Es ist 05:44 Uhr, Freitagmorgen. Mein Fenster steht offen. Die Vögel zwitschern, als wären sie notgeil. Ab und an unterbricht das Husten meines Nachbars ihr Konzert – auch sein Fenster steht offen. Seit vier Tagen warte ich darauf, dass sich meine Schreibgedanken ordnen, damit ich diesen Reise-Blogbeitrag auf die Reihe kriege.
Alles in allem führe ich nämlich ein ziemlich reiseloses Leben – zumindest in letzter Zeit. Doch je mehr Sommer, desto häufiger fragen mich meine Gspänli und Verwandten, ob ich noch Ferien mache. Geht es euch eigentlich auch so?
Ich sag dann immer: «Nein, aber vielleicht geh ich spontan ein paar Tage im Bündnerland wandern.» (Bündnerland zieht immer, auch wenn ich dann doch nicht verreise.) Trotzdem haben manche von ihnen einen fast mitleidigen Blick und sagen: «Ah ja? Schön.»
Es ist halt schon so, in unserer Gesellschaft hat man gefälligst in die Ferien zu gehen – oder dann zur Psychologin.
So oder anders steht fest: Ich bin weiss Gott keine Reiseexpertin und jetzt über nachhaltiges Reisen zu schreiben, ist, als würde ich frühmorgens um 06:12 Uhr mit verbundenen Augen über ein Minenfeld hüpfen müssen. Denn spätestens seit ein Klimakleber unter anderem nach Mexiko geflogen ist, sind alle hässig. Die, die fliegen und deswegen ein schlechtes Gewissen haben. Die ohne schlechtes Gewissen. Letztere ganz besonders fest, wobei das auch einfach Schadenfreude sein könnte. Die, die nicht fliegen und sich verarscht fühlen. Die, die sich für Klima- und Umweltschutz einsetzen und jetzt gefühlt wieder von vorne anfangen können. Menschen wie ich, denen von Fremden dann einfach unterstellt wird, dass sie bestimmt heimlich fliegen. Ja, auch ich bin hässig! Ich bin mir nur nicht ganz sicher, auf wen genau ...
Also willkommen in meinem Albtraum! Wir gehen gemeinsam der Frage nach, wie wir nachhaltiger reisen können.
Erst mal braucht es den Willen, Klima und Umwelt weniger zu strapazieren. Für alle anderen: Feel free, in der Kommentarspalte oder wo auch immer!
Eine Idee: Weniger oft verreisen und sich dafür mehr Zeit nehmen, sodass ihr nicht möglichst schnell von A nach B kommt, sondern möglichst klimaschonend.
Inzwischen ist es 07:17 Uhr.
Es gibt sie tatsächlich! Unterkünfte, die nachhaltiger sind als die 08/15-Variante. Dafür gibt es auch spezialisierte Plattformen für nachhaltige Unterkünfte und Reisen. Allerdings wird da teils so viel geschwurbelt, dass einem schon mal «Greenwashing» durch den Kopf huscht. Gerade, wenn in blumigen Worten steht, dass die Gäste letztlich selbst prüfen, ob diese Unterkunft denn nun nachhaltig ist oder nicht. Come on?!
Wenn ich aktuell eine nachhaltige Unterkunft finden wollte, würde ich sie bei fairunterwegs.org, fairweg.de, wirsindanderswo.de oder dann auf der Seite biohotels.info suchen. Gelistet wird, was ein vernünftiges und anerkanntes Zertifikat vorweisen kann. Auf labelinfo.ch der Stiftung Pusch (Praktischer Umweltschutz) findet ihr diese Zertifizierungen aufgelistet, beschrieben und bewertet.
Natürlich gibt es auch spannende Alternativen wie Zelten, Ferien auf dem Bauernhof, Jugendherbergen, Couchsurfing oder bei Verwandten logieren. Ist natürlich Geschmackssache.
Wenn ihr motiviert seid, nachhaltig Ferien zu machen, gibt es noch ein paar Sachen, die ich euch mit auf den Weg geben kann.
09:11 Uhr.
Wenn ich mir anhöre, wo und wie meine Buddys und Liebsten ihre Ferien verbringen, fällt mir auf, dass sie nicht einfach irgendwelche Ferien machen, damit sie davon erzählen können oder einfach, damit sie Ferien gemacht haben. Nein, sie haben ihr Reiseding gefunden, und zwar unabhängig davon, ob das gerade angesagt ist oder nicht.
Als Reisebanausin, die nur vom Schiff aus zuschaut, wie andere reisen, denke ich mir aber, genau das ist die Kunst des Reisens.
Meine Gspänli lassen sich nicht von diesem riesigen Überfluss an Ferienmöglichkeiten um den Finger wickeln. Sie lassen sich nicht einreden, dass sie für Strandferien nach Ägypten oder Thailand fliegen müssen, die sogenannt angesagtesten Reiseorte des Jahres besuchen sollen oder dass Kurztrips nach Paris, London, Amsterdam und Barcelona aber so was von in den Lebenslauf gehören.
Die Sache ist die: Wer diese Kunst beherrscht, reist oftmals schon nachhaltiger als Binge-Reiserinnen und -Reiser, denen es nur um das Häkchen auf ihrer Destinationenliste geht. Und sie sind nach den Ferien meist zufriedener und erfüllter von ihren Erlebnissen als Reisende, die einfach irgendwohin fliegen, weil sich der Urlaub nur mit Flugzeug nach Urlaub anfühlt oder weil schliesslich ALLE diesen einen Ferienort mal besucht haben müssen.
Weil man als Bloggerin ja immer auch ein bisschen literarisch die Hosen runterlassen soll, schreibe ich zum Schluss gerne mein letztes Reiseerlebnis auf. Es ist absolut unspektakulär. Sorry!
Ich war für einen Kurztrip mit einer meiner engsten Freundinnen letztes Jahr in Brienz, das ohne Bergsturz am See. Zugreise war top, essen meist vegan, das Dorf ein bisschen wie eine Kulisse. Wir tranken viel Apéro, wie immer, und besuchten ein paar schöne Wasserfälle in der Nähe.
Und fürs Protokoll: Ich fliege nicht heimlich in der Gegend rum. Vor sechs Jahren bin ich letztmals mit dem Flugzeug unterwegs gewesen, und zwar ausgerechnet nach Mallorca, aber zum Wandern, nicht zum Ballermann. 2019 fuhr ich mit dem Zug nach London, um eine gute Freundin zu besuchen. Es war das Jahr, in dem ich mich definitiv entschied, für so lange Zeit wie möglich nicht mehr zu fliegen.
Und zum Schluss nach dem Schluss noch einen Ferienlektüre-Tipp: Hartmut Rosa, «Unverfügbarkeit».
11:24 Uhr. Happy Holidays, reist gut und bis bald!