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Wie korrupt ist William Barr?

Der US-Justizminister soll Trump-Kumpel Roger Stone begünstigt und willkürliche Untersuchungen angeordnet haben. Droht ihm ein Impeachment?

Publiziert: 24.06.20, 18:15 Aktualisiert: 25.06.20, 09:50

Die Trennung von Politik und Justiz ist der Dreh- und Angelpunkt des amerikanischen Systems der «checks and balances». Das bedeutet konkret, dass der Justizminister zwar formell dem Präsidenten unterstellt ist, dass er seine Arbeit jedoch trotzdem ohne die geringste Einmischung des Weissen Hauses zu erledigen hat.

In den letzten drei Jahrzehnten wurde dieses Prinzip strikt eingehalten. Weder Bill Clinton noch George W. Bush noch Barack Obama versuchten, die Arbeit ihrer Justizminister zu beeinflussen. Selbst Jeff Sessions, Trumps erster Attorney General, respektierte die Trennung von Politik und Justiz. Er trat wegen Befangenheit in der Russlandaffäre in den Ausstand, was ihn seinen Job kosten sollte.

Hat die Trennung von Politik und Recht respektiert: Jeff Sessions. Bild: EPA/EPA

Sessions' Nachfolger kennt diese Skrupel nicht. William Barr ist nicht nur der festen Überzeugung, dass der Präsident praktisch unbehelligt regieren darf. Er versteht sich als Diener seines Herrn und handelt danach. Kaum im Amt, verfälschte er den Mueller-Report bis zur Unkenntlichkeit und sprach Donald Trump selbstherrlich von jeglicher Schuld frei.

Mehr noch: Barr drehte den Spiess um, begann von «Spionage» gegen den Präsidenten zu schwafeln – dafür gibt es nicht den geringsten Beweis – und setzte seinerseits einen Sonderermittler ein, der diesen Vorwurf bestätigen soll.

All dies mag politisch unappetitlich sein, explizit verboten ist es nicht. Das trifft hingegen für die jüngsten Vorwürfe gegen Barr nicht mehr zu. Um dem Präsidenten einen Gefallen zu tun, soll sich der Justizminister aktiv in laufende Verfahren eingeschaltet haben. So lautet der Vorwurf zweier Zeugen, die heute an einem Hearing vor dem Justizausschuss des Abgeordnetenhauses aussagen.

Konkret geht es zunächst um den Fall von Roger Stone, einem alten Kumpel von Donald Trump. Er wurde im vergangenen November von einem Geschworenengericht in Washington für schuldig befunden, den Kongress angelogen und Zeugen beeinflusst zu haben.

Kann auf Hilfe von ganz oben zählen: Roger Stone. Bild: AP

Gemäss den Richtlinien des Justizministeriums empfahlen die Ankläger der zuständigen Richterin eine Gefängnisstrafe von bis zu neun Jahren. Darauf intervenierte Barr und forderte eine weit mildere Strafe. Die Richterin verknurrte Stone schliesslich zu drei Jahren Gefängnis.

Aaron Zelinsky war der Ankläger gegen Stone. Nach der Intervention von Barr trat er von seinem Amt zurück. Nun will er vor dem Justizausschuss auspacken. In einer vor dem Hearing veröffentlichten Erklärung hält Zelinsky fest, dass er «Druck von oberster Stelle erhalten habe», um «Stone möglichst milde davonkommen zu lassen». Weiter hält Zelinsky fest:

«Man hat mir gesagt, dass die Empfehlungen des Justizministeriums aus politischen Gründen erfolgt sind. Man hat mir auch gesagt, dass der Chefankläger Stone so milde angefasst hat, weil er Angst vor dem Präsidenten hatte.»

Ebenfalls vor dem Justizausschuss auftreten wird John Elias, ein Vertreter der Wettbewerbsabteilung des Justizministeriums. Er wird aussagen, dass Barr ihn damit beauftragt hatte, eine Untersuchung gegen Zusammenschlüsse von Marihuana-Herstellern einzuleiten. Es gab dafür keine rechtlichen Gründe, aber Barr «mag dieses Geschäft nicht», wie Elias in einer schriftlichen Erklärung festhält.

Elias wurde auch beauftragt, eine Untersuchung gegen verschiedene Autohersteller in die Wege zu leiten. Sie hatten sich bereit erklärt, die Umweltvorschriften des Bundesstaates Kalifornien zu akzeptieren, und damit den Zorn des Präsidenten erregt, der diese Vorschriften massiv verwässern wollte.

Im Visier des Southern District of New York: Lev Parnas (links) und Igor Fruman. Bild: AP

Bereits am vergangenen Wochenende hatte Barr seine Unterwürfigkeit gegenüber dem Präsidenten einmal mehr zur Schau gestellt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion feuerte er Geoffrey Berman, den Chef des Southern District of New York (SDNY), der wichtigsten Strafverfolgungsbehörde des Justizministeriums.

Unter anderem untersucht das SDNY die Geschäfte von Trumps persönlichem Anwalt, Rudy Giuliani. Zwei von Giulianis Gehilfen, Lev Parnas und Igor Fruman, sind bereits angeklagt. Auch hier drängt sich der Verdacht auf, dass Barr dem Präsidenten Ungemach vom Hals halten will.

