Armee
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Flüchtlingsdrama auf Schweizer Boden

Der Vater und weitere Verwandte des totgeborenen syrischen Flüchtlingsmädchens bei der Beerdigung gestern Mittwoch in Domodossola.  TeleOssola

Totgeburt bei Rückschaffung: Leiden syrischer Mutter mit Handy gefilmt

Eine syrische Asylantin hat bei der Rückschaffung nach Italien durch das Schweizer Grenzwachtkorps eine Totgeburt erlitten. Der Onkel des toten Mädchens hat ihre Leiden gefilmt. Den Schweizer Behörden will er das Video aber nicht aushändigen. 

10.07.14, 15:14 15.07.14, 16:16
Kian Ramezani, Maurice Thiriet

Die Geschichte, die 10vor10 gestern publik gemacht hat, erschüttert nicht nur die Schweiz, sondern auch Norditalien: Eine syrische Frau, die im siebten Monat schwanger war, erlitt während der Rückschaffung von Vallorbe über Brig nach Domodossola Anfang Juli starke Blutungen. Auch ihre Fruchtwasserblase platzte. Der Ehemann der Frau kritisiert, dass die mit der Rückschaffung betrauten Beamten des Schweizer Grenzwachtkorps seine Hilferufe nicht ernst genommen hätten und ihn und seine Frau in Brig noch mehrere Stunden in einer Zelle eingesperrt hätten. Erst in Domodossola reagierten italienische Beamte adäquat und brachten die Frau in ein Spital. Dort konnte der Frau nicht mehr geholfen werden. Der Fötus war leblos, die Ärzte mussten die Totgeburt einleiten. 

Militärjustiz als mögliche Untersuchungsstelle

Der Chef des Grenzwachtkorps, Jürg Noth, hat gegenüber «10vor10» sein Bedauern über den Vorfall geäussert. Noth sagte auch, er habe sofort eine Untersuchung eingeleitet. Damit erweckte er den Eindruck, diese sei bereits am Laufen, dabei ist offenbar noch gar nicht klar, welche Behörde den Vorfall untersuchen soll. Auf Anfrage von watson sagte Walter Pavel, Kommunikationschef der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV), dass «der Fall je nachdem durch die Militärjustiz untersucht» wird.* 

Bei der Aufklärung des Falles soll insbesondere ein Handyvideo helfen, das laut italienischen Medienberichten der ebenfalls anwesende Bruder des Ehemannes während der Rückschaffung aufgenommen hat. Die Schweizer Behörden hätten laut einer gut informierten Quelle bei ersten telefonischen Kontakten mit der Familie am Dienstag kondoliert, sich entschuldigt und gleich danach gefragt, ob ein solches Video existiere und ob dieses einzusehen sei. Gemäss EZV-Sprecher Walter Pavel weiss das Grenzwachtkorps von dem Video nichts. «Ob es diesen Film gibt, entzieht sich unserer Kenntnis», sagt Pavel.

Der Onkel des totgeborenen Kindes habe sich jedoch geweigert, das Video herauszugeben und weiter mit Schweizer Beamten zu sprechen. Nun befindet er sich in Mailand, wo die Familie Verwandte hat und sich zwei weitere Söhne aufhalten. Der fragliche Handyfilm soll ausschliesslich italienischen Untersuchungsbehörden übergeben werden. Die Familie hat inzwischen zwei Anwälte engagiert, davon einen in Verbania, nahe der Schweizer Grenze am Lago Maggiore, und einen in Turin. 

Entschuldigung des Bundesrates gefordert

Die Schweizer Flüchtlingshilfe zeigte sich derweil in einer ersten Stellungnahme betroffen vom Vorfall und verlangte eine offizielle Entschuldigung des Bundesrates bei der Familie. Die Behandlung der hochschwangeren und damit besonders verletzlichen Frau sei «eines zivilisierten Landes unwürdig», schreibt die Flüchtlingshilfe. Besonders verletzlichen Personen sei jeweils umgehend medizinische Behandlung zukommen zu lassen und der asylbürokratische Prozess sei solange auszusetzen, bis diese ausser Gefahr seien. 

