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Ein herziges Bärli zieht immer? Fast immer, wie viele ernüchtert feststellen müssen. Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Kafi. Ich mache bei der Movember-Kampagne mit und sammle Geld für die Prostatakrebs-Forschung in der Schweiz. 

Hättest Du mir Tipps, wie man Menschen erreicht und dazu bewegt, mehr zu tun als zu liken. Was funktioniert im Kampf um Aufmerksamkeit und was nicht? Wie bewirkt man, dass sich Frauen und Männer im übersättigten Infotainment-Nebel überhaupt noch engagieren? Ich möchte Publicity für die Sache machen, aber ohne diesen Beigeschmack von inszenierter Egopromotion. Grüsse. Sandro, 32

Lieber Sandro 

Über Ihre Frage habe ich mich sehr gefreut. Weil ich sie unglaublich spannend finde und mir die letzten Tage auch viele Gedanken darüber gemacht habe. Vor Weihnachten wird man von Spendensammlern ja richtiggehend überrollt und auch auf Facebook gäbe es zig Möglichkeiten, so sein Geld loszuwerden.

In der Regel beantworte ich ja keine Fragen, die sich darum drehen, wie man ein Produkt besser bewirbt (und ja, ich bekomme doch so einige in diese Richtung, aber ich lasse mich grundsätzlich nicht vor Werbekarren spannen, wer meine fachliche Beratung möchte, darf mich aber gerne dafür buchen), aber bei Ihrer Frage mache ich gerne eine Ausnahme, weil es sich um ein wichtiges Anliegen dreht.

Damit ich Ihnen eine konkrete Antwort geben kann, habe ich mir Ihre Aktivitäten der letzten Tage mal genauer angeschaut. Und ich muss Ihnen leider etwas sagen, wofür Sie nun wirklich nichts dafürkönnen und was dennoch ein Problem darstellt. Sie sehen zu gut aus. Ich meine das nicht als Scherz und auf keinen Fall sexistisch. Aber wenn Sie mit Ihrem Gesicht für diese Kampagne werben, dann kann ich mir verdammt gut vorstellen, dass es sehr viele Frauen (und sicherlich auch nicht wenige Männer) gibt, die das Ganze dann subito liken, aber nicht genauer hinschauen, worum es eigentlich geht. Ich finde es super, wenn jemand mit seinem Namen und seinem Gesicht für eine Sache einsteht, aber die Gefahr bei einem zu attraktiven Gesicht ist halt, dass man nicht weiter dahinter schaut.

Es wäre darum wichtig, dass Sie die ganze Chose von Ihrer Gestalt wegbringen. Sie haben eine gewinnende Ausstrahlung, die werden Sie auf jeden Fall für die Sache nutzen können, denn Charme ist verdammt wichtig, wenn man es auf das Geld von Anderen abgesehen hat. Aber nun zu den grundsätzlicheren Punkten, die Ihr Projekt erschweren. Sie sammeln also Geld für die Krebsforschung. Das ist verdammt wichtig und ich bin der Meinung, dass jeder dafür Geld spenden sollte. Aber das Problem ist, dass es uns mit einer Krankheit konfrontiert, mit der fast jeder im Laufe seines Lebens einmal in Kontakt kommt. Sei es als tatsächlich Betroffener oder als Angehöriger. Und das macht uns tierische Angst. Bis es dann wirklich so weit ist, wollen wir damit möglichst nichts zu tun haben. (Krebs bedeutet leider oft «Tod» und der Tod ist ein Tabu in unserer Gesellschaft. (Ebenso wie die Prostata eine Tabuzone in der Männerwelt ist ...)). Und das haben wir auch schon, wenn wir der Krebsforschung Geld spenden, ob wir das wollen oder nicht. Darum sehen die meisten Menschen lieber weg und spenden für die Hilfswerke, die sich gegen Ebola einsetzen. Ebola ist weit weg und niemand hier kennt einen direkt Betroffenen.

Wenn Sie diese Hürde nehmen und die Menschen dennoch zum Spenden bewegen wollen, dann müssen Sie die Menschen auf der Herzebene abholen. Geld ist unglaublich eng mit dem Herzen verbunden und ich bin nur dann bereit, mich davon zu trennen, wenn es mir dort etwas gibt. Sie können es (wie Sie es getan haben) mit kleinen Hunden versuchen, aber ich würde auf echte Menschen setzen. Männer, welche die Krankheit überlebt haben und solche, die es vermutlich nicht mehr tun werden. Angehörige, welche jemanden an den Krebs verloren haben. Wenn es Ihnen gelingt, diese auf würdige Weise für ein Statement zu gewinnen, dann haben Sie gute Chancen, erfolgreich Geld zu sammeln.

Sie können nun dagegenhalten, dass dies eine billige Taktik ist, um die Herzen wachzurütteln. Aber wenn Sie es auf würdevolle Art und Weise machen, ist es das eben nicht. Dann geht es darum, die Menschen zu einem Teil der Gesellschaft zu machen, zu der man auch gehört. Zeigen Sie auf, was durch eine starke Forschung möglich wird! Wecken Sie Begeisterung und machen Sie klar, dass man mit einer Spende an diesen Möglichkeiten teilhaben kann. Schaffen Sie ein Wir, wo vorher nur ein Ich war.

