Wallis
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Wie ein britischer Alpinist von einem Walliser Dorf aus 164 Millionen Dollar ergaunerte

symbolBild: AP

Roger Knox war ein begeisterter Alpinist. Und ein Betrüger. Wie der Brite ein 379-Seelen-Dorf im Wallis zum Zentrum seines 164-Millionen-Aktienbetrugs machte, verraten wurde und alles verlor.

Leo Eiholzer und Roman Schenkel / Aargauer Zeitung



Wenn Roger Knox seinen knallgrünen Lotus-Oldtimer die engen Gassen und steilen Bergstrassen des Walliser Bergdorfs Finhaut hinaufzwang, fiel er den Einheimischen auf. In einem kleinen Büro unter dem Restaurant Beau-Soleil verbrachte er täglich ein paar Stunden und verschwand wieder dahin, wo er hergekommen war. «Er war wie ein Ausserirdischer», sagt der Wirt eines benachbarten Cafés. Wenn jemand Knox fragte, womit er sein Geld verdiene, beendete er höflich, aber bestimmt das Gespräch: «I don’t talk business.»

Drei Jahre ging das so. Bis der Nordire im Herbst 2018 plötzlich verschwand.

«Sie sind des Wertschriftenbetrugs angeklagt. Plädieren Sie auf schuldig oder nicht schuldig?», fragt der Deputy im District Court of Massachusetts in Downtown Boston. Roger Knox steht vor der Richterbank. Es ist der 24. Oktober 2018, kurz vor halb Zwei. Knox sagt: «Nicht schuldig.»

Der braunhaarige, heute 49-jährige Brite wird lange nicht mehr nach Finhaut zurückkehren. Ihm drohen 25 Jahre im Gefängnis. Der Staatsanwalt Eric Rosen wird wenige Minuten später die Taten von Knox den «wahrscheinlich grössten Aktienbetrug dieser Art in der Geschichte der USA» nennen, so steht es im Transkript.

Knox hat vom Wallis aus tausende Kleinanleger betrogen und um insgesamt 164 Millionen Dollar gebracht. Während sich die Walliser über Knox‘ Lebensstil wunderten, jagte ihn jahrelang die amerikanische Bundespolizei FBI. Die Beamten spürten seinen Deals nach, nahmen heimlich Telefonate auf. Als sie genug Beweise hatten, schlugen sie zu.

«Rocket», wie Knox in Geschäftskreisen genannt wird, sitzt jetzt in der Plymouth County Correctional Facility ein. Das Gefängnis ist ein grauer Block mit hohen Mauern und Zäunen, eine knappe Autostunde vor Boston. Was für ein Kontrast zu seinem früheren Arbeitsort. Finhaut liegt auf 1200 Meter an einem Südhang, es ist ein malerisches kleines Bergdorf.

Die «Wallstreet» von Finhaut. In diesem Gebäude hatte Knox sein Büro. bild: ch media

Knox' Wallstreet

Die Sonne scheint an diesem Februartag auf die Chalets. Hier gibt es keine Hektik, kaum Tourismus. Das Dorf lebt von Wasserzinsen, die der Stausee Lac d’Emosson einbringt. Knox‘ Büro liegt an einer wenige Meter breiten und ziemlich steilen Strasse, die jetzt, im Winter, eine Rutschpartie ist: die Route du Village. Der Blick geht auf dreitausend Meter hohe Berge auf der anderen Talseite.

Die Route du Village war Knox‘ Wallstreet. Von hier aus hat der Brite einen Betrug geleitet, der Länder und Kontinente umfasste. In dem meisten Fällen war es dieselbe Masche, die Jordan Belfort angewandt hatte – das reale Vorbild des Hollywood-Streifens «The Wolf of Wallstreet» mit Leonardo di Caprio in der Rolle von Belfort.

