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Verhängt der Bundesrat heute Einreisesperren?

Das Tessin fordert eine partielle Schliessung der Grenzen – und die SVP will sie gleich ganz schliessen lassen. Der Bundesrat hingegen erwägt, Einreisesperren zu verfügen.

Publiziert: 13.03.20, 05:50 Aktualisiert: 13.03.20, 05:50
Othmar von Matt / ch media

Schon am Dienstag hatte die SVP gefordert, die Grenze zu Italien müsse geschlossen werden. «Es kann nicht sein, dass Italien bestimmt, wer in die Schweiz kommen darf», sagte Vizepräsidentin Magdalena Martullo-Blocher. Denkbar sei, dass es aus Italien zu Fluchtbewegungen vor dem Virus komme.

Dafür hat die SVP offenbar Indizien aus der Tessiner Verwaltung erhalten. Martullo weiter: «Die Schweiz sollte auch handeln, bevor Frankreich und Deutschland allenfalls die Grenzen zur Schweiz schliessen.»

Verfügt der Bundesrat heute Einreisesperren an den Grenzen? Bild: KEYSTONE

Am Donnerstagnachmittag forderte die SVP den Bundesrat mit Nachdruck auf, «sämtliche Grenzen zu unseren Nachbarländern für den Personenverkehr zu schliessen», wie es in der Medienmitteilung der Partei heisst. Nur der Warenverkehr solle aufrecht erhalten werden.

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Was die Arbeitskräfte aus den Nachbarländern betrifft, die für das Gesundheitswesen unentbehrlich sind, sieht die SVP eine spezielle Regelung vor: Es sei dafür zu sorgen, dass diese in der Schweiz bleiben könnten: «Beispielsweise, in dem sie in derzeit leerstehende Hotels untergebracht werden.» Höchste Priorität habe jetzt der Schutz der Bevölkerung, sagt Nationalrat Thomas Matter.

Einreisesperren werden zum Thema im Bundesrat

Recherchen zeigen: Das Bundesamt für Justiz (BJ) prüft zurzeit im Auftrag des Innendepartements (EDI) von Alain Berset tatsächlich mögliche Massnahmen an den Grenzen. Berset ist zuständig, weil es sich beim Coronavirus um eine epidemologische Frage handelt.

Die Regierung erwägt aber nicht eine vollständige Grenzschliessung. Geprüft werden im Rahmen eines Corona-Pakets kontrollierte Einreisesperren. Das bestätigen drei voneinander unabhängige Quellen.

Zurzeit hat der Bund an der Grenze zu Italien ein Monitoring installiert. Dabei werden Personen, die aus Italien einreisen, risikobasiert kontrolliert und nach dem Grund ihrer Einreise befragt. Das betrifft die Kantone Tessin, Wallis und Graubünden.

Monitoring erlaubt nur Empfehlungen

«Momentan gibt es aber keine rechtliche Möglichkeit, eine Person aus Italien an der Einreise in die Schweiz zu hindern», sagte Christian Bock, Direktor der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV), an der Medienkonferenz vom Mittwoch. «Wir können Reisewilligen aus Italien ohne Arbeitsbewilligung an der Grenze nur empfehlen, die Schweiz zu meiden.»

Sollte der Bundesrat heute Freitag einer Verordnung für kontrollierte Einreisesperren zustimmen, würde sich das ändern. Touristen und Leute, die in der Schweiz Jobs suchen, dürften nicht mehr einreisen.

Bei Einreisesperren zugelassen wäre noch der Transitverkehr durch die Schweiz. Auch dürften Schweizer Bürger aus Italien zurückreisen. Einreisen könnten auch Personen, die eine Arbeits- oder eine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz vorweisen können.

Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hatte sich am Mittwoch nach dem Treffen mit der Tessiner Parlamentarier-Delegation zur Frage geäussert, ob eine partielle Grenzschliessung ein Thema sei. «Die Eidgenossenschaft ist in engem Kontakt mit den Tessiner Behörden», sagte sie. Das Tessin befindet sich in einer sehr speziellen und schwierigen Situation. Deshalb wolle der Bundesrat alles tun, um das Tessin zu unterstützen.

Die Priorität des Bundesrats liege bei der Gesundheit der Bevölkerung, betonte Sommaruga. «Wir prüfen alle Massnahmen, die für die Gesundheit der Bevölkerung wichtig sind. Das können auch Massnahmen zum Schutz der Grenzen sein.» Das müsse aber geprüft werden – und zwar in Zusammenarbeit mit den Kantonen.

Für konsequente Schliessung fehlt wohl Personal

Schon am Dienstagabend hatte sich Bundesrat Ueli Maurer vor der SVP-Fraktion zum Thema Grenzschliessung geäussert. Recherchen zeigen, dass er gegenüber seinen Parteikollegen betonte, für eine konsequente Grenzkontrolle fehle das Personal.

Auch bei der Armee schaffe man es nicht, in kurzer Frist eine genügend grosse Anzahl Soldaten zusammen zu bringen. Dazu komme noch das Problem der Unterbringung der Soldaten. Auch die Angst einer Ansteckung fliesse in die Überlegungen des Bundesrats ein.

