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ORS betreibt in der Schweiz über 100 Flüchtlingsunterkünfte. Bild: KEYSTONE

Millionen-Gewinn im Flüchtlings-Business: Asylfirma ORS legt erstmals Zahlen offen

Jahrelang hat sich die Flüchtlingsbetreuungsfirma ORS gegen Transparenz gewehrt. Jetzt gibt sie erstmals Geschäftszahlen preis.

Publiziert: 08.10.19, 07:24
Leo Eiholzer / ch media

Wie viel Geld die ORS Service AG verdient, beschäftigt seit Jahren Medien, das Parlament, den Bundesrat: Die Firma betreibt primär für die öffentliche Hand über 100 Asylunterkünfte mit fast 90'000 Schlafplätzen. Obwohl das Geld zu grossen Teilen vom Staat stammt, veröffentlichte ORS nie Gewinnzahlen. Die Firma gehört einer Beteiligungsgesellschaft in London. Die Schlagzeilen waren entsprechend: Von «verstecktem Profit auf dem Buckel von Flüchtlingen» oder «Profiteuren des Elends» war die Rede.

Nun hat die ORS ihre Zahlen veröffentlicht: Die Firma machte letztes Jahr einen operativen Gewinn von 1.3 Millionen Franken. Der Umsatz betrug 157.8 Millionen. Die Zahlen beziehen sich auf die Schweiz, Deutschland und Österreich. Sie stammen aus dem Geschäftsbericht, der kürzlich erstmals auf der ORS-Website aufgeschaltet wurde.

Die Publikation ist im Vergleich zu üblichen Geschäftsberichten dürftig. Das 48-seitige Dokument nennt lediglich auf zwölf Zeilen Finanzzahlen. Diese zeigen: In der Schweiz machte ORS letztes Jahr 99.8 Millionen Franken Umsatz. Die Gemeindemandate sind mit Abstand am wichtigsten. Sie sind für 40 Millionen Franken des Umsatzes verantwortlich. Kollektivunterkünfte für 29.8 Millionen. Die Aufträge durch das Staatssekretariat für Migration – unter anderem das Betreiben von Bundes-Asylzentren – machen 19.4 Millionen Franken aus.

Umsatzrückgang führt zu Entlassungen

Der Gewinn von 1.3 Millionen Franken ist überraschend tief. Die NZZ berichtete für 2016 über einen Gewinn von mindestens drei Millionen. Der Umsatz in der Schweiz sank von 125 Millionen Franken per 2016 (laut früheren Berichten) auf nun 99.8 Millionen. Der Grund für den Rückgang um 20 Prozent: Die Zahl der Asylgesuche sank zwischen 2015 und 2018 um zwei Drittel auf 15'000. Ein ORS-Sprecher sagt: «Während 2015 schnell und professionell Unterkünfte in Betrieb genommen werden mussten, stehen wir heute vor der Herausforderung, Kapazitäten nach unten anzupassen.»

Das hatte vor allem Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Ende 2017 waren bei ORS Schweiz 1000 Personen angestellt. Heute sind es nur noch 700. Dieses Jahr wurden 20 Kündigungen ausgesprochen.

ORS geriet nicht nur wegen Entlassungen in die Schlagzeilen. Die Betreuung der Flüchtlinge wurde oft kritisiert. Im Februar 2016 etwa berichtete die «Basler Zeitung» über Protokolle, gemäss denen die ORS in einer Bundes-Unterkunft in Aesch BL nicht genügend Nahrung für Babys zur Verfügung gestellt habe. Die Vorwürfe wurden bestritten. In weiteren Fällen gab es heftige Kritik an Zuständen in den ORS-Unterkünften, die die Firma allesamt energisch zurückwies.

Kürzlich nach Italien expandiert

Angesprochen auf den rückläufigen Umsatz verweist der ORS-Sprecher darauf, dass die Firma trotz der rückläufigen Asylzahlen neue Mandate gewinnen konnte. Etwa im Kanton Bern, wo die ORS Teile eines 50-Millionen-Franken-Auftrags erhielt. Dieses Jahr laufen auch Mandate aus, weil Gemeinden andere Anbieter gewählt haben. Doch auch ORS wollte teils nicht mehr: «Aus unternehmerischer Verantwortung heraus hat die ORS von sich aus Gemeindemandate gekündigt, die sich stark defizitär entwickelt haben», sagt der Sprecher.

Richtig kritisch ist die Lage in Österreich. Dorthin expandierte ORS im Jahr 2012 und zog einen dicken Auftrag an Land. ORS betreute alle Asylsuchende, die in Obhut der Regierung standen. Doch als die rechtsnationale FPÖ den Innenminister stellte, ging sie gegen die «Asylindustrie» vor. Ab 1. Juli 2020 betreibt der Staat die Unterkünfte selber. ORS machte in Österreich letztes Jahr 51.2 Millionen Franken Umsatz. Laut dem Sprecher besteht dieser Betrag zu grossen Teilen aus dem Bundesauftrag. In Deutschland beschäftigt ORS mittlerweile 200 Mitarbeiter und machte 2018 einen Umsatz von 6.7 Millionen Franken. Die Firma hat in den letzten Monaten Mandate in mehreren Bundesländern gewonnen. ORS ist kürzlich auch nach Italien expandiert.