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Die Bürotüre ist verschlossen, beim Blick ins Innere sieht man nur eine karge Ausstattung. bild: ch media

Die Art der Manipulation nennt sich «Pump-and-Dump». Die Details sind komplex, aber ganz grundsätzlich dreht sich der Betrug um Aktien, die praktisch nichts wert sind. Oft sind es Firmen, die gar keine Produkte herstellen und auch sonst nicht tätig sind und fast unreguliert an Börsen gehandelt werden.

Ein Betrüger kauft nun alle Aktien einer Firma auf und lässt sie eine Weile unangetastet liegen. Dann zahlt er Geld an einen Promoter, der die Firma betrügerisch zu bewerben beginnt. Das erhöht das Handelsvolumen und damit den Preis der Aktien. Der Alleinaktionär verkauft die Wertschriften schliesslich auf einen Schlag an leichtgläubige Privatanleger.

Sofort sind die Aktien wertlos.

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Der Briefkasten, beschriftet mit Firmen von Knox. bild: ch media

Ein Pump-and-Dump-Komplott funktioniert aber nur, wenn die Anleger nicht wissen, dass die Firma nur einer einzigen Person gehört. Knox organisierte den Betrug. Seine Wintercap SA erlaubte es den Alleinaktionären, zu verstecken, dass sie über fünf Prozent am jeweiligen Unternehmen besitzen. Ab dieser Grenze müssen Beteiligungen nämlich offengelegt werden.

Knox eröffnete Briefkastenfirmen und Bankkonten rund um die Welt. Er brachte das Geld auf verschlungenen Pfaden zurück in die USA. Und vor allem: Knox verkaufte die Aktien und betrog damit direkt die Anleger. In hundert Fällen, sagte der Staatsanwalt Eric Rosen vor Gericht, hat Knox innerhalb von drei Jahren Privatanleger um 164 Millionen Dollar gebracht.

«Es gibt hier echte Opfer, vor allem ältere Menschen.»

Der Brite erhielt jeweils sechs Prozent des Umsatzes: «Es gibt hier echte Opfer», sagte Rosen. «Vor allem ältere Menschen.»

Im Café de la Gare in Finhaut bringt Frederic Benech den Kaffee, zieht einen Ledersessel an den Tisch und setzt sich darauf. Er lacht oft, wenn er über «Roger» spricht. Als wäre der Finanzbetrüger bloss ein Bub, der in der Schule frech war und nun nachsitzen muss. «Roger und sein Kollege, Richard, waren nicht zu übersehen», sagt er. Richard Targett-Adams war ein Komplize von Knox, der sich mittlerweile schuldig bekannt hat. Im Rahmen der Vereinbarung hat sich die Staatsanwaltschaft gemäss Gerichtsportal law360 bereit erklärt, eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren und einem Monat für Targett-Adams zu empfehlen. (Anm. d. Red: An dieser Stelle stand zuvor, Richard Targett-Adams sei zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Dies wurde korrigiert. Wir entschuldigen uns für den Fehler.)

«Sie fuhren mit etwa zehn verschiedenen Luxusautos vor.» Einmal war es der grüne Lotus Seven, dann ein Porsche, und wieder ein anderer Porsche.

Knox habe in Chamonix gelebt, dem Nobelort am Fusse des Montblanc im nahen Frankreich. «Das war ziemlich smart», sagt Benech. «In Chamonix ist man als Brite komplett anonym, da gibt es tausende von denen. Und sein Business hat er hierhin verlegt, wo ihn niemand kannte.»

Von Chamonix fährt man über eine gut ausgebaute Strasse rund 30 Minuten nach Finhaut. Laut US-Akten besitzt Knox ein Luxus-Appartement in Chamonix, direkt am Bahnhof.

