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Ein Paar umarmt sich nach der Errichtung eines ersten Zauns an der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Bild: dpa

Wie die Grenze in unseren Köpfen gefallen ist

Die Grenzen zu Deutschland, Frankreich und Österreich sollen bis 15. Juni offen sein, und (fast) alle freuen sich. Wir sind europäischer, als wir es manchmal wahrhaben wollen.

Publiziert: 15.05.20, 11:22 Aktualisiert: 16.05.20, 09:11

Seit dem Beitritt zum Schengen-Raum 2008 ist die Schweiz ein Teil des schrankenlosen Europa. Wir gewöhnten uns schnell und gern an das Reisen ohne Grenzkontrollen durch weite Teile des Kontinents. Umso heftiger war der Schock, als mit der Corona-Pandemie die Grenzen von einem Tag auf den anderen dicht gemacht wurden.

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Von der Rückkehr des Nationalstaats war die Rede, einer Re-Nationalisierung Europas. Manche EU-Gegner rieben sich auch hierzulande voller Vorfreude die Hände. Sie dürften einmal mehr falsch liegen. Der Drang zur Grenzöffnung ist so stark, dass sich die EU-Kommission am Mittwoch eiligst bemühte, einen eigenen Öffnungsplan vorzulegen.

Justizministerin Karin Keller-Sutter verkündet am Mittwoch die Öffnung der Grenzen. Bild: KEYSTONE

Die stark eingeschränkte Reisefreiheit soll schrittweise wiederhergestellt werden. Dabei gilt es, auf die unterschiedliche Betroffenheit durch das Coronavirus Rücksicht zu nehmen. Bereits am Mittwoch einigte sich die Schweiz mit den Nachbarländern Deutschland, Österreich und Frankreich, die Grenzen ab 15. Juni vollständig zu öffnen.

An der deutschen Grenze soll es schon ab Samstag Lockerungen geben. Der «triftige Grund» für eine Einreise könnte ziemlich grosszügig ausgelegt werden. Das stark vom Tourismus abhängige Österreich hätte gerne sofort geöffnet, doch die Franzosen traten auf die Bremse. Sie leiden wesentlich mehr unter der Pandemie als die anderen Länder.

Andere Länder haben ebenfalls Erleichterungen beim Grenzverkehr beschlossen. Diese Entwicklung zeigt, dass Europa stärker zusammengewachsen ist, als die notorischen EU-Gegner wahrhaben wollen. Der freie Personen- und Warenverkehr, der Fremdenverkehr und nicht zuletzt das Zwischenmenschliche haben wesentlich dazu beigetragen.

Grenzgänger durften auch während der Schliessung einreisen, wie hier in Chiasso. Bild: KEYSTONE/Ti-Press

An kaum einem Ort zeigte sich dies so deutlich wie am Zaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz, der nach der Grenzschliessung hochgezogen wurde. Liebespaare, Familien, Freunde konnten sich auf einmal nicht mehr treffen. Es kam zu herzzerreissenden Szenen, bis zu Küssen durch das Drahtgeflecht, weshalb ein zweiter Zaun errichtet wurde.

Dringliche Aufforderung

Auf beiden Seiten der Grenze hielt sich das Verständnis in Grenzen. Deutsche fühlten sich an die Teilung ihres Landes erinnert. Am Montag forderten der Kreuzlinger Stadtpräsident und der Oberbürgermeister von Konstanz die Regierungen in Berlin und Bern «dringlich» auf, die Grenze zu öffnen und «die massiven Einschränkungen für unsere Bevölkerung aufzuheben».

Als Justizministerin Karin Keller-Sutter am Mittwoch vor den Medien auf den Zaun angesprochen wurde, bemühte sich die Ostschweizerin wortreich, die Verantwortung von sich zu weisen. Sie habe die Errichtung nicht angeordnet. Tatsächlich hatte der Regionale Führungsstab Kreuzlingen den zweiten Zaun gebaut, weil sich zu viele Personen an der Grenze versammelt hätten.

Die Schweiz blockierten

Diese Entwicklung ist nicht ohne Ironie, denn bereits 1939 hatte die Schweiz erstmals einen Zaun zwischen Kreuzlingen und Konstanz errichtet, um Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland abzuschrecken. Er blieb noch lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs stehen. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, fragten sich die Konstanzer, wozu es den Zaun überhaupt noch brauche.

Der ursprünglich 1939 errichtete Zaun stand bis vor wenigen Jahren. Bild: KEYSTONE

Es waren die seit dem Krieg auf Igel-Mentalität eingestellten Schweizer, die sich lange gegen den Abbau wehrten. Ab 1999 war es soweit, der Zaun wurde in mehreren Etappen entfernt. Die heutige Forderung nach einer raschen Öffnung zeigt, wie sich die Zeiten geändert haben. Zäune werden nicht mehr als Schutz betrachtet, sondern als Hindernis.

Ferien am Meer?

