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Niklaus von Flüe (1417-1487).
Niklaus von Flüe (1417-1487).Bild: KEYSTONE
Sektenblog

Bruder Klaus, auch wenn du etwas kauzig warst – Blocher und Huonder hast du nicht verdient

Milliardär Christoph Blocher und Fundamentalist Vitus Huonder feiern den besitzlosen und weitsichtigen Bruder Klaus. Mehr Gegensatz geht nicht.
12.08.2017, 08:1217.09.2019, 15:15

Vor 600 Jahren hatte er die Nase voll. So gestrichen voll, dass er seiner Frau Dorothea und den zehn Kindern verkündete, sie zu verlassen. Knall auf Fall.

Der gute Obwaldner Niklaus von Flüe fühlte sich zu Höherem berufen. Dieses Höhere lag hoch über ihm – im wörtlichen Sinn. Im Himmel nämlich. Diesem wollte er näher kommen, oder zumindest seinen Bewohnern. Konkret natürlich: Gott.

Heute ist Bruder Klaus ein Heiliger und Held. Eigentlich gebühren diese Attribute aber eher seiner Frau Dorothea.

Sein Motto: «Näher mein Gott zu dir», wie es im bekannten Choral heisst. Heuen, melken und das Aufziehen von Kindern war seinem Lebensprojekt nicht mehr förderlich. Er wollte sein Leben Gott weihen, sich in den Flüeli-Ranft zurückziehen und beten. Viel beten. Und mit der Askese das Leiden Christi nachempfinden.

Seine Frau hatte kein Stimmrecht. Seine Kinder schon gar nicht. Dorothea stand plötzlich allein da mit dem Hof und der Kinderschar. Ihr Klaus trug nichts mehr zum Überleben seiner Familie bei.

Christoph Blocher im «SonnTalk» über Bischof Vitus Huonder (16. August 2017).Video: YouTube/Dr. Christoph Blocher

Nur in seiner abgeschiedenen Einsiedelei könne er den Willen Gottes erfüllen, glaubte Bruder Klaus. (Zwischenbemerkung: Hätte Gott ihm nicht signalisieren sollen, dass er die Huldigung seines übereifrigen Gläubigen nicht zwingend brauche? Hätte er ihm nicht bedeuten sollen, seine Lebensaufgabe bei seiner Familie zu suchen?)

Wenn Schweizer Helden gefeiert werden, ist ein Zeitgenosse nicht weit: Christoph Blocher.

Heute, 600 Jahre später, ist der gute Klaus, der von sich behauptete, in seiner Gottestreue nichts gegessen zu haben, ein Heiliger und Held. Eigentlich gebühren diese Attribute aber eher seiner Frau Dorothea.

Wie auch immer. Wenn Schweizer Helden gefeiert werden, ist ein Zeitgenosse nicht weit: Christoph Blocher. An der Gedenkfeier vom kommenden Samstag wird der alt Bundesrat und SVP-Übervater das Hohelied auf den berühmten Schweizer Sohn singen.

Festredner Blocher.
Festredner Blocher.Bild: KEYSTONE

Mehr Gegensatz geht nicht

Doch ist der Herrliberger mit dem Hang zum Heldenkult der richtige Festredner? Vergleicht man Niklaus von Flüe und Christoph Blocher, liegen die beiden Lichtjahre auseinander. Der eine lebte ohne Besitz, der andere ist Milliardär und wohnt in einer Prunkvilla. Der eine zog sich aus der profanen Welt zurück, der andere ist fast schon süchtig nach Öffentlichkeit und Anerkennung.

Es fragt sich, was den superreichen, egozentrischen Blocher legitimiert, ausgerechnet einen bescheiden Asketen zu würdigen.

Der eine wollte keine Spuren in der grobstofflichen Welt hinterlassen, der andere kann ohne Macht und Einfluss nicht leben. Der eine wollte kein Held sein, der andere tut alles, um einer zu werden und als Retter der Schweiz in die Geschichtsbücher einzugehen. Auf dass er in 600 Jahren ebenfalls gefeiert werde. Mehr Gegensatz geht nicht.

