapitulation des deutschen Kaiserreichs entsprach. Der Erste Weltkrieg war zu Ende. Schon bald aber kam es zu einer Verdrehung der Tatsachen, nicht zuletzt wegen des von Deutschland als Demütigung empfundenen Versailler Friedensvertrags.

Video: watson

Nun hiess es, das deutsche Heer sei «im Felde unbesiegt» geblieben und von den feigen Politikern – und den Juden – von hinten erdolcht worden. Hindenburg und Ludendorff unterstützten diese «Dolchstosslegende», die eigentlich eine Dolchstosslüge war. Nach Ansicht von Historikern trug sie entscheidend zum Aufstieg des Nationalsozialismus bei.

Hätten die USA bleiben sollen?

Der Krieg in Afghanistan dauerte nicht vier, sondern 20 Jahre. Er endete auf eine für den Westen desaströse Weise, mit der Rückeroberung des Landes durch die 2001 vertriebenen Taliban. Als Hauptschuldiger für das Fiasko wurde US-Präsident Joe Biden ausgemacht. Der von ihm angeordnete, übereilte Truppenabzug habe den Sieg der Taliban ermöglicht.

Die Vorwürfe haben das Zeug zu einer neuen Dolchstosslegende. Hier einige wenige von zahlreichen Beispielen:

Mit einem minimalen Kontingent in Afghanistan hätten die USA die Taliban auf Distanz halten können. Mit seiner Ankündigung des Abzugs jedoch verpasste Biden den Taliban eine Motivationsspritze.
Ein Kontingent von nur etwa 10'000 westlichen Militärangehörigen im Hintergrund reichte aus, um die Schwächen der afghanischen Sicherheitskräfte auszugleichen und deren Kampfkraft zu steigern.
Kommentar in der NZZ vom 16. August
Ich bedaure Bidens Entscheidung. Wir hätten zumindest 2000 Soldaten weiterhin dort stationiert lassen sollen – genug, um das Land zu stabilisieren. Ein Sieg in Afghanistan war zwar keine Option mehr, aber eine Niederlage keinesfalls Gewissheit.
Wir müssen uns fragen, ob 3500 Soldaten vor Ort, keine Verluste auf dem Schlachtfeld seit 18 Monaten und eine überschaubare Lage der Katastrophe nicht vorzuziehen waren, die sich nun in Afghanistan abspielt.

Was ist davon zu halten? So gut wie gar nichts.

Der Abzug der US-Truppen basiert auf den «Friedensgesprächen» von Bidens Vorgänger Donald Trump mit den Taliban in Katar. «Die einzige harte Bedingung, die die Taliban wirklich erfüllen mussten, war: keine Anschläge auf Amerikaner und Koalitionäre. Daran haben sich die Taliban gehalten», sagte der Politologe Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität in München im Interview mit dem «Spiegel».

Aus diesem Grund verzeichneten die westlichen Truppen in den letzten Monaten kaum noch Verluste. Masala erwähnte einen weiteren Aspekt, den die Kritiker ignorieren: «Wir haben uns darauf konzentriert, die wenigen Stellungen, die wir hatten, zu halten, während die Taliban immer mehr Territorien unter ihre Kontrolle gebracht haben.»

Die Taliban hatten Zeit

Man kann sich vorstellen, was passiert wäre, wenn Biden «wortbrüchig» geworden wäre. Die Taliban hätten wieder Anschläge verübt, Leichensäcke wären in die Heimat transportiert worden. Der Druck auf die Regierung Biden hätte sofort wieder zugenommen, denn trotz der relativen Ruhe der letzten Monate blieb der Afghanistan-Krieg in den USA unpopulär.

Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
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Der Abzug wäre höchstens aufgeschoben worden, nicht aufgehoben. Den Taliban hätte dies nichts ausgemacht: Die Zeit war stets die beste Verbündete der radikalen Islamisten.

Schwäche der Afghanen

Ihnen entgegen kam auch die Schwäche der afghanischen Regierung und Armee, obwohl der Westen Milliarden in das Land gepumpt und enorme Anstrengungen bei Aufbau und Ausbildung unternommen hatte. Man hätte eben mehr Zeit gebraucht, argumentierte etwa die frühere US-Aussenministerin Condoleezza Rice in der «Washington Post».

Kritiker verweisen auf Deutschland oder Südkorea, wo die USA seit Jahrzehnten Truppen stationiert haben. Doch das sind stabile Demokratien, während es in Afghanistan nicht einmal ein echtes Nationalgefühl gibt. Die Befriedung des notorisch unruhigen Landes hätte noch einmal viele Ressourcen beansprucht, bei hohen zivilen und militärischen Verlusten.

Mehr Realismus angebracht

Darauf wollte sich Joe Biden nicht einlassen. Man kann das kritisieren, und natürlich hat der US-Präsident Fehler gemacht. Aber es ist eben nicht so, dass die ganze Welt nur darauf wartet, unser demokratisches System zu übernehmen. Für diese Fehleinschätzung hat der Westen auch andernorts einen hohen Preis bezahlt: in Vietnam, Irak, Libyen, Syrien.

Bidens Entscheid ist ein Ausdruck knallharter Realpolitik. Überhaupt wäre im Westen nach dem Afghanistan-Debakel dringend mehr Realismus angebracht, statt weiter Illusionen zu pflegen und eine Dolchstosslegende zu konstruieren. Das ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich, denn es könnte wie vor 100 Jahren unschöne Folgen haben.

Chinas Spott und Drohgebärden

Gemeint ist nicht der islamistische Terrorismus, obwohl dessen Vertreter das Scheitern der USA bejubeln. Sondern China, das über den Niedergang des Westens spottet. Und gleichzeitig die vermeintliche Überlegenheit seines Systems anpreist. Es verspricht Wohlstand und Stabilität – bei totaler Entmündigung des Individuums.

Dies bekommt besonders Taiwan zu spüren. Das Fiasko in Afghanistan sei der beste Beweis, dass der als «abtrünnige Provinz» betrachtete Inselstaat sich nicht auf die USA verlassen könne, hiess es diese Woche aus Peking. Verbunden war dies mit handfesten Drohgebärden in Form von militärischen Manövern vor der Küste. Das sollte für den Westen ebenso viel Grund zur Sorge sein wie die Frage, was aus Afghanistan wird.

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Der Erste Weltkrieg in Bildern

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Hat Joe Biden die Taliban unterschätzt? Offensichtlich ja.

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