Bild: KEYSTONE

Der Alpinist und Fallschirmjäger

Täglich fuhr Knox am Zoll vorbei. Fast hundert Mal ging der Betrug gut. Dann aber kam der Tag, an dem Roger Knox den ersten Schritt in sein Verderben machte: der 24. April 2017. Er beginnt einen Betrug zu organisieren, der das FBI auf den Plan rufen und ihn in den Knast bringen sollte. In den folgenden Wochen verschiebt Knox Aktien, deren Eigentümer die vier Offshore-Briefkastenfirmen seiner Kunden sind. Sie tragen Namen wie Woolf Ventures, Widder Ltd. oder Mithical Holding.

Knox überträgt die Aktien auf die Konten seiner Walliser Firma bei weltweiten Börsenplattformen, von wo aus er sie später für Klienten verkaufen will. Am 19. Mai bestellt ein Wirtschaftsanwalt, angestellt bei einer bekannten US-Steuerkanzlei in Zürich, bei Knox eine Briefkastenfirma mit dem Namen Svarna: «Nutze irgendeinen Namen, falls Svarna schon besetzt ist, um Verzögerungen zu vermeiden», schreibt er Knox per Mail.

«Ich habe nie verstanden warum, aber sie mussten immer zu einer genau bestimmten Zeit im Büro sein.»

Die neue Firma sollte dazu dienen, verdeckt eine Million Dollar für eine Brief-Werbekampagne in die USA zu bringen. Knox antwortet am Montag, dem 22. Mai, prompt. «Die Svarna Ltd. auf den Marshall-Inseln ist verfügbar, die Erstellung wurde heute beantragt». Die Million Dollar geht zum Promoter.

Kurz darauf erhalten über eine Million Haushalte Briefwerbung für eben diese Aktien, die fast alle bei Roger Knox liegen, mit wahnwitzigen Rendite-Versprechen. Im Juni verbringt Knox Tage damit, die Aktien an ahnungslose Anleger zu verkaufen. Es gibt Millionengewinne für Knox und seine Kunden, und Millionenverluste für die Opfer.

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Tausende dieser Flyer wurden produziert. Die angepriesenen Versprechen waren irrwitzig: 1118 Prozent Gewinn wurde möglichen Käufern versprochen. bild: ch media

Knox‘ muss viel am Computer gesessen sein. Ihm war zwar das FBI auf den Fersen und es ging um Millionen, aber im Kern war es wohl normale Büroarbeit und damit ziemlich langweilig: E-Mails beantworten, sich mit Bürokratie herumschlagen. Benech im Café de la Gare sagt, Knox und sein Komplize seien jeweils nur wenige Stunden am Arbeiten gewesen.

«Ich habe nie verstanden warum, aber sie mussten immer zu einer genau bestimmten Zeit im Büro sein, meistens ab 15.30.» In den USA öffnen die Börsen traditionell um 9.30 Uhr, was mit sechs Stunden Verschiebung genau aufgeht.

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Frederic Benech, Wirt im Café de la Gare in Finhaut: «Knox war wie ein Ausserirdischer.» bild: ch media

Knox kam aus dem gleichen Grund in dieses karge Tal wie die Meisten: wegen der Berge. Vor seinem ehemaligen Büro an der steilen Strasse in Finhaut treffen wir einen sportlichen Mann in den Vierzigern mit seiner kleinen Tochter am Arm. Er habe Knox gekannt, sagt er vorsichtig. «Roger» sei ein «Alpinist» gewesen, deswegen sei er in die Region gekommen.

«Ich bin regelmässig mit ihm Ski gefahren. Er war eine Art Freund», gibt der Mann zu. Dann wird er von seiner Tochter weitergezogen. Es scheint, als sei ihm das gerade recht. Währenddessen knallt es im Dorf. Ein Helikopter fliegt den Gipfeln entlang: Lawinensprengung.

«Ich bin regelmässig mit Knox Ski gefahren. Er war eine Art Freund.»