Die Vorwürfe gegen Barr sind massiv. Jerrold Nadler, der Vorsitzende des Justizausschusses, erwägt daher, den Justizminister zu einem Hearing aufzubieten. Er macht sich jedoch keine Illusionen, dass der Justizminister dieser Aufforderung Folge leisten wird, obwohl er gesetzlich dazu verpflichtet wäre. Für die entsprechenden juristischen Verfahren bleibt bis zu den Wahlen keine Zeit.

Macht sich keine Illusionen: Jerrold Nadler, Vorsitzender des Justizausschusses. Bild: keystone

Aus dem gleichen Grund wird es auch kaum zu einem Impeachment gegen den Justizminister kommen. William Barr wird daher nichts zu befürchten haben – ausser als Symbol der Korruption der Trump-Regierung in die Geschichte einzugehen.

Trump und Bolton - eine Feindschaft in Bildern

Aussenpolitik nach Bauchgefühl, gefährliches Unwissen und ein unbändiger Wunsch nach einer zweiten Amtszeit - so beschreibt der frühere nationale Sicherheitsberater John Bolton den Regierungsstil von US-Präsident Donald Trump. AP/AP / Pablo Martinez Monsivais
Wenn man in den Bilderdatenbanken nach Fotos der beiden Politiker sucht, so fällt eines schnell auf: Man kommt auf den Gedanken, dass Bolton sein kritisches Buch schon lange geplant hat. AP/AP / Evan Vucci
«Es ist wirklich schwierig, irgendeine signifikante Entscheidung Trumps während meiner Zeit im Weissen Haus zu identifizieren, die nicht von Überlegungen zu seiner Wiederwahl getrieben war», schreibt Bolton in einem vorab vom «Wall Street Journal» veröffentlichten Kapitel. AP/AP / Andrew Harnik
Bolton schreibt der Zeitung zufolge, dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump nicht nur wegen der Vorwürfe in der Ukraine-Affäre, sondern auch wegen anderer Fälle gerechtfertigt gewesen wäre. Trump habe mehrfach strafrechtliche Ermittlungen zugunsten von «Diktatoren» unterbunden, etwa in Bezug auf China und die Türkei. Dabei sei es unter anderem um Ermittlungen gegen die Unternehmen ZTE und Halkbank gegangen, schreibt Bolton demnach. «Das Verhaltensmuster sah nach Behinderung der Justiz als Alltagsgeschäft aus, was wir nicht akzeptieren konnten», so Bolton. Er habe seine Bedenken damals auch schriftlich an Justizminister William Barr gerichtet. www.imago-images.de / Andrew Harrer
So habe Trump etwa nicht gewusst, dass Grossbritannien eine Atommacht sei und einmal gefragt, ob Finnland zu Russland gehöre, wie Bolton schreibt. Zudem soll Trump einen Nato-Austritt ernsthaft erwogen und eine Invasion Venezuelas als «cool» bezeichnet haben. www.imago-images.de / Oliver Contreras
Während eines Treffens mit dem Nordkoreaner 2018 habe Aussenminister Mike Pompeo Bolton einen Zettel zugesteckt, in dem jener über Trump geschrieben habe: «Der redet so viel Scheisse». AP/AP / Evan Vucci
«Ein Präsident darf die legitime Macht der Regierung nicht missbrauchen, in dem er seine persönlichen Interessen mit den Interessen des Landes gleichsetzt ...», schreibt Bolton über Trump. imago stock&people / ZUMA Press
Zur Frage, ob Trumps Handeln in der Ukraine-Affäre zu einer Amtsenthebung hätte führen sollen, nimmt Bolton nicht eindeutig Stellung. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass er Trumps Vorgehen für politisch motiviert und falsch hielt. «Ich dachte, die ganze Angelegenheit war schlechte Politik, juristisch fragwürdig und für einen Präsidenten inakzeptables Verhalten», zitiert die «Washington Post» aus Boltons Buch. Trump habe sich gegenüber der Ukraine von verschiedenen «Verschwörungstheorien» beeinflussen lassen, so Bolton. AP/AP / Pablo Martinez Monsivais
Bolton beschreibt auch, wie Chinas Xi Trump bei einem G-20-Gipfel gut vorbereitet und ausführlich schmeichelte, was dem US-Präsidenten spontane Zugeständnisse abtrotzte. Trumps Berater hätten sich im Nachhinein bemüht, die Situation wieder geradezurücken. Bei einem weiteren Treffen habe Trump Xi sogar gesagt, dieser sei «die tollste Führungsperson der chinesischen Geschichte». Die Lage der Menschenrechte in China - etwa die Demokratiebewegung in Hongkong oder die unterdrückte muslimische Minderheit der Uiguren - hätten Trump demnach nicht interessiert. Trump soll Xi sogar zur weiteren Unterdrückung und Internierung der muslimischen Minderheit in Umerziehungslagern ermuntert haben. AP/AP / Carolyn Kaster
AP / MARKUS SCHREIBER
imago stock&people / ZUMA Press
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Donald Trump,Wilbur Ross,Mike Pompeo,John Bolton,Peter Navarro AP / Susan Walsh
AP/AP / Andrew Harnik

Trump weist Spekulationen um seine Gesundheit zurück

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