DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
In allen Dingen lebt ein Lied.  
In allen Dingen lebt ein Lied.  Bild: Kafi Freitag
FRAGFRAUFREITAG

Liebe Frau Freitag. Mir ist klar, dass diese Frage nicht zu beantworten ist, doch mich würde Ihre Meinung dazu trotzdem sehr interessieren. Gibt es Gott? 

05.12.2014, 14:3106.12.2014, 12:23

Wenn ja, was würde er wohl über die ausser Kontrolle geratene Menschheit denken? Liebe Grüsse. Sarah, 26

Liebe Sarah 

Vielen Dank für Ihre Frage. Es ist mir nicht ganz klar, ob Sie wissen, dass ich eine überzeugte Atheistin bin, die sich schon im zarten Alter von 16 Jahren von der Kirche, deren Idee und von Gott in diesem religiösen Sinne abgewandt hat.

Diese Tatsache und die Umstände, dass ich jüngst von einem evangelischen Priester verarscht worden bin und die Migros ihre Bananen falsch gewogen verkauft, könnten mich demzufolge veranlassen zu behaupten, dass es mit grosser Sicherheit keinen Gott gibt, der fürs Rechte schaut. Von all den schlimmen Ungerechtigkeiten, Katastrophen und menschlichen Tragödien auf dieser Welt mal ganz zu schweigen.

Es macht allerdings Sinn, zwischen Religion und Gott zu trennen. Und wenn mir alles Religiöse auch sehr suspekt ist, so anerkenne ich dennoch, dass es dabei auch um die Vermittlung von Werten geht. Meistens. Ob diese nun meinen eigenen entsprechen, ist natürlich eine andere Frage. Aber wenigstens sind es Werte und das ist schon mal was.

Für mich ist Gott keine höhere Macht am Reissbrett des Lebens, den ich in Gebeten beschwören oder verfluchen kann. Sondern viel mehr ein internales Gefühl, das ich mit dem Vertrauen in mich selber beschreiben würde. Nach dieser meiner eigenen Definition ist Gott vergleichbar mit Liebe. Und auch bei dieser gilt: Wer auf sie baut, ist verloren, wer mit ihr tanzt, ist nie allein.

Wer in der göttlichen Vorstellung die Liebe erkennt, wird an diesem Glauben wachsen können. Wer in Gott den Verantwortlichen sieht, wird daran scheitern. Das habe ich unbewusst schon früh erkannt und es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, in Not oder Trauer zu beten. Stattdessen habe ich das Göttliche immer wieder in anderer Form und Gestalt gefunden. In der Demut, dem Menschen als perfektes Gesamtkunstwerk gegenüber. In der Zärtlichkeit des Augenblicks zweier Menschen, in der Geburt eines Kindes. In der Hilfsbereitschaft eines Fremden, im aufmunternden Kommentar der Lehrer unter dem Schulaufsatz meines Sohnes.

Wenn es einen Gott gibt, so lebt dieser in mir und in Ihnen und in all dem, was zwischen den Menschen besteht und ihnen Kraft und Vertrauen schenkt. Diese Art von Gott ist mein eigener Lebensmut und die Verantwortung, mein Leben selbstbestimmt und beherzt in die Hände zu nehmen. Ich kann darüber philosophieren, dass es ob all dem Bösen und Schlimmen in dieser Welt nichts Göttliches geben kann. Oder es in mir und meinem Leben gedeihen lassen. Im Wissen darum, dass die Welt dadurch ein klein bisschen menschlicher wird.

Ob ich mich mit dieser Einstellung tatsächlich als Atheistin bezeichnen kann, ist mir gerade selber nicht mehr so klar. Denn wenn ich an etwas glaube, dann an Folgendes: In allen Dingen lebt ein Lied.

Mit herzlichem Gruss. Ihre Kafi.

Fragen an Frau Freitag? ​ 
Hier stellen!



Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.



Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.



Haben Sie Artikel von FRAG FRAU FREITAG verpasst?

Sälber tschuld! 
Bild: Kafi Freitag

Mehr zum Thema

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Sie will mehr junge Leute an die Urne holen – mit einer «Tinder»-App
Eine 25-jährige Gamedesignerin hat sich zum Ziel gesetzt, via Apps mehr junge Menschen an die Urnen zu holen. Wie ihre Zielgruppe ist sie selber frustriert über vieles, was auf der Welt falsch läuft.

Games für mehr Demokratie – Sophie Walker will, dass junge Menschen häufiger abstimmen gehen oder sich überhaupt erst für Politik interessieren. Dazu entwickelt sie mit ihrem Team und Freiwilligen aus der ganzen Schweiz Wahlhilfe-Apps: die CH+-App spricht ein Zielpublikum ab 20 Jahren an. Mit Dope Elections setzt sie noch etwas tiefer an und möchte Teenager gleich bei der Volljährigkeit abholen – und zwar jene, die bisher von Politik gar nichts hielten.

Zur Story