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Kommentar

5 Gründe, warum endlose Zugreisen besser sind als Fliegen (aber etwas ist ein Sch****)

Alles andere als pannenfrei ist unser watson-Reporter mit dem Zug nach Süditalien gefahren. Die Reise hat trotzdem bleibende Eindrücke hinterlassen.



Reisen statt fliegen: In meinen diesjährigen Sommerferien in Apulien (Süditalien) hat es sich ausgejettet. Stattdessen gebe ich mir die volle Zug-Dröhnung. Einerseits wegen der Klima-Diskussion, anderseits will ich auf einem Europa-Trip wieder mal mehr sehen als nur Flughafen-Terminals, den blauen Himmel und Städte aus der Vogelperspektive.

Die Route: Bern-Milano-Polignano al Mare

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Rund 1200 Kilometer liegen zwischen Bern und der Region Bari in Süditalien. bild: Googlemaps

Der Preis ist dafür auf den ersten Blick hoch: Statt fünf Stunden mit dem Flugzeug (inklusive Anreise zum Flughafen), dauert der 1200 Kilometer lange Tages-Trip von Bern via Milano mit Eurocity, Frecciabianca und Regionalzug nach Polignano al Mare bei Bari insgesamt 17 Stunden.

14 Stunden die Rückreise mit dem Nachtzug und EC zurück nach Bern. Total kostet das Retourbillett rund 250 Franken.

Darum hat sich dennoch (fast) jede Minute gelohnt:

Leute treffen

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Im Bahnhof Milano hatte der Autor noch gut lachen. Bilder: watson

Wann hast du zuletzt auf einem Europaflug Leute kennengelernt? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ganz anders auf der zehnstündigen Eisenbahn-Odyssee von Milano nach Bari.

Kurz vor Bologna steht wegen einer Grossstörung der gesamte Zugverkehr geschlagene zwei Stunden still. Im Gegensatz zu den Schweizer Pendlern nehmen es die Italiener gelassen und beginnen zu quatschen. Ich komme mit Sabato, einem italienischen Mode-Designer aus New York, ins Gespräch. Er sitzt mit seinem Hund «Spotty» im gleichen (1. Klasse)-Abteil und lädt mich später an ein Musikfestival in der Nähe seines Heimatortes ein.

Kultig sind auch die ultrakurzen Rauchpausen. Je länger die Reise dauert, desto öfter springen die Nikotinabhängigen bei den gefühlten 100 Stopps aufs Perron und Sekunden vor Abfahrt wieder in den Wagen. «Ciao, wohin fährst du? Was machst du im Leben?» Lockere und lustige Gespräche verkürzen die schier endlose Reise.

Mit über 100 Minuten Verspätung kommen wir schliesslich zu später Stunde in Bari an. Beinahe verpassen wir auch noch den letzten Regionalzug nach Polignano. Sabato und ich machen einen Deal: Ich helfe ihm beim Kofferschleppen, er löst mir dafür ein Ticket. Mit vereinten Kräften erreichen wir den letzten Zug, quatschen weiter und verabschieden uns mit einer Umarmung.

Sonnenaufgang im rollenden Bett

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Naturspektakel in der Po-Ebene.

Vergiss die Flugzeug-Sardinenbüchse: Für die Rückreise gönne ich mir im Treno Notte von Bari nach Milano ein Einzelabteil. Kostenpunkt: 90 Euro.

Komfortabler geht es nicht. Denn es ist eine Reise wie in der First-Class: Welcome-Kit mit Augenmaske, Finken und Zahnbürste. Dazu ein grosses Bett mit Duvet. Musik an, Bier auf und ich lasse mich gemütlich in die Nacht schaukeln.

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Das First-Class-Kit von Trenitalia.

Es bleibt viel Zeit, einige der schönsten Tage des Jahres in Ruhe Revue passieren zu lassen und die Ferien nochmals richtig aufzusaugen. Keine Spur vom Ankunfts-Schock, der einen bei den Jodel-Klängen im Terminal-Bähnli in Zürich-Kloten immer wieder erfasst.

Das Highlight wartet rund 2 Stunden vor Ankunft in Milano. Während der Fahrt durch die Po-Ebene erlebe ich im Halbschlaf einen atemberaubenden Sonnenaufgang. Schöner können Ferien nicht zu Ende gehen. Oder doch: Kurze Zeit später klopft es an der Türe – und der Zugbegleiter serviert einen perfekten italienischen Espresso.

Unvergessliche Momente

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Ferienfeeling pur: Blick auf den Lago Maggiore bei Stresa.

Bereits kurz nach dem Simplontunnel kommt beim spektakulären Blick auf den Lago Maggiore so richtig Ferien-Feeling auf. Nach einer Mittags-Lunchpause in Milano taucht einige Stunden später die Adria auf. Endlich am Meer!

Als der Zug in Rimini hält, kommen Jugenderinnerungen auf. Schon der Grossvater reiste früher mit Kind und Kegel (und im Nachtzug) in die Ferien an die Adria. Später rast der Zug entlang der Küste gen Süden, die gesamte Strecke ist von Rebbergen gesäumt. Dann der Sonnenuntergang. Diese Bilder vergisst man nicht so schnell.

Keine Frage: Die Reise erfordert trotz eines mit Netflix-Staffeln vollgepackten iPads viel Geduld. Der Sitz ist trotz 1. Klasse unbequem. Aber es sind erfahrungsgemäss gerade die härteren Reisen, die in Erinnerung bleiben.

Kein Check-in-Stress

Bei einer Fahrt mit dem Eurocity beginnen die Ferien bereits bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Bern. Überfüllte Check-In-Hallen oder Stress beim Boarding? Fehlanzeige. Ich lehne mich in meinem Sitz zurück und gönne mir ein Nickerchen. Nur drei Stunden später fahre ich bereits in Milano ein, der Zug ist sogar pünktlich. Der Alltagsstress ist bereits dort vergessen. Umso mehr als der Anschlusszug nach Bari zumindest pünktlich abfährt.

Kein schlechtes Gewissen

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Die Klimastreiker haben ihr Ziel erreicht. Mittlerweile habe ich ein latent schlechtes Gewissen, wenn ich in ein Flugzeug steige.

Reist man mit dem Zug, passiert genau das Gegenteil. Seinen Freunden erzählt man (ein bisschen stolz), dass man den ganzen Trip mit dem Zug zurückgelegt hat.

Eine Menge CO2 habe ich tatsächlich eingespart. Ein Retourflug von Zürich nach Bari verursacht laut Myclimate-Berechnung fast eine halbe Tonne Kohlendioxid pro Passagier. Mit der Bahn ist es nur ein Bruchteil.

Malus: Das Toiletten-Elend

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Defekte Toiletten sind leider in italienischen Zügen alles andere als ein seltenes Bild.

Die italienischen Züge sind zwar (zumindest überregional) nicht mehr vergleichbar mit den Lotterkompositionen, die vor Jahren durchs Land tuckerten. Eines ist jedoch gleich geblieben. Die Plumpsklos sind meist in einem desolaten Zustand. Und oftmals unbenutzbar und abgeriegelt.

Bist du auch mit dem Zug in die Sommerferien gefahren? Dann schreib deine aussergewöhnlichen Erlebnisse ins Kommentarfeld.

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