SVP-Klüngelei bei der Einladung

Deshalb fragt es sich, was den superreichen, egozentrischen Blocher legitimiert, ausgerechnet einen bescheiden Asketen zu würdigen.

Wie kam Blocher überhaupt zu dieser Ehre? Die Antwort ist einfach. Präsidentin des Vereins «Die Schweiz mit Bruder Klaus» ist die Engelberger SVP-Kantonsrätin Monika Rüegger. Was liegt da näher, als ihren Helden Blocher einzuladen?

Festredner Peter Keller.
Festredner Peter Keller.Bild: KEYSTONE

Doch nicht genug der Klüngelei. Mit von der Partie ist auch Peter Keller, SVP-Nationalrat und Mitarbeiter der SVP-nahen «Weltwoche», der eine historische Einordnung vornehmen wird.

Und dann noch Huonder!

Zum illustren Kreis der Heldenverehrer gehört auch – wen wundert's – der Churer Bischof Vitus Huonder. Der katholische Fundi hat wohl höchstens den Gottesglauben gemeinsam mit Niklaus von Flüe.

Festredner Bischof Vitus Huonder.
Festredner Bischof Vitus Huonder.Bild: KEYSTONE

Der eine lebte in seiner Waldhütte, der andere residiert in einem ehrwürdigen Bischofssitz. Der eine ass (angeblich) nichts – auch dies ein unsinniger Heldenmythos –, der andere ernährt sich ganz offensichtlich nicht nur von göttlicher Energie. Der eine suchte die Abgeschiedenheit, der andere liebt prunkvolle Auftritte.

Du magst ein etwas verschrobener Kauz gewesen sein, lieber Niklaus, doch dieses posthume Schicksal mit Blocher und Huonder als Festredner hast du nicht verdient! Es nähme mich wunder, was du von den Lobhudeleien zu deiner Person hältst. Blocher und Huonder würden deine Antwort wohl nicht gern hören.

Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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171 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Luca Brasi
12.08.2017 08:49registriert November 2015
Man hätte auch noch erwähnen können, dass Bruder Klaus durch seine Mediationsfunktion das Stanser Verkommnis bewerkstelligte und Stadt- und Landorte der Eidgenossenschaft zu einem friedlichen Zusammenleben überzeugte und so den Erhalt der Eidgenossenschaft erhalten hat. Das rechnen Historiker ihm an.
So gesehen war sein Einsiedlerleben zu jener Zeit bedeutend, damit seine Frau und Kinder nicht die Schrecken des Krieges erdulden mussten. Es bräuchte mehr Leute wie Bruder Klaus, die vor Eskalationen warnen, ob jetzt religiös oder nicht.
Blocher und Huonder gehören nicht zu diesem Schlag Mensch.
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satyros
12.08.2017 11:30registriert August 2014
Mit dem zweiten Teil des Texts bin ich äusserst einverstanden. Ich finde allerdings, der Mythos vom Familie im Stich lassen bedarf der Ergänzung: Sein ältester Sohn war 20 Jahre alt, als Klaus fortging. Er selbst war 50. In dieser Zeit war das ein alter Mann, der sich wohl langsam auf den Altenteil zurückgezogen hätte und die Bewirtschaftung des Hofs seinem Sohn überlassen hätte. Gemäss der Überlieferung hat er stark mit sich gerungen und der Anstoss, seinem inneren Drang zu folgen kam von seiner Frau. Seine "abgeschiedene Einsiedelei" ist 10 Minuten Fussweg vom Wohnhaus der Familie entfernt.
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Maracuja
12.08.2017 09:36registriert Februar 2016
Da trifft der Spruch aus dem Zeichentrickfilm "Dschungelbuch" voll zu: keine Feier ohne Geier. Huonder und Blocher wollen halt etwas von der Bekanntheit von Bruder Klaus zehren. Ersterer weil ihm die Mitglieder entweder davon laufen oder ihn nicht ernstnehmen. Letzterer weil er hofft, dass die svp in den katholischen Kantonen dadurch auf Kosten der cvp Wähler gewinnt.
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