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Supporters of President Donald Trump rally outside of the Georgia State Capitol in Atlanta on Saturday, Nov. 21, 2020. (AP Photo/Ben Gray)

Trump-Anhänger vor dem Kapitol in Atlanta, der Hauptstadt des US-Staates Georgia. Bild: keystone

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Sie wollen Politik, die ihnen schadet: Die masochistischen Trump-Wähler

Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern unterstützen Politik, die ihnen das Leben erschwert. Doch sie sind nicht einfach blöd, sondern Opfer von Kräften, gegen die sie wenig anrichten können.

Marko Kovic



Die Wochen nach der Präsidentschaftswahl in den USA sind ein unsäglicher, aber irgendwie auch passender Abschluss der irrwitzigen Trump-Präsidentschaft: Trump, der amtierende Präsident, hat verloren, aber er baut sich ein Schloss aus alternativen Fakten, verbreitet lauthals Verschwörungstheorien über angeblichen Wahlbetrug und proklamiert sich in regelmässigen Abständen auf Twitter zum Sieger.

Dass Trump seine Niederlage nicht in Würde akzeptiert, war absehbar. Das eigentlich Erstaunliche an dieser grotesken Episode postfaktischer Realitätsverweigerung ist vielmehr, dass viele Millionen von Menschen in den USA der Meinung sind, Trump habe recht. Gemäss einer Umfrage von Mitte November finden es ganze 65% der republikanischen Wählerinnen und Wähler richtig, dass Trump seine Niederlage nicht eingesteht – und ganze 75% glauben, dass Wahlbetrug zugunsten von Joe Biden stattgefunden habe.

epa08836578 Supporters gather outside of the Trump National golf club in Sterling, Virginia, USA, 22 November 2020 as US President Donald J. Trump is at the golf course.  EPA/Oliver Contreras / POOL

«Stop the Steal» – eine Mehrheit der republikanischen Wähler ist überzeugt davon, dass Wahlbetrug zugunsten von Joe Biden stattgefunden hat. Bild: keystone

Das ist erschütternd. Nicht zuletzt, weil Millionen der Amerikanerinnen und Amerikaner, die Trump bis aufs Letzte die Treue halten, einfache Leute aus bescheidenen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen sind, denen Trumps Politik der letzten vier Jahre ganz direkt geschadet hat. Trump hat elementare Arbeiterrechte abgebaut; den Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung für Arme erschwert; Steuern für Unternehmen massiv gesenkt; gigantische Steuergeschenke an Reiche gemacht; jahrelang Obamas Affordable Care Act torpediert (mit dem Endziel, Gesundheitsversicherung für Millionen ärmerer Menschen unerschwinglich zu machen); Unternehmen erlaubt, keine Pensionskassenbeiträge mehr zu zahlen; und so fort. Die Liste der Missetaten Trumps gegen einfache Arbeiterinnen und Arbeiter ist lang und eklatant – und trotzdem liegen Trump Millionen just jener Menschen, deren Leben seinetwegen schlechter wurden, weiterhin zu Füssen.

Wie kann das sein? Warum unterstützen Menschen politische Persönlichkeiten und Parteien und Positionen, mit denen sie sich ins eigene Fleisch schneiden? Warum sind Menschen politisch derart offenkundig irrational?

Die einfache Antwort wäre, all diese Leute einfach als einfältig und dumm abzutun. Wer den Stiefel, der einem beständig in den Hintern tritt, mit Genuss leckt, ist halt selber schuld. Doch gar so einfach sollten wir es uns nicht machen. Es kann schwierig sein, sich als Individuum gegen die Faktoren, welche zu diesem paradoxen politischen Verhalten führen, zu stemmen; besonders, wenn es sich um systemische Dynamiken handelt, gegen die das Individuum wenig ausrichten kann.

Die kollektive politische Entmündigung, wie sie in Trumps USA zu beobachten ist, wird durch mindestens drei Probleme befeuert.

Politische Bildung: Wenn das Wissen fehlt

Donald Trump hatte bereits in den Vorwahlen von 2016 stolz verkündet, dass er die «schlecht Gebildeten», also Leute mit eher tieferem Bildungsgrad, liebe. Und sie lieben ihn bis heute zurück: Auch bei den Wahlen von 2020 haben Menschen ohne Hochschulabschluss eher Trump gewählt (am deutlichsten die Untergruppe der weissen Männer). Warum?

