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angelina jolie

Bild: everett collection / shutterstock

Yonnihof

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Ihr Bauch gehört ihr!

Eine Eierstockentfernung ist keine Vaginalverjüngung.



Angelina Jolie hat sich nun, nachdem sie vor zwei Jahren eine doppelte Mastektomie (Brustamputation) hatte, prophylaktisch auch ihre Eierstöcke und –leiter entfernen lassen.

Auch über diesen Eingriff schrieb sie in der New York Times – mit dem Ziel, zu informieren. 

Hier einige Fakten zu der von Frau Jolie getroffenen Entscheidung:

Angelina Jolie trägt eine BRCA1-Genmutation (Breast Cancer 1, early-onset). Ihr BRCA1-Gen, das dafür da ist, das Zellwachstum bei einem Krebsvorkommen unter Kontrolle zu halten (Tumorsuppressorgen), ist defekt. Die Wahrscheinlichkeit für eine Brustkrebserkrankung ist bei ihr 80 - 90% höher als bei Frauen ohne die Mutation. Beim Eierstockkrebs ist das Risiko rund 50% höher. Das effektive Ersterkrankungsrisiko für Brustkrebs errechnete man in Jolies Fall auf 87%. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Trägerin eines defekten BRCA1, an Ovarienkrebs erkrankt, beträgt 39%.

Yonnihof Yonni Meyer

Nun könnte man, angesichts der oben genannten Wahrscheinlichkeiten, denken, die Brustentfernung habe mehr Sinn gemacht als die Entfernung der Ovarien – das ist aber nicht ganz richtig. Heute sind die Screeningmöglichkeiten bei Brustkrebs so gut, dass bei engmaschiger Überwachung Krebs sehr früh erkannt und behandelt werden kann, sodass vorbeugende Mastektomien nur noch bei selteneren Fällen angezeigt sind. Bei den Ovarien hingegen sind die Möglichkeiten des Screenings eingeschränkt und der Krebs kann selten frühzeitig «abgefangen» werden. Ausserdem wächst ein Tumor an den Ovarien in einem Hohlraum, macht deshalb sehr lange keine Symptome (z.B. Schmerzen), lässt sich nicht tasten und wird deshalb oft erst (zu) spät entdeckt. Die Krebsligen raten Frauen mit BRCA1-Mutation deshalb zu einer prophylaktischen Ovarienentfernung im Alter von 40 Jahren oder zehn Jahre früher als das nächste Familienmitglied mit Krebs diagnostiziert wurde. Frau Jolie ist 39 – ihre Mutter bekam ihre Krebsdiagnose mit 49 (und starb mit 56 daran).

Im Anschluss an ihren Bericht in der New York Times wurde die Entscheidung von Jolie in den Medien (auch hier in der Schweiz) zum Teil massivst angegriffen.

Ich muss gestehen, dass ich die Skepsis einiger ZeitgenossInnen durchaus nachvollziehen kann. Prophylaktische Entfernung (noch) nicht kranker Organe? Und auch sonst hört man aus Hollywood ja immer wieder die wildesten Storys darüber, was Prominente mit ihren Körpern anstellen.

Doch, wie Frau Jolie am Ende ihres Berichtes schreibt: Knowledge is power. Denn dieser Fall ist anders: Eine präventive Mastektomie bei einer (in Angelina Jolies konkretem Fall) 87%-igen Wahrscheinlichkeit einer Brustkrebserkrankung und eine Entfernung der Ovarien bei einem 40%-Risiko für Eierstockkrebs – das ist keine Vaginalverjüngung. Das ist auch keine Unterspritzung der Wangenknochen mit Popo-Fett. Das ist eine lebensverlängernde Massnahme. 

Gesunde Skepsis war das eine. Es gab aber auch Kommentare, die mich durchaus vor den Kopf stiessen. Frau Jolie lasse sich einfach mal alles «useschnätzle», was ihr in den Weg käme. «Das Leben ist halt lebensgefährlich», «An irgendwas sterben wir sowieso mal», «Man kann auch natürlicher mit dieser Angst umgehen» oder «Und wenn sie morgen unter den Bus kommt, hat das alles auch nichts genützt».

Die Vorwürfe gegen die Medizin blieben aber natürlich auch nicht aus. Sie masse sich an, die Deutungshoheit über unsere Gesundheit zu übernehmen. Nun ja, es ist die Medizin – die ist doch dafür da, unsere Gesundheit zu deuten, nicht? Wenn ich eine 50/50-Wahrscheinlichkeit habe, Krebs zu bekommen, dann überlasse ich die Hoheit über die Deutung dessen, was in meinem Körper passiert, am liebsten einem Onkologen. Vielen Dank. Wer dem Fachwissen der Mediziner nicht vertraut, der möge im Falle einer möglichen Krebserkrankung der Dinge harren - ich persönlich würde das nicht tun, würde mir aber auch nicht anmassen, eine andere Herangehensweise zu verurteilen. 

