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Véronique Rebetez mit Simon Hitzinger. Er stand ihr bei der Entwicklung der Sextoys mit Rat und Tat zur Seite.
Véronique Rebetez mit Simon Hitzinger. Er stand ihr bei der Entwicklung der Sextoys mit Rat und Tat zur Seite.
bild: watson

Sextoys für Querschnittgelähmte: Wie diese Studentin ein Tabu bricht

Können Querschnittgelähmte Sex haben? Klar können sie. Eine Design-Studentin wagte den Tabubruch und kreierte Sextoys, die nicht die Genitalien, sondern andere, nicht minder erogene Zonen in den Fokus nehmen.
04.09.2021, 20:2104.09.2021, 20:56

«Menschen hatten schon im Altertum Sex mit Gegenständen. Man fand Objekte, die aus prähistorischer Zeit stammen, die wohl für Spielereien beim Sex genutzt wurden.» Über Sex zu sprechen, fällt Véronique Rebetez nicht schwer. Sie ist 24 Jahre alt, eine offene, lebendige Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Seit dem Sommer hat sie den Bachelor an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) in der Fachrichtung Industrial Design im Sack. Und Sex gehört seit ihrer Abschlussarbeit sozusagen zu ihrem Kerngebiet. Oder besser gesagt: Sexspielzeuge.

Inzwischen seien Sexspielzeuge als neues Konsumgut weitgehend akzeptiert. «Doch die meisten Toys sind gemacht für Körper, die der vermeintlichen Norm entsprechen und um Penis oder Vulva zu stimulieren. Und meistens steht die Penetration im Mittelpunkt.» Dabei sei Sex so viel mehr als das. Und vor allem werde ausgeschlossen, dass es Menschen gebe, die Sex nicht hauptsächlich über die Genitalien ausleben», sagt Rebetez.

«Ich weiss heute, dass ich meine erogenen Zonen nicht verloren habe, sondern ich sie gezielt ansprechen und trainieren kann.»
Simon Hitzinger, Rollstuhlfahrer

So wie Simon Hitzinger. Seit einem Unfall mit 17 Jahren ist er querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Für den heute 28-Jährigen habe sich seither vieles verändert. Gleich geblieben sei aber seine Sexualität. «Ich verspüre nach wie vor Lust und ich habe auch nach wie vor Sex. Nur eben nicht mehr so wie vorher.» Zwar könne er noch immer Geschlechtsverkehr haben. Doch es sei schwieriger, zum Orgasmus zu gelangen und er habe keine Ejakulation. Das sei nach dem Unfall zwar ein herber Rückschlag gewesen, doch inzwischen habe Hitzinger seinen Körper neu kennengelernt. «Ich weiss heute, dass ich meine erogenen Zonen nicht verloren habe, sondern ich sie gezielt ansprechen und trainieren kann.»

Tatsächlich hat Sexualität mehr mit dem Gehirn als mit den Genitalien zu tun. Erregung und Lust findet im Kopf statt. Rebetez sagt: «Und solange der noch funktioniert, bleibt auch die Lust dieselbe.» Wer also nach einem Unfall seine Genitalien nicht mehr gleich spürt wie vorher, könne lernen, sexuelle Reize auf andere Körperregionen zu übertragen. «So erschliessen sich neue, bisher ungenutzte erogene Zonen. Das genitale Konzept von Sexualität gerate in den Hintergrund, wichtiger würden andere Wahrnehmungen, Gefühle oder Fantasien», so Rebetez.

Darauf fokussieren die von ihr designten Sextoys. Es geht nicht um die Stimulation des männlichen oder weiblichen Geschlechtsteils, sondern um andere Körperregionen und andere Empfindungen. Nach einer ausführlichen Recherche zum Thema und Interviews mit Fachpersonen und Betroffenen, darunter auch Simon Hitzinger, entwarf Rebetez fünf Objekte. Eines für jeden Sinn: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen.

Ein Keramikstein etwa, der bequem in die Hand passt und entweder erwärmt oder gekühlt werden kann. Der an der Unterseite eine fein kratzende Struktur hat, womit ganz punktuelle Berührungen möglich sind oder auch grossflächige. Oder ein kleines Mikrofon, das am Handgelenk angebracht wird und eigens erzeugte Geräusche direkt auf Kopfhörer überträgt.

bilder: zvg

Gerade dieses auditive Sexspielzeug habe sie in der Wirkung sehr überrascht. «Man hört damit die Berührungen am eigenen Körper mehrfach verstärkt. Das erzeugt ein sehr intimes, erotisches Gefühl.» Am besten gefalle ihr das Toy für den Geschmackssinn: Ein kleines Objekt aus Silikon, das man in den Mund nehmen könne. Feine Noppen an der Unterseite seien für die Zunge sehr spannend zu erforschen. Diese schmecke nicht nur, sondern reagiere auch sehr sensibel auf Berührungen. Zusätzlich aufregend: Das Silikonobjekt könne mit Schokosauce, Erdbeersirup oder irgendeinem anderen beliebigen Geschmack befüllt werden.

Seit er Rollstuhlfahrer sei, spüre er im Bett die Energie zwischen zwei Körpern verstärkt, sagt Hitzinger. Die Wärme zum Beispiel. Darauf habe er sich vorher wohl wenig geachtet. Auch wichtiger geworden sei das Visuelle. «Sex im Dunkeln ist nicht so meins.» Die Toys von Rebetez konnte er noch nicht ausprobieren. Es handelt sich auch erst um Prototypen, die nicht für den breiten Markt gedacht sind. Sondern vielmehr zur Enttabuisierung eines Themas, das bisher kaum jemand auf dem Schirm hat. Hitzinger sagt: «Wie Sex zwischen zwei gesunden Menschen funktioniert, lernt man in der Schule. Wie das bei Leuten wie mir geht, bei denen nicht alles gleich funktioniert, darüber lernt man nichts.»

«Wir benutzen einen Bruchteil unserer erogenen Zonen. Mit etwas Training würde sich so manchen eine Welt auftun, von der sie keine Ahnung hatten, dass sie überhaupt existiert.»
Véronique Rebetez, Sextoy-Designerin

Auch Nicht-Querschnittgelähmte könnten von dieser Diskussion profitieren, ist Rebetez überzeugt. Sie selbst, die körperlich uneingeschränkt lebt, habe das während der Entwicklung ihrer Sextoys gemerkt. «Ich habe sehr viel gelernt. Vor allem wie vielseitig Sex und Sexualität sein kann. Wir benutzen einen Bruchteil unserer erogenen Zonen. Mit etwas Training würde sich so manchen eine Welt auftun, von der sie keine Ahnung hatten, dass sie überhaupt existiert.»

Wie es nun mit ihren Sextoys weitergeht, weiss Rebetez noch nicht. Sie steht im Gespräch mit einigen Sexshops und ist daran, Netzwerke zu Toy-Produzenten aufzubauen. Einige bekunden durchaus Interesse an Spielzeugen, die nicht nur auf Genitalien fokussieren. «Aber alles zu seiner Zeit. Ich bin erstmal gespannt, was ausserhalb der Studi-Bubble auf mich wartet», sagt sie.

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