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Tanja Walliser will Zürich zur empathischsten Stadt der Welt machen – und damit auch dem Klima helfen.
Tanja Walliser will Zürich zur empathischsten Stadt der Welt machen – und damit auch dem Klima helfen.
Bild: Jennifer Zimmermann
Die Nachhalterin

Darum wollen sie aus Zürich die «empathischste Stadt der Welt» machen

Wie können Empathie, Schenkökonomie und Nonviolent Communication zu einer nachhaltigeren Welt beitragen? Ein Gespräch mit Tanja Walliser von Empathie Stadt Zürich gibt Aufschluss. Mit ihrem Community-Projekt will sie die Stadt Zürich zur «empathischsten Stadt der Welt» machen.
09.07.2021, 14:28
Contentpartnerschaft mit WWF
Dieser Blog ist eine Contentpartnerschaft mit WWF. Die Beiträge werden von der freischaffenden Journalistin Jennifer Zimmermann verfasst.

Jennifer lebt (meist) vegetarisch, duscht (zu) oft (zu) lange und wühlt zum Unbehagen mancher Familienmitglieder (fast) immer in den «Gratis zum Mitnehmen»-Kisten am Strassenrand. Als «Die Nachhalterin» schreibt sie in Zukunft für den WWF über Themen, die uns alle etwas angehen (sollten). Wer herausfinden möchte, wo er/sie in Sachen Nachhaltigkeit steht, dem sei der Footprintrechner ans Herz gelegt.

Es handelt sich nicht um bezahlten Inhalt.

Tanja Walliser engagierte sich schon in jungen Jahren politisch. Als 16-Jährige trat sie der Jungsozialistischen Partei (Juso) bei, deren Zentralsekretärin sie später wurde. Sie war zwei Jahre als Mitglied der SP/Juso-Fraktion im Berner Stadtparlament und arbeitete danach fünf Jahre bei der Gewerkschaft Unia. Zuletzt war sie bei der SP Zürich als Campaignerin für die Kantons- und Nationalratswahlen tätig. Seit letztem Jahr widmet sich die 35-Jährige voll und ganz ihrem Projekt Empathie Stadt Zürich (siehe Box), das sie zusammen mit der Psychologin Sonja Wolfensberger ins Leben gerufen hat. Ihr Ziel: Mehr Empathie für eine bessere Welt.

Die Gründerinnen von Empathie Stadt Zürich: Sonja (links) und Tanja.
Die Gründerinnen von Empathie Stadt Zürich: Sonja (links) und Tanja.
Bild: Empathie Stadt Zürich

Tanja, welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in deinem Leben?
Ich bemühe mich sehr darum. Ich kaufe fast nur noch Secondhand-Kleidung, ich versuche, Abfall zu vermeiden, ich esse zu etwa achtzig Prozent vegan und ich fliege fast nicht mehr beziehungsweise bin seit Jahren nicht mehr geflogen. Ich fand die Schweiz schon immer das schönste Land, das ich kenne. Es gibt hier so viel zu entdecken, dass ich es eigentlich gar nicht nötig finde, weit zu reisen. Ich bin bei all dem aber nicht total strikt und mir ist es sehr wichtig, dass Nachhaltigkeit systemisch betrachtet wird.

Was meinst du damit?
Der Appell ans Individuum, nachhaltig zu sein, reicht nicht aus und ist auch nicht fair. Es braucht politische Rahmenbedingungen, damit die Verantwortung nicht bei den Einzelpersonen liegt und auch die Wirtschaft sollte man stärker in die Pflicht nehmen.

Wo siehst du im jetzigen System zurzeit Probleme?
Ich denke hier unter anderem an das Geldsystem und den Kapitalismus. Das Wirtschaftssystem ist darauf ausgelegt, die Natur auszubeuten und das ewige Wirtschaftswachstum geht auf Dauer nicht auf. Es führt zu einer Kumulation von Gütern und Geld bei wenigen und Knappheit bei der Mehrheit. Ich denke, dass ein grundsätzlicher Wandel nötig ist. Bei Empathie Stadt Zürich versuchen wir, dieses System unter anderem mit der Schenkökonomie zu durchbrechen.

