Jetzt wird das Ehepaar Moretti mit Unstimmigkeiten konfrontiert
Jacques und Jessica Moretti sind am Freitag im Zusammenhang mit der Brandkatastrophe von Crans-Montana für eine sogenannte Konfrontationsbefragung vor Gericht erschienen. Das Paar kam gegen 8 Uhr im gleichen Auto auf dem Energypolis-Campus in Sitten an.
Es ist das erste Mal, dass die Mitinhaber der Bar «Le Constellation» gemeinsam vom zuständigen Staatsanwältinnen-Team befragt werden. An der Anhörung nehmen zudem die Anwälte der verschiedenen Parteien teil, die ebenfalls Fragen an das Ehepaar richten können.
«Ich glaube, dies ist die letzte Gelegenheit für die Eheleute Moretti, zu zeigen, dass sie aktiv zur Aufklärung beitragen und den Opfern Antworten auf die zahlreichen noch offenen oder unklaren Fragen geben wollen», sagte der Genfer Opferanwalt Romain Jordan. Jordan, der mehrere betroffene Familien vertritt, sagte, er erwarte «die Wahrheit».
An seiner Seite stand die Mutter eines jungen Mannes, der beim Brand in der Silvesternacht ums Leben kam: «Heute bin ich hier für ihn, aber auch für seinen Bruder, der mit den Folgen dieser Tragödie leben muss. Jeden Tag leben wir mit diesen Folgen - als Eltern, Geschwister, Grosseltern oder Tanten.» Alle Betroffenen bräuchten Antworten, fügte sie hinzu.
«Der Everest der Kollusion»
Dass die Anhörung erst fünf Monate nach dem verheerenden Brand stattfindet, sorgt unter den Anwälten für Diskussionen.
«Ich bin nicht sicher, ob dies der Ort für spontane Aussagen sein wird, aber wir werden sehen», sagte der Waadtländer Anwalt Gilles Antoine Hofstetter. «Wir stehen vor dem Everest der Kollusion. Angesichts ihrer persönlichen Beziehung ist es völlig legitim anzunehmen, dass die beiden Beschuldigten ihre Aussagen miteinander abgestimmt haben.»
Ähnlich äusserte sich der Waadtländer Anwalt Didier Elsig: «Es ist gut, dass beide anwesend sind. Gleichzeitig muss man realistisch sein: Sie hatten ausreichend Zeit, sich auf diese Befragung vorzubereiten.»
Im Namen der Familien hoffe man, «dass sie endlich aufhören, die Verantwortung auf andere abzuwälzen - sei es auf einen mysteriösen Schaumstoffverkäufer, einen unsichtbaren Gemeindekontrolleur oder auf langjährige Mitarbeitende - und ihre Verantwortung übernehmen».
Auch der Walliser Anwalt Sébastien Fanti zeigte sich kritisch: «Ich hoffe einfach, positiv überrascht zu werden und neue Beweise zu sehen. Es muss aufhören, dass hier im Wallis Roland Garros (Tennisturnier in Paris - Red.) gespielt wird und alle den Ball weiterreichen. Jetzt ist es an der Zeit festzustellen, wer was getan oder unterlassen hat, damit die Untersuchung vorankommt.»
Verstärkte Sicherheitsvorkehrungen
Vor Ort wurden die Sicherheitsmassnahmen deutlich verstärkt. Absperrungen und Sichtschutzbanner der Walliser Kantonspolizei schirmten den Zugang zum Anhörungsraum ab. Vor Beginn der Sitzung waren mehr als ein Dutzend Polizistinnen und Polizisten rund um das Gebäude im Einsatz. Zudem verfolgten zahlreiche Medienvertreter mit Kameras das Geschehen.
Die Betreiber des «Le Constellation» wurden seit Beginn der Ermittlungen bereits jeweils zweimal von den Staatsanwältinnen befragt. Jacques Moretti hätte im April ein drittes Mal angehört werden sollen, die Befragung wurde jedoch aus gesundheitlichen Gründen verschoben.
Erstmals wurden beide am 9. Januar als Beschuldigte einvernommen. Anschliessend wurde Jacques Moretti in Untersuchungshaft genommen und am 23. Januar gegen Kaution wieder freigelassen. Weitere Befragungen fanden am 11. und 12. Februar statt.
Diese Anhörungen sorgten für erhebliche Spannungen: Angehörige von Opfern stellten das Ehepaar bei dessen Ankunft auf dem Campus Energypolis zur Rede, umringten und bedrängten es. Nach diesem Vorfall kündigte die Kantonspolizei eine Verschärfung ihres Sicherheitsdispositivs an.
14 Beschuldigte
Die Morettis müssen sich - wie alle insgesamt 14 Beschuldigten in dem Verfahren - wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandverursachung verantworten. Die Tragödie in der Neujahrsnacht forderte 41 Todesopfer und 115 Verletzte.
Bereits am Mittwoch wurde ein ehemaliger Gemeinderat von Chermignon, der zwischen 2013 und 2016 für das Bauwesen zuständig war, von der Staatsanwaltschaft befragt. Eine weitere Anhörungsrunde ist für Juli vorgesehen - einen genauen Zeitplan haben die Staatsanwältinnen bislang noch nicht bekannt gegeben. (dab/sda)
