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Bild: Kafi Freitag. Mag sein, dass Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Japan ist aber mit Sicherheit das Land, der begrenzten Darmverschlüsse. 

FRAGFRAUFREITAG

FragFrauFreitag

Meine liebe Frau Freitag, warum sind Begegnungen auf dem Damen-WC (die eine verlässt das stille Örtchen und die Nachfolgerin huscht hinein, - kurzer Blickkontakt) immer von einem leicht verschämten Lächeln auf beiden Seiten begleitet? Tinka, 27



Meine liebe Tinka 

Toiletten sind für mich der Inbegriff vom 4D Kino. Man kommt rein, sieht, riecht und fühlt, was der Letzte hinterlassen hat. Das ist der reinste Terror. Jedenfalls für mich, die eher an einem Darmverschluss sterben würde, als in einem Romantikhotel, wo die Badezimmertür nicht komplett luft- und geräuschdicht abschliesst und der Liebste auf dem Bett fläzt, zur Toilette zu gehen.

Jedoch scheint die eigene Scham diesbezüglich sehr unterschiedlich ausgeprägt zu sein. Ich gehöre vermutlich zu den besonders verklemmten. Darum war der Schock auch dementsprechend gross, als vor ziemlich genau 20 Jahren ein damaliger Freund ins gemeinsame Badezimmer spaziert kam und sich in aller Ruhe mit der Zeitung auf die Toilette setzte, während ich am Zähneputzen war. Ich packte die Zahnbürste ein und auch alle meine anderen Sachen und verschwand für immer. (Und sogar noch heute, wenn ich dies ausformulieren muss, stellen sich mir die Nackenhaare hoch. WIE KANN MAN NUR????????????IIIIIIIIIIIIIIIIIIKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK!!!!!)

Natürlich gibt es diesbezüglich entspanntere Menschen, aber wann immer ich diese Geschichte erzähle, ist die Zustimmung für meine Reaktion gross. Es scheint also tatsächlich etwas extrem Privates zu sein, das Kacken. Und trotzdem ist man ab und zu gezwungen, es im halbwegs öffentlichen Raum zu tun; nämlich auf einer öffentlichen Toilette. (Mich werden sie dabei garantiert nie erwischen, weil ich auch hier den Darmverschluss bevorzuge.)

Und darum wird immerfort gelächelt, auf Damentoiletten. Das Lächeln widerspiegelt die Peinlichkeit, die in solchen Räumlichkeiten herrscht. Entweder soll es dafür entschuldigen, dass man "es" getan hat. Oder es soll andeuten, dass man es nicht war, sondern irgendjemand davor. Toiletten befinden sich ausserhalb der Komfortzone vieler Menschen. Das kann man nur mit idiotischem Lächeln überspielen! Denn es wäre vermutlich noch peinlicher, sich tatsächlich dafür zu entschuldigen. So im Sinne von: "Äxgüsi, stinkt grad es bitzli. Bin ich gsi!" oder fast noch schlimmer: "Äxgüsi, stinkt grad es bitzli. Bin ich im Fall nöd gsi!" Darum: lächeln, lächeln, lächeln.

Genau deswegen lobe ich mir - einmal mehr - die Japaner! Deren Schamhaftigkeit, was die eigenen Ausscheidungen betrifft, ist für mich vorbildlich! Beinahe jedes WC ist dort mit einem umfangreichen Panel für verschiedenste Soundkulissen und einem ausgeklügelten Beduftungskonzept ausgestattet. Man kann wählen, ob das Zwitschern von Vögeln oder das Rauschen eines tobenden Wasserfalls die eigene Peinlichkeit übertönen soll und der Duft von Tannengrün gibt einem sonst den Rest.

Falls Sie sich übrigens gefragt haben, ob sich Männer dort auch verschämt zulächeln, muss ich verneinen. Nachdem Sie mir Ihre Frage geschickt hatten, habe ich mich nämlich auffällig oft vor männlichen Toiletten rumgedrückt (was an sich schon peinlich genug war, aber für eine seriöse Recherche unabdingbar. Und doch! Männer waschen sich sehr wohl die Hände.) und konnte niemals ein solches Verhalten beobachten. (Für alle, die mich bereits als Perverse abgestempelt haben; ICH BIN NICHT PERVERS! Im Fall. Aber es soll mir keiner kommen und behaupten, ich nähme meine Kolumne nicht ernst.) Und meine zusätzliche Befragung bei männlichen Kollegen hat ergeben, dass man in Herrentoiletten den Blickkontakt bewusst vermeidet. Es scheint opportuner zu sein, sich gegenseitig auf den Schniedel zu schielen. Sich danach auch noch in die Augen zu schauen, wäre wohl zu viel des Guten.

Ich hoffe sehr, ich konnte Ihre Frage zufriedenstellend beantworten. Und wenn nicht, müssen Sie trotzdem damit leben. Denn für den Rest meines Lebens habe ich genug Zeit vor Herrentoiletten verbracht.

Lieben Gruss! Ihre Kafi. 

Kafi Freitag 

Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltags-Fragen ihrer Leserschaft. Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.freitagcoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines neunjährigen Sohnes, wohnt mitten im Zürcher Kreis 4 und versucht, ihren Alltag so vernünftig wie nötig und amüsant wie möglich zu leben.

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Bild: Kafi Freitag

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