Tieferer Bildungsgrad korreliert tendenziell mit sozio-ökonomischem Status. Das bedeutet, dass viele Menschen ohne höhere Bildungsabschlüsse klassische Arbeiterinnen und Arbeiter sind. Trump umgarnt diese grosse Gruppe von Menschen seit Jahren mit diversen Nebelpetarden; sei es mit ziemlich absurden leeren Versprechen (die angekündigten Jobs im Kohleabbau sind nicht zurückgekehrt) oder mit grosskotzigen, aber letztlich nutzlosen Gesten (der Handelskrieg mit China hat die materiellen Bedingungen der Arbeiterschaft in den USA nicht verbessert).

Einer der Gründe, warum wirtschaftlich schlechter gestellte Menschen auf Trump reinfallen, dürfte sein, dass sie tendenziell weniger gut informiert sind. Das ist nicht herablassend gemeint, sondern schlicht eine neutrale Beobachtung: Es gibt einen recht deutlichen Zusammenhang zwischen sozio-ökonomischem Status und dem Grad der Informiertheit über Sachfragen und Argumente. Es ist denn auch kein Geheimnis, dass sich unter Trumps Wählerinnen und Wählern überproportional viele «Low Information Voters» finden; Menschen also, die über konkrete politische Inhalte nur am Rande Bescheid wissen.

FILE - In this Oct. 24, 2020, file photo, President Donald Trump speaks during a campaign rally in Circleville, Ohio. Trump’s 2020 reelection campaign was powered by a cell phone app that allowed staff to monitor the movements of his millions of supporters, and offered intimate access to their social networks. The app lets Trump’s team communicate directly with the 2.8 million people who downloaded it and if they gave permission, with their entire contact list as well. (AP Photo/Evan Vucci, File)
Donald Trump

Tendenziell weniger gut informiert: Trump-Anhänger an einer Wahlkampf-Veranstaltung in Ohio. Bild: keystone

Wenn Menschen, die weniger gut informiert sind, politische Entscheidungen treffen, tun sie dies oft über vereinfachende Abkürzungen. Emotionen, Autoritäten, Stereotype, Wunschdenken und dergleichen dienen dann als Signale und Daumenregeln, an denen sie sich orientieren. Das führt aber oft dazu, dass sich Menschen von vermeintlich nützlichen Anhaltspunkten in die Irre führen lassen. Wenn Trump mit seiner Demagogie reale Ängste und Sorgen anspricht, ist das ein Signal, dass Trump auf ihrer Seite ist und sich für sie einsetzt. Dass das aber nur eine vordergründige rhetorische Maske ist, hinter der eine hässliche politische Fratze lauert, können sie nicht erahnen.

Das Problem mit der mangelnden Informiertheit darf aber nicht einfach den mangelhaft Informierten in die Schuhe geschoben werden. Der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Umständen und Wissen ist letztlich nämlich eine Frage von Klassenunterschieden: Wer aus besseren materiellen Bedingungen stammt, hat grosse Vorteile und bessere Chancen auch im Kontext der politischen Bildung. Die Frage, die sich letztlich stellt, ist also nicht, warum weniger gut informierte Menschen weniger gut informiert sind, sondern wie die materiellen Unterschiede, die zu diesem Informationsdefizit führen, getilgt werden können.

Der Appell an die Trump-Wähler

Video: watson

Tradition und Gruppendenken: Mein Team ist das beste

Eine perfekt rationale Person müsste rein theoretisch bei jeder Wahl und in jeder Sachabstimmung die eigenen Präferenzen mit den verfügbaren Optionen abgleichen und dann, den maximal möglichen Nutzen kalkulierend, eine Entscheidung treffen. Doch diese perfekt rationale Person gibt es in der Realität nicht.

Wenn man voraussagen will, wie eine Person wählt, ist das zuverlässigste Modell, einfach anzuschauen, wie die Person bei den letzten Wahlen entschieden hat. Menschen sind Gewohnheitstiere, auch in der Politik. Politische Entscheidungen sind selten rationale Abwägungen, weil wir den Rucksack unserer politischen Biografie immer mittragen und ihn nie wirklich ablegen können. Die Initiative der Partei A klingt inhaltlich zwar ganz gut, aber kann ich wirklich etwas unterstützen, was von links kommt? Kandidatin X gefällt mir inhaltlich eigentlich am besten, aber darf ich wirklich meine Partei verraten?

