Coronavirus
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Keine Fahrgäste und teure Infrastruktur: ÖV-Branche verliert Dutzende Millionen

Züge und Busse sind fast leer. Trotzdem sitzen die Betriebe auf hohen Kosten fest. Neben Kurzarbeit hoffen sie auf die Hilfe des Bundes.

Stefan Ehrbar / ch media



Der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist beinahe zum Erliegen gekommen. Derzeit sind noch etwa 20 bis 30 Prozent der durchschnittlichen Zahl an Passagieren unterwegs, wie es bei verschiedenen Unternehmen heisst. Entsprechend gross sind die finanziellen Einbussen. Das zeigt eine Berechnung anhand von Daten des Verbands Alliance SwissPass, der die ÖV-Einnahmen des Jahres 2018 aufschlüsselte.

Ein Pendler am Bahnhof, am Montag, 23. Maerz 2020, in St. Gallen. Die SBB und regionale Transportunternehmen reduzieren wegen der Coronavirus-Krise schrittweise den Fahrplan. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Fast leere Perrons und Züge: Der öffentliche Verkehr ist in der Schweiz fast zum Stillstand gekommen. Bild: KEYSTONE

Alleine bei den Einzelbilletten und Tageskarten beträgt der Einnahmenausfall pro Monat mit so tiefen Passagierzahlen etwa 70 Millionen Franken. Hinzu kommen fehlende Einnahmen aus Verkäufen von GAs, Halbtax- und Verbundabos.

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Seit kurzem können GA-Besitzer ihr Abo online für einen Monat hinterlegen. Nutzt nur schon jeder dritte Inhaber diese Möglichkeit, verliert die Branche 45 Millionen Franken. Weitere 225 Millionen Franken nimmt die Branche monatlich aus Verbund- und Halbtaxabos ein.

Nicht alle Abos können allerdings hinterlegt werden. Die Höhe der Ausfälle hängt auch davon ab, wie viele Kunden ihr Abo trotz Coronakrise behalten und wie viele trotz Krise weiterhin eines kaufen.

Die SBB verlieren etwa 80 Prozent der Erträge

Insgesamt dürfte die ÖV-Branche in jedem Monat, in dem die aktuellen Regelungen gelten, über 150 Millionen Franken verlieren – und das ist eine konservative Schätzung, wie ein Insider sagt.

Alleine die Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) gehen von mehreren Millionen Franken Einbussen aus. «Der Rückgang bei den Einnahmen beträgt derzeit rund 80 Prozent», sagt Sprecher Sämi Deubelbeiss.

In einem ähnlichen Ausmass gehen die Einnahmen laut Deubelbeiss auch bei den SBB zurück. «Wir machen alles Mögliche, um die Kosten zu senken. Doch auf Seite der Einnahmen sind wir machtlos», so Deubelbeiss. Je länger die aktuelle Situation anhält, desto grösser wird das Defizit.

Einen «massiven Einbruch» der Erträge registrieren auch Bernmobil und die Basler Verkehrsbetriebe (BVB). Die Kosten können die Betriebe allerdings nicht im gleichen Rahmen reduzieren. Auch während einer Pandemie muss der öffentliche Verkehr funktionieren, so schreibt es der Bund vor. Zwar wurde das Angebot deutlich reduziert, doch noch immer fahren die meisten Züge und Busse. Man könne kostenseitig «nur bedingt Optimierungen machen», heisst es etwa bei den BVB.

Kurzarbeit für betroffene ÖV-Unternehmen

Von der Krise betroffen ist auch Postauto, die grösste Busbetreiberin der Schweiz. Post-Chef Roberto Cirillo macht nun klar, wie er die Einnahmenausfälle kompensieren will: Der Bund soll zahlen. «Wir erwarten, dass der Bund für die ganze ÖV-Branche die entstehenden Ausfälle kompensieren wird», sagte Cirillo letzte Woche zu CH Media.

Eine erste Hilfe hat der Bund den Betrieben bereits gereicht. Mit vorgezogenen oder höheren Auszahlungen sichert er die Liquidität der Unternehmen, die in subventionierten Bereichen tätig sind. Dazu gehören der regionale Personenverkehr, die Bahninfrastruktur und der Güterverkehr. Zudem könnten die Betriebe ebenfalls Entschädigungen für Kurzarbeit in Anspruch nehmen, heisst es beim Bundesamt für Verkehr (BAV).

Davon machen viele bereits Gebrauch. Sowohl einzelne Unternehmen im Zürcher Verkehrsverbund als auch die Berner Bahngesellschaft BLS haben Kurzarbeit angemeldet. Dort sind knapp 240 Personen, die bei der Schifffahrts-Tochter und in den Reisezentren angestellt sind, betroffen. Die Schifffahrt wurde komplett eingestellt, auch der geplante Saisonstart auf dem Thuner- und Brienzersee am 4. April fällt ins Wasser. Auch Bernmobil musste Kurzarbeit anmelden, genauso wie die Verkehrsbetriebe Luzern und Basel-Stadt für Teile des Unternehmens.

