Big Ben zum Letzten
Ich hätte nicht gedacht, dass ich sentimental werde, wenn ich diese Zeilen schreibe. Aber eigentlich sollte es mich nicht überraschen. Ich hasse das Ende. Immer. Ich hasse es, wenn Filme zu Ende sind, sogar bei den schlechten hasse ich es, wenn sie fertig sind. Noch schlimmer ist es bei Serien. Ich habe den letzten Schultag gehasst, dass danach die Sommerferien kamen, spielt keine Rolle. Wenn nicht nur ein Schuljahr, sondern die Zeit an einer Schule zu Ende ging, schrecklich. Die Matur war der absolute Horror, alle feierten, alle freuten sich auf das, was nun kam, mir ging es miserabel. Nicht, weil ich Neues hasse. Aber: Ich traue dem Neuen nicht.
Jetzt sagt ihr, das passt so gar nicht zu dem, was ich die letzten Jahre hier schrieb. Ich lernte ja ständig neue Frauen kennen, liess mich auf Neues ein, schlief mit jemandem, den ich vorher nicht kannte. Aber, liebe Leute, der Unterschied war da, dass diese Geschichten nie richtig angefangen haben. Was nie richtig anfängt, kann auch nicht zu Ende gehen.
Der Grund für das Ende
Aber über all das will ich heute nicht schreiben, ich habe versprochen, zu erzählen, was der Hauptgrund für das Ende ist, und ein Versprechen gilt es zu halten, obwohl mir graut, diese Zeilen zu schreiben. Denn im Gegensatz zu den anderen Frauen, weiss sie, die der Hauptgrund ist, dass ich hier schreibe. Warum? Weil ich es ihr erzählt habe. Sie weiss auch, dass nicht alles, was in der Kolumne steht, wortwörtlich gemeint ist und dass sie beachten muss, dass ich mir gewisse künstlerische Freiheiten liess. (Was sie las, fand sie amüsant, also alles gut.)
Warum ich ihr von der Kolumne erzählt habe? Weil ich ihr alles über mich erzählt habe, okay, nicht alles, so lange kennen wir uns nicht, aber ich würde ihr wohl alles erzählt haben, hätten wir genug Zeit dafür gehabt. Einfach, weil sie alles wissen und ich alles erzählen will.
Ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, die sich so für mich interessiert hat, die Fragen stellt, als hätte sie keine anderen Verpflichtungen - die sie absolut hat, ich kenne niemanden, der so viele Projekte jongliert und so hart arbeitet wie sie – und auch wenn ich weiss, dass es nicht so ist, habe ich beim Erzählen das Gefühl, dass ich die interessantesten Geschichten der Welt raushaue. Nicht weil es die interessanten Geschichten der Welt sind, aber weil sie so zuhört, als wären es die interessantesten Geschichten der Welt.
Ich habe noch nie erlebt, dass jemand so sehr wissen will, was in meinem Kopf vorgeht. Und ich habe noch nie erlebt, dass ich einer Person so sehr erzählen will, was in meinem Kopf vorgeht. Vor allem nicht bei einer Frau, die ich gerade erst kennengelernt habe. Ich bin in Gesprächen sonst eher ruhig – jaja, glaubt ihr nicht, ist aber so. Manchmal, weil es mir nicht viel bedeutet, dass mein Gegenüber weiss, was in mir vorgeht. Und meistens, weil mich mehr interessiert, was im Gegenüber vorgeht.
Zum Glück feierte ich Silvester!
Wir haben uns, wie schon im vorletzten Text erwähnt, an Silvester kennengelernt. In diesem Chalet in den Bergen. Sie war eine der drei Frauen, die ohne Partner da waren, diejenige, die ebenfalls kaum teilnahm bei dem ganzen Kartenset-Spiel über Fetische und sonstige persönlichen Dinge. Ich dachte, sie sei verschlossen. Oder schüchtern. Aber, so sagte sie mir später, sie war nur müde. Sie musste über Weihnachten auf ihre Nichte aufpassen, weil ihr Bruder mit seiner Freundin nach acht Jahren das erste Mal ein paar Tage zu zweit Urlaub machen wollte.