Knox war wirklich ein begeisterter Wintersportler. Ein Bild zeigt ihn in Bergsteigermontur mit Helm, Eispickel und Steigeisen auf der Brenva Spur, einer Südflanke des Mont-Blanc. Hinter dem Finanzbetrüger geht die Sonne auf. Bis 2015, als er seinen Millionen-Betrug begann, hatte Knox jedes Jahr am knallharten Rennen Trail de Aguilles Rouges teilgenommen.

Im Sommer rennen die Sportler dabei über einen Bergkamm bei Chamonix: 54 Kilometer Laufstrecke, 4000 Höhenmeter. «Rocket» brauchte bei seiner letzten Teilnahme 11 Stunden, 42 Minuten und 58 Sekunden. Vor seinem Wechsel diente Knox im «Parachute Regiment», eine mit den amerikanischen Navy Seals vergleichbare Spezialeinheit der britischen Armee.

Sein erster Job nach dem Militär war Skilehrer in Chamonix.

screenshot: linkedin

Silver Arrow

Am 27. Juni 2017 spitzt sich die Lage für Knox und seine Komplizen zu. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hat das Traden der Aktien, die für den Betrug so lange vorbereitet wurden, gestoppt. Nicht alle Aktien können verkauft werden. Aber deutlich schlimmer: Ein solcher Stopp kann die Strafverfolgungsbehörden auf den Plan rufen.

Einige Wochen später reisen Knox und sein Komplize nach Montreux. Es sind etwa eineinhalb Stunden an den Nobelort an der Riviera des Genfersees. Dort treffen sie die Steuer-Anwälte, die für einen Klienten den Betrug organisieren. Einer ist ein Schweizer, der andere US-Amerikaner.

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Die «Montreux Group» mit den Mitgliedern Silver Eagle, Silver Arrow und Aurum. bild: ch media

Das FBI wird das Treffen fortan «Montreux Meeting» nennen. Die Männer besprechen, wie sie die Akten säubern können, so dass keine Verbindung zwischen den Briefkastenfirmen zu den Anwälten und deren Klient mehr besteht. Im Anschluss an das Treffen gründen die Verschwörer eine Chatgruppe namens «Montreux_Grp» auf der verschlüsselten Chat-App Threema.

Knox nennt sich selbst «Silver Arrow». Jemand namens «Goldfinger» verlässt kurz nach der Erstellung die Gruppe. Ein anderer Teilnehmer heisst «Silver Eagle», ein weiterer «Aurum», der lateinische Name für Gold. Silver Eagle, Silver Arrow und Aurum besprechen das weitere Vorgehen. Knox wird in der Folge Dokumente fälschen und rückdatieren.

Im Restaurant Beau-Soleil, nur Meter vom Betrüger-Büro entfernt, ist man nicht gut auf Knox zu sprechen. Nicht unbedingt wegen der 164 Millionen ertrogenen Dollar: «Ich ärgere mich vor allem über die leerstehende Wohnung», sagt die Geschäftsführerin. «Es gibt viele Leute hier, die wünschten sich nichts mehr als eine eigene Wohnung. Er kauft sich gleich mehrere und lässt sie dann leer stehen.»

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Knox gehörte eine Wohnung im 2. Stock dieses Hauses, bewohnte diese jedoch nicht. bild: ch media

Laut den Akten besitzt Knox eine Wohnung im zweiten Stock eines orangen Hauses, etwa 30 Meter die Route du Village hinauf. Er habe sie nie benutzt, sagt man im Dorf. Zudem kaufte er sich im abgelegenen Weiler Châtelard eine Bruchbude mit zerschlagenen Fenstern und verrosteten Schlössern.

Wozu all die Immobilien dienten, ist unklar. Knox wird das Büro und die Wohnung im Dorf schliesslich an die US-Regierung abtreten müssen. Sie bewertet die Räumlichkeiten als unterstützendes Mittel des Verbrechens und hat sie eingezogen. Die Bruchbude in Châtelard wollen die Amerikaner nicht.