Lokführer-Mangel ist derzeit entschärft

Weitere mittel- und langfristige Hilfen für die Branche würden festgelegt, wenn der Bedarf klar sei, so das BAV. Es werde eine Regelung im Rahmen des Gesamtpakets des Bundesrats zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus geben.

Von den bereits beschlossenen Hilfen nicht profitieren kann vorerst der Fernverkehr, den die SBB eigenwirtschaftlich betreiben. Die Ausfälle dort sind beträchtlich: Im vergangenen Jahr nahmen die SBB durchschnittlich 211 Millionen Franken pro Monat im Fernverkehr ein – Erträge, die nun praktisch komplett fehlen. Ob der Bund diese Ausfälle kompensieren wird oder ob andere Massnahmen wie eine Preiserhöhung in Frage kommen, ist noch unklar.

Ohne Gelder der öffentlichen Hand wird die Branche die Folgen der Krise nicht abfedern können – unabhängig davon, ob die Kantone oder der Bund einspringen, die den öffentlichen Verkehr zusammen bestellen. Immerhin einen positiven Effekt hat die derzeitige Situation aber. So hilft sie, die Engpässe bei den Lokführern zu kompensieren. Diese waren zuletzt sowohl bei den SBB als auch bei anderen Bahnen wie der BLS Mangelware. «Kurzarbeit ist beim Zugpersonal kein Thema», sagt BLS-Sprecher Stefan Dauner. «Im Gegenteil: Der reduzierte Fahrplan hilft uns, das fehlende Personal zu kompensieren.» (aargauerzeitung.ch)

