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Interview

Dopingexperte Mario Thevis: «In Tokio werden wenige gedopte Athleten am Start stehen»

Der 48-jährige Deutsche beurteilt seit 2004 bei allen Olympischen Spielen positive und unklare Testergebnisse von Sportlern. Der renommierte Antidoping-Wissenschaftler glaubt trotz einer Kontrolllücke nicht an besonders «schmutzige» Wettkämpfe in Tokio.
22.07.2021, 10:4722.07.2021, 14:13
rainer sommerhalder / ch media

Wegen Corona und der dadurch zeitweise stillgelegten Kontrollen gab es Befürchtungen, dass Doper dies schamlos ausnützen würden. Stehen wir in Tokio vor den «schmutzigsten» Olympischen Spielen der Geschichte?
Mario Thevis:
Ich hoffe nicht und ich sehe es auch nicht so. Aus der Perspektive des Laborleiters kann ich konstatieren, dass die Kontrollzahlen seit Oktober letzten Jahres beinahe wieder das normale Niveau erreichen. In der jüngsten Vergangenheit lagen sie sogar höher als üblich. Das sind Anzeichen einer sehr hohen Testintensität. In diesen gut acht Monaten vor den Spielen werden auch die relevanten Zeiträume der Athleten für missbräuchliche Anwendungen von Substanzen abgedeckt. Man darf und soll natürlich nicht ausschliessen, dass der Einbruch der Testaktivitäten zuvor von Dopern ausgenutzt wurde. Aber ich würde mir nicht allzu grosse Sorgen machen, dass wir vor den schmutzigsten Spielen der Geschichte stehen könnten.

Und die Dopingbekämpfer zaubern sehr oft vor Olympia neue Möglichkeiten aus dem Hut, um Stoffe wie Anabolika oder Epo besser zu entdecken. Mit was überraschen Sie mutmassliche Doper in Tokio?
Das werde ich an dieser Stelle natürlich nicht verraten! Man darf aber erwarten, dass die analytischen Testverfahren besser geworden sind. Unter anderem aufgrund der vergangenen 18 Monate, wo wegen ausbleibenden Kontrollanalysen intensiv an Verbesserungen der Methoden gearbeitet wurde. Anabole Wirkstoffe können sicherlich besser getestet werden, als es noch vor zwei Jahren der Fall war.

Mario Thevis.
Mario Thevis.
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Mario Thevis
Der 48-Jährige ist Leiter des renommierten Antidoping-Labors und Direktor des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln. Der forensische Chemiker hat eine Professur in präventiver Dopingforschung. Zu Thevis’ Forschungsschwerpunkten gehört die Entwicklung neuer Nachweisverfahren für die Dopinganalytik. Er ist insbesondere ein weltweiter Experte für anabole Wirkstoffe und neuartige Substanzen ohne klinische Zulassung. «Da kann ich mitreden», sagt Thevis zu seiner Qualifikation.

Trotzdem: Muss man auch in Tokio 10 Jahre warten, bis man die wahren Sieger kennt, weil Betrüger wie in Peking und London erst mit Nachkontrollen von eingefrorenen Urinproben erkannt werden?
Das ist insbesondere für jene Athleten, die an den Olympischen Spielen ihrer Siegerehrung beraubt werden, sehr unbefriedigend. Die Nachkontrollen sind eine Strategie des Antidopingkampfes, die sich als besonders wirksam und wertvoll herausgestellt hat. Ob sich das Bild von Peking und London bei Nachkontrollen von Proben aus Tokio wiederholt, wird die Zukunft zeigen.

Der Begriff Gendoping ist in aller Munde. Ist ein Olympiasieger im schlimmsten Fall eine Art Mutant?
(lacht) Das würde ich nicht vermuten wollen. Wobei man anmerken muss, dass die Möglichkeiten der genetischen Manipulation im therapeutischen Sinne enorme Fortschritte gemacht haben. Das bedeutet natürlich auch, dass das Missbrauchspotenzial wächst. Das ist uns bewusst und es wird betreffend Testverfahren intensiv geforscht. Einige Verfahren sind schon etabliert, andere befinden sich in einer fortschrittlichen Entwicklungsphase. Die Gentherapie ist noch eine sehr junge Wissenschaft, so dass man sich über die kurz-, mittel- und langfristigen Konsequenzen noch nicht ganz im Klaren ist.

«Mir ist kein einziger Fall bekannt, in welchem Gendoping nachgewiesen wurde.»

Was wollen Sie damit sagen?
Ich nehme an, dass selbst wenn im Sport versucht werden sollte, damit zu manipulieren, es aufgrund der enormen Risiken nur eine sehr geringe Zahl von Athleten sein dürfte. Das kann sich in Zukunft möglicherweise ändern, aber ich würde derzeit von einem verschwindend kleinen Anteil ausgehen.

