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Hajto attackiert an der WM 2002 den Portugiesen Joao Pinto.
Bild: AP

Polens Fussball-Legende Tomasz Hajto: «Wann sollen wir etwas reissen, wenn nicht jetzt?»

Publiziert: 24.06.16, 14:31 Aktualisiert: 24.06.16, 15:41
markus brütsch / nordwestschweiz

Tomasz Hajto ist ein zufriedener Mann. Natürlich, der 43-Jährige hätte auch nichts dagegen, wieder einen Job als Cheftrainer zu haben. Er hat schon Jagiellonia Białystok und GKS Tichy in der ersten polnischen Liga trainiert. Nach der Entlassung wurde er von «Eurosport 2» unter Vertrag genommen, wo er für 22 Länder die Bundesliga und die polnische Liga kommentiert.

Von der EM in Frankreich berichtet er für den Sender «Polsat». Er weiss, wovon er spricht: Hajto hat für Gornik Zabrze, Duisburg, Schalke und Nürnberg gespielt, danach für Southampton und Derby County. Er ist 62 Mal für Polens Nationalmannschaft aufgelaufen und hat die WM 2002 bestritten. Hajto ist bestens vernetzt und ein guter Bekannter von Natitrainer Adam Nawalka.

Herr Hajto, Sie sind zwar in Frankreich engagiert, aber sicher gut über die EM-Stimmung in Polen informiert.
Tomasz Hajto: Natürlich. Die Begeisterung im Land ist enorm. Ich befürchte, sie ist viel zu gross. Alle glauben, Polen werde zumindest den Halbfinal erreichen. Viele sprechen vom Titel.

Was ist Ihre Meinung?
Dass man den Ball flach halten sollte. Es ist zwar schon so, dass die Tableauhälfte mit Polen und der Schweiz zum Spekulieren animiert. Die grossen Brocken befinden sich in der anderen Hälfte. Auch wenn es eine Floskel ist: Wir sollten einfach Spiel für Spiel nehmen. Dann werden wir sehen, was dabei herauskommt. Andererseits sage ich angesichts dieser Konstellation: Wann sollen wir etwas reissen, wenn nicht jetzt? Polen, die Schweiz und Belgien haben eine Riesenchance!

Polnische Fans in Frankreich: Stimmgewaltig und zuversichtlich.
Bild: Michael Probst/AP/KEYSTONE

Polen kann den Titel holen? Verbandspräsident Zbigniew Boniek sagt, das Team sei so stark wie jene Mannschaft von 1982, die WM-Dritte wurde.
Ich glaube, der gute Boniek übertreibt. Aber es ist schon so, dass etwas heran- und zusammengewachsen ist. Von grosser Bedeutung war unser Sieg in der Qualifikation gegen Deutschland. Er hat einen Schub und viel Selbstvertrauen gegeben. Die Mannschaft weiss, dass sie viel erreichen kann.

Wie fällt Ihre Analyse nach den Gruppenspielen aus?
In der ersten Partie gegen Nordirland haben wir clever gespielt, mit Geduld auf die Torchance gewartet. Gegen Deutschland haben wir zwei hundertprozentige Chancen gehabt, die Deutschen keine. Gegen die Ukraine waren wir schlecht, haben uns aber das Glück erarbeitet. Hier sah man: Die Ukrainer hatten keinen Teamspirit, weil der Cheftrainer und sein Assistent Schewtschenko Zoff hatten; so kann man keinen Erfolg haben. Bilanzierend nach den Gruppenspielen kann man sagen: Wir haben gut gespielt, und hinten steht die Null.

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Sie kennen Adam Nawalka hervorragend. Was sind seine Qualitäten?
Wir stehen ständig in Kontakt. Adam ist ein Arbeitstier, er schuftet 24 Stunden am Tag. Er achtet auf jedes Detail, und ist es noch so klein. Alle sagen, das habe doch keinen Einfluss aufs Spiel. Für ihn hat es Einfluss. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn die Mannschaft im Bus sitzt, um zum Stadion zu fahren, ist der Chauffeur angehalten, nur vorwärts zu fahren; er darf keinen Zentimeter zurück.

Ist das für die Spieler nicht mühsam, wenn der Trainer so detailversessen ist?
Nein, Nawalka versteht es, die Stimmung im Team positiv zu gestalten. Er gibt jedem Spieler zu spüren, dass er wichtig für ihn ist. Gegen die Ukraine hat er vier Spielern eine Chance gegeben, die bisher kaum gespielt haben. Adam hat sich als Nationaltrainer verändert. Er hat auch zugelassen, dass Frauen und Freundinnen ins Camp durften, was für die Atmosphäre natürlich sehr positiv ist.

