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Muss die Schweizer Uhrenindustrie schon wieder gerettet werden?

Die Coronakrise beschleunigt bestehende Trends - bis zu 100 Schweizer Uhrenmarken könnten verschwinden.

Publiziert: 27.06.20, 11:31
Niklaus Vontobel / ch media

Retterfigur in der letzten grossen Uhrenkrise: Archivbild des 2010 verstorbenen Swatch Group Präsidenten Nicolas Hayek Bild: KEYSTONE

Am 28. Juni jährt sich der Todestag von Nicolas Hayek Senior zum zehnten Mal. Der Jahrestag des Retters der Schweizer Uhrenindustrie fällt in eine schwere Krisenzeit für die Branche. Es fehlt nicht an Warnern, die unheilvolle Vorzeichen zu erkennen glauben. Sie sehen eine Uhrenindustrie, die dringend eine neue Erlöserfigur braucht.

«Ich hasse es, das zu sagen, aber ich glaube, die Uhrenindustrie wird sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren um bis zur Hälfte verkleinern.» So sagte es ein Berater in einer Expertendiskussion, stellvertretend für viele Kritiker. Bereits beherrsche die elektronische Smartwatch den Markt in der Preisklasse von bis zu 700 Dollar.

Derzeit tobe der Krieg in der nächsthöheren Klasse. Der «Senior Digital Marketing Consultant» lässt finster durchklingen: Auch diesen Krieg verliert die Schweizer Uhrenindustrie mit ihren mechanischen Uhrwerken.

Das schlimmste Jahr in über fünf Jahrzehnten

Ein Gefühl des industriellen Niedergangs wabert schon länger in der Branche. Nun kommt die Coronakrise hinzu. Die Uhrenexporte brechen dieses Jahr ein. Es wird das schlimmste Jahr in über fünf Jahrzehnten.

Bild: KEYSTONE

Die Frage ist nur noch: Gibt es einen Rückgang von 25 Prozent, wie es Bank-Vontobel-Analyst René Weber erwartet (siehe Grafik rechts)? Oder kommt es, wie es der Uhrenverband für möglich hält: Minus 30 Prozent? Wie sieht die Schweizer Uhrenindustrie aus, wenn die Krise vorbei ist? In die Debatte mischt sich auch Uhrenanalyst Weber. Seine Einordnung der Dinge hat zwar auch dunkle Züge. Doch findet laut ihm die Branche aus der Krise, ohne dass ein zweiter Erlöser den Weg weisen müsste.

Von aktuell 600 Marken, die heute die Schweizer Uhrenlandschaft prägen, könnten 50 bis 100 Marken verschwinden. In diesem Szenario von Weber wäre die Uhrenindustrie nach der Krise nicht mehr die Gleiche. Dennoch wäre der Wandel nicht so dramatisch, wie es die Zahlen vermuten lassen würde. Weber sagt: «Keine der Topmarken ist betroffen. Gefährdet sind die kleinen Marken.»

Den Kleinen wird zum Verhängnis, dass sich ein bestehender Trend beschleunigt: Kleine Detailhändler werden noch kleiner - oder müssen aufgeben. Die grossen Händler beschränken sich auf wenige Marken, tendenziell auf die grossen globalen Ikonen. So verdient der Händler «Watches of Switzerland» fast die Hälfte des Geldes mit einer einzigen Marke: Rolex.

In dieser globalisierten Welt der Grossen wird es für die Kleinen schwieriger. Es hat weniger Verkäufer für ihre Uhren und damit auch weniger Käufer.

Die Futurologen lagen schon einmal bös daneben

Wie verändert das neue Coronavirus die Uhrenindustrie? In der Debatte gibt es auch Agnostiker. Uhrenhistoriker Pierre-Yves Donzé kritisiert «Futurologen», denen die Bescheidenheit fehle, um zuzugeben: «Dass sie die Antwort nicht kennen.»

