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Am Montag kehrten die Studierenden an die Hochschulen – hier die Uni Zürich – zurück, wenn auch mit Maske. Bild: keystone

Ein halbes Jahr Pandemie: Die Schweiz bleibt locker – wie lange noch?

Vor sechs Monaten verkündete der Bundesrat den Lockdown. Die Schweiz hat in der Krise vieles richtig gemacht, auch wenn die Corona-Skeptiker das anders sehen. Nun aber begibt sie sich auf abschüssiges Terrain.

Publiziert: 16.09.20, 08:59 Aktualisiert: 16.09.20, 12:59

Israel hat kapituliert. Was die Feinde des jüdischen Staates mit Waffengewalt nie geschafft haben, hat ein winziges Virus vollbracht. Nach einem wochenlangen Kampf gegen steigende Coronazahlen musste die Regierung am Sonntag den Rückzug befehlen, den sie unbedingt vermeiden wollte: Ab Freitag tritt erneut ein landesweiter Lockdown in Kraft.

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Im Frühjahr galt Israel als Musterland bei der Corona-Bekämpfung. Bereits Anfang März wurde eine 14-tägige Quarantäne verfügt für Reisende aus zahlreichen Ländern, darunter die Schweiz. Erst am 11. März konnte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu durchringen, den Covid-19-Ausbruch offiziell zu einer Pandemie zu erklären.

Coronatest in Jerusalem: Nach einem starken Anstieg der Fallzahlen muss Israel erneut in den Lockdown. Bild: keystone

Sechs Monate sind seither vergangen. Die menschliche Wahrnehmung ist wie so oft sehr unterschiedlich. Während die einen das Gefühl haben, der Corona-Ausnahmezustand habe gerade erst begonnen, dauert er für andere schon eine Ewigkeit. Und nicht wenige haben nach einem relativ lockeren Sommer das Gefühl, der Spuk sei eigentlich vorbei.

Dabei steigen die Fallzahlen in Europa wieder an und zwar auch in Ländern, die sich im Frühjahr vorbildlich geschlagen hatten. Dazu gehörte neben Israel auch Österreich, trotz des Après-Ski-Debakels in Ischgl. Nun schlägt Bundeskanzler Sebastian Kurz Alarm. «Was wir gerade erleben, ist der Beginn der zweiten Welle», teilte er am Sonntag mit.

Mehr Ältere infizieren sich

Schwierig ist die Lage auch in Ländern, die schon im Frühjahr stark gelitten hatten, wie Frankreich und Spanien. Und der kalendarische Herbst beginnt erst nächste Woche. Dennoch bleibt es (noch) ruhig, weil trotz der zunehmenden Corona-Fälle die Zahl der Spitaleinweisungen und Todesopfer viel tiefer ist als auf dem Höhepunkt der ersten Welle.

Der Bundesrat erklärt die «ausserordentliche Lage»

Video: watson/nico franzoni

Liegt das daran, dass sich vor allem junge Menschen anstecken? Oder hat sich das Virus abgeschwächt? Experten sehen dafür keine Anhaltspunkte, dafür gibt es beunruhigende Hinweise, dass sich die Älteren wieder vermehrt infizieren. Damit scheint sich jenes Szenario zu bewahrheiten, vor dem etwa die Basler Biologin Emma Hodcroft gewarnt hat.

«Ist das wirklich richtig?»

Was bedeutet das für die Schweiz? Sie hat vieles, wenn auch längst nicht alles richtig gemacht. Am 28. Februar hatte der Bundesrat Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen verboten und damit ebenfalls Pionierarbeit geleistet. Genützt hatte es wenig, weshalb am 16. März die ausserordentliche Lage und damit der Lockdown verfügt wurde.

Der Bundesrat hat sich diese Entscheide keineswegs leicht gemacht, wie Justizministerin Karin Keller-Sutter im Interview mit watson erklärte:

«Man sitzt da und fragt sich: Was machen wir eigentlich mit diesem Land? Wir verbieten dieses und machen jenes zu. Ist das wirklich richtig? Ich habe diese Verantwortung mit Haut und Haaren gespürt. Auf der anderen Seite konnten wir wohl nichts anderes machen, als alles herunterzufahren.»

Mit sechs Monaten Abstand bestätigt sich die Annahme, dass der Bundesrat wohl gerade rechtzeitig die Notbremse gezogen hat, um katastrophale Zustände in den Spitälern zu verhindern. Selbst in der Westschweiz und im Tessin, wo die Lage zeitweise sehr angespannt war, kam es nie zu dramatischen Szenen wie in Bergamo in der Lombardei.

Drei Monate später, am 19. Juni, kehrte der Bundesrat von der ausserordentlichen in die besondere Lage zurück. Der Lockdown war zu jenem Zeitpunkt bereits Vergangenheit, die Schweiz hat im internationalen Vergleich ein sehr forsches Öffnungstempo vorgelegt. Bislang ging es gut, doch die Fallzahlen steigen auch bei uns kontinuierlich an.