Nehmen Sie sich ein Beispiel an Herzensbilder. Kerstin Birkeland, die hinter dem wunderbaren Projekt steht, hat aus eigener Betroffenheit eine Sammlung gestartet, die landesweit Beachtung findet. Sie versteht es ausgezeichnet, Schicksale in den Mittelpunkt zu stellen, ohne die betroffenen Menschen auszubeuten. Ihre eigene Geschichte verleiht ihr das nötige Fingerspitzengefühl, diesen Hochseilakt mit Bravour zu schaffen. Sie können (glücklicherweise!) nicht auf diesen Erfahrungsschatz zurückgreifen und müssen es darum auf anderem Wege schaffen, dieses Vakuum zu füllen.

Haben Sie sich mit der Thematik tiefgehend auseinandergesetzt oder machen Sie das Ganze «nur» darum, weil es eine gute Sache ist? Auch Zweiteres wäre immer noch edel genug, um als Motivation zu dienen. Zum Erfolg führen wird es Sie aber vermutlich nicht. Wenn Ihnen daran liegt, werden Sie tiefer gehen müssen. Sie werden Gespräche mit Betroffenen oder Hinterbliebenen führen müssen und versuchen, deren Problematik Facebook-tauglich aufzubereiten. Das ist verdammt anspruchsvoll, aber daran wird kein Weg vorbei führen.

Es reicht nicht aus, eine Idee fortwährend zu publizieren. Und man darf auf keinen Fall von der Anzahl der FB-Likes einen Rückschluss auf die Anzahl der Spenden machen, denn das ist lächerlich naiv und grenzt an schamlose Nötigung. Ihr Anliegen ist von Natur her kein Egoprojekt. Denn ein solches definiert sich darüber, dass von den Spenden ein einzelner Mensch profitiert. Von Ihrem aber kann eine ganze Generation Krebskranker und zukünftiger Krebskranker profitieren. Wenn Sie Ihr gewinnendes Wesen für den direkten Kontakt nutzen und auf FB Ihr goldiges Herz in den Vordergrund rücken, dann kann Ihnen das gelingen. Aber dafür müssen Sie es zuerst in Kontakt mit den Auswüchsen der Krankheit bringen und da müssen Sie sich ehrlich fragen: Bin ich dazu wirklich bereit? 

Wenn Sie es sind, freue ich mich sehr für Sie und mit Ihnen. Weil wir Menschen brauchen, welche sich diesen Themen öffnen und dafür zu kämpfen bereit sind! Wenn Sie es nicht sind und dennoch erfolgreich für diese gute Sache arbeiten möchten, dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als eine andere Art von Egoprojekt daraus zu machen. Die ganze Ice-Bucket-Challenge hat auf die niedersten Egogewichs-Instinkte abgezielt und darum wahnsinnig gut funktioniert. Unter dem Vorwand der Gutmenschlichkeit seinen im Fitnesscenter unter harter Arbeit gestählten Bikinikörper öffentlich zeigen? Aber gerne! (Wie viele der Bikini-und-Badehosen-Spender danach auch wirklich zum Scheckbuch gegriffen haben, ist für mich allerdings sehr fraglich.)

Ich hoffe sehr, dass Ihnen meine Gedankengänge etwas auf die Sprünge helfen. Denn Krebs ist kein Egoprojekt, sondern betrifft uns alle. Früher oder später.

Alles Liebe! Ihre Kafi.

P.S. Fast vergessen aber auch nicht zu vernachlässigen: Die Prostata ist an sich schon ein Tabuthema, vor allem für die Männerwelt. Berücksichtigen Sie diesen Fakt bitte auch, wenn Sie sich an die nächste Kampagne machen.

Fragen an Frau Freitag? ​ 

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Sälber tschuld! 

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Bild: Kafi Freitag



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Kafi, wie gehe ich mit Sexismus um?

Liebe Frau Freitag. Im Februar war ich an einem Fest und wurde dort von einem fremden Mann auf mein Äusseres bezogen beleidigt. Die ganze Situation lässt mich bis heute nicht los. Mir geht es dabei nicht darum, dass mich jemand nicht schön findet, sondern um die Tatsache wieso verletzende Worte so oft und so schnell ausgesprochen werden (meist genau von Unbekannten). Wie reagiere ich in solchen Situationen richtig? Und wie gehe ich mit Freunden um, die ebenfalls Beleidigungen an Andere richten? Mia, 24

Liebe MiaWas Sie erfahren haben, erleben sehr viele Frauen. Ich selber kann mich an x solche Situationen in meinem Leben erinnern. Wenn einem das passiert, fühlt man sich wahnsinnig reduziert und erniedrigt. Ich kann Ihnen sehr gut nachfühlen, dass diese Beleidigung nicht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus ist. Wie Sie ganz richtig sagen, geht es nicht darum, dass Sie jemandem nicht gefallen. Es geht um die Reduktion. Und darum, dass man bewertet wird, als müsste man gefallen.

Leider …

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