Das gilt für die meisten Grenzregionen, selbst für das Tessin, das mit Italien in einer Art Hassliebe verbunden ist. Denn man ist in der Schweiz auf die Grenzgänger angewiesen. Umgekehrt freut man sich im nahen Ausland über die zahlungskräftigen Schweizer Einkaufstouristen. Von dort kommt denn auch der grösste Druck auf die Regierungen.

Die Zugehörigkeit zu Schengen hat uns vielleicht europäischer gemacht, als viele wahrhaben wollen. Ein Indiz ist auch die Schlagzeile auf der «Blick»-Titelseite vom Mittwoch. «Ferien am Meer!» verhiess das Boulevardblatt mit dicken Buchstaben. Und reichlich vollmundig, denn noch ist nicht klar, ob und wie Strandferien möglich sein können.

SVP will Kontrollen behalten

Viele Länder bleiben vorsichtig, besonders das leidgeprüfte Italien. Denn die Entwicklung der Infektionskurve bleibt der wesentliche Indikator für das Ausmass der Öffnung von Grenzen und touristischen Einrichtungen. Manchen Epidemiologen treibt allein die Aussicht den Schweiss auf die Stirne, denn mit den Menschen wird auch das Virus mobiler.

Der Traum von offenen Grenzen und Ferien am Strand könnte rasch platzen. Und wie «europäisch» wir sind, wird sich am 27. September bei der Abstimmung über die Begrenzungsinitiative der SVP zeigen. Sie zielt in erster Linie auf die Personenfreizügigkeit, aber die SVP verheimlicht nicht, dass sie dauerhaft Grenzkontrollen einführen möchte.

Ihre Exponenten protestieren gegen die Rückkehr zum Schengen-System am 15. Juni. Nicht ohne zu betonen, dass Touristen und Geschäftsleute willkommen sind, ebenso Fachkräfte aus der EU. Wenn es ums Geld geht, ist eben auch die SVP viel europäischer, als sie sich eingestehen will. Selbst in ihren Köpfen ist so manche Barriere gefallen.

