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Nach fast 13 Jahren im Ausland trägt Tranquillo Barnetta wieder das grünweisse St.Galler Trikot. Bild: KEYSTONE

Barnetta mal ein Meister? «Wir sollten nicht aufhören, zu träumen»

Vor 4642 Tagen verliess Tranquillo Barnetta den FC St.Gallen um die Welt zu entdecken. Jetzt ist der Mittelspieler zurück und ist voller Tatendrang.

Publiziert: 31.03.17, 08:23 Aktualisiert: 31.03.17, 09:32
Markus Brütsch / Nordwestschweiz

Ein paar Tage sind es schon gewesen, die Tranquillo Barnetta weg war. Um genau zu sein: 4642 vom letzten Spiel bis zum Comeback. Weg vom FC St.Gallen, den er als 19-Jähriger verlassen hatte, um in die grosse weite Welt des Fussballs hinauszuziehen. Vergessen gegangen war er in der Ostschweiz in all den Jahren aber nicht. Viele Fans waren deshalb richtig enttäuscht, als er sich nach 11 Bundesligajahren im Sommer 2015 nicht für die Heimat entschied, sondern in Philadelphia noch einmal etwas Neues erleben wollte.

Es gefiel ihm dort. Er spielte gut, schoss ein paar Tore, war Captain und Publikumsliebling und entschloss sich im Herbst letzten Jahres dann doch, sein Versprechen einzulösen. Eines Tages werde er zum FC St.Gallen zurückzukommen, hatte er bei seiner Verabschiedung vor fast 13 Jahren im Espenmoos gesagt.

In Philadelphia war Bernetta Publikumsliebling und Captain. Bild: Icon SMI

Barnetta, 2002 mit der Schweizer U17 Europameister geworden und seither ohne Titel geblieben, unterschrieb einen Vertrag bis 2019. Nachdem Philadelphia Ende Oktober schon in der ersten Playoff-Runde gegen Toronto ausgeschieden war, stand der Mittelfeldspieler bereits zwei Wochen später freiwillig auf dem St.Galler Trainingsplatz, um seine neuen Teamkameraden kennen zu lernen und sich auf sein Super-League-Comeback von Anfang Februar vorzubereiten. Von einer solchen Berufsauffassung können sich manche Profis eine Scheibe abschneiden.

Es scheppert beim Comeback

Am 5. Februar 2017 war es dann so weit: Barnetta schlüpfte in Vaduz ins St.Galler Trikot – und liess es gleich kräftig scheppern. Zweimal innerhalb einer Minute drosch er den Ball an den Pfosten, und als das Spiel zu Ende war, wurde dem Rückkehrer zwar eine glänzende Leistung bescheinigt, doch das 1:1 war eine Enttäuschung.

Sechs Spiele später wartet Barnetta zwar noch immer auf sein erstes Tor, aber St.Gallen hat mit ihm nur noch einmal verloren. Der 31-Jährige hat nicht immer so brilliert wie in Vaduz, ist aber jedes Mal in der Startaufstellung gestanden und hat kämpferisch überzeugt. «Ich glaube, dass ich meinen Teil dazu beigetragen habe, dass St.Gallen stabiler geworden ist», sagt Barnetta. Die riesige Erwartungshaltung in der Ostschweiz habe ihn nicht belastet, auch wenn das ganze Tam-Tam um seine Person nicht nötig gewesen wäre. «Im Grossen und Ganzen bin ich zufrieden mit meinen Leistungen und happy, dass ich gesund bin und weiter Fussball spielen kann.»

Zwischen 2012 und 2015 spielte Barnetta bei Schalke. Bild: INA FASSBENDER/REUTERS

Eine Selbstverständlichkeit ist dies nach bald 15 Profijahren und einigen Verletzungen nicht. «Klar, am Morgen stehe ich nicht mehr mit der gleichen Frische wie zu Beginn meiner Karriere auf», schmunzelt Barnetta, «aber mit gezielten Übungen vor und nach dem Training kann ich meine körperliche Verfassung so managen, dass ich keine Pausen brauche, voller Tatendrang bin und meinen Beruf geniessen kann.»