Diese Trägheit der politischen Präferenzen verstärkt sich durch das menschliche Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit. Wir alle suchen ganz intuitiv Halt und Identität in jenem politischen Lager, mit dem wir am ehesten vertraut sind. Die Zugehörigkeit zu unserem politischen Stamm kann dabei ganz zufällig sein; vielleicht wurde in der Familie eine klare politische Linie gepredigt; vielleicht sind wir in einem sozialen Umfeld gross geworden, in dem bestimmte politische Ansichten als selbstverständlich gelten.

In den USA hat sich dieses politische Gruppendenken in den letzten Jahrzehnten wegen institutioneller Eigenheiten drastisch zugespitzt, wie der Journalist Ezra Klein in seinem Buch «Why We’re Polarized» argumentiert. Egal, ob Parlament oder Exekutive, ob in der Gemeinde, im Bundesstaat oder auf nationaler Ebene: Die zentrale Logik der amerikanischen Politik lautet «Winner takes all». Die Gewinner kriegen alle Macht und die Verlierer schauen in die Röhre.

Die Gewinner tun ihr Bestes, um den Verlierern zu verunmöglichen, jemals wieder zu gewinnen, zum Beispiel in Form des «Gerrymandering»; der Praxis, Wahlkreise umzudefinieren, um daraus Vorteile bei Wahlen zu ergattern. In einem derart auf Polarisierung ausgelegten System wird das politische Gruppendenken, die Rivalität zwischen politischen Lagern und Identitäten, mit der Muttermilch aufgesaugt. Es geht nicht mehr um einen Wettbewerb von Ideen, sondern um den erbitterten Kampf der Guten gegen die Bösen.

Rep. Alexandria Ocasio-Cortez, D-NY, speaks during a news conference outside the United States Postal Service Jamaica station, Tuesday, Aug. 18, 2020, in the Queens borough of New York. The Postal Service said it has stopped removing mailboxes and mail-sorting machines amid an outcry from lawmakers, as President Donald Trump denied he was slowing service. Democrats and some Republicans say actions by a Trump ally and a major Republican donor, new Postmaster General Louis DeJoy, have endangered millions of Americans who rely on the Postal Service for prescription drugs and other needs. (AP Photo/John Minchillo)
Alexandria Ocasio-Cortez

Verkörperung des Bösen für manche Trump-Anhänger: Die linke demokratische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez. Bild: keystone

Divide et impera: Propaganda, Desinformation, Fake News

Die eingefleischten Trump-Fans, denen Trumps Politik in Tat und Wahrheit schadet, sind einerseits also biografiebedingt oft weniger gut informiert und andererseits fühlen sie sich in jenem politischen Lager, in das sie hineinsozialisiert wurden, zuhause. Doch das alleine erklärt noch nicht, warum so viele dieser Menschen Donald Trump mit einer derartigen Inbrunst vergöttern, dass sie bereit sind, Demokratie und Rechtsstaat auf dem Altar des Trumpismus zu opfern. Hier kommt noch eine dritte Komponente ins Spiel: politische Propaganda.

In einer idealen Welt würde der öffentliche Diskurs, also unsere kollektive gesellschaftliche Debatte über Probleme und ihre Lösungen, nur aus aufrichtigen, ehrlichen Meinungen bestehen. Wir würden alle nur Argumente ins Feld führen, von denen wir aufrichtig überzeugt sind, und wir wären bereit, unsere Meinung zu revidieren, wenn jemand ein besseres Gegenargument präsentiert. Die Realität funktioniert natürlich anders. Im öffentlichen Diskurs gehen politische Akteure meistens strategisch mit dem Ziel vor, so viele Menschen wie möglich zu einem für die Akteure vorteilhaften Verhalten zu bewegen. Es geht also meistens nicht darum, den eigenen Standpunkt zur Debatte zu stellen, sondern schlicht um möglichst wirksame Überzeugungsarbeit.

Das wäre im Kleinen durchaus noch tolerierbar. Schliesslich wollen wir ja alle unsere eigene Meinung durchsetzen und andere von unserer Sicht der Dinge überzeugen. Doch wenn die Öffentlichkeit durch professionelle, breit angelegte Propaganda und Desinformation gekapert wird, werden normale Menschen zum Spielball mächtiger Parteien, Organisationen und Unternehmen. Und genau dieser Zerfall der Öffentlichkeit fand in den letzten rund 25 Jahren in den USA statt, mit der Konsequenz, dass Millionen von Menschen auf eine von Verschwörungstheorien und Hass geprägte Weltsicht konditioniert wurden – der Boden, auf dem Trumpismus zur Entfaltung kam.

