Stéphane Wettstein, Chef von Bombardier Schweiz, und sein Sorgenzug.
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Bombardier verbreitet beim FV-Dosto Zuversicht – und rät zur Fahrt im Unterdeck
Nach endlosen Negativschlagzeilen zum neuen Doppelstockzug geht Hersteller Bombardier in die Offensive und vermeldet «deutliche und messbare Fortschritte». Wann der FV-Dosto auf der SBB-«Paradestrecke» fahren wird, bleibt indes offen.
Eines wollte Stéphane Wettstein zu Beginn gleich einmal klarstellen: «Der FV-Dosto ist keine eierlegende Wollmilchsau, sondern ein innovativer Zug», sagte der Geschäftsführer von Bombardier Schweiz an einer Medienkonferenz in Zürich-Oerlikon. Offenbar hat Wettstein die Analyse von watson zu den Baustellen und Problemen bei den SBB gelesen.
Den springenden Punkt aber konnte er nicht in Abrede stellen: Die Bundesbahnen haben vom kanadischen Hersteller ein komplexes Gefährt verlangt: Einen zweistöckigen Neigezug mit Wank-Kompensation, der für verschiedenste Zwecke eingesetzt werden kann. Dabei haben SBB und Bombardier die Herausforderung wohl unterschätzt, denn der FV-Dosto wurde zum «Pannenzug».
Stéphane Wettstein an der Medienkonferenz vom Mittwoch.
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Die Auslieferung erfolgte mit vier Jahren Verspätung, und als es im letzten Dezember endlich so weit war, klappte kaum etwas wie gewünscht. Die Zuverlässigkeit liess zu wünschen übrig. Fahrgäste beschwerten sich über das heftige Schütteln im Oberdeck. Zugbegleiter klagten, sie seien nach der Fahrt mit dem Doppelstöcker «nudelfertig». Es gab Negativschlagzeilen ohne Ende.
«Der Zug ist sehr komplex, weil er verschiedene Ansprüche erfüllen muss. Es ist ein Unterschied, ob ein Zug im nationalen oder auch im internationalen Verkehr fahren soll, und ob er als Interregio oder Intercity eingesetzt wird. Ein Beispiel sind die Türen. Von Zürich nach Bern fährt man direkt, aber zwischen Zürich und St.Gallen hält er in Oerlikon, Flughafen, Winterthur, Wil, Flawil, Uzwil und Gossau. Man muss jedes Mal die Türen öffnen und schliessen. Der Zug hat diese Anforderungen nicht immer erfüllt, aber jetzt tut er es.»
Stéphane Wettstein
So lautete die zentrale Botschaft der Medienkonferenz vom Mittwoch: Zuverlässigkeit und Fahrkomfort des FV-Dosto hätten sich markant verbessert. Dank einer neuen Software habe man die Schwingungen in den Oberdecks um 75 Prozent reduzieren können. Um den gleichen Prozentwert seien die technischen Störungsursachen seit der Einführung eliminiert worden.
«Bei beiden Messgrössen gibt es einen positiven Trend», sagte Wettstein. Der Fahrkomfort sei heute «mindestens gleich gut, wenn nicht sogar besser» als bei den bewährten Intercity-Doppelstockzügen IC 2000. Auch die Pünktlichkeit – derzeit ein grosses Problem der SBB – sei sehr hoch. Wettstein räumte aber auch ein, beide Partner hätten «Lehrgeld bezahlt».
Bombardier-Zug weiter unter Beschuss
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«Zur Komplexität trägt bei, dass man stets neue Normen integrieren muss, etwa beim Brandschutz oder der Seitenwindstabilität. In der Regel machen sie die Züge schwerer, also muss man zusätzliche Massnahmen ergreifen, um sie wieder leichter zu machen, damit die gewünschten Energieeffizienzwerte erreicht werden. Es ist komplex, aber beherrschbar. Bombardier und die SBB haben Lehrgeld bezahlt, deshalb ist es umso wichtiger, dass man es auch am besten nutzt.»
Stéphane Wettstein
Zeitweise war das Verhältnis arg gestört. SBB-Chef Andreas Meyer äusserte harte Kritik am kanadischen Hersteller. Die grosse Liebe besteht wohl auch heute noch nicht. «Wir arbeiten auf verschiedenen Ebenen professionell zusammen», sagte Stéphane Wettstein im Gespräch mit watson. Die SBB wiederum äusserten sich gegenüber der Nachrichtenagentur SDA zurückhaltend zu den Fortschritten beim FV-Dosto.
Bisher hat Bombardier 25 Züge ausgeliefert, aber nur die Hälfte befindet sich im fahrplanmässigen Einsatz. Der Rest wird zu Test- und Schulungszwecken verwendet. Bis Mitte 2021 soll die gesamte Flotte von 62 Zügen zur Verfügung stehen. Nimmt man die Ausführungen vom Mittwoch zum Nennwert, werden die SBB dann ein gelungenes und innovatives Produkt einsetzen können.
