Die SRG sollte einst nur unterhalten – doch dann kam Hitler
Am 8. März stimmt die Schweiz über die SRG-Initiative der SVP ab. Das Initiativkomitee verlangt, die jährlichen Gebühren von 300 auf 200 Franken pro Haushalt zu senken und die Abgaben für Unternehmen abzuschaffen.
Das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen solle «zurück zum Kernauftrag». Was die Initianten darunter verstehen? «Ein Grundangebot in den Sprachregionen, namentlich im Informationsbereich, sicherstellen.»
Diese Argumentation irritiert aus zwei Gründen. Der erste: Über den Auftrag der SRG zu diskutieren ist legitim; wer ihn ändern will, müsste jedoch das Gesetz anpassen. Die Initiative tut das nicht – sie kürzt lediglich die Mittel.
Zweitens: Die Bevölkerung zu informieren, ist weder heute der «Kernauftrag» der SRG noch ist er das in der Vergangenheit je gewesen. Weil sie gesetzlich zu einem ganzen Katalog aus Aufträgen verpflichtet ist: Sie soll in allen Landessprachen vielfältig und sachlich informieren, unterhalten und bilden, den Zusammenhalt im Land stärken, die Schweizer Kultur fördern, Identität stiften und die Verbindung zur Auslandschweiz pflegen.
Dieser Auftragskatalog ist historisch gewachsen.
Dass die SRG die Bevölkerung sachlich informiert, war nicht das Ziel des Bundesrats, als er sie 1931 gründete. Im Gegenteil. Politik und Zeitungsverleger wollten Informationen und politische Diskussionen im Rundfunk verhindern. Die SRG sollte nur unterhalten und bilden. Und schon bald musste sie eine zentrale Rolle im Kampf gegen Propaganda aus dem Ausland einnehmen – als Staatssender.
In dieser dreiteiligen Serie macht watson einen Blick zurück. Die Geschichte der SRG erklärt, warum sie so aufgebaut ist, wie sie es heute ist. Teil eins: Die Gründung der SRG zwischen Arbeiterbewegung und Hitler.
Ausbruch des Radiofiebers
1918 neigt sich der bisher verheerendste Krieg der Menschheitsgeschichte seinem Ende zu: der Erste Weltkrieg. Obwohl die Schweiz in keine Kampfhandlungen verwickelt gewesen ist, befindet sie sich im Ausnahmezustand. Die knappen Lebensmittel, die Lohnausfälle, die massive Teuerung und die vielen Männer, die ins Militär eingezogen worden sind, haben eine tiefe Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufkommen lassen. Ein Grossteil der Schweiz leidet unter Hunger oder Unterernährung.
Als im Frühling 1918 mit der Spanischen Grippe eine Pandemie auf diese geschwächten Menschen trifft und über 20'000 Tote im Land fordert, ist das Chaos komplett.
Am 12. November 1918 entlädt sich die Wut der Bevölkerung gegen die Regierung im dreitägigen Landesstreik. 250'000 Arbeiter gehen in der ganzen Schweiz auf die Strasse. Sie fordern die 48-Stundenwoche, eine Altersvorsorge, eine Invalidenversicherung, das Frauenstimmrecht, Neuwahlen. Um die Proteste im Keim zu ersticken, schickt der Bundesrat Soldaten in die Städte. In Grenchen kommen drei Arbeiter ums Leben. Wie genau, das klärt der Bundesrat nie im Detail auf.
In diesem angespannten Klima nimmt fast unscheinbar eine neue Technologie an Fahrt auf: das Radio.
Zwar haben bis dahin sogenannte Radioamateure mit selbstgebastelten Geräten bereits Radiowellen gelauscht. Vernehmen konnten sie jedoch nur Morsezeichen. Gesendet vom Militär. Das ändert sich am 6. November 1919, als ein niederländischer Ingenieur das Equipment seiner eigenen Radio-Firma bei sich zu Hause aufbaut und anfängt, zu senden. Und zwar Musik. Aufgenommen, indem er das Mikrofon auf ein Grammophon richtet. Sein Radiosignal ist so stark, dass man es bis nach Grossbritannien empfängt.
Das ist der Startschuss für ein weltweites Radiofieber.
In Europa entstehen erste Radiosender, die bis in die Schweiz senden. Allen voran die «NZZ» fordert die Schweizer Behörden auf, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, damit auch hierzulande Radiostationen entstehen können, «was den Anfang einer neuen Ära kennzeichnet, wo jedes Dorf, ja sogar das entlegenste Gehöft ein musikalisches Zentrum sein kann».
Doch von dieser Idee hält der Bundesrat nichts. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat er jegliche private Nutzung von Radiokommunikation verboten. Radiowellen zu senden ist dem Militär vorbehalten. Daran will der Bundesrat festhalten. Er ist überzeugt: Man würde leichtsinnig das Telegrafengeheimnis und die Sicherheit des Landes gefährden.