Das wichtigste Puzzleteil in dieser langjährigen Propagandaarbeit ist ein Geflecht von rechtskonservativen Medienorganisationen und Fake News-Outlets, die die Funktion ideologischer Leuchttürme und Megafone ausüben. Die Speerspitze dieser Propagandamedien ist der 1994 gegründete Sender Fox News, finanziert durch den rechtskonservativen australischen Medienmogul Rupert Murdoch und zu durchschlagendem Erfolg geführt durch Roger Ailes, Richard Nixons ehemaligen Propaganda-Berater.

Die Erfolgsformel von Fox News ist simpel, war in den 1990er Jahren aber revolutionär: Es wird so getan, als ob man objektiv und neutral sei (der Slogan von Fox News war lange Zeit «Fair and Balanced», also: «fair und ausgewogen»), doch in Tat und Wahrheit werden entweder sachliche Nachrichten in ein rechtskonservatives Deutungsschema gepresst, oder es werden ganz einfach und direkt rechtskonservative Meinungen und Verschwörungstheorien herausposaunt. Die letzten Jahre fungierte Fox News denn auch als ungefiltertes Sprachrohr für Trump, und Fox-News-Stars wie Tucker Carlson, Sean Hannity oder Laura Ingraham haben massgeblich nicht zuletzt dazu beigetragen, Coronavirus-Desinformation und -Verschwörungstheorien in die Köpfe von Millionen von konservativen Amerikanerinnen und Amerikaner zu hämmern.

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Ungefiltertes Sprachrohr für Trump: Fox-News-Moderatoren Tucker Carlson (l.) und Sean Hannity. Bild: keystone

Fox News ist auch heute zwar nach wie vor ein Propaganda-Gigant, aber das amerikanische Desinformations-Mosaik ist mit den Jahren komplexer geworden. Im Genre des «Talk Radio» erreichen rechtskonservative Talk Show Hosts wie Rush Limbaugh, Mark Levin, Glenn Beck oder der Fox-News-Moderator Sean Hannity Millionen von Menschen, die ihnen Tag für Tag an den Lippen hängen. Nachrichten-Websites wie Breitbart, The Daily Wire, The Daily Caller, RedState, The Blaze, One America News Network, Newsmax und viele andere mehr verbreiten wilde Desinformation ohne auch nur den Hauch journalistischer Standards.

Lokale Medien, die historisch parteipolitisch neutral waren, mutieren immer stärker zu Netzwerken für rechtskonservative Manipulation; im Fernsehmarkt zum Beispiel in Form der konservativen Sinclair Broadcast Group, bei Nachrichtenwebsites in Form des Fake News-Imperiums von Brian Timpone, wo die republikanische Partei und PR-Firmen direkt Propaganda-Artikel in Auftrag geben können. Und auf YouTube spriessen konservative Propaganda-Kanäle wie Pilze aus dem Boden; Prager University (trotz des Namens hat das nichts mit einer Hochschule zu tun), The Rubin Report, Louder with Crowder, Mark Dice, Conservative Twins, Tim Pool und viele andere erreichen mit ihren bizarren Verschwörungstheorien und ihrer rechtskonservativen Desinformation täglich Dutzende von Millionen nicht zuletzt jüngerer Menschen.

Die propagandistischen Fäden ziehen im Hintergrund oft superreiche Individuen und wirtschaftsnahe Lobbygruppen, und zwar mit dem reichlich offensichtlichen Ziel, ihre wirtschaftlichen Interessen zu schützen. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Multimilliardär Charles Koch, der sich nach den Wahlen von 2020 für die jahrzehntelangen Propagandaoperationen, die sein verstorbener Bruder und er finanziert haben, reuig zeigte (Die gut geölte Koch-Propaganda-Maschinerie scheint indes, trotz Charles Kochs schlechtem Gewissen, munter weiterzulaufen). Hinter Breitbart steckt der Milliardär Robert Mercer, der 2016 auch massgeblich am Cambridge-Analytica-Datenskandal beteiligt war (Mercer gehörte zu den Investoren von Cambridge Analytica). Hinter The Blaze, der Medienorganisation, die Figuren wie Glenn Beck, Dave Rubin, Mark Levin und Steven Crowder ein lukratives Zuhause bietet, steckt der Milliardär Cary Katz.

