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FragFrauFreitag

Liebe Frau Freitag. Mein Freund feierte kürzlich seinen 50. Geburtstag. 



Wir sind noch nicht ganz ein Jahr zusammen und gehören zu den klassischen Paaren «geschieden-mit-Kids-berufstätig-wohnen nicht zusammen-usw....». Gerade bei einem Runden, soll man reich beschenkt werden und ich lud ihn in ein schweineteures Restaurant ein. Vorher und nachher beschlich mich aber leider dieses voll dämliche Gefühl: mpf, ich glaube mich hat noch nie jemand so grosszügig beschenkt, warum mache ich das eigentlich immer? (Und nein, mein Freund würde das definitiv für mich nicht tun und ja, er ist definitiv vermögender als ich). Bei runden oder besonderen Anlässen bin ich gerne grosszügig. Mir selber widerfährt das nie. Und dann frage ich mich: warum, ich Egoist und offensichtlich Nicht-Buddhist-Christ-Positivist, warum zweifle und frage ich mich das überhaupt? Denn Geben ist seliger denn nehmen … Scheisse, ja, ich bin nicht der Typ Frau, welche Blumen kriegt, mit einem Wellness WE oder Ring überrascht wird. Miiiiiiiiist! Weil ich durchschnittlich aussehe, zu alt bin oder sonst vielleicht nicht ein angenehmer Mensch bin? Oder gibt es auf diesem Planeten nur solche Männer (für mich)? Fragen über Fragen ... Ich möchte schenken und nicht dieses blöde Gefühl in mir drin haben, hm, was soll ich tun? Vera, 42

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Liebe Vera

Ich sehe überdurchschnittlich aus, bin im perfekten Alter und ein äusserst angenehmer Mensch. Und bekomme auch seltenst Blumen, keine Wellnesswochenenden geschenkt und für die Ringe, die in meinem Schmuckkästli liegen, musste ich jeweils heiraten. Es kann also nicht daran liegen, meine Gute.

Nein ernsthaft, des Pudels Kern liegt woanders begraben. Schenken und sich beschenken lassen ist eine wahnsinnig anspruchsvolle Angelegenheit. Man muss das – wie so viele Dinge im Leben – erst lernen, bevor man es beherrscht. Und ich meine jetzt noch nicht einmal die Kunst, das perfekte Geschenk zu finden. Das ist eine Herausforderung für sich, aber ich möchte mehr den Akt des Gebens und des Nehmens durchleuchten.

Sie sagen, dass man bei einem runden Geburtstag, reich beschenkt werden soll. Das liest sich in meinen Augen, wie ein Gesetz, etwas das so gemacht werden muss. Aber wer genau bestimmt das? Könnte es sein, dass es sich um einen Glaubenssatz von Ihnen handelt? War es vielleicht in Ihrer Familie gang und gäbe, zu grösseren Festen grosse Geschenke zu machen oder haben sie das Ihrem Bekanntenkreis abgeschaut? Natürlich kenne ich diese Vorgehensweise auch, aber für mich ist es nicht so sakrosankt, wie es für Sie zu sein scheint. Und dann frage ich gerne noch weiter: Wie genau definiert sich denn der Begriff «reich beschenkt»? Wurde man reich beschenkt, wenn das Essen oder der Ring möglichst teuer war oder auch dann, wenn ein nicht so teures Essen selber aufwendig gekocht worden ist oder der Ring aus dem Kaugummiautomaten in einer Sternwarte feierlich übergeben wurde?

Innere Leere lässt sich nicht mit teuren Geschenken füllen.

Erkennen Sie, worauf ich hinaus will? Jeder von uns hat recht klare Vorstellungen, was für ihn ein perfektes Geschenk ist. Das ist vollkommen o.k. und menschlich. Allerdings dürfen wir niemals vergessen, dass jeder eine eigene und meistens auch andere Vorstellung davon hat. Für Sie ist es ein teures Essen, ein Schmuckstück oder ein Wochenende in einem tollen Hotel. Für mich ist es ein CD-Laufwerk, mit dem ich Udo Jürgens CDs für meinen Player im Auto brennen kann. Für meine Freundin ist eine Kassette, die mit grossem persönlichen Aufwand mit eigenen Geschichten und Liedern bespielt wurde. Jeder hat eine eigene Version seiner persönlichen Wahrheit. So viel zu Beginn.