Aber die Stimmung war zu Beginn seiner Amtszeit nicht gut.
Genau. Als Jakub Blaszczykowski die Captainbinde an Lewandowski abgeben musste, da gab es viel Stress, viel Kritik. Heute ist alles vergessen. Der Erfolg hat weggewaschen, was vor einem Jahr in Polen war. Erfolg sorgt immer für eine gute Atmosphäre.

Was hat Nawalka in der Vorbereitung anders als in früheren Jahren gemacht?
Wir Polen haben es seit Jahren nicht geschafft, eine Gruppe zu überstehen. Einer der Hauptgründe: Wir waren immer falsch vorbereitet. Nach einer langen, harten Saison wurde wieder Kondition gebolzt. Heute individualisiert Nawalka das Training. Erstmals steht ihm auch ein Staff von elf Spezialisten zur Verfügung. Und: Der Trainer ist sehr intelligent. Er ist ein Bewunderer des italienischen Fussballs. Mit der Folge, dass wir eine sehr starke, kompakte Defensive haben. Auch dank Lewandowski.

Wie bitte?
Sie haben richtig gehört. Lewandowski schiesst derzeit keine Tore, weil er unglaublich viel nach hinten arbeitet. Es ist eine starke Leistung von Nawalka, dass er den grossen Star Lewandowski dazu gebracht hat, sich total in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Fakten zu den polnischen Gegenspielern im EM-Achtelfinal

Polens Team feiert mit den Fans. Die Ostmitteleuropäer sind am Samstag (15 Uhr) der Gegner der Schweiz im EM-Achtelfinal. Das sind die Spieler. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Lukasz Fabianski, Tor, Swansea City. 2-mal Startelf. Rückte nach dem Auftaktspiel für den verletzten Wojciech Szczesny ins Team. War einst schon bei Arsenal nur Ersatz hinter Szczesny. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Michal Pazdan, Verteidiger, Legia Warschau. 3-mal Startelf. Sein Spitzname lautet «Kung Fu Pazdan». Shaqiri und Co. sollten ihm also nicht zu nahe kommen. EPA/EPA / GUILLAUME HORCAJUELO
Artur Jedrzejczyk, Verteidiger, Legia Warschau. 3-mal Startelf. Kann an Trikots ziehen, ohne sie kaputt zu machen. Feierte die EM-Qualifikation mit einer Breakdance-Einlage in der Kabine – vor den Augen von Staatspräsident Andrzej Duda. EPA/EPA / PETER POWELL
Kamil Glik, Verteidiger, Torino. 3-mal Startelf. Der 1,90 m grosse Innenverteidiger besitzt auch einen deutschen Pass, in welchem sein Nachname «Glück» lautet. EPA/EPA / Sebastien Nogier
Lukasz Piszczek, Verteidiger, Borussia Dortmund. 2-mal Startelf. Wurde einst für ein halbes Jahr gesperrt, weil er in einen Wettbetrug verwickelt war. AP/AP / Martin Meissner
Thiago Cionek, Verteidiger, US Palermo. 1-mal Startelf. Wuchs als Nachkomme polnischer Auswanderer in Brasilien auf. Spielte vier Saisons in Polen, seit 2012 ist er in Italien engagiert. X00380 / YVES HERMAN
Grzegorz Krychowiak, Mittelfeld, FC Sevilla. 3-mal Startelf. Der Mann fürs Grobe, einer von Europas besten auf seiner Position. Spielte nie in Polen, weil er schon als 16-Jähriger nach Frankreich ging. EPA/EPA / SRDJAN SUKI
Krzysztof Maczynski, Mittelfeld, Wisla Krakau. 2-mal Startelf. Wechselte 2014 für drei Jahre nach China, kehrte aber nach einer Saison wieder nach Hause zurück. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Bartosz Kapustka, Mittelfeld, KS Cracovia. 2-mal Startelf. Der 19-Jährige Shootingstar verletzte sich einige Monate vor der EM bei einer Schlägerei in einem Nachtclub. Rief den Nationaltrainer an, entschuldigte sich und flehte ihn an, ihn trotzdem nach Frankreich mitzunehmen. EPA/PAP / Bartlomiej Zborowski
Jakub Blaszczykowski, Mittelfeld, Fiorentina. 2-mal Startelf. Vor den Augen des zehnjährigen «Kuba» tötete sein Vater seine Mutter. Jakub und sein Bruder wuchsen bei der Grossmutter auf, da der Vater ins Gefängnis musste. Schon Blaszczykowskis Onkel war Captain der polnischen Fussballnati. EPA/EPA / TOLGA BOZOGLU
Kamil Grosicki, Mittelfeld, Stade Rennes. 1-mal Startelf. Absolvierte vor acht Jahren einige Partien für den FC Sion. Ist der DJ in Polens Kabine und legt gerne «Disco Polo» auf: Euro-Dance mit polnischem Text. Aufgepasst: Schoss für Rennes in der abgelaufenen Saison sechs seiner neun Saisontore als Joker! EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Tomasz Jodlowiec, Mittelfeld, Legia Warschau. 1-mal Startelf. Gilt als kopfball- und zweikampfstark. Ein Spieler wie geschaffen, um eine Führung über die Zeit zu retten. EPA/EPA / OLIVER WEIKEN
Piotr Zielinski, Mittelfeld, Empoli. 1-mal Startelf. Spielte seit der U15 in jeder polnischen Junioren-Nationalmannschaft und traf ausser für die U16 für jedes Team. Der ältere Bruder Pawel ist ebenfalls Profi in Polens höchster Liga. X01801 / EDDIE KEOGH
Arkadiusz Milik, Stürmer, Ajax Amsterdam. 3-mal Startelf. Nach 21 Toren in der Eredivisie schoss er an der EM das Siegtor im Auftaktspiel gegen Nordirland. Mit sechs Assists war er der beste Vorlagengeber der gesamten EM-Qualifikation. AP/AP / Thanassis Stavrakis
Robert Lewandowski, Stürmer, Bayern München. 3-mal Startelf. Der Captain ist als Bundesliga-Torschützenkönig der Star des Teams. An der EM schoss er allerdings in 270 Minuten noch kein Tor – kein Wunder, denn es wurde auch kein einziger Schuss aufs Tor Lewandowskis registriert! X00380 / YVES HERMAN