FILE - In this May 22, 2012 file photo, Charles Koch speaks in his office at Koch Industries in Wichita, Kansas. Koch, one of the most influential conservative donors, said he is fed up with the vitriol of the presidential race and will air national TV ads that call on Americans to work together to fix a “rigged” economy that leaves behind the poor.  (Bo Rader/The Wichita Eagle via AP, File)

Gut geölte Propaganda-Maschinerie: Charles Koch (Archivbild). Bild: AP/The Wichita Eagle

Das amerikanische Propaganda-Minenfeld wird, wie der politisch links stehende Autor Nathan J. Robinson kritisiert, zusätzlich durch den Umstand verschärft, dass die Lügen und Desinformation, welche die rechtskonservativen Propagandamühlen herstellen, im Internet frei zugänglich sind, während seriöser Journalismus immer öfter hinter kostenpflichtigen Paywalls steckt. Das bedeutet, dass gerade die gefährdete Gruppe der wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen immer weniger Zugang zu seriösen Informationen haben und sie stattdessen mehr oder weniger gezwungen sind, die kostenlosen propagandistischen Inhalte zu konsumieren.

In einem derartig toxischen Informationsumfeld ist massiver Schaden letztlich unvermeidbar, denn Propaganda funktioniert. Menschen, deren Medienrepertoire ausschliesslich aus rechtskonservativen Desinformationsmedien besteht, verinnerlichen früher oder später zwangsläufig die Ideologie, die ihnen tagein, tagaus aufgetischt wird. Alles, was links ist, ist des Teufels; Umverteilung von den (Super-)Reichen zu den Armen ist eine Katastrophe; der Sozialstaat wird nur von Schmarotzern ausgenutzt; Individualismus und Meritokratie sind der Schlüssel zum Erfolg; schuld an allen Problemen, die einfache Leute im Alltag haben, sind Einwanderer und linke Politik; Donald Trump ist ein kompetenter und hart arbeitender Präsident; die Linken haben Trump die Wiederwahl gestohlen.

Fox-News-Moderator bezichtigt US-Präsidenten der Falschaussage

Video: watson

Drohen auch uns amerikanische Zustände?

Es ist nur leicht übertrieben, die Millionen von US-Bürgern, die für Trump bis zum letzten Atemzug kämpfen, denen Trumps Politik in Tat und Wahrheit aber nur schadet, als in einer Art Parallelwelt lebend zu beschreiben. In dieser Welt zählen in erster Linie Emotionen und die Zugehörigkeit zum richtigen politischen Lager. Vertrauen schenken sie nur jenen Stimmen in der Öffentlichkeit, die genau das immer wieder wiederholen, was sie schon seit Langem glauben – auf ihnen nicht genehme Ideen, Argumente und Kritik brauchen sie gar nicht einzugehen, denn das ist ja alles Teil der Verschwörung gegen sie, das rechtschaffene Volk. Oder, wie Trump es immer wieder formuliert: Medien, die Trump kritisieren, sind der Feind des Volkes.

Diese Millionen von Menschen werden materiell auch in Zukunft ohne Trump weiter leiden und dabei ihren Peinigern zujubeln, denn sie können sich gar nicht vorstellen, dass sie perfider Propaganda auf den Leim gehen. Nein, in ihren Augen sind die Linken und die Einwanderer an ihrer misslichen Lebenssituation schuld. Schliesslich wird ihnen das täglich so eingetrichtert, auf Fox News, auf Newsmax, bei The Blaze, bei The Daily Wire, und so fort.

Kann so etwas auch bei uns in Europa geschehen? Müssen wir Angst haben, dass auch bei uns viele Menschen dazu manipuliert werden, Politik zu unterstützen, die ihr Leben nicht nur nicht besser macht, sondern ihnen schadet? Das Problem ist längst auch bei uns angekommen. Von den Brexit-Tories im Vereinigten Königreich über den Rassemblement National in Frankreich, die AfD in Deutschland, die PiS in Polen, die Fidesz in Ungarn oder die Lega Nord in Italien: Auch in unseren Breitengraden fallen Millionen von Menschen auf politische Rattenfänger rein, die die Leben der einfachen Arbeiterinnen und Arbeiter, welche sie umgarnen, keinen Deut verbessern. Der Trumpistische Masochismus ist kein exklusiv amerikanisches Phänomen. Die Situation in den USA ist vielmehr eine extreme Ausprägung des Problems – die wir hoffentlich zum Anlass nehmen, die Lage bei uns nicht derart eskalieren zu lassen.

Dave Chappelle hat «N*****-Lektionen» für weisse Amerikaner nach Trumps Niederlage

Video: watson/een

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