Aufhalten kann er die Entwicklung trotzdem nicht. In einem Graubereich entsteht eine Radiobewegung. Zunächst in der Westschweiz.
Radio für die Linken
1922 geht auf dem Flugplatz Lausanne-Blécherette die Radiostation «Champ-de-l’Air» auf Sendung. Ihr offiziell gewährter Auftrag ist es, die Piloten über Witterungsverhältnisse zu informieren. Doch weil in Lausanne nur etwa ein Flugzeug pro Woche verkehrt, beginnt der Sender zwischen seinem Pflichtprogramm Musik zu spielen. Zur Unterhaltung der Crew.
Das Ziel von «Champ-de-l’Air» ist eigennützig: Der Sender will das Bedürfnis nach Radiogeräten erzeugen. Schliesslich verkauft das Unternehmen hinter dem Sender selbst Radios.
Die Strategie geht auf. 1923 knickt der zuständige Bundesrat Robert Haab (FDP) unter dem öffentlichen Druck ein und erlaubt private Radiosender. Allerdings nur unter folgenden Bedingungen: keine Werbung, keine politische oder religiöse Propaganda. Ein Programm unter behördlicher Aufsicht, aber keine direkte staatliche Mitwirkung bei der Produktion. Als Vorbild für die Einschränkungen der Radiostationen nimmt der Bundesrat den öffentlich-rechtlichen Radiosender British Broadcasting Corporation (BBC), der ein Jahr zuvor entstanden ist.
Indem der Bundesrat das Radio als Unterhaltungsmedium in den Dienst der Bevölkerung stellt, will er den linken Kräften im Land entgegenkommen. Denn seit dem Landesstreik herrscht Klassenkampf. Kommunistische und antikapitalistische Bewegungen geniessen breite Unterstützung im Volk.
Durch die Gesetzesänderung entstehen in Kürze in der ganzen Schweiz Radiosender. Zu ihrem Musikprogramm gesellen sich schnell Unterhaltungssendungen. Besonders beliebt ist die Live-Sportberichterstattung, aber auch die Übertragung von Konzerten, Theatern, Hörspielen.
Bis Ende der 1920er-Jahre hat sich das Radio zum Schweizer Massenmedium gemausert. Es gibt nur ein Problem: die Finanzierung.
Die Geburt der SRG
Da der Staat keine Werbung erlaubt, finanzieren sich die Radiosender über öffentliche und private Beiträge sowie über Empfangsgebühren, welche die Radiohörerinnen und -hörer bezahlen. Dieses Geld reicht kaum aus, um ein zufriedenstellendes Programm zur Verfügung zu stellen. Und auch die Infrastruktur lässt zu wünschen übrig.
Das Schweizer Radioprogramm knattert, rauscht, bricht immer wieder ab. Das Vollprogramm der ausländischen Sender empfangen die Schweizerinnen und Schweizer hingegen klar und ohne Unterbrechungen. Das bemerkt auch die Politik.
Um nicht vom Ausland abgehängt zu werden, beschliessen Bundesrat und Parlament 1931, die bis anhin von Vereinen, Genossenschaften und Unternehmen gegründeten Radiosender unter einem Dach zusammenzuführen. Die als Verein organisierte Schweizerische Rundspruchgesellschaft (SRG) ist geboren.
Die Studios der Radiosender bleiben unabhängig voneinander, erhalten via Rundfunkkonzession jedoch einen gesetzlich festgelegten Programmauftrag: das Publikum zu unterhalten und zu bilden. Daneben beschliesst die Politik, drei gebührenfinanzierte, von der Deutschschweiz quersubventionierte Landessender zu errichten. In allen drei Sprachregionen: Radio Beromünster für die Deutschschweiz, Radio Sottens für die Westschweiz und Radio Monte Ceneri für die italienische Schweiz.
Unabhängig sind die Radiosender jedoch nicht. Auf kräftiges Lobbyieren der Zeitungsverleger entscheidet der Bundesrat, dass sie keine eigenen Nachrichten produzieren dürfen. Zuständig dafür ist die Schweizerische Depeschenagentur (SDA), die den Verlagen gehört. Die Hoheit über politische Diskussionen und Informationen soll den Zeitungen vorbehalten bleiben.
Staatssender gegen Propaganda
1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Damit verschärft sich die staatliche Kontrolle des Schweizer Radios. Hitlers Reichstagsrede darf das Radio nicht senden, entscheidet der Bundesrat. Und als sich Österreich 1938 widerstandslos ans Deutsche Reich anschliesst, steht die Schweiz unter Schock.
