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Liebt Aufmerksamkeit und Anerkennung: Novak Djokovic mit freiwilligen Helferinnen und Helfern an der Adria Tour. Bild: keystone

«Selbst spontan ist er berechnend» – warum Djokovic krampfhaft geliebt werden will

Novak Djokovic hat an seiner Adria Tour nicht nur das Coronavirus aufgelesen, sondern auch die Tenniswelt gegen sich aufgebracht. Ein Experte erklärt, warum der Serbe immer noch krampfhaft auf der Suche nach Liebe und Anerkennung ist.

Publiziert: 24.06.20, 13:43 Aktualisiert: 25.06.20, 10:00

Es hätte ein Triumphzug werden sollen, doch es wurde zum Desaster. Denn die Adria Tour ist nun der Ursprung von diversen Covid-19-Fällen in der Tenniswelt und darüber hinaus.

Novak Djokovic wollte die aufgrund der Corona-Pandemie entstandene Zwangspause im Tennis-Zirkus nutzen, um seiner Heimat Serbien und der Balkanregion im allgemeinen etwas zurückzugeben. Eine Region, die von Djokovic im normalen Tour-Alltag nicht viel zu sehen kriegt. Eine Region, in der ihm die Herzen zufliegen. Eine Region, die der Spieler selbst ebenfalls liebt.

Doch mit seiner Herkunft gehen auch diverse Komplexe einher. Djokovic wuchs im kriegsversehrten Kopaonik, nahe der serbisch-kosovarischen Grenze auf. Der heute 33-Jährige erlebte die Gewalt des Kosovokrieges aus nächster Nähe und wuchs in Armut auf. «Die Narben aus dieser Zeit sind bis heute nicht verheilt. Nicht auf dem Tennisplatz und schon gar nicht in der Seele von Novak Djokovic», schrieb Tennisjournalist Simon Häring kürzlich in der «Schweiz am Wochenende».

«Wir mussten in einer Schlange für Brot, Milch und Wasser anstehen. Diese Dinge machen dich stärker und hungriger», sagte Djokovic nach seinem Titel am Australian Open dieses Jahres. Dabei geht es laut Häring um mehr als den Erfolgshunger. Es gehe auch um Liebe und Anerkennung.

Sebastiàn Fest, ein Tennisexperte, der unter anderem für die «Zeit», «El Mundo» und den «Blick» schreibt, hat über die Jahre viele Erfahrungen und Begegnungen mit Novak Djokovic gemacht. Nach der missglückten Adria Tour berichtet der Journalist auf Twitter von seinen Erlebnissen mit dem Serben – und gibt so auch Einblick in das Leben Djokovics.

Fest fragte Djokovic einmal: «Musstest du netter sein als alle anderen, weil du von Serbien bist?»

Djokovic antwortete, dass die Leute um ihn herum früher plötzlich viel vorsichtiger agierten, als sie erfuhren, dass er Serbe war. «Das war ein ziemlich hässliches Gefühl. Doch dank meinen Erfolgen konnte ich den Menschen meine wahre Persönlichkeit zeigen. Ich konnte zeigen, dass auch Serben gut sein können», führte die Weltnummer 1 aus.

Trotz oder gerade wegen seiner tragischen Vergangenheit in diesem Land sei Djokovic serbischer Nationalist, schreibt Fest. Er sagt sogar, dass der Tennisstar «vom historischen Recht auf ein Grossserbien überzeugt ist». Und dass sich die Unabhängigkeit des Kosovo für Djokovic angefühlt haben müsse, als würde ihm ein Arm abgerissen.

Ein weiterer grosser Faktor bei Djokovics Suche nach universeller Liebe dürften auch die Eltern sein. Einerseits weil sie ihre eigenen grossen Erwartungen auf ihren Sohn übertragen. Andererseits weil sie ihn mit unüberlegten Aussagen auch immer wieder zurückwerfen und auf jegliche Kritik an ihrem Sohn allergisch reagieren.

Jüngstes Beispiel ist Vater Srdjan Djokovic, der nach der Absage der Adria Tour die Schuld offenbar gerne abschieben möchte. Im serbischen Fernsehen kritisierte Vater Djokovic Grigor Dimitrov: «Er wusste, wie und wo er sich angesteckt hatte. Dass er sich nicht sofort hat testen lassen, ist nicht richtig. Er hat Kroatien, Serbien und uns als Familie grossen Schaden zugefügt.»