Dabei steht noch immer nicht fest, wann der FV-Dosto auf der «Paradestrecke» von St.Gallen nach Genf fahren wird. Bisher ist er auf Nebenlinien unterwegs. Gemäss der NZZ ist dies frühestens in einem Jahr der Fall, denn die Zuverlässigkeit konnte laut Bombardier mit 6914 Kilometern ohne Störung deutlich gesteigert werden. Sie liegt aber immer noch unter den Anforderungen der SBB.
Der neue Intercity der SBB ist da
Die SBB präsentierten im Mai 2017 ihren neuen Intercity-Zug erstmals den Medien. Der Zug mit dem Namen «Twindexx Swiss Express» wird von der Firma Bombardier hergestellt. Hier steht er im Bahnhof Interlaken bereit für die Abfahrt.
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Der neue Intercity-Zug hat eine Länge von 400 Metern und Kapazität für 1300 Passagiere – das sind zehn Prozent mehr als in den längsten der bisherigen Intercity-Züge. KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Blick in die 1. Klasse: Die SBB nennen ihr neustes Kind «FV Dosto», für Fernverkehr-Doppelstöcker. Die Bundesbahnen brauchten Geduld, bis es so weit war: Ursprünglich hätten die Züge schon 2013 auf die Schienen kommen sollen.
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Einsprachen der unterlegenen Konkurrenten gegen den 1,9-Milliarden-Auftrag für Bombardier und technische Probleme sorgten für die massive Verspätung von vier Jahren. Jetzt soll es aber schnell gehen: 80 Prozent der benötigten Tests wurden gemäss Bombardier bereits durchgeführt, mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 soll der FV Dosto in Betrieb genommen werden.
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Insgesamt 59 Doppelstöcker haben die SBB bei Bombardier bestellt. Äusserlich unterscheidet sich der neue Zug nicht gross vom bisherigen IC-Modell. Doch im Innern ist vieles neu, ebenso bei der Technik.
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Blick in die 2. Klasse: Der Zug erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 200 Stundenkilometern. Dank neuer Technologie kann der «FV Dosto» schneller Kurven fahren. Das bringt einen Zeitgewinn von bis zu 15 Prozent.
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Weitere Neuerungen: Mehr Steckdosen, Signalverstärker für besseren Telefon- und Datenempfang, grössere WCs mit Wickeltischen und elektronische Anzeigen für die Sitzplatzreservierung.
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So sieht es in der 2. Klasse des neuen Intercity-Zugs aus.
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Stéphane Wettstein, CEO von Bombardier Schweiz, stellt Medienschaffenden den neuen Zug vor. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Ein Reporter inspiziert den fabrikneuen Intercity-Zug der SBB. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
In der 1. Klasse hat jeder Platz seine eigene Steckdose.
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Blick in den Lokführerstand auf der Strecke am Thunersee zwischen Interlaken und Bern. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
So wird der neue Intercity gesteuert.
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Blick auf die Veloabstellplätze in der 1. Klasse. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Der neue Intercity-Zug der SBB verlässt die Stadt Bern. Im Hintergrund das Lorrainequartier. KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Der neue «FV Dosto» der SBB vor der Bundeshauskuppel in Bern auf dem Weg nach Zürich. KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
«Ich will keine Fahrplanplanung für die SBB machen. Ich glaube, dass wir bis zum nächsten Frühjahr die geforderte Zuverlässigkeit von 8000 Kilometer störungsfreiem Betrieb stabil erfüllen werden. Was danach geschieht und ob man den FV-Dosto dann einsetzen will, kann ich nicht beurteilen.»
Stéphane Wettstein
Noch sind also nicht alle Probleme beseitigt. Hängig ist etwa der Rechtsstreit mit den Behindertenorganisationen, der sich vorab um die aus ihrer Sicht zu steile Ein- und Ausstiegsrampe dreht. Um die Kritik am «Schüttelzug» zu kontern, hat Bombardier zudem eine Website aufgeschaltet, die über die Fortschritte beim Dosto informieren soll.
Für skeptische Fahrgäste hat Stéphane Wettstein zudem einen simplen Tipp: «Nutzen Sie das Unterdeck, es ist in allen Geschwindigkeitsbereichen stabiler.» Darauf hätte man selber kommen können.