In der Gemeindekanzlei von Finhaut ahnt man nichts. Knox sei zwar Besitzer der zwei Immobilen, bestätigt Pascal May, Gemeindepräsident von Finhaut. Es sei dabei aber alles mit rechten Dingen zugegangen. May sagt, er sei weder von den Schweizer Behörden noch vom FBI kontaktiert worden.

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Knox kaufte sich auch dieses baufällige Haus im abgelegenen Örtchen Chatelard. bild: ch media

Wie viel Geld Knox hat, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft schätzt 12,3 Millionen Dollar in Cash sowie Wertschriftenguthaben über 36 Millionen Dollar. Das Geld ist versteckt in der Schweiz, auf Mauritius, in Dubai. Knox hatte Konten bei der Raiffeisen, der Genfer Kantonalbank, der Credit Suisse und der St.Galler Kantonalbank. Er besitzt mehrere Immobilien in Coletta di Castleblanco, wenige Kilometer hinter der italienischen Mittelmeerküste.

In den Monaten nach dem Montreux-Meeting zieht sich die Schlinge zu. Das FBI ermittelt. Das US-Justizministerium will Knox unbedingt ans Kreuz nageln. Der Brite weiss das. Er schickt am 27. August eine Nachricht an einen der Anwälte mit einem Link zu einer Pressemitteilung des Justizministeriums. Darin geht es um einen Betrüger, der von Belize aus operierte, über die USA flog und dort verhaftet wurde.

In der Mitteilung steht, der Verhaftete stehe 20 Jahren Gefängnis entgegen. Knox befürchtet, dass ihm dasselbe Schicksal droht. Er kommentiert per SMS:

«Für meine Kunden und meine eigene Handlungsfreiheit ist es ratsam, kluge Reisepläne zu machen. Ich werde daher nicht über die USA reisen. Kanada oder Mexiko stehen zur Verfügung.»

Im Mai 2018 durchsucht das FBI die Räumlichkeiten des US-Anwalts und die seines Klienten. Es werden Dokumente beschlagnahmt, Computer, Emails, SMS, Chat-Nachrichten, darunter viele von Knox. Die US-Regierung hält die Aktionen geheim. Sie wollen Knox nicht warnen. Für die Amerikaner ist er die zentrale Figur in dem Strafverfahren.

Die beiden Anwälte und ihr Klient beginnen, mit dem FBI zu kooperieren. Sie lassen sich umdrehen, um eine tiefere Strafe zu erhalten.

bild: ch media

Die Falle

Am 21. Juni 2018 wird Roger Knox von seinen Komplizen verraten. Der US-Anwalt telefoniert mit ihm über die App «Signal», deren Verschlüsselung so stark ist, dass nicht einmal das FBI sie knacken kann. Er bringt Knox dazu, sein Geschäftsmodell im Detail zu erklären.

Was Knox nicht wissen kann: Das FBI hört auf Seite des Anwalts mit. Das ganze Gespräch ist eine Falle: Es hat «auf Anweisung des FBI» stattgefunden, wie ein Agent unter Eid in einem Schreiben vor Gericht festhält.

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Auszug aus besagtem Schreiben. bild: ch media

Das FBI hat jetzt, was es braucht. Im September wird Knox mit einer geheimen Anklage wegen Wertschriftenbetrugs und Verschwörung zur Verhaftung ausgeschrieben. Höchststrafe: 25 Jahre. Der Haftbefehl wird am 17. September 2018 ausgestellt.

Ahnt Knox, dass seine Geschäftspartner ihn verraten haben? Am 3. Oktober 2018 fliegt er in die USA. Roger Knox wird Boston Logan International Airport von FBI-Agenten verhaftet. Der Finanzbetrüger fühlt sich unantastbar. Er sagt den Beamten, er habe seine Festplatten vor der Reise unwiderruflich gelöscht, erzählt der Staatsanwalt später vor Gericht.