Das Bundesamt für Justiz bestätigt, dass es zurzeit Einreisesperren prüfe. «Das BJ begleitet alle Rechtsetzungsprojekte anderer Ämter und Dienststellen», sagt Medienchefin Ingrid Ryser. «So auch in diesem Fall. Die Federführung der Vorlage und somit auch der Kommunikation liegen ausschliesslich beim EDI.» Das EDI will sich aber nicht äussern – und auch Bundesratssprecher André Simonazzi sagt nichts zu den Recherchen. (aargauerzeitung.ch)

Grippe und Covid-19 im Vergleich

Bei der Diskussion um den Coronavirus wird oft die Grippe zum Vergleich herangezogen. Die WHO nennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede: EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ähnlich ist demnach die Ausprägung der Infektionskrankheiten: Beide sind von einem Virus verursachte Atemwegserkrankungen, deren Verlauf sehr unterschiedlich sein kann - von symptomlos oder mild bis hin zu sehr schwer, mitunter gar tödlich. EPA / IGOR KUPLJENIK
Beide Erreger werden vorwiegend über Tröpfchen etwa beim Sprechen oder Husten oder auch direkten Kontakt übertragen. Darum greifen bei beiden auch die gleichen Vorsichtsmassnahmen: gute Handhygiene, in den Ellbogen oder ein Taschentuch husten, Kontakt zu Infizierten vermeiden. KEYSTONE/TI-PRESS / Alessandro Crinari
Unterschiede gibt es laut WHO bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit: Influenza habe eine kürzere Inkubationszeit zwischen Ansteckung und der Ausbildung erster Symptome, zudem erfolgten die Ansteckungen in den Infektionsketten rascher aufeinander. Bei Covid-19 liege dieses Intervall bei etwa 5 bis 6 Tagen, bei Influenza bei 3 Tagen. Das bedeute, dass sich Influenza rascher verbreiten kann als Covid-19. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Hinzu komme, dass bei Influenza oft schon vor der Ausprägung von Symptomen weitere Menschen angesteckt würden. Bei Covid-19 seien zwar Übertragungen 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen bekannt, sie seien aber nach derzeitigem Kenntnisstand anders als bei der Grippe selten und spielten für die Weiterverbreitung kaum eine Rolle. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist die Ansteckungsrate. Das neue Coronavirus Sars-CoV-2 wird nach WHO-Daten von einem Infizierten im Mittel an zwei bis zweieinhalb weitere Menschen weitergegeben - und damit an mehr als bei Influenza. Wegen der unsicheren Datenlage und verschiedenen den Wert beeinflussenden Effekten sei ein Vergleich bei diesem Aspekt aber nur eingeschränkt möglich, heisst es von der WHO. EPA / ALEX PLAVEVSKI
Erhebliche Unterschiede gibt es im Bezug auf Kinder: «Kinder sind bedeutsame Treiber für die Übertragung von Influenzaviren in der Gemeinschaft», so die WHO. Für den Covid-19-Erreger zeigten erste Auswertungen, dass Kinder weniger betroffen sind als Erwachsene und nur selten deutliche Symptome entwickeln. Vorläufige Daten lassen demnach zudem annehmen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern. KEYSTONE / LAURENT GILLIERON
Schwere bis lebensbedrohliche Verläufe gibt es nach bisherigen Auswertungen bei Covid-19 häufiger als bei der Grippe. Der WHO zufolge ist der Verlauf bei 15 Prozent der Infizierten so schwer, dass eine zusätzliche Versorgung mit Sauerstoff nötig wird. EPA / JALIL REZAYEE
Bei 5 Prozent der Infizierten ist demnach künstliche Beatmung nötig. Auch die Todesrate liegt wohl höher als bei der normalen saisonalen Grippewelle - exakte Angaben lassen sich dazu aber derzeit kaum machen. AP / Sakchai Lalit
Als besonders von schweren Verläufen betroffene Risikogruppen gelten bei Influenza Kinder, Schwangere, Ältere sowie Menschen mit chronischen Krankheiten oder geschwächtem Immunsystem. Bei Covid-19 gehören Kinder und Schwangere nach derzeitigem Wissensstand nicht zu den Risikogruppen. EPA / NICOLA FOSSELLA
Zu beachten ist auch der Unterschied bei den Möglichkeiten für Behandlung und Vorsorge. «Zwar gibt es bereits eine Reihe klinischer Tests von Medikamenten in China, und es sind mehr als 20 Impfstoffe gegen Covid-19 in der Entwicklung, bisher aber gibt es keine zugelassenen Impfstoffe oder Therapien für Covid-19», so die WHO. Bei Influenza hingegen gebe es sowohl schützende Impfungen als auch zugelassene antivirale Medikamente. EPA / ALEX PLAVEVSKI

Wegen Coronavirus sind in Italien Schulen geschlossen

Video: SRF / SRF

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