Gestern Mittwoch ist das totgeborene syrische Mädchen auf dem Friedhof von Domodossola beigesetzt worden. Die Angehörigen haben es nach muslimischem Ritus beigesetzt und den Sarg nach Mekka ausgerichtet. 

*Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hiess es, das Grenzwachtkorps sei Teil der Armee. Das ist falsch. Das Grenzwachtskorps ist Teil des Eidgenössischen Finanzdepartementes (EFD). Deliktisches Verhalten von Angehörigen des Grenzwachtkorps wird dennoch gemäss Militärstrafrecht und von der Militärjustiz geahndet. 



Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

6
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Lumpirr01 12.07.2014 14:47
    Highlight Es wird ja nun abgeklärt, ob die Schweizer Grenzwächter eine notwendige Hilfeleistung verweigert haben, aber ein paar Dinge sind an diesem Vorfall schon recht komisch: Wieso reist diese Familie nach Frankreich, wenn sie in Italien darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es in diesem Falle ein Erstasylantrag für Frankreich benötigt?? Wieso verweigert der Onkel die Herausgabe des Videofilms von der leidenden Frau den untersuchenden Schweizer Militärbehörden?? Wieso präsentiert sich der Vater mit dem weissen Kindersarg den Medien??
    1 0 Melden
  • zombie1969 10.07.2014 19:21
    Highlight Bei Rückführungen von schwangeren Frauen, besonders wenn
    es sich um tatsächlich verfolgte Christen handelt, ist man in der CH
    immer besonders streng und konsequent. Bei zu Gewalt bereiten
    Asylerpressern drückt man hingegen beide Augen zu, im Wissen darüber,
    welche Konsequenzen folgen könnten.
    0 1 Melden
  • MediaEye 10.07.2014 17:22
    Highlight Es ist beschämend, aber auch typisch und bezeichnend für die Zustände in der Verwaltung und Politik in der Schweiz
    1 2 Melden
    • Lumpirr01 11.07.2014 11:32
      Highlight Offenbar ist der Fötus im Mutterleib dieser Frau im 7. Monat abgestorben, was zwar sehr bedauerlich ist, jedoch leider ab und zu vorkommt. Die Schuld nun deswegen einigen Schweizer Beamten wegen unterlassener Hilfeleistung zuzuschieben, finde ich daneben. Auch eine Soforthilfe hätte leider dieses Baby wahrscheinlich nicht mehr ins Leben zurückgerufen. Das ist nur Futter für einige Anwälte, gegen die Schweiz zu klagen, um Geld herauszuholen und dies ist ein Affront gegenüber allen Leute, welche ihr Geld hart erarbeiten müssen!
      1 0 Melden
  • Kfj 10.07.2014 15:46
    Highlight Das ist das Resultat der SVP Politik Ausländer raus egal wie und warum einfach raus eine Schande für die Schweiz!!
    3 4 Melden
    • Lumpirr01 13.07.2014 10:57
      Highlight Lieber Kfj, was hat die SVP zu tun mit einer durch die Schweiz reisende asylsuchende Syrerin, deren Körper 12 Stunden nach dem Tod des Fötus diesen unter unglaublichen Schmerzen ausstösst? Ursache für diesen Tod soll bei den Schweizer Zöllnern liegen und da kann man mittels guten Anwälten eventuell ein grosses Schmerzensgeld mittels Steuergeldern herausholen!
      1 0 Melden

Diese Karte zeigt die gefährlichsten Städte der Welt

New York hat soeben das erste Wochenende ohne Schiesserei seit 25 Jahren erlebt. Obwohl das zuletzt 1993 vorkam, gehört New York nicht zu den gefährlichsten 50 Städten der Welt. 

Sie ist ziemlich schön – aber eben auch schön gefährlich: Als tödlichste Stadt 2017 gilt die mexikanische Feriendestination Los Cabos. Insgesamt 365 Tötungsdelikte verzeichnete die Grossstadt mit 328'245 Einwohnern. Das ergibt den weltweiten Höchstwert von 111,33 Tötungsdelikten pro 100'000 Einwohner.

Unter der 50 gefährlichsten Städten der Welt befinden sich 42 in Lateinamerika, davon alleine 17 in Brasilien. Die USA sind mit den vier Städten St. Louis (Platz 13), Baltimore (Platz …

Artikel lesen