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Aegerter (77) vor dem Deutschen Jonas Folger (94) und Tom Lüthi (12) in der ersten Kurve des GP von Spanien.
Bild: Waldemar Da Rin
Historischer GP von Spanien?

Wenn eine Ära zu Ende geht und eine neue beginnt – die versteckte Dramatik eines grossen Schweizer Töff-Duells

Dominique Aegerter so gut wie nie (2.) und Tom Lüthi (10.) in seiner grössten Krise seit dem Einstieg in die Moto 2-WM. Markiert der GP von Spanien in Jerez eine Zeitenwende?
04.05.2014, 18:4604.05.2014, 21:28
Klaus Zaugg, Jerez

Auf so hohem Niveau ist in der Geschichte unseres Töffrennsportes wahrscheinlich noch nie gejammert worden. Tom Lüthi und sein Freund und Manager Daniel M. Epp sprechen von völliger Ratlosigkeit, wirken zutiefst enttäuscht. Etwa so wie Trainer und Sportchefs eines Hockeyklubs, der soeben das entscheidende Spiel um den Ligaerhalt verloren hat.

Dabei hat Tom Lüthi soeben beim GP von Spanien in Jerez im Moto2-Rennen den 10. Platz herausgefahren und liegt in der zweitwichtigsten Töff-WM im Gesamtklassement auf Rang 6. Vor zehn Jahren wäre bei einer solchen Ausgangslage gerühmt, gejubelt und gefeiert worden.

Aegerter jubelt über seinen zweiten Platz.
Aegerter jubelt über seinen zweiten Platz.
Bild: AP

Aegerter auf Kolumbus' Spuren

Aber 2014 ist vieles anders geworden. Mit Tom Lüthi und Dominique Aegerter duellieren sich zwei Schweizer auf Weltniveau. Vielleicht werden wir einmal im GP von Spanien in Jerez von 2014 das Ende und den Anfang einer Karriere erkennen.

In diesem Kampf der Töfftitanen gibt es eine Dramatik, die erst auf den zweiten Blick ersichtlich wird. Schliesslich ahnte ja auch kaum jemand, der am 3. August 1492 in Palos de la Frontera auf der Hafenmauer stand und zuschaute, wie Christoph Kolumbus mit drei Nussschalen auf den Ozean hinaus segelte, dass dies ein Augenblick mit welthistorisches Bedeutung war. In diesem Kampf der Emmentaler Töff-Titanen Dominique Aegerter gegen Tom Lüthi gibt es eine Dramatik, die für den Chronisten erst auf den zweiten Blick ersichtlich wird.

Ein Siegertyp, ein Rockstar

Eine Szene unter der heissen Sonne von Andalusien zeigt uns diese Dramatik. Es ist kurz vor 16 Uhr. Die Rennen zum GP von Spanien in Jerez sind vorüber, Aufbruchstimmung. Dominique Aegerter geht federnden Schrittes und sonnenbebrillt, strahlend, frisch gebürstet und gekämmt durchs Fahrerlager. Hier ein Schulterklopfen, dort eine Gratulation, da ein Lächeln einer Lady mit der Bitte um ein Autogramm. Er muss noch ein Interview mit dem Schweizer Fernsehen machen.

Ganz und gar Siegertyp und Rockstar. Aegerter hat mit dem zweiten Platz vor gut drei Stunden sein bestes Resultat herausgefahren. In zwei von vier Rennen diese Saison stand auf dem Podest. Die Welt ist für ihn eine Ponyranch.

Prost! Der Rockstar gönnt sich auf dem Podest einen verdienten Schluck.
Prost! Der Rockstar gönnt sich auf dem Podest einen verdienten Schluck.
Bild: Waldemar Da Rin

Lüthi grübelt in der Boxengasse

Zum gleichen Zeitpunkt sitzt Tom Lüthi mit seinem langjährigen Cheftechniker Alfred Willeke in der schattigen Box hinter dem Computer. Während rundum schon alles scheppernd abgebaut und im Laster verstaut wird, sind die beiden tief im Studium der unzähligen Daten versunken. Der Computer registriert jede Bewegung, die der Töff während des Rennens gemacht hat: Bremsen, Beschleunigen, Drehzahlen, Temperaturen.

Das Duo sucht nach einer Lösung. Denn Tom Lüthi ist ratlos wie nie seit dem Aufstieg in die Moto2-Klasse im Jahr 2010. Er wollte hier in Jerez um den Sieg fahren und nun reichte es knapp zum 10. Platz.

«Wir sind völlig ratlos»

Bei der Medienkonferenz kurz nach 14 Uhr zeigte sich Tom Lüthi enttäuscht, ja ernüchtert. «Wir stehen nicht dort, wo wir sein wollten. Wir haben ganz andere Erwartungen und ich will nichts schönreden. Ich hatte einfach gar nie eine Chance. Die Maschine war nicht fahrbar. In einzelnen Kurven musste ich in einem tieferen Gang als im Training fahren. Wir haben keine Ahnung wo das Problem liegt. Wir sind völlig ratlos.»