An Silvester lief nichts. Wir sassen als Letzte noch auf der Couch und redeten. Erst da habe ich sie bemerkt. Natürlich habe ich sie auch vorher bemerkt, Leute, bin ja nicht blöd, aber sie war so in diesem Frauentrio drin, und es gibt Frauen mit einem Level an Schönheit, die ich einfach abschreibe, mache mir doch nichts vor, bin nicht Brad Pitt, da zu baggern, wäre verlorene Liebesmühe.
Und davor war sie eben auch von diesen zwei anderen Frauen besetzt. Mit denen sie sich ein Zimmer teilte. Was wohl ein Grund war, dass nichts lief. Ich war schliesslich mit meinem Mitbewohner in einem Zimmer...
Was erzähle ich, der wahre Grund war: Ich traute mich nicht. Nicht, weil ich Angst hatte, dass sie mich blöd findet. Als sie so lange mit mir auf der Couch sitzen blieb, merkte ich schon, dass sie mich wohl auch ganz okay findet, aber ich wollte es nicht vermasseln.
Der Klassiker: Die fünffache Umarmung
Wir waren beide sehr betrunken und sehr müde und es war fast sechs Uhr morgens, als wir entschieden, schlafen zu gehen. Ich habe sie zu ihrer Zimmertür begleitet, wir haben uns umarmt. Und dann nochmals. Und nochmals und nochmals. Leute, wir waren alle schon da, man umarmt sich wie bekloppt, als hätte man die Umarmung gerade erst erfunden.
Weil sie im Gruppenchat von der ganzen Silvestersause war, hatte ich ihre Nummer, ich schrieb ihr schon auf dem Weg nach Zürich, zwei Tage später gingen wir essen, ich begleitete sie nach Hause und als wir vor ihrer Haustür standen, habe ich sie nicht mehr nur umarmt.
Und hier kommt der Grund, warum ich diesen Blog nicht mehr schreiben kann. Es erscheint mir nicht richtig, mehr über sie zu schreiben. Detaillierter, ausführlicher, genauer. Es fühlt sich wie Verrat an.
Was diesmal anders ist?
Ich weiss es nicht genau. Vielleicht weiss ich es in einigen Wochen, einigen Monaten, einigen Jahren. Es erscheint mir einfach total logisch, mit ihr Zeit zu verbringen. Es ist so einfach und entspannt, dass es mich fast nervös macht, wenn ich zu lange darüber nachdenke.
Ich habe nie das Gefühl, dass ich etwas Falsches sagen könnte. Obwohl ich sicher viel Falsches sage, aber ihr wisst, was ich meine. Sie findet meine Witze lustig, immer, und Leute, ich weiss, dass sie nicht immer gut sind. Sie ist die vielleicht lustigste Frau, der ich je begegnet bin. Es ist, als hätten wir in all den Jahren den perfekt aufeinander abgestimmten Humor entwickelt. Ihr zu sagen, dass etwas sarkastisch gemeint ist, wäre zynisch.
Ich musste mir noch nie so wenig überlegen, was ich sage, und ich war mir noch nie so sicher, in dem, was ich tue.
Oder anders gesagt: Es ist vielleicht das erste Mal, dass ich dem Neuen traue.
Und damit, liebe Community, sind wir am Ende angelangt. Mit einem Anfang. Ich hoffe, ihr versteht mich, und wenn nicht... nun, schreibt es in die Kommentarspalte.
Danke für eure Zeit! Es war mir eine Ehre, für euch zu schreiben.
Sollten wir uns irgendwann im realen Leben begegnen, was bestimmt nie passieren wird, aber wer weiss, Wunder passieren, und wenn sie passieren, dann lasst uns über Schachtelsätze reden. (Spoiler: Ich habe sie nur für euch gemacht.)
So long,
Ben
