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Yonnihof

Buffalo-Schuhe, «Kleiner Feigling» und Traktoren: Die Jugend auf dem Dorfe

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Mein kleines Stand-up-Progrämmli beginne ich jeweils mit der Frage, die sich jedem Neuling stellt: Was zum Hüehnervogel soll ich diesen Leuten erzählen?  

Man hat da ja mehrere Möglichkeiten.  

Politsatire zum Beispiel, wobei man da bald einmal merkt, dass man’s kaum lustiger hinbekommt als die Politelite selber. Man kann auch über die allergrossartigsten Dinge berichten, die es gibt, um die Leute mitzureissen. Über Affenfangis zum Beispiel – noch immer das allerbeste Spiel, das je erfunden wurde.  

Oder aber, man nimmt die düstere Route in die Abgründe der menschlichen Seele und redet über tiefschwarze, deprimierende und aufwühlende Themen. Wie Dating über 30. Oder: die Kindheit auf dem Lande.  

Ja, ich bin ein Landkind und das ist etwas vom Besten, was mir passieren konnte. Nur wusste ich das über längere Zeit nicht. Die Jugend auf dem Land, nämlich, ist zwar etwas anders als sonstwo, aber eben auch sehr düster.

Selbstverständlich rannten auch wir Dorf-Teens jedem letzten Trend hinterher – halt einfach zwei Jahre später als diejenigen in der Stadt. So kam es, dass ich genau etwa 14 Jahre alt war, als Buffalo-Schuhe auch die Landjugend erfassten. Für all diejenigen, die nicht wissen, was Buffalo-Schuhe sind: 1. Glückwunsch. 2. Googlet sie nicht, eurem Augenlicht zuliebe. Stellt euch einfach eine Kombination aus einem Elefantenfuss und einem Pneu vor.  

Natürlich fand ich sie grossartig und natürlich brachte auch ich meine Mutter dazu, mir welche zu kaufen. Nicht das Original zwar, aber solche, die ihnen in Schrecklichkeit in keiner Weise nachstanden. Die trug ich dann zu Netzstrümpfen und Röckli und dazu hängte ich mir drei Kilo Plastiknuggis um den Hals und übermalte meine Augenbrauen in grellem Algengrün. Thanks, Marusha!  

In dieser Kluft marschierten wir Landgirls dann durch unsere Hood. Die volle 90er-Techno-Dröhnung. Hyper Hyper all the way. Logischerweise durften wir in unserem jugendlichen Alter noch nicht gross weg, also «hängten» wir in unserer krassen Montur auf dem Platz vor dem Jugendträff, redeten über Jungs und tranken dabei «Kleiner Feigling», bis wir vor dem Volg ins Rabättli kotzten.  

Ah, das waren gute Zeiten. Ein bisschen wie Sex and the City. Ohne Sex. Und ohne City.  

Oben erwähnte Jungs sind auf dem Land auch ein bisschen anders als in der Stadt. Wo bei den Stadt-Buben derjenige mit dem coolsten Töffli der Obermacker ist, war’s bei uns derjenige mit dem schnellsten Traktor. Oh ja. Und mit diesen Traktoren fuhren wir dann ins Nachbardorf. In die Landi. Für Alkohol. Im Volg kannte man uns halt – also mussten wir unser «Hooch» anderswo beschaffen.  

Grundsätzlich hatten wir auf dem Land eigentlich alles, was man für eine durchschnittlich miserable Jugend braucht. Ausser vielleicht den Schwarzweiss-Fotoautomaten (vier Bilder für en Stutz), der dann, sobald wir mittwochnachmittags in die Stadt durften, zu einer Art Hobby mutierte. Wer in jener Zeit kein ausgebeultes Portemonnaie mit quadratischem Abdruck hatte, war voll out. Es war ein bisschen, als würde man heute Facebook ausdrucken. Schwarzweiss.  

Ich weiss noch: Das erste Mal, als ich so richtig dringend nach Zürich wollte, war für die Streetparade 1998. Damals war ich 16. Und ich bearbeitete meine Mutter so lange, bis ich dann auch tatsächlich hindurfte. Ich war unglaublich aufgeregt und mein Outfit spiegelte das volle Landmädchen-Programm wider: Zwei Zöpfchen, Buffalo-Schuhe, Röckli aus Kuhfell-Faserpelz. Richtig, richtig grossartig. Ich war schon Tage vorher aufgeregt und war überzeugt, dass das die beste Erfahrung meines Lebens werden würde.  

Schlussendlich war es, als hätte man Heidi in ein Kriegsgebiet geschickt. Gegen Abend fing ich an, mich zu fragen, warum diese Leute alle so mega glücklich sind und überhaupt nicht müde werden. Fand ich suspekt. Also ging ich heim und verbrachte den nächsten Tag «Räuber und Poli»-spielend im Wald.  

Ja, die Jugend auf dem Land. Rückblickend, wie anfangs erwähnt, ein grosses Glück. Im Teenageralter natürlich genauso schlimm und unfair wie jede andere Pubertät auch. Denn Teenager sein ist schrecklich. Für den Teenager selber, aber meist noch viel mehr für alle anderen drum herum.  

Glückwunsch deshalb einmal mehr an Mutter Natur, die es clevererweise so eingerichtet hat, dass man in dem Alter nicht mehr durch die Babyklappe passt.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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