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Die unterschriebene Aussage des zuständigen FBI-Agents bei der Strafanzeige vom 17. September 2018. bild: ch media

So hat Knox es bei Reisen in den letzten Jahren immer getan. Doch die Amerikaner haben genug Beweise gegen ihn. Warum er entgegen seiner eigenen Bedenken in die USA reist, bleibt sein Geheimnis.

Der Staatsanwalt äussert sich vor Gericht mysteriös. «Er wollte nicht in die Vereinigten Staaten kommen. Wir hatten Glück, einen internationalen Kriminellen festsetzen zu können.» Knox beharrt auf seiner Unschuld.

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Die Medienmitteilung des US-Justizministeriums. bild: ch media

Im Gefängnis führt er ein Telefonat mit einem Freund. Knox scheint darin plötzlich seine Schuld anzuerkennen, ist aber genervt davon, wie ihn das Justizministerium als Dreh- und Angelpunkt des Betruges darstellt. Knox sagt: «Ich bin nicht der Rennfahrer, ich bin der Typ, der den Tank füllt und die Frontscheibe putzt.»

Dann: «Ich bin der, der im Hinterzimmer der Eishalle die Schlittschuhe schleift, nicht der, der die Tore schiesst.» Das Gespräch wird mitgeschnitten, der Staatsanwalt präsentiert ein Transkript bald darauf dem Gericht. Er sagt über Knox: «Wir haben es hier nicht mit einem Handlanger in der Verschwörung zu tun. Er ist die Verschwörung.»

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Knox' Mercedes AMG steht noch immer in Finhaut. bild: ch media

In der Haft knickt Knox ein. Am 13. Januar sitzt er im Bostoner Gerichtsaal und tut das, von dem er wissen muss, dass es ihn jahrelang ins Gefängnis bringen wird. Er bekennt sich schuldig. Der ausgehandelte Deal: zwischen 12 und 15 Jahren Gefängnis. Über das Strafmass wird am kommenden 30. April entschieden.

Auf einem Aussenparkplatz hinter dem öffentlichen Schwimmbad in Finhaut steht noch immer die letzte Hinterlassenschaft des Finanzbetrügers. Es ist eine schwarze Mercedes-Limousine in AMG-Ausführung mit knallroten Rennbremsen. Auf der Motorhaube liegt der Staub von genau 500 Tagen, die Roger Knox bisher im Gefängnis verbracht hat.

Von hier stammen die Informationen:

Dieser Text stützt sich auf rund 200 Seiten Akten aus dem Strafverfahren gegen Roger Knox. In den USA sind diese – anders als in der Schweiz – öffentlich. Hinzu kommt ein Besuch vor Ort in Finhaut sowie einzelne Anfragen an das Büro des Bostoner Staatsanwalt und den US Marshal Service, der für Häftlinge zuständig ist. Roger Knox' Anwälte reagierten nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.

Schweizer Behörden wissen seit 2015 Bescheid

Die US-Behörden bedankten sich nach der Festnahme des Millionen-Betrügers Roger Knox bei zahlreichen ausländischen Behörden für Ihre Unterstützung.

Auf der Lobesliste ist keine einzige Schweizer Behörde aufgeführt, obwohl Knox von hier aus seinen Betrug orchestrierte. Kein Schweizer Amt war in die US-Untersuchung gegen Knox involviert.

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Bankkonten, Privat- und Geschäftsadressen, die auf Knox eingetragen sind. bild: ch media

Die Schweizer Behörden wussten aber seit November 2015 Bescheid über betrügerische Aktivitäten von Knox. Damals ging beim Bundesamt für Justiz ein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland wegen Kursmanipulation und Betruges ein, wie das Amt auf Anfrage schreibt.

Die Schweizer sollten für die Deutschen Räumlichkeiten durchsuchen. Das tat die Bundesanwaltschaft erst 2017. Laut US-Fallakten zog Knox den allergrössten Teil seiner Betrügereien also ab, als die Schweiz bereits über Verdachtsmomente gegen ihn wusste.