Wo liegt das Problem? Lüthi unterhält sich mit Cheftechniker Willeke.
Wo liegt das Problem? Lüthi unterhält sich mit Cheftechniker Willeke.
Bild: Waldemar Da Rin

Auch Manager Epp sprach von einem Rätsel. «Bis zu den letzten Tests war alles okay. Aber seit dem Saisonstart geht es immer schlechter. Wenn wir wüssten, so das Problem liegt, dann wäre es einfacher.» Lüthi arbeitet seit seinem Einstieg in die Moto 2-WM mit den gleichen Technikern. Kein Schelm, wer jetzt fragt: Wie kann es sein, dass eines der erfahrensten Töffteams der Welt technisch so im Dunkeln tappt? Daniel M. Epp gibt zu: «Diese Frage ist berechtigt. Aber ich habe bisher keinerlei Anzeichen die darauf hindeuten, dass wir ein Problem im Team haben. Unsere Techniker arbeiten sehr gut.»

Das Hinterrad als Problem ausgemacht

Nun, gut zwei Stunden später hat Tom Lüthi mit seinem Cheftechniker offenbar eine Antwort gefunden. Nach dem Studium all der Diagramme, Kurven und Zahlen schält sich das Problem heraus. Er erklärt es, stark vereinfach, so: «Das Problem ist das Hinterrad. Es gelingt nicht, genug Druck für eine gute Reifenhaftung aufzubauen. Ganz offensichtlich haben wir dieses Problem seit dem ersten Rennen.»

«Ich war bereits beim Saisonstart in Katar nicht dazu in der Lage, um den Sieg zu fahren. Jetzt hat sich bei den heissen Temperaturen dieses Problem verschärft. Wir hatten ja bisher beim Rennen noch nie so hohe Temperaturen wie hier in Jerez.»

Wie weiter? Bereits in zwei Wochen folgt der GP von Frankreich in Le Mans. Braucht Tom Lüthi jetzt ein neues Fahrgestell? «Nein, das glaube ich nicht. Wir gehen davon aus, dass wir das Problem lösen können.» Tom Lüthi sagt, man werde die ganze Problematik nun mit dem Fahrwerkhersteller Eskil Suter besprechen.

Stolzer Vater zufrieden mit seinem Dominique

Ist also alles bloss ein technisches Problem mit dem Hinterrad, das bald gelöst sein wird? Oder erleben wir eine Zeitenwende? Beginnt eine neue Ära, die von Dominique Aegerter? Und geht eine andere Ära, die von Tom Lüthi, zu Ende? Seit 2002 war der vier Jahre ältere Lüthi die unangefochtene Nummer 1 im helvetischen Töff-Business.

Vieles deutet auf den Beginn einer neuen Ära hin. Dominique Aegerter hat jetzt alles für die ganz grosse Karriere und um besser zu werden als sein einstiges Kindheitsidol Tom Lüthi. Sein Vater Ferdinand ist in Jerez dabei. Er hört zu, wie der Bub ein Interview gibt. Dominique Aegerter sagt unter anderem, er habe am Anfang des Rennens ein paar Fehler gemacht und die habe Mika Kallio genützt um einen uneinholbaren Vorsprung aufzubauen. Der Vater ist mit seinem Sohn sehr zufrieden: «So muss es sein. Keine Ausreden. Er sucht den Fehler immer zuerst bei sich.»

Aegerter hält den Deutschen Folger in Schach.
Aegerter hält den Deutschen Folger in Schach.
Bild: AP

Nun visiert sein Bub das nächste grosse Ziel an: Der erste GP-Sieg. Im Fahrerlager gehen an diesem sonnigen Sonntagabend eigentlich alle davon aus, dass Dominique Aegerter bald einmal gewinnen wird. Der Rohrbacher ist sich bei allem gesunden Selbstvertrauen sehr wohl bewusst, wie schwierig umzusetzen dieses Vorhaben ist: «Da muss einfach alles zusammenpassen.» In Jerez passt eben noch nicht alles. Er hatte in der Anfangsphase zu viele Fehler gemacht.

Erhält Lüthi einen neuen Töff?

Ist der GP von Spanien in Jerez 2014 auch der Anfang vom Ende der Karriere von Tom Lüthi? Wer will, kann das so sehen. Doch sei ausdrücklich davor gewarnt, den Weltmeister von 2005 (125 ccm) zu unterschätzen. Untergang und Auferstehung gehören zum Rennsport wie Reifen und Motoren. Auch die These, Tom Lüthi sei womöglich mit der Entwicklung der Moto2-Klasse überfordert, ist nicht haltbar: In Jerez hat Mika Kallio gewonnen. Der Finne ist 31 Jahre alt. Ein Saurier. In den letzten sechs Jahren hatte er nur ein einziges Rennen gewonnen.

Lüthi fährt (wie Aegerter) ein Suter-Fahrgestell. Diese Boliden gelten als sehr schnell. Aber eben auch als äusserst heikel in der Abstimmung. Nur in einem ganz schmalen Bereich ist eine Spitzenleistung möglich. Dominique Aegerter ist mit seinem rauen Fahrstil auch dazu in der Lage, mit einem nicht optimal abgestimmten Bike sehr schnell zu sein. Der feine Stilist Tom Lüthi hingegen nicht. Ist die Suter zu heikel für ihn?

Manager Epp hat sich diese Gedanken auch schon gemacht. Er schliesst für nächste Saison einen Wechsel zu Kalex nicht aus. Das deutsche Fabrikat ist freundlicher zu den Piloten. In Jerez fuhren sieben der zehn erstplatzierten eine Kalex.

Tom Lüthi blickt in eine ungewisse Zukunft.
Tom Lüthi blickt in eine ungewisse Zukunft.
Bild: PSP
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