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Kein nordischer Fjord, sondern der schmelzende Rhonegletscher: Strenger Klimaschutz tut not! Bild: praesens-film

«Switzerlanders»: Wo Männer labern und Frauen Kinder zur Welt und Brot aus dem Ofen holen

Michael Steiner rief die Schweiz dazu auf, ihm kleine Filme aus dem Alltag zu schicken. Daraus hat er einen Dokfilm geschnitten. Es lässt sich sagen: Unsympathisch sind wir nicht. Bis auf ein paar Autofahrer.

Publiziert: 15.05.20, 08:57 Aktualisiert: 16.05.20, 06:11

Die Schweiz hat viel Zeit. Also Freizeit. Unentwegt kann sie an irgendwelchen Geräten von Bergen springen oder über Seen gleiten. Oder Velo, Auto, Bahn und Schiff fahren. Gern ist die Schweiz in der Badi. Das Wasser ist blau, die Wiesen sind grün, schlechtes Wetter gibt es nicht. Die Schweiz ist immer liebenswürdig. Zu ihren Schwangeren und blutjungen Schwingerinnen. Ihre Söhne in der Rekrutenschule sind ordentlich und sanftmütig.

Grundsätzlich ist die Schweiz besonnen, philosophisch und sehr, sehr anständig. Sie liebt ihre Tiere. Ein Schweizer sagt, Hunde seien das Beste, was dem Menschen passieren könne, der beste Freund, da ehrlich und nicht fake. Sie würden immer ihr bestes geben und nur einem ausgeglichenen Rudelführer folgen, «nicht wie die Menschen, die jedem Vollpfosten nachlaufen».

Trailer zu «Switzerlanders»

Ein Bub sagt, für ihn sei das Schönste, dass es in der Schweiz so viele Brunnen gebe. Überhaupt redet der Schweizer gern und viel. Die Schweizerin dagegen macht. Holt Kinder auf die Welt und Brot aus dem Ofen.

Hunde und Brunnen also. In welchem Jahr befinden wir uns? 1939? 1959? Nein, halt, 2019!

Und an welchem Tag des Jahres 2019 befinden wir uns? Am 21. Juni! Also nicht ganz genau, aber das Datum ist gut, denn erstens ist der 21. Juni der längste Tag eines Jahres, und zudem war der 21. Juni 2019 einer von unzähligen Fridays for Future und eine Woche nach dem Frauenstreik. Es passt also, dass sich in einem Dokfilm, der mit der Zeitangabe «21. Juni 2019, 00.00 Uhr» beginnt, auch etliche Demobilder befinden.

Sie ist jung, sie ist stark, sie ist Schwingerin. Unter dem Nachwuchs des Schweizer Männersports par excellence finden sich sehr viele Mädchen. Bild: praesens-film

Denn «Switzerlanders» von Regisseur Michael Steiner ist ein Dokfilm. Theoretisch jedenfalls. Praktisch ist er eine Art bewegtes Riesenselfie geworden. Man nennt dies korrekterweise wohl Image-Film. Ein Film über ein wunderschönes Land mit wunderfreundlichen Menschen, wo Christen, Juden und Moslems friedlich koexistieren und in ihren Kirchen, Synagogen und Moscheen weisen alten Männern lauschen und finden, man könne schon noch voneinander lernen, von den Schweizern die Pünktlichkeit, von den andern die Lockerheit.

Über allem liegt die schöne Erkenntnis: Der Mensch ist wichtiger als das Land, aus dem er kommt.

Hier nimmt Michael Steiner einen von vielen Preisen für «Wolkenbruch» entgegen. Bild: KEYSTONE

Entstanden ist «Switzerlanders» so: Steiner machte gemeinsam mit «20 Minuten» einen landesweiten Aufruf. Die Menschen sollten ihm Clips aus ihrem Alltag schicken. Steiner schwebte vor, Geschichten «vo Läbe bis Tod» zu erzählen. Interessante Geschichten. Und daraus sollte ein interessantes filmisches Mosaik geschnitten werden. Das Panoptikum einer aufgewühlten Zeit. Und angeblich das grösste Filmprojekt, das die Schweiz jemals gesehen haben sollte. Damals ahnte niemand, dass das Frühjahr 2020 um ein Vielfaches aufwühlender würde.

1400 Stunden Material trafen bei Steiner ein, 75 Minuten hat er davon verwendet. Von heute aus gesehen sind das 75 Minuten reine Nostalgie. Und 75 Minuten Werbespot für das Ferienland Schweiz im Coronasommer 2020.