Corona-Skeptiker sind Randgruppe

Einzelne Massnahmen wurden zurückgenommen und in einigen Bereichen eine Maskenpflicht eingeführt. Gleichzeitig ist eine Corona-Müdigkeit nicht zu übersehen. Das zeigt sich auch in den watson-Kommentaren: Wurde man im Frühjahr gescholten, wenn man den Bundesrat kritisierte, so ist dies heute eher der Fall, wenn man zu Vorsicht mahnt.

Wir wollen unser altes Leben zurück und im schönen und warmen Sommer haben wir das auch ein gutes Stück weit geschafft. Vielleicht sind die Corona-Skeptiker – ein bunter Haufen unterschiedlich motivierter Menschen – deshalb bei uns eine Randerscheinung geblieben. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung stützt die Politik des Bundesrats.

Nicht annähernd eine Diktatur

Selbst als er mit Notrecht regierte, war die Schweiz nicht einmal annähernd eine Diktatur, auch wenn das gewisse Corona-Rebellen behaupten. Sämtliche Institutionen waren voll funktionsfähig. Es ist nicht die Schuld des Bundesrats, dass das Parlament in den ersten Wochen die Arbeit verweigert hatte und die Kantone überfordert waren.

Die angepasste Covid-19-Verordnung zu den Grossanlässen

Covid-S9 Verordnung Grossanlässe
Covid-S9 Verordnung Grossanlässe
Covid-S9 Verordnung Grossanlässe
Covid-S9 Verordnung Grossanlässe
Covid-S9 Verordnung Grossanlässe

Natürlich wurden im Vorfeld Fehler gemacht, wie der letzte Woche ausgestrahlte SRF-Dokfilm zeigt, der allerdings von einer besserwisserischen «Im Nachhinein ist man immer schlauer»-Tonalität geprägt war. Und man wird den Verdacht nicht los, dass das Contact Tracing der Kantone bei einer weiteren Zunahme der Fallzahlen irgendwann implodiert. Die Entwicklung im Kanton Waadt jedenfalls gibt allen Grund zur Besorgnis.

Das Virus hat nicht genug von uns

Denn über den Berg sind die Welt und damit auch die Schweiz nicht. Sie begibt sich vielmehr auf ein abschüssiges Terrain, mit erhöhter Absturzgefahr. Während immer mehr Länder auf die Bremse treten, bleibt sie locker. Am Montag wurde der physische Lehrbetrieb an den Hochschulen wieder aufgenommen und ab Oktober sind Grossveranstaltungen mit mehreren Tausend Teilnehmern wieder zugelassen.

Manche Experten erfasst deswegen das Grauen. So hat die konservative Regierung in Grossbritannien, dem von der Pandemie am stärksten getroffenen Land in Europa, letzte Woche Versammlungen mit mehr als sechs Personen verboten, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die Schweiz aber will ab Oktober exakt in die andere Richtung gehen.

Im Bundesrat ist man sich des Risikos bewusst, wie Karin Keller-Sutter im Interview sagte:

«Ich gönne es allen, die sehnlichst auf einen Match oder eine kulturelle Veranstaltung gewartet haben. Man kann nicht die Leute einsperren und unendlich Staatshilfe geben, sondern wir müssen den Leuten jetzt wieder auf die Beine helfen. Und es ist auch eine wirtschaftliche Überlebensfrage. Aber die Pandemie ist immer noch da, wir müssen mit ihr leben.»

Wirtschaftliche Erwägungen hätten in der Schweiz Vorrang gegenüber epidemiologischen Bedenken, befand die «Financial Times». Suzanne Suggs, eine Professorin an der Universität der italienischen Schweiz in Lugano, hob in der Wirtschaftszeitung den Warnfinger: «Alle haben genug von der Pandemie und wollen, dass das Virus verschwindet. Aber es hat nicht genug von uns.»

