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Das gute Kind von heute ist blauäugig, intelligent und spielt Geige. Bild: Kafi Freitag

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Wie ist Frau eine gute Mutter? In Gesprächen mit anderen Eltern stelle ich immer wieder fest, mindestens 90 Prozent der Klassenkameraden meiner Kinder sind nicht nur unglaublich intelligent, sondern auch noch mega sportlich und höchst musikalisch. 



Sie helfen im Haushalt… Mir kommt das komisch vor. Wenn ich, nach meinen Kindern gefragt, antworte, dass sie durchaus in der Lage sind, mir hie und da Sorgen oder Ärger zu machen und nicht alles super läuft, dann habe ich mittlerweile den Eindruck, ich manövriere mich und meine Kinder, etwas überspitzt gesagt, ins gesellschaftliche Abseits. Ich tue meinen Kindern und mir nicht unbedingt einen Gefallen mit meiner Ehrlichkeit, nein im Gegenteil, ich ertappe mich dabei, von mir selbst als Rabenmutter zu denken, die ihren Kindern die goldene Zukunft unter den anderen! stets vorbildlichen, Kindern verbaut (,weil wir ja Probleme haben). Daher meine Frage: Wie sehr muss/soll ich über meine Kinder lügen, damit sie (und natürlich auch ich) einen guten Eindruck machen? Herzliche Grüsse, Kristin, 44

Liebe Kristin 

Ach was habe ich mich über Ihre Frage gefreut! Wirklich! Sie hat mich grad daran erinnert, wie mein Sohn damals zu diesem Elite-Sport-Test der Stadt Zürich eingeladen war und ich einen ganzen Morgen lang in Oerlikon in einer Turnhalle stand und mir nichts mehr gewünscht habe, als dass er nicht in diese Elite aufgenommen wird. Und das nur, weil ich a) keine Lust hatte, jeden Samstag diesem Sportzeugs zu opfern und b) jeden Samstag nach Oerlikon zu gondeln mit dem Kinde. Vermutlich muss ich Ihnen nicht sagen, dass ich inmitten höchst motivierter Väter und Mütter stand, die ihre Kinder anfeuerten, als gäb's kein Morgen mehr.

Er ist dann wirklich nicht reingekommen und darf drum weiterhin seine Samstage spielend verbringen. Mag sein, dass ich deswegen eine Rabenmutter bin. Aber das geht mir nun wirklich am Allerwertesten vorbei. Und das sollte es Ihnen auch, liebe Kristin. Denn obwohl ich in diesem speziellen Fall nichts gegen das Lügen einzuwenden habe, wenn es Ihrem Seelenwohl denn dient, bin ich doch etwas skeptisch, ob es der richtige Umgang ist. Weil es hier um Werte geht. Wenn Sie den anderen Müttern vorlügen, wie vorbildlich, hilfsbereit, sportlich, musikalisch und nicht zuletzt super mega intelligent Ihre Kinder doch sind, dann sagen Sie ja damit auch, dass man nur mit vorbildlichen, hilfsbereiten, sportlichen, musikalischen und nicht zuletzt super mega intelligenten Kindern eine gute Mutter sein kann. Und das ist doch totaler Schwachsinn. Sie können nicht wollen, dass Ihre Kinder ein solches Weltbild entwickeln, oder? Und wenn man das weiter denken würde, was würde das dann für eine Mutter von einem Kind mit Behinderung bedeuten? Kann die per Definition keine gute Mutter sein, weil ihr Kind nicht allen diesen Qualitäten entspricht? Sie sehen selber; Schwachsinn. Oft stehen hinter solchen Bildern beschränkende Glaubenssätze, die man in sich trägt. (Eine gute Mutter ist man, wenn ...)

Überlegen Sie stattdessen lieber mal, was Ihnen an Werten wichtig ist und was Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben möchten. Für mich als Mutter ist zum Beispiel sehr wichtig, dass mein Kind «Nein» sagen kann. Ich versuche, es nicht an seinen Defiziten festzumachen, sondern seine Vorzüge und Talente zu betonen. Und ich lerne es, gedanklich in fremde Schuhe zu stehen und eine andere Perspektive einzunehmen. Das alles ist mir um Welten wichtiger, als dass es Geige oder Tennis spielt. Mein Kind darf vor allem eines, nämlich Kind sein.

Und trotzdem setze ich ihm Grenzen, weil ich persönlich den Eindruck habe, dass Eltern, die ihren Kindern keine setzen, diese vernachlässigen. Das hat für mich auch mit «Liebe» zu tun. Und das ist für mich eigentlich auch schon das Wichtigste, was eine gute Mutter tun muss. Sein Kind lieben und ihm vertrauen, damit es Selbstvertrauen entwickeln kann. Es Erfahrungen sammeln lassen und dennoch Grenzen setzen, damit es nicht vollkommen überborden muss, um Aufmerksamkeit zu generieren. Mag jetzt vielleicht nicht nach allzu viel klingen, ist aber meiner Meinung nach sehr anspruchsvoll.

Wenn Sie sich Ihrer Werte und Überzeugungen bewusst geworden sind, wird es Ihnen vermutlich auch leichter fallen, den ganzen Supermüttern mit ihren Superkindern zu begegnen. Sollen die doch dem grossen Volkssport ­des gegenseitigen Mütterruntermachens frönen, ich esse in der Zwischenzeit lieber ein Fondue mit sogenannt «unperfekten» Müttern. Im Wissen darum, dass man es als Mutter eh nie wirklich richtig machen kann. Und das man selten so Tadel und Kritik ausgesetzt ist wie als Mutter. Woran das liegt, kann ich auch nicht genau sagen. Aber man wird irgendwie zum Allgemeingut, sobald man einen Bauch vor sich herträgt. Plötzlich wird man von Fremden betatscht und begutachtet. Und das scheint auch danach nicht wirklich abreissen zu wollen.

Lassen Sie sich nicht von Anderen betatschen und begutachten! Sagen Sie auch mal deutlich Stopp. Und suchen Sie sich für den 13. September einen guten Babysitter. Weil dann mache ich ein Fondue und es wäre mir eine Freude, Sie dabei zu haben!

Mit bestem Gruss. Ihre Kafi.  

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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