Weiter wurde gesagt, die Medizin wolle dem Menschen die Macht über seinen Körper nehmen. What? Sie zeigt schlichte Wahrscheinlichkeiten auf. Was der Mensch mit diesen Wahrscheinlichkeiten macht, ist jedem und jeder komplett selber überlassen. Niemand zwingt einen zu einer solchen Entscheidung. Und genau das betont Angelina Jolie auch in ihrem Bericht in der New York Times. Sie sagt sogar deutlich, dass eine BRCA-Mutation keinen «leap to surgery», also keinen Sprung unters Messer bedeuten muss, sondern dass es eine Vielzahl anderer Herangehensweisen gäbe (östliche wie westliche).

Angelina Jolie ist eine nicht einmal 40-jährige Mutter von sechs Kindern – und sie soll das 40/60-Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, «der Natur überlassen»? Mir stellte sich die Frage: Ist sich jemand, der so etwas verlangt, bewusst, was 40/60 bedeutet, wenn's ums eigene Leben geht? Als ich heute Morgen mit einem Arzt telefonierte und fragte, ob er einer Patientin mit einer 40/60-Wahrscheinlichkeit zur Operation raten würde, sagte er: «Das muss man keinen Arzt fragen. Frag dich selbst!» Ich fragte mich also, ob ich bei einer 40%-igen Wahrscheinlichkeit, an einem Krebs zu erkranken, der oft erst zu spät entdeckt wird, eine solche Operation würde vornehmen lassen. Meine persönliche Antwort war ja. Die von Frau Jolie auch.

Wir reden hier nicht von Mini-Wahrscheinlichkeiten, von krankhafter Übervorsicht oder von Hollywood-Grössenwahn, sondern von medizinisch soliden Entscheidungen, die, wenn man die Aussagen von Experten studiert, in Frau Jolies konkretem Fall absolut richtig waren. 

Diese nun zu verurteilen, finde ich vor allem aus zwei Gründen problematisch:

Einerseits ist es in meinen Augen komplett unsinnig, zu denken, diese Entscheidung(en) seien Frau Jolie (oder irgendeiner anderen Betroffenen, wenn wir schon dabei sind) in irgendeiner Art und Weise leicht gefallen. Und so wird es von vielen gerade hingestellt. Als sei sie morgens aufgestanden und habe gedacht: «Ach, welches Organ lasse ich mir heute rausschneiden...?» Wer allen Ernstes denkt, irgendjemand fälle solche Entscheidungen leichtfertig, sollte dringendst im Duden das Wort Empathie nachschlagen. Obwohl es sich gemäss Arzt um einen kleinen Routineeingriff handelt, dessen grösste Gefahr in der damit verbundenen Vollnarkose liegt, ist Angelina Jolie nun mit einer verfrühten Menopause konfrontiert und kann keine Kinder mehr bekommen (und ja, ich weiss, sie hat schon genug). Sowas macht man nicht «einfach so». Die Brüste und die Ovarien verloren zu haben, erleben viele Betroffene als Entfrauung. Dass Jolie damit zu Aufklärungszwecken an die Öffentlichkeit tritt, finde ich persönlich sehr bewundernswert, mutig und richtig.

Der zweite Grund ist ganz simpel: Wenn Angelina Jolie ihre Brüste und ihre Ovarien und Eileiter entfernen lassen will, dann soll sie das tun. Ihr Bauch gehört ihr und niemand anderem.

Jeder Mensch kann mit seinem Körper tun, was er/sie will. Jeder.
Wenn jemand gegen Krebs Lach-Yoga machen will, soll er/sie das tun. Wenn er/sie «der Natur ihren freien Lauf lassen will», ist auch das völlig in Ordnung.
Wenn eine Frau ihr massiv erhöhtes Krebsrisiko durch prophylaktische Entfernung der betroffenen (nicht lebenswichtigen) Organe auf ein Minimum reduzieren will, soll sie das tun dürfen, ohne dafür an den Pranger gestellt zu werden, auch wenn es nicht die von Experten empfohlene Methode wäre.

Angelina Jolie wollte niemandem ihre Art der Handhabung aufdrängen (wer ihren Bericht gelesen hat, der weiss das) – sie wollte lediglich aufklären und berichten und sehr vielen Frauen zeigen, dass sie nicht allein sind.

Wie gesagt, gesunde Skepsis finde ich nichts Schlechtes – gerade auch, weil durch sie diese Themen öffentlich diskutiert werden und so besser und genauer informiert wird.

Aber: Ich bin selber mit Brustkrebs vorbelastet und ich empfinde es als einen Schlag ins Gesicht, wenn man Angelina Jolie und allen anderen Betroffenen (und somit in gewisser Weise auch mir) das Gefühl geben will, wir dürften nicht frei darüber entscheiden, wie wir mit dieser Vorbelastung und ihren möglichen Konsequenzen umgehen wollen.  

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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