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Bild: Kafi Freitag: Blumenwiese ob Brunwald. 

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Vor zwei Jahren ist mein Vater gestorben. Es waren über 100 Menschen an seiner Beerdigung und viele haben geweint. Aber heute spricht fast keiner mehr von ihm. Das macht mich traurig bis wütend. Warum? Kerstin, 39



Liebe Kerstin 

Was Sie mir da schreiben ist furchtbar traurig. Aber leider wahr. Ich habe das grosse Glück, dass ich noch niemanden aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis verabschieden musste, aber aus Gesprächen mit Bekannten weiss ich, dass es genau so ist.

Ich bin mit Ihrer Frage ein paar Tage schwanger gegangen und habe ein paar Einsichten gewonnen. Vielleicht tröstet es Sie etwas, wenn ich Ihnen sage, dass es mit grosser Sicherheit oft einfach Unsicherheit ist, die dahintersteckt.

Ich kenne das ja selber. Vor ein paar Jahren haben entfernte Bekannte von mir ein wenige Monate altes Kind verloren, ich hatte aus der Zeitung davon erfahren und es hat mich schrecklich traurig gemacht. Ich habe mich darum hingesetzt und diese meine Gefühle niedergeschrieben und dem Paar meine Beileids-Karte geschickt. Daraufhin habe ich nichts mehr gehört. Kein Dank für das Schreiben und auch kein anderes Zeichen. Ich weiss noch, dass es mich damals unglaublich verunsichert hat. Selbstverständlich ging es mir nicht um den Dank, denn ich kann ja sehr wohl nachvollziehen, dass ein Verlust dieser Art einem dermassen übermannen muss, dass darob andere Gesetze gelten. Aber es hat mich tage-, wenn nicht wochenlang nicht mehr losgelassen. Ich hatte grosse Angst, nicht die richtigen Worte gefunden zu haben, zu persönlich geworden zu sein. Oder zu wenig persönlich. War mein Schreiben vielleicht zu oberflächlich gewesen, oder das Kartensujet (ein Baum) unpassend? Hatte ich mit meiner Karte zu lange zugewartet (etwa 2 Wochen) oder hat man mir verübelt, dass ich bei der Trauerfeier nicht dabei war?

Das klingt jetzt alles sehr dramatisch und übertrieben. Aber genau so ist es mir ergangen. Ich habe mich nur noch hintersinnt. Dennoch habe ich es wieder genau so gemacht, als ein Freund seinen Vater verloren hat. Ich habe mich hingesetzt und einen Brief geschrieben. Aber es hätte genau so gut sein können, dass ich es dieses Mal gelassen hätte. Aus der nackten Angst, etwas falsch zu machen. Nicht die richtigen Worte zu finden. Nicht den richtigen Rahmen, den richtigen Zeitpunkt.

Der Tod ist eine beklemmende Angelegenheit. Wir alle wissen, dass er uns früher oder später ereilen wird. Doch solange es geht, wollen wir ihn ignorieren. Wenn er uns dann doch streift, indem er jemanden aus dem erweiterten Kreise stiehlt, dann sind wir haltlos überfordert. Unsere Kultur hat keinen gesunden Umgang mit dem Tod gelernt. Während wir darauf getrimmt sind, ihn so schnell als möglich ad acta zu legen und die Toten alsbald zu vergessen, beweinen andere Völker ihre Toten tagelang und lautstark.

So kann es schon mal geschehen, dass Eltern, die ihr Kind verloren haben, nach ein paar Jahren zu hören bekommen, sie sollen doch endlich mal damit aufhören, immer noch zu trauern. Man solle die Erinnerungsstücke doch bitte weglegen und Gras darüber wachsen lassen. Als würde die Zeit solche Wunden heilen können! Als könnte die reine Ignoranz den Verlust ungeschehen machen!

Dabei würden Menschen, die eine geliebte Person gehen lassen mussten, sehr gerne über diese reden. Sich erinnern. Bilder wieder bunter werden lassen, Rückschau halten. Die Hinterbliebenen möchten das Gefühl haben, dass auch andere Leute sich an den verstorbenen Menschen erinnern und dass dieser in dieser Reminiszenz weiter existiert. Sie möchten nicht zur Tagesordnung übergehen, kaum ist der Leichnam beerdigt. Vermutlich haben viele Menschen Angst, man würde traurige Erinnerungen wecken, wenn man über die verstorbene Person spricht. Aber Menschen, die ein geliebtes Geschöpf verloren haben, denken sowieso tagtäglich an dieses. Man muss keine Angst haben, dass man ruhende Geister weckt. Der Verlust ist da. Tag für Tag. Er wird nicht grösser, indem man ihn anspricht. Er verteilt sich, indem er von mehreren Herzen mitgetragen wird.

Sie können das Andenken an Ihren Vater nicht einfordern. Aber Sie können weiterhin über ihn sprechen, sich erinnern. Und wir alle können noch heute damit anfangen, unsere Komfortzone zu erweitern und Gefühle zu riskieren, wo diese dringend gebraucht werden. Im Wissen darum, dass wir auch nicht totgeschwiegen werden möchten.

Alles Liebe und Gute Ihnen. Ihre Kafi.

Kafi Freitag 

Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltags-Fragen ihrer Leserschaft. Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.freitagcoaching.ch) und verkauft mit viel Herzblut Hochzeitskleider. Sie ist verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes, wohnt mitten im Zürcher Kreis 4 und versucht, ihren Alltag so vernünftig wie nötig und amüsant wie möglich zu leben.

Fragen an Frau Freitag?
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