Schöne Seen, Berge und Menschen hat das Land. Bild: praesens-film

Das mit dem «Läbe» hat geklappt, wir besuchen eine Geburtsstation und eine Herzklinik, aber den Tod muss man sich vorstellen, der bleibt aussen vor. Was verständlich ist, wenn man die Leute bittet, etwas einzuschicken, was sie gerne zeigen möchten. Da kommen dann eben viele Naturschönheiten Tiere und – Autos.

Am Auto scheiden sich die Schweizer Geister. Da flippen sie aus.

Einer zeigt verrückt vor Glück den 100'000. Kilometer seines Elektroautos. Ein anderer macht einem Maserati einen Heiratsantrag: «Ich ha no nie sone geili Sau gseh, mit somene Arsch und söttige Kurve!» Auto gleich Sau gleich Frau. Dazu passt auch der Typ (hängen wirklich nur Männer an Autos?), der sich ein Playboy-Loft eingerichtet hat, und sagt, er hasse das rot-grüne «Pack» von Zürich, das ihm seine grossen amerikanischen Schlitten madig und das Leben schwer machen wolle.

Die Zürcher Bahnhofstrasse zu einer Zeit, als Corona nur ein Bier war. Bild: praesens-film

Zum Glück kommt gleich danach ein Gletscherschützer mit dem majestätischen Rhonegletscher. Selbst mit starkem Klimaschutz, sagt er, liesse sich höchstens ein Drittel der Schweizer Gletscher retten. Da will man ganz schnell die wöchentlichen Klimademos zurück, subito!

Erfunden hat das Prinzip von einem Land, das sich einen Tag lang filmisch selbst darstellt, Ridley Scott. Dessen Produktionsfirma steht denn auch mit hinter «Switzerlanders». Italien, Indien, Japan, Grossbritannien haben sich so schon verwirklicht, jetzt also die total sympathische, harmonische und herzig rückwärtsgewandte Schweiz. Und man fragt sich: Wo ist die andere? Die Kulturschweiz (abgesehen von einem, der sich mit seinem Auftritt keinen Gefallen tut)? Die Wissenschaftsschweiz? Las die etwa ... hüstel ... den Aufruf in «20 Minuten» nicht?

Übrigens wohnt die Schweiz am liebsten in Häusern. Jedenfalls gehen am frühen Morgen sehr viele Menschen eine Treppe hinunter, bevor sie Frühstück machen. Und nach Einbruch der Dunkelheit frönen sie einem Fetisch für Lichterketten. Das ist friedlich. Und schön. Wie die Natur.

«Switzerlanders» ist ab 21. Mai auf folgenden Plattformen erhältlich: Sky, UPC, iTunes, myfilm.ch, kino-on-demand.ch und Teleclub. Auch die DVD erscheint dann.

Diese Filme werden dieses Jahr 20 Jahre alt!

«Scary Movie» Dieser Film steht nicht etwa an erster Stelle, weil er wahnsinnig brillant, tiefgründig oder lustig gewesen wäre. Aber er steht irgendwie für die 2000er. Und weil es schon krass ist, dass dieser Streifen – gopf namal! – schon 20 Jahre alt sein soll. bild: central/highlight
«3 Engel für Charlie» Auch dieser Film. Zwanzig (20!!!) Jahre! bild: columbia
«Final Destination» Der Mysterythriller war damals so beliebt, dass es danach noch vier weitere Filme der Reihe gab. bild: new line cinema
«Ein Königreich für ein Lama» Wohl einer der besten Disney-Streifen überhaupt. Falls ihr ihn noch nie gesehen habt: Tut es. bild: buena vista
«Was Frauen wollen» bild: warner home
«Cast Away» Wilsooooooooooooon! bild: united international pictures
«Gladiator» bild: united international pictures
«Meine Braut, ihr Vater und ich» Zur Erinnerung: 20 f*cking Jahre! bild: united international pictures
«X-Men» bild: 20th century fox
«Coyote Ugly» bild: buena vista
Falls du noch nicht schockiert genug bist, versuchen wir es noch hiermit: Diese Filme werden dieses Jahr auch schon zehn Jahre alt. «Drachenzähmen leicht gemacht» bild: paramount pictures
«Alice im Wunderland» bild: walt disney studios motion pictures
«Ich – Einfach unverbesserlich» bild: universal pictures
«The Social Network» bild: sony pictures
«Black Swan» bild: 20th century fox
«Inception» bild: warner bros. pictures

Simonetta Sommaruga wird 60

Video: SRF

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