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tomara 30.03.2020 15:33
    Highlight Highlight Für einen happigen Bonus für Meyer wird es schon noch reichen.
  • Mike Milligan 30.03.2020 12:20
    Highlight Highlight Aber vorher Jahre Gewinn eingestrichen
    • Norman Sutter 30.03.2020 13:32
      Highlight Highlight Ein ÖV Unternehmen darf mit dem Betrieb der Linien keinen Gewinn machen, deswegen hat PostAuto beschissen und das Geld verschoben.
    • Felix Meyer 30.03.2020 16:31
      Highlight Highlight Die meisten ÖV-Unternehmen sind ausschliesslich im Regionalverkehr tätig, wo kein Gewinn gemacht werden darf.
  • MartinZH 30.03.2020 11:16
    Highlight Highlight Ironie des Schicksals: Das Problem des Lokführer-Mangels hat sich von alleine gelöst – leider! 😔
  • Altweibersommer 30.03.2020 09:13
    Highlight Highlight Die Branche verliert kein Geld, sie setzt nur Aufgrund der geringen Nachfrage weniger um. Das sind die Gesetze des freien Marktes undwenn die SBB-Führung damit Probleme hat, sollen Sie uns unseren ehemals funktionierenden Staatsbetrieb doch zurückgeben.
    • Lambda 30.03.2020 09:37
      Highlight Highlight Nun, im ÖV spielt aber nicht wirklich der freie Markt, sonst gäb es diverse Linien schon längst nicht mehr und das Angebot wäre auch ein anderes.
      Auch wenn es oft falsch geschrieben wird: der ÖV ist nicht subventioniert sondern erhält Abgeltungen auf Grund auf Grund vorher festgelegten Verträgen. Brechen die Einnahmen ein, entsteht also tatsächlich Verlust für die Unternehmen, die an eine Betriebspflicht gebunden sind...
    • Johnny Guitar 30.03.2020 09:51
      Highlight Highlight Wenn der ÖV, wie vom Bund vorgeschrieben, funktionieren muss und die meisten Busse und Züge nach wie vor fahren, aber die Einnahmen um bis zu 80% wegbrechen, mol dann verlieren die Verkehrsbetriebe täglich Geld. Die Aufrechterhaltung des Betriebes ist momentan teurer als die Einnahmen.
    • Purscht 30.03.2020 09:59
      Highlight Highlight Was für ein Kommentar...
      Die SBB- Führung hat dem Volk die geliebte SBB nicht weggenommen. Das Volk hat in einer Abstimmung entschieden das die SBB neu organisiert wird.
      Und die Branche verliert sehr wohl Geld weil die Fixkosten sehr hoch sind.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Wildes Pony 30.03.2020 08:38
    Highlight Highlight Also die ÖV (SBB) macht doch jedes Jahr ein hoher gewinn oder nicht? Sie haben sicher genug Geld auf der Seite, um sich selber helfen zu können. Wenn der Bund trotzdem mit Geldern hilft, die Tickets werden trotzdem teurer.
    • Felix Meyer 30.03.2020 16:46
      Highlight Highlight ÖV ist nicht gleich SBB. Die meisten Unternehmen im ÖV betreiben ausschliesslich Regionalverkehr, wo sie von Gesetzes wegen keinen Gewinn machen dürfen (und ohne Betriebserträge vom Bund auch gar nicht könnten - Regionalverkehr ist in 99 % der Linien unrentabel).
      Problem ist jetzt, dass die Betriebserträge so berechnet sind, dass sie zusammen mit den Einträgen aus Billettverkäufen gerade zur Kostendeckung reichen. Jetzt fällt ein Grossteil der Billettverkäufe weg, also reicht es eben nicht mehr.
      Und da kein Gewinn gemacht werden darf, gibt es auch keine Reserven.
  • Saul_Goodman 30.03.2020 08:11
    Highlight Highlight Dank des ausgedünnten Fahrplans haben sie jetzt wenigstens die chance all ihre baustellen zu erledigen, Überzeit beim Personal abzubauen, Personal zu rekrutieren etc. So wie es in letzter Zeit lief müssen sie fast froh sein über diese Verschnaufpause...
    • Purscht 30.03.2020 13:13
      Highlight Highlight Alle Baustellen, ausser die Betriebsrelevanten, werden auch pausiert. Beim Personal hast du warscheindlich recht. Allerdings muss das Rollmaterial später wieder sortiert und der Beteieb wieder heraufgefahren werden, was auch Personalintensiv ist.
    • Felix Meyer 30.03.2020 16:25
      Highlight Highlight Die Baustellen wurden abgesehen vom normalen Unterhalt alle gestoppt. Es kann damit gerechnet werden, dass sich die Inbetriebnahme verschiedener Ausbauten verzögert (z. B. Strecke Zug - Arth-Goldau oder Ceneri-Basistunnel, wobei da wohl noch etwas Reserve besteht). Ebenso wurden die Ausbildungsklassen für neues Personal gestoppt.
      Also nix mit Verschnaufpause.
  • cheko 30.03.2020 07:48
    Highlight Highlight Ach mit weiteren Preiserhöhungen wird das schon klappen.. Hat sie jedenfalls nicht in den letzten Jahren davon abgehalten ;-)
    • Felix Meyer 30.03.2020 16:30
      Highlight Highlight Die letzten zwei Jahre gab es keine Preiserhöhungen.
    • Basubonus 30.03.2020 16:36
      Highlight Highlight Wann war denn die letzte?
  • THEOne 30.03.2020 07:39
    Highlight Highlight milliardenschwere unternehmen, die in den letzten jahren nur auf profit aus war und ein skandal nach dem anderen geliefert haben, fordern nach 2 wochen stillstand bereits, dass das volk dafür aufkommen soll...
    ich kann garnicht soviel essen, wie ich kotzen könnte.
    und der grund für die (garantiert) kommenden ticketpreiserhöhungen ist ja inzw. auch klar.
    • Felix Meyer 30.03.2020 16:29
      Highlight Highlight Im Regionalverkehr darf kein Profit gemacht werden und der Gewinn im Fernverkehr wird grösstenteils reinvestiert, z. B. in neue oder modernisierte Züge.
      Der Grossteil der sogenannten "Skandale" sind zudem von den Boulevardmedien heraufbeschworen worden und waren in der Realität deutlich weniger schlimm.
  • blueberry muffin 30.03.2020 07:32
    Highlight Highlight Wieder verstaatlichen den Quatsch. Der Bund heisst der Steuerzahler - wenn wir die Rechnung begleichen, bekommen wir auch die Gewinne.
    • Felix Meyer 30.03.2020 16:26
      Highlight Highlight Die meisten ÖV-Unternehmen sind bereits komplett in Besitz der öffentlichen Hand.
    • pandabaer 30.03.2020 20:43
      Highlight Highlight Raten Sie mal wohin die Gewinnausschüttung bei einem Unternehmen welches zu 100% dem Bund gehört geht.
  • Todesstern 30.03.2020 07:10
    Highlight Highlight Ja die fetten Jahre sind vorbei.

    Und hat man Reserven angelegt? In die Infrastruktur ivestiert? Etwas für die Not auf dir Seite gelegt?

    Ach das ging nicht? Weil man jede Menge Boni und Rendite ausgeschütete hat?

    Jää soo 🤷‍♂️
  • Ezi 30.03.2020 06:57
    Highlight Highlight Wer wird das alles bezahlen?
    • cheko 30.03.2020 16:13
      Highlight Highlight Die werten Kunden natürlich!

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