Dass die österreichische Bevölkerung Hitler jubelnd empfängt, hat vor allem einen Grund: Hitlers geschickte Propagandamaschinerie. Die Nationalsozialisten haben in Deutschland alle Medien gleichgeschaltet. Den Zeitungen schreiben sie vor, was und in welcher Art sie zu berichten haben. Das Radioprogramm haben sie zu einem einzigen Staatssender zusammengelegt.
Damit die Schweiz nicht dasselbe Schicksal ereilt wie Österreich, setzt der Bundesrat auf eine neue Strategie: die geistige Landesverteidigung. Er definiert erstmals offiziell, was als «schweizerisch» und «unschweizerisch» gilt. Ziel: die Schweizer Bevölkerung vor ideologischen Einflüssen aus dem Ausland zu schützen und den Zusammenhalt im Land über die Sprachgrenzen hinweg zu stärken.
In der geistigen Landesverteidigung erhält das Radio und damit die SRG eine zentrale Rolle. Sie soll mit ihrem Programm die Identität der Schweiz stärken. Kulturell, politisch, gesellschaftlich. Sie soll sich abheben vom Nazi-Sender – indem die Moderatorinnen und Moderatoren etwa ein Schweizerdeutsch-Hochdeutsch sprechen. Oder Rätoromanisch. Denn in ihrer Identitätspolitik entscheidet die Schweiz auch, dass Rumantsch neu als vierte Landessprache gilt.
Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, führt der Bundesrat eine Art «milde» Pressezensur für Zeitungen und Zeitschriften ein. Eine militärische Zensurbehörde liest dabei alle erschienenen Artikel und spricht rückwirkend Verwarnungen aus, wenn sie befürchtet, dass ein Pressetitel mit seiner Berichterstattung die friedlichen Beziehungen der Schweiz zum Ausland gefährdet hat. Im Wiederholungsfall kann das dazu führen, dass das Militär den Pressetitel einstellen lässt.
Für den Rundfunk führt der Bundesrat eine direktere Zensur ein: Er verbietet private Radiostationen. Nur die Sender der SRG dürfen bestehenbleiben. Über ihr Programm entscheidet jedoch fortan das bundesrätliche Post- und Eisenbahndepartement. Damit wird die SRG offiziell zum Staatssender im Kampf gegen die Propagandasender des Auslands.
Besonders wichtig wird dabei eine Sendung, welche die Schweizer Reputation als neutrales Land zementiert.
Schweizer Nazi-Feindsender
Im September 1939 geht die «Weltchronik» auf dem Landessender Beromünster auf Sendung. Darin informiert der Historiker und Journalist Jean Rudolf von Salis jeden Freitagabend über das Weltgeschehen.
Direkte Kritik am Nazi-Regime ist ihm untersagt. Am Freitagmorgen muss er seine Vorträge für die Sendung der Direktion des Schweizerischen Rundspruchdienstes vorlegen. Diese steht unter militärischer Kontrolle und sendet ihm den Text mit Kommentaren zurück. Informationen zu den Gräueltaten der Nazis, insbesondere bei der Verfolgung von Juden, Roma, Sinti, Jenischen, politischen Gegnern und Behinderten kommen in den Sendungen dadurch sehr kurz.
Trotzdem schafft es von Salis einen Gegenpol zu den ausländischen Sendern zu bilden. Nur schon indem er neutral über Probleme und Erfolge der deutschen Wehrmacht und der Alliierten an der Front berichtet, widerspricht er Propagandasendern. Und indem er auf subtile Weise das Weltgeschehen kommentiert, schafft er es, sich für die Demokratie auszusprechen.
Eine Rede des Premierministers Winston Churchill im britischen Parlament, kommentiert von Sali beispielsweise wie folgt:
Empfangen kann man Radio Beromünster in der ganzen Welt, bis nach Afrika, bis nach Nord- und Südamerika. Dafür hat der Bundesrat 1937 extra stärkere Antennen bauen lassen, um auch Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer zu erreichen. Kein Wunder, erklären die Nazis den Landessender Beromünster zum verbotenen «Feindsender». Wer im Deutschen Reich dem Schweizer Radio lauscht, riskiert Verhaftung und Tod im Konzentrationslager.
Rundfunk als Machtinstrument
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hält der Bundesrat am Verbot von privaten Radiosendern fest. Auch die Zügel bei der Berichterstattung der SRG hält er straff. Es müssen viele Jahre verstreichen und ein politischer Machtkampf darüber geführt werden, wer über den Schweizer Rundfunk bestimmen darf, bis eine unabhängige SRG und parallel dazu private Radio- und Fernsehsender entstehen können. So, wie es sich das Volk wünscht.
Um diesen Machtkampf geht es im zweiten Teil dieser Serie. Es wird sich zeigen, dass viele Kritikpunkte des SRG-Initiativkomitees alter Wein in neuen Schläuchen sind.