Sie ist nicht die einzige Anbieterin, die sich an die neuen Realitäten im Flüchtlingsbusiness anpassen muss. Die Asyl-Organisation-Zürich (AOZ) ist die grösste Konkurrentin. Sie gehört der Stadt Zürich und ist nicht gewinnorientiert. Bei der AOZ resultierte letztes Jahr ein Verlust von 1.7 Millionen Franken, 2016 war es noch ein Plus von rund einer halben Million. Der wichtigste Faktor dafür sei ein sehr starker Rückgang der Asylgesuchszahlen, insbesondere bei unbegleiteten Minderjährigen, sagt eine Sprecherin.

Was haben Flüchtlinge auf ihren Smartphones?

Ahmad Hamed kommt aus Afghanistan und ist seit 10 Monaten in Deutschland. Sein Handy hat er sich kurz nach seiner Ankunft gekauft, es ist sein erstes Smartphone. Die wichtigsten Apps hat er einem Ordner gesammelt. Es sind hauptsächlich Programme die ihm helfen, Deutsch zu lernen. Und einzukaufen: Dafür hat Ahmad eine App, die deutsche Gemüsesorten übersetzt. Das sei am Anfang das Wichtigste, sagt er.
Limamou kommt aus dem Senegal und ist seit fünf Monaten in Deutschland. Sein Handy hat er in der Türkei gekauft und mitgebracht. «Ich nutze es für drei Dinge», sagt er: «Deutsch lernen, die Nachrichten verfolgen und zum Schreiben von Textnachrichten.» Letzteres vor allem mit seiner Freundin, die in der Türkei lebt. Allzu viel Zeit möchte er aber nicht mit seinem Handy verbringen, sagt er, das störe ihn nur dabei, Deutsch zu lernen. Er ist übrigens einer der Wenigen, die die offizielle «Ankommen»-App des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge installiert haben. Der Hintergrund seines Bildschirms zeigt seinen Ururgrossvater. Im Senegal sei es Tradition, Bilder seiner Vorfahren als Glücksbringer bei sich zu tragen, erklärt er.
Khaled kommt aus Eritrea und ist seit neun Monaten in Deutschland. Mit seiner Familie kann er trotz Smartphone nicht kommunizieren. «In Eritrea gibt es kein Internet», sagt er. Jedenfalls nicht für seine Familie. Entsprechend fremd ist ihm das Ganze: Er hat keine E-Mailadresse und als er den Screenshot macht, aktiviert er gleichzeitig die Lautstärkeregelung. Das Handy nutzt er trotzdem viel: Er lernt damit Deutsch. Allerdings nicht per App, sondern mit Video-Sprachkursen der «Deutschen Welle».
Ishan kommt aus Afghanistan und ist seit 10 Monaten in Deutschland. Sein Smartphone hat er sich in Deutschland gekauft, es ist nicht sein Erstes: Das Vorgängermodell wurde ihm in der Türkei gestohlen. Für ihn sind Messenger seine wichtigsten Apps, neun verschiedene hat er installiert. Das hat einen Grund: Ishan lebt von seiner Familie getrennt und um sicherzugehen, nicht den Kontakt zu verlieren, schreibt er ihnen auf so vielen Wegen wie möglich.
Hassan kommt aus Somalia und ist seit elf Monaten in Deutschland. Über sein Handy schreibt er mit seiner Schwester in der Heimat. Er schickt ihr vor allem Bilder von sich. Als es Ende April in Süddeutschland noch einmal schneit, sendet er Fotos von sich im Schneetreiben – natürlich per Viber. WhatsApp hat Hassan zwar auch, er nutzt es aber nur für den Deutschkurs: Seine Klasse hat eine WhatsApp-Gruppe mit der Lehrerin gegründet. «Wir schreiben etwas und die Lehrerin korrigiert uns dann», erzählt Hassan. Ausserdem hört er Musik über das Smartphone. Am liebsten ein Lied von Xavier Naidoo. Den Text haben sie im Deutschunterricht gelernt: «Bitte hör nicht auf zu träumen, von einer besseren Welt». Er hört es jeden Tag, es ist seine Hymne geworden. Was Xavier Naidoo sonst so erzählt, weiss Hassan vermutlich nicht.
Ahmed kommt aus Pakistan und ist seit 10 Monaten in Deutschland. Auch für ihn ist es das erste Smartphone. Warum er und alle anderen ein Samsung-Gerät haben? «Ich mag die Firma», sagt Ahmed. Sein Handy nutzt er vor allem zum Zeitvertreib, aber natürlich auch, um mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Allerdings nicht per WhatsApp oder Skype, sondern mit „Viber“ und „Imo“. In Pakistan, Afghanistan und im Iran sei Viber viel beliebter als WhatsApp, erzählt er. Genau wie Imo, ein Messenger für Video- und Sprachnachrichten.

Anni Lanz – die älteste Schlepperin der Schweiz

Video: SRF / Roberto Krone

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