Die Familie Djokovic (von Links: Mutter Dijana, Novak, Bruder Djordje, Vater Srdjan und Ehefrau Jelena) sorgt immer wieder für Aufregung. Bild: imago images / Pixsell

Und so muss Novak Djokovic immer wieder die Wogen glätten. Er wollte von Beginn weg so beliebt sein, wie Roger Federer und Rafael Nadal das seit Jahren sind. Doch weil er das so krampfhaft versucht, erreicht er eher das Gegenteil. So bleibt ihm letztlich nur die Option, erfolgreicher zu sein als seine Rivalen.

Sebastiàn Fest schreibt, dass kaum jemand, der Djokovic einmal persönlich getroffen hätte, ein schlechtes Wort über ihn sagen könne. Der Serbe sei nie unfreundlich. «Er kann jede Person, die er trifft, in deren Landessprache begrüssen und hat immer einen passenden Spruch parat», erklärt Fest.

Ob da jeweils ernst gemeinte Empathie dahinter stecke oder ob es sich doch nur um Kalkül handle, sei jedoch schwierig zu beantworten. Fest ist der Überzeugung, dass Djokovic es für wichtig hält, empathisch zu sein. Doch sein Hirn höre nie auf zu arbeiten: «Selbst wenn Djokovic spontan scheint, ist er berechnend.»

Wie kommt es also, dass ein Mensch, der oft so überlegt agiert und zweifelsohne auch intelligent ist, sich immer wieder derartige Fehltritte leistet? Sebàstian Fest sieht die Antwort in narzisstischen Zügen. «Das ist noch oft so bei Menschen, die in einer Sache die Weltbesten sind. Djokovic glaubt, dass er alles machen kann und hat damit meistens Recht. Er glaubt daran, dass man mit Liebe und guten Schwingungen alles erreichen kann. Dass er mit der Kraft seines Körpers dreckiges Wasser ins sauberes Wasser verwandeln kann.»

Da sei es nur ein kleiner Schritt zur Überzeugung, dass Djokovic mit Körper und Geist stärker sei als das Coronavirus, schreibt Fest.

Doch dieses Mal hat er sich stark verschätzt. Im ersten offiziellen Statement nach seinem positiven Corona-Test stand noch nichts von Reue oder Fehlern. Doch der Serbe meldete sich gestern Abend auf Twitter auch noch selbst zu Wort. Es tue ihm Leid, dass die Adria Tour Schaden angerichtet habe, schrieb er und fuhr fort: «Wir waren überzeugt, die Gesundheitskriterien zu erfüllen. Doch wir lagen falsch. Es war noch zu früh.»

Einmal mehr muss Novak Djokovic Wogen glätten.

Alle Finals zwischen Roger Federer und Novak Djokovic

Wimbledon 2019: Djokovic – Federer 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12. EPA / NIC BOTHMA
Cincinnati 2018: Djokovic – Federer 6:4, 6:4. EPA / TANNEN MAURY
World Tour Finals 2015: Djokovic – Federer 6:3, 6:4. EPA / ANDY RAIN
US Open 2015: Djokovic – Federer 6:4, 5:7, 6:4, 6:4. EPA / JUSTIN LANE
Cincinnati 2015: Federer – Djokovic 7:6, 6:3. EPA / TANNEN MAURY
Wimbledon 2015: Djokovic – Federer 7:6, 6:7, 6:4, 6:3. EPA / FACUNDO ARRIZABALAGA
Rom 2015: Djokovic – Federer 6:4, 6:3. EPA ANSA / ETTORE FERRARI
Indian Wells 2016: Djokovic – Federer 6:3, 6:7, 6:2. EPA / JOHN G. MABANGLO
Dubai 2014: Federer – Djokovic 6:3, 7:5. EPA / ALI HAIDER
Wimbledon 2014: Djokovic – Federer 6:7, 6:4, 7:6, 5:7, 6:4. AP / BEN CURTIS
Indian Wells 2014: Djokovic – Federer 3:6, 6:3, 7:6. EPA / JOHN G. MABANGLO
World Tour Finals 2012: Djokovic – Federer 7:6, 7:5. EPA / KERIM OKTEN
Cincinnati 2012: Federer – Djokovic 6:0, 7:6. AP / Al Behrman
Dubai 2011: Djokovic – Federer 6:3, 6:3. EPA / ALI HAIDER
Basel 2010: Federer – Djokovic 6:4, 3:6, 6:1. KEYSTONE / ENNIO LEANZA
Basel 2009: Djokovic – Federer 6:4, 4:6, 6:2. KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS
Cincinnati 2009: Federer – Djokovic 6:1, 7:5 AP / Al Behrman
US Open 2007: Federer – Djokovic 7:6, 7:6, 6:4. AP / ELISE AMENDOLA
Montreal 2007: Djokovic – Federer 7:6, 7:6. EPA / ANDRE PICHETTE

Wawrinka beisst sich im Quiz über sich selbst die Zähne aus

Video: watson / Roberto Krone

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