Seit wann beobachtet man, dass im Bereich Doping mit Genmodifikationen experimentiert wird?
Mit dem Thema beschäftigt sich eine Expertengruppe der Wada bereits seit 2003. Mir ist jedoch kein einziger Fall bekannt, in welchem Gendoping nachgewiesen wurde. Einige wenige Male stiess man auf Diskussionen zu solchen Ideen in der Dopingszene. Auch im Fall der «Operation Aderlass» sprachen involvierte Personen von möglichen Gendopingstrategien im Bereich von EPO.

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Also ist es wie ein bemannter Flug zum Mars: Man hält es für realistisch, aber es ist noch nie passiert?
Ich würde eher von einem Flug zum Mond sprechen.

Da waren aber schon Leute!
Ich sage es deshalb, weil in Tierversuchen erfolgreich Genmanipulationen durchgeführt wurden, welche alle Kriterien zur Steigerung des Leistungsvermögens auch beim Menschen erfüllen würden.

Wie gut könnte man Gendoping denn nachweisen?
Die Tierversuche haben aufgezeigt, dass die genetisch manipulierte EPO-Produktion eigene charakteristische Merkmale aufweist. Man kann es mit entsprechenden Tests also durchaus nachweisen. Die Analytik befindet sich betreffend Gendoping also keinesfalls auf verlorenem Posten.

Im Vorfeld von Olympia wurden so viele Kontrollen wie noch nie gemacht und doch bleiben sehr wenige Betrüger und kaum je ein Star mit positiven Tests hängen. Ist die Kontrolltätigkeit nutzlos?
Das würde ich durchaus anders sehen. Die Kontrolltätigkeit erfüllt ja – zumindest aus der Warte des sauberen Sports betrachtet – erst dann ihren Zweck, wenn viele Kontrollen, die den höchsten Ansprüchen genügen, durchgeführt werden und deren Ergebnisse negativ sind. Dann haben wir das Ziel erreicht. Wenn wir Kontrollen machen und viele davon positiv sind, hätten wir es offensichtlich mit einem grossen Dopingproblem zu tun. Ich sehe also kein Missverhältnis oder gar eine Nutzlosigkeit. Ganz im Gegenteil. Das Verhältnis zeigt, dass gewisse Mechanismen anscheinend greifen.

Der ehemalige Wada-Direktor David Howman kritisierte diese Woche an einem Podiumsgespräch, es werde viel zu viel Geld zu wenig zielorientiert ausgegeben. Teilen Sie diese Ansicht?
Ja und Nein. Verdachtsmomente für gezieltere Aktionen resultieren nicht selten aus Informationen von Blut- und Urinproben und ermöglichen das gezielte Vorgehen gegen verdächtige Athleten, basierend auf einem herkömmlichen Test. Man kann die Aussage aber dennoch ein Stück weit teilen, wenn man sich die Priorisierung der limitierten finanziellen Ressourcen im Antidopingsystem betrachtet. Die Frage, was sinnvoll ist und was nicht, kann durchaus hinterfragt werden.

In Ihrem Labor an der Sporthochschule Köln werden jährlich mehr als 25'000 Dopingproben analysiert. Was fällt Ihnen dabei auf?
Auffällig ist, dass die administrativen und analytischen Anforderungen immer grösser werden. Grundsätzlich zurecht, denn das Thema ist sehr komplex. Auch wir lernen jeden Tag dazu und wollen selbstverständlich bestmögliche analytische Daten liefern. Aber gleichzeitig ist die Preisstruktur derart, dass wir nicht teurer werden dürfen, sondern im Gegenteil wird von uns erwartet, dass wir effizienter und kostengünstiger sind. Das ist aus meiner Sicht eine negative Entwicklung, weil es dem Ziel der möglichst umfangreichen und zielgerichteten Tests im Wege steht.

Werden Sie konkreter!
Forschungsarbeit, die unter anderem auch von der Wada finanziell unterstützt wird, könnte mehr Analysemöglichkeiten für Dopingkontrollproben erlauben. Aber das ist kostenintensiv und nicht selten muss entschieden werden, auf welche Substanzen man eine Probe nun testet und auf welche nicht.

Muss man sich das wie einen Besuch im Restaurant vorstellen. Auf der Menükarte gibt es viele verlockende Speisen, aber man kann sich nur Salat und Pizza leisten?
(lacht) In etwa so, wobei es ein definiertes Pflichtmenü gibt, das obligatorisch ist und eine Vielzahl aller relevanten Wirkstoffe abdeckt. Zudem erfordert das Regelwerk zum Beispiel bei Ausdauersportarten einen gewissen Prozentsatz an EPO-Analysen. Aber es gäbe durchaus eine grössere Menge an Analysemöglichkeiten, wo letztlich das Budget über die Durchführung entscheidet.

