DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
bild: thomas schlittler
Per Autostopp um die Welt

Peitsche, Blut und Kreuzigung statt Ostereier und Schoggihasen

22.04.2017, 16:1223.04.2017, 10:17
Thomas Schlittler
Thomas Schlittler
Folgen

Ich weiss, Ostern ist vorbei. Doch hier im katholischen Kolumbien ist die «Semana Santa» ein so grosses Ding, dass mich das Thema nach wie vor beschäftigt. Auch in vielen Schweizer Haushalten dürfte Ostern noch nicht ganz abgeschlossen sein. Bestimmt liegen noch ein paar unvertätschte Eier und unversehrte Schoggihasen in den Stuben.

So war das zumindest, als ich klein war. Damals reichte mein Schoggihasen-Reservoir jeweils fast bis Weihnachten. Und meine drei Schwestern waren neidisch, weil ich von meinem Götti immer den grössten Hasen geschenkt bekommen habe. Danke, lieber Götti!

In Kolumbien sehen österliche Kindheitserinnerungen anders aus. Zumindest wird das bei einem kleinen unschuldigen Mädchen im Engelskostüm so sein, das wir diese Woche beobachteten. Das Engelchen mit den pechschwarzen Haaren war Teil einer Osterzeremonie, zu der es so gar nicht passte: brutal, blutig – und alles andere als unschuldig.

Die Route der Woche: Von Sogamoso nach Villa de Leyva

Wir befinden uns in Mongui, einem kleinen kolumbianischen Bergdörfchen auf 2900 Metern über Meer. Die Gassen Monguis sind dunkel, nur das beeindruckende Franziskanerkloster auf dem Dorfplatz ist beleuchtet. Die Scheinwerfer sowie die Augen der Zuschauer sind auf einen jungen Mann mit langem Haar und nacktem Oberkörper gerichtet. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, sein weisser Rock von Blut getränkt und sein Rücken von Peitschenhieben gezeichnet.

Das kleine kolumbianische Bergdörfchen Mongui ist bekannt für die Produktion von Fussbällen.
Das kleine kolumbianische Bergdörfchen Mongui ist bekannt für die Produktion von Fussbällen.bild: thomas schlittler

Es ist Jesus, der hier auf der kolonialen Plaza von Mongui so übel zugerichtet wird. Das Blut ist zwar nicht echt, aber die Laiendarsteller haben sich grosse Mühe gegeben, um den Schein zu wahren. Und die Peitsche zischt und klatscht in der Stille der Nacht so klangvoll, dass man den Schmerz geradezu spürt. Begleitet werden die Schläge von dramatischer Musik, die ein Orchester auf der anderen Seite des Platzes beisteuert.

Die Peiniger des kolumbianischen Jesus' sind drei römische Soldaten. Ihre Quälerei will und will nicht enden. Den Höhepunkt sparen sie sich aber bis zum Schluss auf: Sie beladen ihr Opfer mit einem grossen Holzkreuz und jagen das Häufchen Elend unter Beschimpfungen und weiteren Peitschenhieben durch das Dorf.

Am Ende muss sich der bemitleidenswerte junge Mann eine steile Treppe hochkämpfen. Er ächzt und stöhnt unter den Schlägen sowie der Last des Kreuzes. Wahrscheinlich bemerkt er nicht einmal, dass ein paar Meter neben ihm, im Hintergrund, jemand mitläuft, der es gut mit ihm meint: Das kleine Mädchen im Engelskostüm.

Die etwas gewöhnungsbedürftige Osterzeremonie in Kolumbien:

Video: watson/Thomas Schlitter

Ja, ich weiss, ist ja alles nur Theater. Als die Schauspieler das Ende der Treppe erreicht haben und von den meisten Zuschauern nicht mehr gesehen werden können, klatschen sich Jesus und die Römer denn auch freundschaftlich ab – um dann einen Holz-Jesus ans Kreuz zu nageln. Wir kriegen das Treiben hinter den Kulissen mit, weil wir mittlerweile auf dem Balkon unseres Hotels stehen.

Hast du eine Etappe verpasst?Hier findest du sie alle:

Auch das kleine Mädchen im Engelskostüm sieht das alles. Es wird von der brutalen, blutigen Zeremonie deshalb keinen Schaden davontragen. Aber ihre Kindheitserinnerungen an Ostern werden weniger friedlich sein als meine.
Oder anders gesagt: Ich bevorzuge Schoggihasen – auch wenn ich zugeben muss, dass ich als Kind kaum wusste, wieso ich die Dinger eigentlich geschenkt bekommen habe. Es war mir aber auch herzlich egal, Hauptsache Schoggi!

Was in dieser Woche sonst noch so passierte – guck hier:

1 / 24
Per Autostopp um die Welt – Woche 99: Von Sogamoso (Kolumbien) nach Villa de Leyva (Kolumbien)
quelle: thomas schlittler
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Welche Hausmittel helfen gegen Grippe wirklich? Ein Erfahrungsbericht
Der Winter ist im Anmarsch und Erkältungsviren haben Hochsaison. Was tun gegen Husten, Heiserkeit und Halsweh? Ich habe vier Freundinnen nach ihren Hausmittelchen gefragt und sie getestet. Mal mit mehr, meist mit weniger Erfolg.

Eines vorweg: Wenn wir im Volksmund von einer Grippe reden, meinen wir meist eine Erkältung. Also ein Kratzen im Hals, dem nach und nach weitere Symptome wie Schnupfen, Husten, Heiserkeit, Halsschmerzen und erhöhte Temperatur folgen. Sie wird ausgelöst von Erkältungsviren – es gibt über 200 Arten – und ist in der Regel harmlos. Eine «echte» Grippe, eine sogenannte Influenza, ist ein Infekt, der von Influenza-Viren ausgelöst wird. Im Gegensatz zur Erkältung tritt sie schlagartig auf und geht mit hohem Fieber und starken Gliederschmerzen einher, Schnupfen tritt jedoch kaum auf. Für Risikogruppen wie ältere Menschen, chronisch Erkrankte oder Schwangere kann sie sehr gefährlich sein.

Zur Story