24 Bilder aus der guten alten SBB-Zeit
Am 1. Januar 1902 wurden die SBB gegründet. An diesem Tag fuhr auch der erste SBB-Zug, der eigenhändig von der SBB-Generaldirektion geführt wurde. Bis dahin wurde der Betrieb zwar im Auftrag der Bundes, aber noch in der Organisation der Privatbahnen geführt. Sukzessive wurden von 1901 bis 1909 die fünf grössten Privatbahnen verstaatlicht und in die SBB überführt. Die Männer tragen schicke Doppelreiher und posieren vor dem allerersten SBB-Zug. Er ist gerade im Bahnhof Bern eingetroffen. FOTO SERVICE SBB / STR
Die eigentliche Geburtsstunde der SBB war aber der 20. Februar 1898. Das Stimmvolk nimmt die Initiative an, die verschiedenen privaten Schweizer Bahnunternehmen zu verstaatlichen. FOTO SERVICE SBB / STR
Ein weiteres Plakat für den Abstimmungskampf: Wilhelm Tell und das Volk machen sich zum Sturm auf die Burg der damals als raffgierig und ineffizient geltenden Privatbahnen bereit. Im Dialog darunter heisst es: Wilhelm Tell: «Uebergebt die Burg! Ihr nennt es ja ein schlechtes Geschäft.» – Droz: «Nein! Nein! Dieses rentiert 4,75 bis 7 Prozent.» - Willhelm Tell: «Auf Eidgenossen, zum Sturm!!» FOTO SERVICE SBB / STR
Ein paar Jahre später: SBB-Personal vor dem Bahnhofsgebäude Mendrisio, 1910. FOTO SERVICE SBB / STR
Eine Schnellzugskompositon mit einer A3/5 Lok der Gotthardbahn-Gesellschaft unterwegs zwischen Schwyz und Brunnen um 1902. FOTO SERVICE SBB / STR
Und hier haben wir einen Reisezug mit Lok Be 4/6 im Bahnhof von Airolo, 1920. SBB / STR
Dampflok und Wagenkomposition für den Simplonverkehr vor einem Stellwerk, 1920. SBB / STR
Ein Pendelzug aus dem Jahr 1924. SBB / STR
So sahen Reisende in einem Reisezugwagen der 3. Klasse der SBB im Jahr 1940 aus. SBB / STR
Und so eine Dame der 1. Klasse um 1943. SBB / STR
Schreibarbeiten müssen auch sein: Ein SBB-Zugführer, 1940. SBB / STR
Stellwerk im Bahnhof Etzwilen, 1949. SBB / STR
1950: Bahndienstarbeiter beim Gleiseinbau. SBB / STR
Am 13. Juli 1953 kommt es zum einem Aufstand: Bauern werfen Holzkisten auf die Bahnschienen am Bahnhof Saxon (Wallis) und wehren sich damit gegen die eidgenössische Landwirtschaftspolitik: Denn trotz der inländischen Rekordernte bewilligte der Bundesrat den Import riesiger Mengen italienischer Aprikosen. Die erzürnten Walliser Bauern blockieren daraufhin in Saxon die Bahnlinie Mailand-Paris mit SBB-Güterwagen und zündeten diese an. KEYSTONE / STR
12. März 1967: Eine mit Dampf betriebene Schneeschleuder der SBB macht die Gotthardlinie frei. KEYSTONE / FELIX AEBERLI
Und was haben wir hier: Es ist der Rohbau der Geleise- und Perronanlage des unterirdischen SBB-Bahnhofs Zürich Flughafen im Jahr 1976. Die Bauarbeiten haben im Jahr 1971 begonnen und dauerten neun Jahre. KEYSTONE / STR
Der Direktor des Verkehrshauses Luzern, Alfred Waldis, rechts, und der Generalsekretär der SBB, Josef Britt, links, am 31. Mai 1972 an der Eröffnung der «Halle des Schienenverkehrs». Und als Generalsekretär galt es natürlich, eine Zigarre im Zug zu rauchen. KEYSTONE / STR
Aufbruch in die Sommerferien am Bahnhof Basel, 26. Juni 1975. KEYSTONE / STR
Aufräumearbeiten am 18. Juli 1982 bei der Unfallstelle in der Nähe von Othmarsingen, AG: Ein Güterzug rammte einen Schnellzug, der von Dortmund über Basel nach Rimini unterwegs war. Sieben Wagen des Personenzugs wurden aus den Schienen geworfen, zwei davon vollständig aufgeschlitzt. Bei der Kollision kamen sechs Menschen ums Leben und etwa 100 wurden verletzt. KEYSTONE / STR
So sah es 1983 am Bahnhof Stadelhofen in Zürich aus. KEYSTONE / STR
19. August 1986: Die Arbeiter genehmigen sich ein Gläschen Wein nach dem erfolgreichen Durchstich des Zürichbergtunnels der Zürcher S-Bahn. KEYSTONE / STR
Heute wie damals – bis auf die Rucksackmodelle: Eine Schulklasse nimmt auf ihrer Schulreise einen Wagen in Beschlag,1987. KEYSTONE / STR
Bahnhof Brünig-Hasliberg, 1988. KEYSTONE / STR
17. Mai 1990: Grosser Andrang im neugestalteten Bahnhof Stadelhofen bei der Eröffnung der S-Bahn und des Zürcher Verkehrsverbunds. KEYSTONE / STR
Stop Bashing SBB
Video: Youtube / Sascha Niederhauser