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Mietenwahnsinn? In der Schweiz? Wirklich?

Mietenwahnsinn? In der Schweiz? Wirklich?

illustration: tatiana spogis
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Dass man in Zürich nur mit viel Glück oder guten Beziehungen eine bezahlbare Wohnung findet, ist kein Geheimnis. Das gilt auch für andere Grossstädte. Eine 3,5-Zimmer-Wohnung kostete 2020 in Zürich oder Zug mit einem Mittelwert von 2500 Franken doppelt so viel wie in La Chaux-de-Fonds. Kann man deshalb in der Schweiz von Mietenwahnsinn sprechen? Markus Streckeisen, Leiter des Studiengangs Master of Advanced Studies in Real Estate Management an der HWZ, ordnet ein.
21.11.2022, 11:4324.11.2022, 09:01
Jilline bornand
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Contentpartnerschaft mit FH Schweiz und der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich
Dieser Beitrag stammt von der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich.

Die Beiträge dieses Blogs stammen seit Februar 2022 abwechselnd vom Dachverband der Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen (FH Schweiz) und der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ). Darin geht es um Arbeit, Karriere sowie Aus- und Weiterbildung.

Es handelt sich nicht um bezahlten Content. (red)

Markus Streckeisen, gibt es Mietenwahnsinn in der Schweiz?
Markus Steckeisen: Es kommt darauf an, was man unter Mietenwahnsinn versteht. Wenn Sie es wahnsinnig finden, dass ein Schweizer Haushalt im Schnitt gut ein Viertel des Einkommens fürs Wohnen ausgibt, dann ja. Das ist im europäischen Raum aber keine Besonderheit. Es sind höchstens einige wenige, bestimmte Einzelfälle, die den Begriff «Wahnsinn» rechtfertigen würden.

Kürzlich machte eine 2,5-Zimmer-Wohnung in Zürich Schlagzeilen, die für über 9000 Franken vermietet werden soll …
Wie gesagt, es gibt sicher Ausnahmefälle.

«Aber grundsätzlich kann man sagen, dass die Durchschnittsmieten in Zürich gar nicht so hoch sind, wie oft betont wird.»

Der Grund: Bestandesmieter sind in der Schweiz gegen Mieterhöhungen relativ gut geschützt. Hat man eine Wohnung, muss man in der Regel also nicht mit happigen Mietzinsaufschlägen rechnen. Was Schlagzeilen macht, sind vor allem einzelne neue Mietverhältnisse, die tatsächlich starken Preiserhöhungen ausgesetzt sind.

Da es durch das Bevölkerungswachstum zu immer höherem Wohnraumbedarf kommt, können es sich viele aber nicht mehr leisten, da zu wohnen, wo sie möchten. Ist das in Ordnung?
Das möchte ich nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass auch der Wohnungsmarkt dem Gesetz von Angebot und Nachfrage folgt. Es müsste folglich für jede und jeden eine erschwingliche Wohnung zu finden sein; allerdings nicht zwingend dort, wo es der perfekte Standort zu sein scheint. Es können sich tatsächlich nicht alle leisten, in der Stadt im Zentrum mit schönstem Ausblick zu wohnen, die das gerne möchten. In einer funktionierenden Wirtschaft bestehen nun mal unterschiedliche Möglichkeiten je nach Vermögenssituation und gewähltem Lebensmodell.

Müsste da der Staat vermehrt mit Regulierungen eingreifen?
Regulierungen führen meines Erachtens nicht zum Ziel. Wenn ich als Investor eine Immobilie nur zu einem begrenzten Preis vermieten darf, wird es für mich unattraktiv, Wohnraum bereitzustellen. Es gibt also nicht mehr Wohnraum, die Nachfrage aber steigt weiterhin und damit steigen auch die Preise … Wir haben Beispiele in Berlin studiert, wo es kurzfristig den Mietendeckel gab. Für das Projekt einer Gesamtüberbauung mit 30-50 % preisgünstigem Wohnen gab es kein einziges Baugesuch, was in Anbetracht der überregulierten Auflagen völlig verständlich ist.