Nach den Lockerungen geniesst die Schweiz das schöne Wetter

Am sonnigen Pfingstwochenende sind in der Schweiz viele Naherholungs- und Wandergebiete sehr gut besucht gewesen. Beliebt waren Ausflugsziele in den Bergen und an Seen, dies führte teilweise zu verstopften Strassen. keystone / Pablo Gianinazzi
Die Postautos waren sehr stark ausgelastet, vor allem auf den Linien, die zu den Ausgangspunkten von Wanderungen führen, wie es am Montag auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bei der Postauto-Medienstelle hiess. keystone / Pablo Gianinazzi
Es seien mehr Fahrgäste unterwegs gewesen als an Auffahrt, aber etwa 20 bis 30 Prozent weniger als an einem Pfingstwochenende in den Vorjahren. Auf beliebten Strecken wurden zusätzliche Fahrzeuge eingesetzt, so zum Beispiel im Berner Oberland, im Walliser Simplongebiet, im Val Verzasca TI und in Graubünden. keystone / Pablo Gianinazzi
Sehr wenige Fahrgäste trugen Masken: In der Deutsch- und in der Westschweiz würden weniger als fünf Prozent der Reisenden Masken tragen, sagte eine Mediensprecherin. Im Tessin dagegen, einem der am stärksten von der Pandemie betroffenen Kantone, würden zehn bis zwanzig Prozent der Fahrgäste Masken tragen, vor einem Monat seien es noch 50 Prozent gewesen. keystone / Pablo Gianinazzi
Bei den SBB war die Auslastung der Züge unterschiedlich, bei einigen Strecken habe diese maximal 80 Prozent betragen, hiess es bei der Medienstelle. keystone / Pablo Gianinazzi
Auffällig zeigte sich das Verkehrsaufkommen am Pfingstsonntag und -montag in den Kantonen Glarus und Zug, wo verschiedene Hauptstrassen in die Naherholungsgebiete überlastet waren und die Polizei deswegen Strassen sperren musste, wie der Verkehrsdienst Viasuisse auf Anfrage mitteilte. keystone / Pablo Gianinazzi
Unter anderem im Kanton Glarus waren die Parkplätze der jeweiligen beliebten Ausflugsziele komplett besetzt. Die Ausflügler hätten darauf teilweise mit «mangelndem Verständnis und aggressiv» reagiert, hiess es auf Anfrage bei der Kantonspolizei Glarus. keystone / Pablo Gianinazzi
Es sei zu einer noch nie dagewesenen Verkehrsüberlastung gekommen - bei einem Rettungseinsatz wäre ein Durchkommen sämtlicher Rettungskräfte auf einigen Strassen unmöglich gewesen. Sehr gut besucht waren demnach unter anderem der Klöntaler- und der Walensee. Auch über den Klausenpass habe es viel Verkehr gegeben. keystone / Pablo Gianinazzi
Im Kanton Zug waren sehr viele Ausflügler nicht nur mit dem Auto sondern auch zu Fuss und mit dem Velo unterwegs, hiess es auf Anfrage bei der Kantonspolizei. Unter anderem am Zugerberg seien die Parkplätze wegen Verkehrsüberlastung besetzt gewesen. keystone / Pablo Gianinazzi
Auch das Wandergebiet Alpstein im Appenzellerland verzeichnete mehr Besucher als an Jahren zuvor. Das Abstandhalten auf den Wandergebieten sei kein Problem gewesen, schwieriger sei dies hingegen in den zahlreichen Bergwirtschaften gewesen, sagte der Mediensprecher der Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden. keystone / Pablo Gianinazzi
Tausende nutzten im Kanton Bern am Pfingstsonntag trotz Bise das schöne Wetter für Ausflüge ins Freie. Bereits am Sonntagmorgen stockte der Verkehr auf der Autobahn Richtung Interlaken. Auch am Autoverlad in Kandersteg herrschte reges Treiben. Die Wanderer machten sich auf zu beliebten Wanderzielen, wie etwa dem Lauenensee im Saanenland oder den Hügeln der Juraketten. keystone / URS FLUEELER
Auch Radler und Motorradfahrer zog es auf die Strassen, namentlich auf die kurvenreichen. In Thun wasserten etliche Gummiboote in die Aare ein und liessen sich Richtung Bern treiben. keystone / URS FLUEELER
Nicht nur in den Bergen war viel Volk unterwegs, auch in den Städten genossen die Menschen die sommerliche Stimmung. So waren in Chur an diesem Wochenenden tendenzielle wieder mehr Leute unterwegs, vor allem Freitag und Samstag, wie es auf Anfrage bei der Polizei hiess. Die Verhaltensregeln bezüglich Covid-19 seien jedoch problemlos eingehalten worden. keystone / URS FLUEELER
In Zürich genossen am Samstagabend viele Menschen das schöne Wetter an den offenen Bereichen des Seeufers und an der Limmat im Stadtzentrum. Die Kantonspolizei Zürich zog bis am Montagmittag eine positive Bilanz: Die Bevölkerung des Kantons Zürich habe sich bis auf sehr wenige Ausnahmen die Sicherheitsvorgaben zur Corona-Pandemie gut eingehalten. Am Montagnachmittag kam es jedoch zu einer Anti-Rassismus-Demonstration mit mehreren hundert Personen, die Abstandsregeln bezüglich des Coronavirus wurden dabei nicht eingehalten. keystone / URS FLUEELER
Die Kantonspolizei Basel-Stadt hielt auch über Pfingsten ihre Kontrolltätigkeit hoch und markierte an den Hotspots Präsenz. Die Auflagen wurden am Wochenende auch dort von den Betrieben und der Bevölkerung grossmehrheitlich eingehalten. sda / ALEXANDRA WEY
Im Kanton Genf zog es viele Menschen in die Bäder am See. Dort hielten sie sich aber nach Angaben der Behörden in kleinen Gruppen auf. Das autofreie Genferseeufer in Lausanne wurde am Sonntagmorgen von Gruppen, Paaren, Jugendlichen und Kindern per Velo oder zu Fuss gestürmt. Andernorts war es im Kanton Waadt an Pfingsten eher ruhig. sda / ALEXANDRA WEY

Dieser Maskentyp schützt dich besser vor einer Ansteckung mit Coronaviren

Video: watson

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