Laut einer Sprecherin der Bundesanwaltschaft fallen Börsendelikte in Zusammenhang mit Aktien, die in der Schweiz nicht gehandelt werden, nicht in die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft. Mittlerweile führen aber auch die obersten Schweizer Strafverfolger in dem Zusammenhang drei Verfahrenwegen Geldwäscherei. Diese richten sich gegen Knox und drei weitere Personen. In dem Verfahren gilt die Unschuldsvermutung.

Die Finanzmarktaufsicht (Finma) hat die Wintercap SA von Knox auf die Warnliste gesetzt, die frühere Firma Silverton SA taucht darauf nicht auf.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • nafets 17.02.2020 10:02
    Highlight Highlight vielen Dank für den spannenden und sensationell geschriebenen Artikel - ist viel besser als jeden Abend Krimi im TV.
    immer wieder erstaunlich, dass trotz Regulierungen, Überwachungen und verschärfte Gesetze, altbekannte Maschen und Geschäfte immer noch reibungslos funktionieren können....
  • Baccaralette 17.02.2020 07:40
    Highlight Highlight Superspannend, danke schön!!
  • glointhegreat 16.02.2020 16:13
    Highlight Highlight Hab leider schon zuviel zeitung gelesen heute. Musste darum nach 2/3 aufhören. ... Hole das aber bestimmt noch nach, sehr intressanter artikel 👍
  • atorator 16.02.2020 13:37
    Highlight Highlight Krass, in Finhaut habe ich eine ganze Saison als Skilehrer gewohnt für das Skigebiet Les Marécottes. Nachts zu Fuss nur durch gefährliche Zugtunnel erreichbar oder 20 Kilometer Umweg auf der Strasse. Die Wirtin vom Beau Soleil hat uns immer zum Apéro eingeladen und wir gingen in der Freizeit mit ihrem Söhnen immer freeriden.

    Hat zwar nichts mit dem Artikel zu tun, trotzdem schöne Erinnerungen
  • K1aerer 16.02.2020 13:10
    Highlight Highlight Sehr spannender Artikel. Wie ist es überhaupt möglich, dass die Amis das Recht haben, einfach so in der Schweiz Durchsuchungen durchzuführen?
    • ands 16.02.2020 17:12
      Highlight Highlight Haben sie nicht. Wie kommst du darauf?
      Die Durchsuchungen beim amerikanischen Anwalt dürften in den USA stattgefunden haben. Für Untersuchungen in der Schweiz gibt es die Amtshilfe.
    • Team Insomnia 16.02.2020 17:49
      Highlight Highlight Amis dürfen alles. Und wenn nicht, machen sie es trotzdem. Es hält sie ja keiner auf. Und seit der Crypto Story wissen wir das die CH ein Vasallenstaat der USA ist.
    • Olmabrotwurst vs. Schüblig 17.02.2020 08:12
      Highlight Highlight Wir sind doch kein Vasallenstaat der USA.
  • Piddy_1 16.02.2020 13:05
    Highlight Highlight Damn, das würde einen guten Krimi abgeben. :-)
  • Chatzegrat Godi 16.02.2020 13:02
    Highlight Highlight Geile story - Chapeau watson!
    • lesenderr 16.02.2020 13:23
      Highlight Highlight "leo eiholzer und roman schenkel / aargauer zeitung"
  • 90er 16.02.2020 12:55
    Highlight Highlight Danke für diesen spannenden Artikel.
  • Gorgonzola-Gonzo 16.02.2020 12:52
    Highlight Highlight Krimi am Sonntag. Freu mich auf die Netflix Verfilmung. :-)
    Der Artikel ist toll geschrieben!

Interner Bericht zeigt: Swiss prüft Kurzarbeit für bis zu 12 Monate

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