Wenn wir nun unsere persönliche Version von einem tollen Geschenk an jemanden weitergeben, ist das zwar schön. Bedeutet aber nicht automatisch, dass es für den Empfänger ebenfalls eine so grosse Sache ist. Das kann mitunter schmerzhaft sein, ich weiss. Aber das hat eben mit den verschiedenen Definitionen zu tun. Wenn wir nun auch noch erwarten, dass wir das Gleiche zurück bekommen, dann können wir praktisch nur enttäuscht werden. Und haben den Sinn des Schenkens nicht wirklich begriffen.

Wer beim Schenken schon kalkuliert, was zurückkommen wird, sollte es von Anfang an bleiben lassen.
Die eine Hand mit dem Geschenk hinzustrecken und die andere hohl hinzuhalten in der Erwartung, dass etwas zurückkommt (möglichst adäquat natürlich!), ist höchst eigennützig. Da wäre es dann bedeutend ehrlicher und einfacher, wenn man sich selber das kauft, was man gerne haben würde. Dafür braucht es nicht den Umweg über das Geschenk und den Beschenkten.

Spüren Sie einmal nach, was Sie mit dem Geschenk beim anderen erreichen wollen. Wollen Sie ihn glücklich machen? Oder soll das Präsent noch etwas anderes vermitteln? Ist es eine Art Anzahlung für eine grosse Geste, die man im Gegenzug erwartet? Wenn dem so ist, muss ich Sie leider enttäuschen. Kein Mensch dieser Welt bekommt gern ein Geschenk, an dem ein unausgesprochenes Preisschild mit einer Erwartung klebt. Kein Mann dieser Welt wird auf diesen Handel eingehen und es wäre falsch, den Fehler beim anderen Geschlecht zu suchen.

Kaufen Sie sich all die Dinge, die Sie glücklich machen, selber. Das mache ich schon lange so und es funktioniert bestens. Bringen Sie Ihre eigene Schenkkultur in einen Rahmen, der befreit ist vom Beigeschmack, den Sie beschreiben. Innere Leere lässt sich nicht mit teuren Geschenken füllen. Gehen Sie der Sache auf den Grund und fragen Sie sich, was Ihnen wirklich fehlt. Oft soll ein Geschenk fehlende Wertschätzung kompensieren. Oder einen anderen Mangel, den man in sich spürt. Das kann kein Geschenk bieten. Wenn Sie den Bedarf ausfindig gemacht haben, können Sie damit beginnen, diesen mit Emotionen zu stillen, über die wirklichen Bedürfnisse zu reden. Das ist viel nachhaltiger, als jeder noch so schöne Ring oder jedes noch so schweinisch teure Essen.

Ganz herzlich. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Nordurljos
09.03.2016 14:59registriert March 2015
Ich finde schenken auf Geburtstage oder Weihnachten hin immer etwas sehr bemühtes. Keine kreativität oder spontanität, alle sind gestresst. Lieber sich gegenseitig ein (selbstgekochtes) Nachtessen schenken, mit guter Konversation und freude am beisammen sein. Gemeinsame Zeit ist immer noch das schönste was man sich geben kann.
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Patamat
09.03.2016 21:12registriert June 2015
Endlich wiedermal eine richtige Antwort, durchdacht und ausführlich. Danke Kafi. Hatte mir in letzter Zeit schon Sorgen gemacht.
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Zeit_Genosse
10.03.2016 07:44registriert February 2014
Die Vera fragt sich hier, warum sie nicht grosszügig beschenkt wird, obwohl sie sich das auch mal wünscht. Sie selbst schenkt gerne "reich". Das möchte sie weiterhin tun. Aber wenn nur sie grosszügig schenkt, dann fragt sie sich, ob sie das weiter so tun soll. Ich sehe darin keine Berechnung sondern den eigentlichen Wunsch ihren Erwartungen nach beschenkt zu werden. Eigentlich geht es mehr um Liebe, Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Wieso tun wir uns mit der Kommunikation von Erwartungen so schwer? Wäre doch ein leichtes, sich etwas konkretes vom Partner zu wünschen und sich daran zu erfreuen.
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FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Ich trage, wie man so schön sagt, das Herz auf der Zunge. Nun habe ich aber einen Mann kennengelernt, der sagt, er sei im Moment vielleicht nicht bereit für eine Beziehung. 

Liebe Michèle,Gerade war ich auf der Buchmesse in Leipzig und habe dort mein erstes Buch vorgestellt. Mein Verleger bearbeitet mich bereits, dass ich mich hinsetze und das nächste in Angriff nehme und nach Ihrer Frage denke ich ernsthaft darüber nach, ein Übersetzungswerk zu schreiben, das zwischen Frauen und Männern vermittelt. Es wäre natürlich geschäftlich gesehen ungünstig, wenn ich bereits alles verraten würde, dennoch will ich Ihnen wenigstens den Begriff der sehr geschätzten …

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