Was bedeutet Schenkökonomie?
Schenkökonomie ist ein soziales System, in dem Güter und Dienstleistungen ohne direkt erkennbare Gegenleistung weitergegeben werden. Für unsere Kurse und Workshops bedeutet das, dass alle so viel zahlen können, wie sie möchten. Das kann auch gar nichts sein oder eine andere Form von Gegenleistung. Es ist aber kein Muss. Dadurch schliessen wir keine Menschen aus und arbeiten nicht profitmaximierend.

Was gefällt dir an der Schenkökonomie?
Was ich daran sehr schön finde, ist, dass es uns zurück in ein zyklisches Dasein bringt. Es entsteht sozusagen ein Kreislauf, der sonst durch unser Geldsystem ausgehebelt wird. Charles Eisenstein erklärt das gut: In unserem heutigen System tauschen wir Geld gegen eine Dienstleistung. Es findet also immer eine direkte Gegenleistung statt – und nach diesem Austausch ist die Beziehung der Austauschenden fertig. Was ich an der Schenkökonomie sehr schön finde, ist, dass sie auch die Beziehung zwischen den Menschen stärkt. Ich gebe etwas in den Kreislauf und vertraue darauf, dass es genug für alle hat, wenn es alle so machen. Dabei ist vieles ein innerer Prozess.

Bild: Empathie Stadt Zürich

Geht das Prinzip der Schenkökonomie für Empathie Stadt Zürich finanziell auf?
Das wird sich noch zeigen. Ich finde es super, dass Menschen den Weg zu uns finden, für die das sonst nicht möglich wäre. Junge Menschen, Studierende, Geringverdienende. Hinter der Schenkökonomie steht für mich eine philosophische Sichtweise und ich will damit einen Beitrag zu einem grundsätzlichen Wandel leisten. Wir arbeiten mit Richtpreisen und kommen auf ungefähr sechzig Prozent der Einnahmen, die wir mit üblichen Marktpreisen verdienen würden. Wir suchen auch nach alternativen Einnahmen, haben zum Beispiel soeben ein Crowdfunding beendet und wollen uns um Stiftungsgelder bewerben.

In euren Kursen und Workshops rund um Empathie und Konfliktlösung vermittelt ihr Fähigkeiten gemäss Nonviolent Communication (NVC). Was ist NVC und wie kann es zu einer nachhaltigeren Welt beitragen?
NVC ist ein Kommunikationsmodell des US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg. Es geht dabei darum, dass Gewalt nicht im Physischen beginnt, sondern bei den Worten, die wir verwenden. Bei NVC geht es vereinfacht gesagt auch darum, die Bedürfnisse hinter unseren Strategien zu erkennen. Wir werden oft durch Werbung manipuliert und zu unnachhaltigem Konsum motiviert. Es wird uns verkauft: Um mich zu erholen, muss ich nach Thailand fliegen. Um gesellig zu sein, muss ich rauchen. Um frei zu sein, muss ich mir ein teures Auto kaufen.

«Wir sind es uns so gewöhnt, zu konsumieren, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, weil wir gar nicht wissen, was es denn ist, was wir eigentlich brauchen.»

Wie finden wir heraus, was unsere wahren Bedürfnisse sind?
Jedes Gefühl weist uns darauf hin, dass ein Bedürfnis erfüllt oder unerfüllt ist. Das heisst, unangenehme Gefühle, weisen uns auf unerfüllte Bedürfnisse hin. Dann kann man sich fragen: Was ist denn mein Bedürfnis, wenn ich beispielsweise wütend oder verzweifelt bin? NVC ist ein sehr hilfreiches Modell, um zurück zur persönlichen Vision zu kommen und einen konstruktiven Weg zu finden, um mit Gefühlen umzugehen. Es schaut Emotionen als Intelligenz unseres Körpers an. Wenn wir beispielsweise über die Strasse gehen und ein Auto kommt zu schnell auf uns zu, dann haben wir Angst. Das sagt mir: Handle! Wut und Verzweiflung sagen ebenso etwas darüber aus, was gerade nicht in Balance ist – und dann können wir handeln.