Mit einer Prise Boshaftigkeit erinnert er an Finanzanalysten, die im Herbst 2013 mit viel Überzeugung empfahlen: Kaufen Sie die Aktien der Swatch Gruppe! Damals kostet die Aktie noch 580 Franken. Aktuell sind es weniger als 200 Franken.

Bei aller Demut zeigt sich in der Krise oft ein Muster, so Donzé: Vorhandene Trends beschleunigen sich. In der Schweizer Uhrenindustrie ist ein Trend zentral: Seit den 90er-Jahren wird sie immer mehr zum globalen Verkäufer von Luxus.

Es überleben wenige globale Ikonen: etwa Omega oder Rolex. Sie werden als Luxusgut vermarktet, sind aber bezahlbar für Hunderttausende. Nischen hat es für superteure Uhren für Superreiche.

Darum sieht es Historiker Donzé ähnlich wie Analyst Weber: «Unabhängige Marken, die günstige Uhren verkaufen, waren schon früher in einer heiklen Wettbewerbsposition und haben nun wenig finanzielle Reserven, um die Krise zu meistern.»

Eine Kult-Uhr feiert den 75. Geburtstag

Dass seine Schweizer Bahnhofsuhr einmal Kultstatus erlangen und sogar vom Museum of Modern Art in New York gewürdigt würde, damit hat ihr Erfinder wohl nicht gerechnet. (Shop Ville Hauptbahnhof Zürich 2005) KEYSTONE / GAETAN BALLY
Hans Hilfiker (1901 – 1993), Ingenieur für Elektro- und Fernmeldetechnik bei den SBB, hatte zuallererst ein technisches Problem zu lösen. (Hauptsitz der SBB in Bern, 2014) KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Er musste die Uhren von allen Schweizer Bahnhöfen synchronisieren. (Betriebszentrale Ost der SBB am Flughafen Zuerich, 2014) KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Vor 75 Jahren normierten die SBB nach Hilfikers Entwürfen die Zifferblätter ihrer Uhren und synchronisierten die Zeitangabe. (Hauptbahnhof Zürich, 1997) KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Dadurch rückte der Minutenzeiger der Bahnhofsuhren in der ganzen Schweiz im Gleichtakt weiter, angestossen durch einen elektrischen Impuls der zentralen Uhr in Zürich. (Goppenstein, 2003) KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
Die Uhr erhielt 1947 einen Sekundenzeiger – und damit ein neues Markenzeichen. Aus technischen Gründen stand dieser Zeiger nach einer vollen Umdrehung für etwa zwei Herzschläge still. Das ist bis heute so, auch wenn dies technisch längst nicht mehr nötig wäre. (Bahnhof Löwenstrasse, Zürich, 2014) KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Zürich Hardbrücke, 2018. KEYSTONE / PETRA OROSZ
1952 gestaltete Hilfiker dann das bis heute bestehende schlichte, aber zweckmässige Zifferblatt, dessen Sekundenzeiger an die Abfertigungskelle des Stationsvorstands erinnert. (Zürcher Hauptbahnhof, 2019) KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Die Bahnhofsuhr wird gerne als Sinnbild für Schweizer Präzision und Pünktlichkeit gesehen. (Erstfeld UR, 1994) KEYSTONE / STR
Bahnhof Bern, 1949. PHOTOPRESS-ARCHIV / LIN
Zürich Hardbrücke, 2019. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Champ-du-Moulin im Val de Travers, 1983. KEYSTONE / STR
Schaffhausen,1954. PHOTOPRESS-ARCHIV / STR
Hauptbahnhof Zürich. 1965. PHOTOPRESS-ARCHIV / STR
Bahnhof Bern, 1944. PHOTOPRESS-ARCHIV / STR
Autoverlad in Göschenen, 1955. KEYSTONE / STR
Bahnhof Ebikon LU, 1987. KEYSTONE / STR
Hauptbahnhof Zürich, 1979. PHOTOPRESS-ARCHIV / RETO SCHNEIDER
Zum Schluss noch ein Blick ins Innere des Geburtstagskinds. (Sumiswald, 2018) KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER

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