Wie morgen das Spiel gegen Basel. «Wir versuchen zu punkten, denn wir wollen den Ligaerhalt so früh wie möglich sicherstellen», sagt Barnetta. Mit neun Punkten vor Vaduz und sechs Zählern hinter Luzern befinden sich die St.Galler indes bereits näher bei einem Europacupplatz als dem 10. Rang.

Als Barnetta 2004 St.Gallen verliess, um für Leverkusen zu spielen, war der FCB gerade zum zweiten Mal Meister seit der Jahrtausendwende geworden. Danach sind neun weitere Titel dazugekommen. «Die Leistung des FCB ist grossartig. Ich habe aus dem Ausland immer mit grosser Freude beobachtet, wenn er international für Furore gesorgt hat», sagt Barnetta.

«Nie aufhören, daran zu träumen»

Als 15-jähriger Junior hatte er einst hautnah miterlebt, wie der FC St.Gallen sensationell Meister wurde. «Auch wenn es schwierig ist, als Aussenseiter so etwas noch einmal zu schaffen, sollten wir nicht aufhören, davon zu träumen», sagt Barnetta. Es liege an den anderen Klubs, die Basler Übermacht zu beenden. Oder wäre ein neuer Modus mit Playoffs, wie er es selber in Nordamerika erlebt hat, eine Lösung? «Zwar bleibt möglicherweise die Spannung länger erhalten, aber fair ist es nicht, wenn die zuvor beste Mannschaft in der ersten Playoff-Runde ausscheidet», sagt Barnetta.

Juni 2000: Der FC St.Gallen wird nach 96 Jahren wieder Schweizer Meister. Video: YouTube/FCSGVideosection

In den fast 13 Jahren seiner Super-League-Abwesenheit habe sich viel verändert. «Ich denke aber weniger an die Spielqualität. Die Akteure sind technisch und taktisch schon früher gut ausgebildet gewesen. Doch es gibt viele neue Stadien und die Klubs sind besser aufgestellt. Auch unsere Infrastruktur ist hervorragend», sagt Barnetta, der die Rückennummer 85 trägt, weil dies sein Jahrgang ist.

Im Gegensatz zu gescheiterten Rückkehrern wie Zdravko Kuzmanovic (FCB), Raphael Wicky (Sion) und Johann Vogel (GC) braucht Barnetta nicht zu bereuen, noch einmal beim Stammverein angebissen zu haben. Er ist mit sich und seiner Karriere im Reinen. Dass er nach 75 Länderspielen nicht mehr zur Nati gehört, beschäftigt ihn nicht weiter. «Man sieht ja, wie gut es läuft, und ich freue mich für das Team», sagt Barnetta. «Jetzt bin ich einfach nur glücklich, wieder in St.Gallen zu sein und meine Familie in der Nähe zu wissen. Ich habe alles richtig gemacht.»