Welche Rolle kann dabei Empathie spielen?
Was sehr hilft, ist, einander empathisch zuzuhören. Das heisst, dass ich mich komplett auf die Bedürfnisse der anderen Person fokussiere. Oft bleiben wir stattdessen auf der Urteilsebene; wir bestärken unser Gegenüber oder geben Ratschläge, auch wenn wir gar nicht wissen, was wirklich sein oder ihr Bedürfnis ist. Mit Empathie können wir die andere Person dort erfassen, wo sie gerade ist und einander darin unterstützen, die eigene Stimme zu finden. Wenn ich Menschen empathisch zuhöre, ist meine Erfahrung sehr oft die: Menschen brauchen keine Lösungen, Menschen haben Lösungen. Sie müssen einfach zuerst genau wissen, was ihr Problem ist. Sobald sie das wissen, kommen die Lösungen meist von allein.

«Es ist sehr ‹empowering›, wenn einem empathisch zugehört wird. Und das kann man sehr gut lernen.»

Ihr habt kürzlich einen Grundlagenkurs namens «Earth Activist Resilience» durchgeführt. Dabei ging es unter anderem darum, «wie wir mit unserer Verzweiflung über den Zustand unserer schönen Erde umgehen können.» Wie gehst du selbst mit solchen Gefühlen von Trauer und Verzweiflung um?
Ich bin stetig dran zu lernen, sie zuzulassen. Ich glaube, in Kreisen, die sich für eine nachhaltige Welt einsetzen, ist es so wichtig – beispielsweise gerade nach dem letzten Abstimmungssonntag – dass man sich erst mal Zeit nimmt. Dass man in sich hineinspürt, was das mit einem macht. Dass man weint, eine Pause einlegt, sich mit vertrauten Menschen austauscht. Früher habe ich genau das nicht getan. Ich habe stattdessen meinen ganzen Frust und meine Verzweiflung darin umgeleitet, dass ich noch mehr mache und noch aktiver werde – und dann bin ich ausgebrannt. Ich wünsche mir wahnsinnig, dass diese Gefühle in Gruppen, die sich für eine nachhaltige Welt engagieren, auch Platz haben und dass solche Organisationen wissen, wie man füreinander da sein und sich empathisch zuhören kann. Nicht, dass man einfach weitermacht, sich gegenseitig beruhigt oder bloss sagt: ‹Stimmt, das ist voll schlimm.›

Wie kann stattdessen mit solchen Situationen umgegangen werden?
Wenn ich trauere, dann trauere ich immer darum, wie es auch sein könnte. Und wenn ich diesen Gefühlen keinen Raum gebe, dann bleibe ich einfach bei der Unzufriedenheit und verbinde mich gar nicht mit der Schönheit meiner Vision. Wenn ich aber stets zu dieser zurückkehre, kann ich daraus erneut Kraft schöpfen. So kommt mein Engagement aus einem ganzheitlicheren Ort heraus und ich komme zurück in eine Weichheit. Das soll aber keineswegs heisse, dass man nicht wütend sein soll. Die Frage ist bloss, wie man mit dieser Wut umgeht und wie man sie nutzt.

Empathie Stadt Zürich
Das Community Projekt Empathie Stadt Zürich wurde 2020 von der Aktivistin Tanja Walliser (35) und der Psychologin Sonja Wolfensberger (32) gegründet – «... weil wir manchmal fast daran verzweifelt sind, in was für einer Welt wir leben.» Sie reden und schreiben über die Wichtigkeit von Empathie, geben Kurse und Workshops und unterstützen Kollektive, Start-ups, Organisationen und Arbeitsteams bei Feedback-Kultur, Konfliktlösung, Kampagnenbegleitung und nachhaltigem Aktivismus.

«Pflogging»: Gut für die Umwelt und und die Gesundheit

Video: srf/Roberto Krone

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