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«Durcheinandertal» als Dürrenmatt-Potpurri am Theater St. Gallen



Am Freitagabend ist am Theater St. Gallen Friedrich Dürrenmatts Roman «Durcheinandertal» erstmals auf einer Bühne gezeigt worden. Geboten wurde eine kurzweilige Uraufführung mit allen Stärken und Schwächen der Vorlage.

1989 war «Durcheinandertal» als letzter Roman von Friedrich Dürrenmatt veröffentlicht worden. Ein dichter Text, bevölkert von typischen Figuren aus dem Universum des Schriftstellers, mit zahlreichen grossartig-grotesken Szenen - aber nur einem äusserst dünnen Handlungsfaden.

Schauplatz ist das abgelegene Durcheinandertal und dort vor allem das in die Jahre gekommene Kurhaus. Vorbild dafür soll das Grandhotel Waldhaus Vulpera im Unterengadin gewesen sein, das wie im Roman abbrannte - sechs Wochen nach Erscheinen des Buches.

Premiere auf der Bühne

Inzwischen ist das Werk etwas in Vergessenheit geraten. Nun wurde daraus eine Dürrenmatt-Uraufführung am Theater St. Gallen: 2015 wurde Martin Pfaff, unter anderem Schauspieldirektor in Detmold (D), angefragt, ob er in St. Gallen ein Stück nach eigener Wahl inszenieren wolle. Pfaff sagte zu und kündigte an, er wolle «Durcheinandertal» erstmals auf die Bühne bringen.

Damit hatte er sich keine leichte Aufgabe gestellt. Im Buch wird viel beschrieben oder gepredigt, die Handlung ist oft komisch-absurd - so rückt etwa das Militär ins Durcheinandertal aus, um einen Hund zu erschiessen, Gott macht Ferien in Jamaica und lässt die Bittbriefe der Menschen ungelesen in den Hotelpool werfen.

Kritisches Bild der Schweiz

Alles in allem lässt sich der Roman als kritische Darstellung einer Schweiz lesen, die wahlweise Reiche oder Kriminelle beherbergt und deren Amtsträger sich ohne jegliche Moral nur um Nebensächlichkeiten streiten.

Zum Personal gehört Moses Melker, Verfasser einer Theologie der Armut, der Bestseller schreibt und seine Gattinnen umbringt. Zentrale Figur ist scheinbar der Hund Mani – «gross wie ein Kalb» - um den sich sein Besitzer mehr kümmert, als um die Tochter Elsi, die im Kurhaus vergewaltigt wurde.

Pfaff steigert das Durcheinander der Vorlage noch, indem er in seiner Inszenierung die Männerrollen von Schauspielerinnen verkörpern lässt - und umgekehrt. So wird Elsi vom langen und bärtigen Markus Schäfer mit einer blonden Zopfperücke gespielt. Diana Dengler gibt facettenreich den Prediger Moses Melker als komisch verklemmten Eiferer und Biedermann, eine Figur, die zugleich lächerlich als auch unheimlich erscheint.

Origami-Hund im Zentrum

Auf der drehbaren Bühne steht ein riesiger Origami-Hund aus Holz. Ein paar Wände werden verschoben und im Innern der Figur erscheint der Saal des Kurhotels, eine Drehung und daraus wird die Kanzel für Melkers Predigen oder eine Projektionsfläche für Videobilder.

Vor allem aber stellt die Figur Mani dar, den Hund des Gemeindepräsidenten. Natürlich tönt Mani auf der Bühne wie Money, das Geld, um das sich alles dreht. Passend dazu wettert Melker in einer seiner Predigten vom «viehischen Charakter» des Geldes: Der Ursprung lag im Tauschhandel: Kamel für Kamel...

Das Stück lebt wie die literarische Vorlage von solchen Anspielungen und Einfällen, von vielen Pointen und grotesken Szenerien: Eine «Swiss Society for Morality» wird gegründet, die das Hotel Kriminellen öffnet, die Polizisten werden mit Kaffee-fertig abgefüllt und machen Liegestützen, bis sie nicht mehr können.

Auch wenn der Regisseur den Stoff mit mindestens einem weiteren Text ergänzt hat - mehr Schlüssigkeit als die Vorlage erhält das Stück nicht. «Durcheinandertal» bleibt ein teilweise vergnügliches, manchmal verwirrendes Potpurri aus dem Dürrenmatt-Kosmos. Empfehlen lässt sich beides: Die Inszenierung in St. Gallen - oder das (Wieder-) Lesen des letzten Romans des grossen Schriftstellers. (sda)

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