Die 12 überraschendsten Fussball-Meister

Leicester City, 2015/2016: Die wohl grösste Sportsensation aller Zeiten. Leicester – vor der Saison mit einer Meisterquote von 5000:1 (gleiche Quote wie dass der heisseste Tag des Jahres auf Weihnachten fällt) – wird englischer Meister. Riyad Mahrez und Jamie Vardy sind die grossen Figuren beim Märchen, Gökhan Inler spielt als Tribünengast eine Nebenrolle. Drei Runden vor Schluss ist der Titel gesichert. Unfassbar. X01095 / Craig Brough
Nottingham Forest, 1977/78: Mit dem legendären Trainer Brian Clough düpieren die «Tricky Trees» den damaligen Serienmeister Liverpool. Dank nur drei Niederlagen in 42 Spielen distanzieren sie die «Reds» um sieben Punkte auf Rang zwei. AP PA
Hellas Verona, 1984/85: Juventus mit dem grossen Spielmacher Platini dominiert den italienischen Fussball. Inter Mailand hat Rummenigge. Und Hellas Verona? Unter Trainer Osvaldo Bagnoli besteht Verona mit bescheidenen Mitteln gegen die illustre Konkurrenz und holt den bislang einzigen «Scudetto». (Bild: Wikipedia) wikipedia
Nantes, 1994/95: Mit einer blutjungen Mannschaft gewinnen «les canaris», die Kanarienvögel, die Meisterschaft mit elf Punkten Vorsprung auf Lyon. Unter anderem sind die späteren Weltstars Christian Karembeu (damals 23-jährig) und Claude Makelele (damals 21-jährig) im Kader. (Bild: lequipe.fr) lequipe.fr
Wladikawkas, 1994/95: Mit Spartak-Alanija aus der Stadt Wladikawkas im Nordkaukasus rechnete Mitte der Neunziger in Russland niemand. Doch den Ossetiern gelang es als erste nicht aus Moskau stammende Mannschaft, die russische Premier League zu gewinnen. Sie wurden Meister mit sechs Punkten Vorsprung auf Lok Moskau. In der Tabelle folgend die weiteren Hauptstadtklubs: Spartak, Dynamo, Torpedo und ZSKA.
Kaiserslautern, 1997/98: Zum ersten und bisher einzigen Mal wird ein Bundesliga-Aufsteiger Meister. Im Mittelfeld ziehen Ciriaco Sforza und der 20-jährige Michael Ballack die Fäden. Vorne sorgen Flügel Ratinho und Knipser Olaf Marschall für Gefahr. «So etwas wird es nie wieder geben», sagt Trainer Otto Rehhagel. MICHAEL PROBST
Aarau, 1992/93: Aus Prügelknaben werden Himmelstürmer. Die Saison zuvor fast abgestiegen, spielt die Truppe von Trainer Rolf Fringer unbekümmert, variantenreich und mit aggressivem Pressing. Hinten ist Goalie Andreas Hilfiker eine Bank. Verteidiger Roberto Di Matteo, Mittelfeldspieler Ryszard Komornicki und Stürmer Petar Aleksandrov bilden eine starke Achse. KEYSTONE / WALTER BIERI
Montpellier, 2011/12: Die Südfranzosen verfügen nur über das 13.-höchste Budget. Nicht Stars kaufen, sondern Stars machen, ist das Motto. So geht in der Saison 2011/12 etwa der Stern von Olivier Giroud auf, der mit 21 Toren am bislang einzigen Meistertitel beteiligt ist. EPA / GUILLAUME HORCAJUELO
St.Gallen, 1999/2000: Der FCSG startet als klarer Abstiegskandidat in die Saison, überwintert jedoch sensationell als Tabellenführer. Die Finalrunde lancieren die «Espen» mit einem denkwürdigen 4:4 gegen GC, bei dem Charles Amoah in letzter Sekunde den Ausgleich erzielt. Es ist die Initialzündung zum zweiten Meistertitel nach 1904. KEYSTONE / WALTER BIERI
Atlético Madrid, 2013/14: Nach 18 Jahren Unterbruch gewinnen «los colchoneros» wieder die Liga. Bemerkenswert: Erstmals seit zehn Jahren heisst der spanische Meister nicht Real Madrid oder Barcelona. AP / ANDRES KUDACKI
Alkmaar, 2008/09: Als «sein kleines Meisterstück» bezeichnet Louis van Gaal den unerwarteten Titel mit AZ. Die Spielzeit 2008/09 beendet Alkmaar mit elf Punkten Vorsprung auf das zweitplatzierte Twente. EPA / MARCEL ANTONISSE
Wolfsburg, 2008/2009: Zwei Jahre zuvor wird Trainer Felix Magath bei den Bayern trotz Meistertitel vom Hof gejagt, der Coup mit Wolfsburg deshalb umso süsser. «Vielleicht haben wir nicht die beste Mannschaft, aber wir haben am besten gespielt», erklärt Magath das einfache Erfolgsrezept. EPA / MARCUS BRANDT
Deportivo La Coruña, 1999/2000: «Super Depor», ein Fussballmärchen, das dem Geldhahn von Präsident Augusto César Leondoiro entspringt. Trotzdem ist Deportivos Titel eine faustdicke Überraschung. Mit Spielern wie Roy Makaay (26 Saisontore), Pauleta, Walter Pandiani und Flavio Conceicao übertölpeln die Galicier das grosse Real Madrid. AP / DELMI ALVAREZ

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