Corona hat gemäss Mario Thevis auch bewirkt, dass die Experten mehr Zeit hatten, um mit Forschung Doping besser zu erkennen.
Corona hat gemäss Mario Thevis auch bewirkt, dass die Experten mehr Zeit hatten, um mit Forschung Doping besser zu erkennen.
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Also könnte man aus bestehenden Proben noch mehr rausholen. Das analytische Wissen wird in der Praxis gar nicht ausgereizt?
Das kann man so ausdrücken. Aber auch im Bereich der Forschung ist eine Entwicklung zu beobachten, die mich als Wissenschaftler beschäftigt. Die globalen Finanzierungsmöglichkeiten für die Antidopingforschung haben in den vergangenen Jahren signifikante Einbussen zu verzeichnen gehabt. Gute Ansätze, die Forschung und Entwicklung rechtfertigen würden, haben dadurch bisweilen kaum eine echte Chance, weil sie nicht finanziert werden können.

Also wäre in der Dopinganalytik mit genügend Geld schneller ein grösserer Fortschritt möglich?
Das würde ich so sehen. Aus eigener Perspektive kann ich berichten, dass in den letzten 18 Monaten, wo coronabedingt deutlich weniger Routineproben zu bearbeiten waren, zahlreiche Fragestellungen der Antidopinganalytik aufgegriffen wurden, die man bei entsprechender finanzieller Unterstützung viel besser vorantreiben könnte. Ich muss betonen, dass wir in Köln auf eine grundsätzlich solide Finanzierung der Antidopinglabors zurückgreifen können. Aber dennoch: Zahlreiche Ideen, die das Dopingkontrollsystem wahrscheinlich deutlich verbessern könnten, stossen in der Entwicklung an Ressourcengrenzen.

Die Katze beisst sich in den eigenen Schwanz, weil die Wada Geld für Rechtsfälle anstelle von Forschung einsetzen muss?
Möglicherweise. Die Antidopingforschung verfolgt unter anderem das Ziel, dass dank besseren Daten der Analytik eindeutigere Befunde vorliegen und es damit weniger Streitpunkte gibt, die in kostspieligen rechtlichen Auseinandersetzungen münden.

Die Anforderungen der Wada mit immer mehr Regularien und höheren Standards erschweren auch für ein Labor die Konzentration auf das Wesentliche. Läuft der Dopingkampf in die falsche Richtung?
Ich bin ein wenig hin und hergerissen. Ich kann bestätigen, dass der administrative und logistische Aufwand enorm angewachsen ist. Zum Teil berechtigterweise, schliesslich ist unser Anspruch auch hier, optimale Voraussetzungen und Dienstleistungen für den Antidopingkampf zu liefern. Allerdings gibt es auch Punkte, die mit der Praxis schwerlich zu vereinbaren sind und viel Aufwand, aber nicht unbedingt relevanten Mehrwert bedeuten.

«Die Arbeit und die intensiven Kontrollen im Vorfeld der Spiele sprechen dafür, dass wir nicht allzu viele positive Befunden in Tokio erleben werden.»

Zum Schluss eine Einschätzung: Was denken Sie, wie viele Athleten in Tokio sind gedopt?
Ich hoffe und denke, dass aufgrund der zuletzt deutlich intensivierten Kontrolltätigkeit wenig gedopte Athleten in Tokio am Start stehen.

Ist diese Aussage nun realistisch, optimistisch oder schlicht naiv?
Vielleicht ein bisschen von allem. Für mich gilt stets der Grundsatz: Jeder Athlet ist unschuldig, bis seine Schuld analytisch oder anderweitig bewiesen ist. Die Arbeit und die intensiven Kontrollen im Vorfeld der Spiele sprechen dafür, dass wir nicht allzu viele positive Befunden in Tokio erleben werden. Aber man darf auch nicht erwarten, dass sich alle an die Regeln halten.

Benjamin Cohen, der Direktor der International Testing Agency, behauptet, das Fenster für Doper sei klar kleiner als vor zehn Jahren. Teilen Sie die Einschätzung?
Diese Aussage kann ich unterstützen. Testmöglichkeiten und Analysemethoden sind deutlich besser geworden. Die Nachkontrollen zeigen auch, dass unerlaubte Substanzen, die 2008 noch oft gefunden wurden, 2016 gar nicht mehr vorkamen. Der Schluss daraus ist, dass viele Dopingmöglichkeiten nicht mehr bestehen, weil sie heute sehr gut entdeckt werden können. Diese Einschätzung setzt voraus, dass die Kontrollen ordnungsgemäss durchgeführt, die Proben nicht manipuliert, und Testverfahren auf aktuellstem Stand eingesetzt wurden. Sotschi 2014 oder jüngst die Untersuchungen im Gewichtheben haben gezeigt, dass Urinproben bereits manipuliert wurden, bevor sie analytisch untersucht werden konnten, etwa mit der Abgabe von Fremdurin. Und natürlich gibt es immer wieder auch neue Substanzen, die zu Dopingzwecken eingesetzt werden können, die gegebenenfalls nicht unmittelbar in Analysen auffallen.

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