16 unbekannte Highlights der Schweiz

Wir fangen nahe am Ursprung der Schweiz an: Das erste Dorf neben dem legendären Rütli am Vierwaldstättersee ist Bauen. Hier hört die Strasse von Seedorf her kommend auf. Zu Fuss geht es aber rund 800 Treppenstufen durch den Wald hoch nach Seelisberg. Bauen hat übrigens dank seiner Lage am Urnersee ein sehr mildes Klima, sodass Palmen und Feigen gedeihen.
Apropos mildes Klima: Wir wechseln ins Tessin und dort ins Alto Malcantone. Hier lockt das verträumte Bergkaff Breno mit einem hübschen Altstädtchen und der imposanten Kirche samt Friedhof zuoberst auf dem Hügel. Übrigens: Rundherum gibt's grandiose Wanderungen. Zum Beispiel vom Monte Lema aus, der auf der Grenze zu Italien sitzt und von Miglieglia per Seilbahn bequem erreichbar ist. Auch spannend: Der Kastanien-Themenwanderweg, der nicht nur während der Kastaniensaison lohnenswert ist.
Grimentz im französischsprachigen Val d'Anniviers ist unser nächster Stopp. Das Dorf auf einer Sonnenterrasse auf rund 1500 Metern über Meer besticht durch einen der schönsten alten Ortskerne (autofrei) im Wallis. Im Sommer gibt's unzählige Wander- oder Bike-Möglichkeiten, im Winter hat's ein Skigebiet.
Nächster Halt ist vor allem etwas für alle, die den Blick aufs Nebelmeer lieben, etwas Passfeeling wünschen, aber dafür nicht zu weit von Zürich fahren wollen: Das Ghöch oberhalb Bäretswils im Zürcher Oberland bietet wunderbare Blicke in die Glarner Alpen, den Alpstein und das Tössstockgebiet (mit dem höchsten Zürcher, dem Schnebelhorn). Gemütliche und einfache Wanderungen bis hinüber zum Bachtel laden genauso zum Verweilen ein wie ein Drink auf der Sonnenterrasse im Restaurant in dem Weiler.
Der Eingang zur Gorges du Trient liegt unten im Tal in Vernayaz und lässt einen dem spektakulären Weg entlang staunen. Wer aber schon mal da ist, sollte sich Salvan nicht entgehen lassen und ins Dorf am steilen Hang des Trienttals hochfahren. Hier ist das Tal zwar weniger spektakulär, aber der Tag lässt sich im kleinen Zoo, dem schönen Freibad (in den Fels gehauen) oder der Gorges du Triège grandios abrunden.
Weg von der Schlucht, hin an den Rhein. Wir befinden uns in Gottlieben, der kleinsten Gemeinde des Kantons Thurgau. Die alten Riegelhäuser und die Restaurants am Seerhein sorgen für Ferienstimmung und wer kennt die Gottlieber Hüppen nicht? Wer mit einem Boot (auch Schlauchboot) etwas auf dem Rhein paddelt oder sich treiben lässt, sieht auch das Schloss Gottlieben (auf dem Bild links) in seiner ganzen Pracht. Dieses ist nur vom Fluss oder von Deutschland aus gut sichtbar.
Ab auf die nächste Sonnenterrasse. Dieses Mal ist es Illgau oberhalb des Muotathals. Wer von unten anreist, sieht die imposanten Wasserfälle des Bettbachs und Mettelbachs (je nach Wasserstand). «Oben» kann man Illgau Richtung Ibergeregg verlassen, wo wiederum Wanderer und im Winter Skifahrer (Hoch-Ybrig) auf ihre Kosten kommen.
Was eignet sich besser für einen Roadtrip als ein Paradies mit eigener Autobahnausfahrt? Das bietet Iseltwald am Brienzersee. Vor dem Strassenbau war das Nest nur über Wasser erreichbar. Das Schnäggeninseli – einzige Insel im Brienzersee – liegt hier vor dem Dorf im Wasser. Sie gehört zum Schloss Seeburg (im Bild ganz rechts), das allerdings praktisch nie bewohnt war und heute mehrheitlich als Kongress- und Kurzentrum dient.
Ich konnte mich nicht zwischen La Neuveville BE (Bild) und dem Nachbardorf Le Landeron NE entscheiden, darum seien hier beide Orte am Bielersee kurz erwähnt. Beide beeindrucken mit einem hübschen Altstädtchen und beide bieten Campingplätze direkt am See. Der Chasseral ist zudem fast genauso schnell erreichbar wie die St.Petersinsel, Neuenburg, Murten oder Biel.
Eigentlich tut es fast ein bisschen weh, den Obersee in einem Artikel für Roadtrips zu nennen. Denn so schöne Orte sollten fast nicht mit dem Auto erreichbar sein. Aber es ist so: Mit dem eigenen PKW kann man von Näfels hinauf bis zum Restaurant am See fahren.
Wir bleiben in den Bergen. St.Antönien liegt «hinter dem Mond links», wie es selbst bewirbt. Ganz hinten in der Gemeinde im Prättigau markiert der Partnunsee praktisch das Ende der Schweiz Richtung Österreich. Der Weiler Partnun ist per Auto erreichbar und lockt mit zwei Gasthäusern. Von dort ist es noch etwa eine 15-minütige Wanderung zum Bergsee zwischen den eindrücklichen Sulzfluh und Schijenflue.
Wie wäre es zur Abwechslung mit einer Reise ins Mittelalter? Dieses Gefühl kriegt, wer in Romainmôtier um die Stiftskirche herum spaziert. Das Dorf liegt abgelegen im Tal des Nozons. Wer nach der Autofahrt gerne wandert, dem seien die Wasserfälle Cascade du Dard und Tine de Conflens empfohlen. Wer mag, erreicht zu Fuss in etwas mehr als drei Stunden La Sarraz mit einem schönen Schloss. Gleich nebenan trennt sich übrigens das Wasser: Ein Teil fliesst in die Nordsee, einer ins Mittelmeer. Darum nennt sich das Kaff Pompaples unbescheiden auch: «Milieu du Monde».
Es gibt wenig schönere Autostrecken als jene über den Passwang und dann hinunter nach Balsthal. Kurz vor dem Dorf macht das Tal an der Klus zu und auf der einen Seite thront die Ruine Neufalkenstein. Kleiner Funfact dazu: Neufalkenstein ist rund 150 Jahre älter als die Ruine Altfalkenstein am anderen Ende des Dorfs und der Klus nach Oensingen.
Im Jura haben wir noch etwas für all jene gefunden, die ihre Ruhe möchten: Das kleine Soubey am Doubs liegt nahe der französischen Grenze. Die Anfahrt ins Tal hinunter ist spannend, eine Weiterfahrt bis ins bekanntere St-Ursanne zu empfehlen. Und wer noch nicht genug von Wasser hat: Unweit von Soubey lockt der Etang de la Gruère und wartet nicht nur darauf, für Instagram fotografiert zu werden.
Wer bei Bad Ragaz ins Taminatal abbiegt, kommt bald nach Vättis und kann von dort ins Calfeisental hoch. Man erreicht dann bald den grössten See, der ganz im Kanton St.Gallen liegt: den Gigerwaldsee. Es handelt sich dabei zwar um einen Stausee, schön ist er trotzdem – und zwar an beiden Enden. Vorne bei der Staumauer kann man die Aussicht geniessen, hinten liegt die Walsersiedlung St.Martin am Fusse des Ringelspitzes, des höchsten Berges des Kantons St.Gallen.
Wechseln wir zum Abschluss ins Engadin. Ich weiss gar nicht, welches Dorf ich hier nennen und bebildern soll: Ftan, Guarda (das Schellenursli-Dorf), Ardez, Tarasp – jedes für sich eine kleine Perle. Der Entscheid fällt auf Tarasp mit dem imposanten Schloss. Daneben bietet Tarasp nicht nur den Taraspsee (Bild), sondern etwas weiter oben – mitten in einem Hochmoor– den Lai Nair, wo Grillstellen zum Verweilen einladen und ein Bad Erfrischung bietet.

Corona zum Trotz! Italien hofft auf Strandtouristen

Video: SRF

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