Aber ist das klug, wenn er keine Tore mehr schiesst?
Das wird er wieder tun. Darauf können Sie sich verlassen. Er hat immer schon Phasen gehabt, wo er ein paar Spiele lang nicht getroffen hat. Dann aber schlägt er plötzlich zu, wie gegen Wolfsburg, als ihm innert neun Minuten fünf Tore gelangen. Fragen Sie Ricardo Rodriguez …

Lewandowski ist ausser Form.
Für mich war er gegen Deutschland der beste Spieler auf dem Platz. Ich habe ihm die Bestnote gegeben. Bei ihm weisst du nie, wann er dem Gegner zwei oder drei Stück reinhaut.

Hoffentlich nicht uns morgen.
Ich hoffe ja.

In der Qualifikation hat Polen mit 33 die meisten Tore erzielt. Jetzt in drei Spielen nur zwei. Warum?
Schauen Sie sich die Ausscheidungsgruppe mit Georgien und Gibraltar an. Dann wissen Sie Bescheid: 4:0, 7:0, 8:1.

Wer ist morgen Ihr Favorit?
Die Chancen sind 50:50. Beide Mannschaften sind ungefähr gleich stark, Polen hat dazu noch den Weltklassespieler Lewandowski. Wir haben Piszczek, die Schweiz hat Rodriguez. Wir haben Milik, die Schweiz hat Shaqiri. Wir haben Krychowiak, die Schweiz hat Xhaka. Die Schweizer sind alle gut ausgebildet und taktisch stark. Es ist eine gute Mischung mit schnellen Spielern auf den Seiten. Aber auch wir Polen haben mit Blaszczykowski und Grosicki sauschnelle Leute. Ich sage: Morgen entscheidet die Tagesform.

Wenn das Einlaufkind den Fussballer fast überragt

Der 1,81 m grosse Michal Pazdan muss den Hals strecken, um über das Mädchen vor ihm zu sehen. AFP / VINCENZO PINTO
Joshua Kimmich (links) ist 1,76 m gross. Ausgerechnet dem «kleinen» Deutschen wurde ein relativ grosser Bube zugeteilt. AP/AP / Thibault Camus
Da hätten die Verantwortlichen die Kinder vor Eric Dier (links) und Jamie Vardy besser getauscht. So wirkt Vardy (1,78 m) wie ein Zwerg. EPA/EPA / ROBERT GHEMENT
Ein gelungeneres Beispiel: Das grössere Kind vor dem grösseren Spieler. Also nicht vor Behrami (links) sondern vor Djourou. Bei Shaqiri wäre es eng geworden. X01095 / Carl Recine
Ja genau, dem 1,74 m grossen Yohan Cabaye (rechts) wird natürlich nicht der laut singende Knabe oder Prince Charles zugeteilt. Sondern der grösste des Trios. X01095 / Benoit Tessier
Der Blick zurück an die WM 2014: Suche Deutschlands-Captain Philipp Lahm! AP/AP / Thanassis Stavrakis
Und wenn du Lahm gefunden hast: Wo hat sich Frankreichs Mathieu Valbuena versteckt? EPA/dpa / Marcus Brandt
Glück für den 1,72 m grossen Belgier Eden Hazard (rechts), dass das Mädchen vor ihm nicht die Turmfrisur von Marge Simpson hat. EPA/EPA / SHAWN THEW
Einen haben wir noch: den Honduraner Maynor Figueroa vor der WM-Partie gegen die Schweiz. Getty Images South America / Clive Brunskill

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