Mietendeckel Berlin
2020 war das vom Berliner Senat und dem Abgeordnetenhaus beschlossene «Gesetz zur Neuregelung gesetzlicher Vorschriften zur Mietenbegrenzung» – kurz Mietendeckel genannt – in Kraft getreten. 2021 wurde es vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig beurteilt. Der Mietendeckel galt für rund 1,5 Millionen Wohnungen in Berlin, die vor 2014 fertiggestellt worden waren. Für diese wurden die Mieten auf dem Stand von Juni 2019 eingefroren. Ab November 2020 waren zudem Mieten verboten, die mehr als 20 Prozent über einer definierten Obergrenze lagen.

Was wären denn wirksame Massnahmen, um mehr und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?
Da der Platz begrenzt ist, ist eine Möglichkeit das verdichtete Bauen. Das heisst, dass Flächen, die sich in der Bauzone befinden, besser ausgenutzt werden.

«Höhere Gebäude und geringere Abstände sind dabei zu akzeptierende Folgen.»

Für Investoren wiederum ist das interessant, da das Bauland wirtschaftlich optimiert werden kann. Und die Wohnqualität kann in hohen Gebäuden sehr gut sichergestellt werden, denken Sie nur an dadurch entstehende Aussichtslagen. Eine andere Möglichkeit sind Wohnbaugenossenschaften. Sie folgen alle der Grundidee, günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Als Mieter erwirbt man einen Anteilschein und wird so Mitbesitzer. Diese Form kann durch die Stadt unterstützt werden, indem sie Land zur Verfügung stellt. Aber auch private Investoren werden in diesem Segment immer aktiver. Da der Markt für preisgünstigen Wohnraum ja zweifellos besteht, gibt es auch Privatinitiativen auf freiwilliger Basis, die preisgünstigen Wohnraum vorantreiben und genossenschaftliche Strukturen aufbauen.

Man munkelt, in Zukunft werden nicht nur die Nebenkosten, sondern auch die Mieten selbst vermehrt steigen. Müsste man sich trotz der hohen Immobilienpreise nach Eigentum umsehen?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Mietsteigerungen sind in nächster Zeit durchaus möglich, wenn der mietrechtliche Referenzzinssatz angehoben und die Inflation teilweise auf die Mieten überwälzt würde. Es kommt aber immer auf die persönliche Lebenssituation, die eigenen Ansprüche und die Flexibilität an und muss im Einzelfall beurteilt werden. Ich würde sagen, wer jetzt eine bezahlbare und den Ansprüchen genügende Mietwohnung hat, sollte die nicht leichtfertig aufgeben.

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Leute, denen es auf der Arbeit offensichtlich langweilig war
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Leute, denen es auf der Arbeit offensichtlich langweilig war
Wenn es schon langweilig ist, dann wenigstens «bequem» sitzend.
quelle: reddit
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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rethinking
21.11.2022 13:42registriert Oktober 2018
Der Leiter des Studiengangs Master of Advanced Studies in Real Estate Management dürfte klar aus Sicht Immobilienbesitzer / Vermieter sprechen…
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Tokyo
21.11.2022 13:01registriert Juni 2021
ein bisschen sehr wenig Inhalt in diesem Interview
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Rethinking
21.11.2022 13:44registriert Oktober 2018
Statt die Mieten unterschiedlicher Länder zu vergleichen, sollten die Mieten mit den Hypotheken / Wohnkosten von Besitzer verglichen werden…

Soweit ich weiss dürften die Mieter in der Schweiz nicht benachteiligt werden, gegenüber Besitzer. Dies findet meines Erachtens aber seit geraumer Zeit bereits statt…
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Das sind die höchsten Wasserfälle pro Kanton – Basel und Genf werden dich überraschen
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