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Yonnihof

Das «Sobald»-Problem – Oder: Get A Life!

Bild: shutterstock
22.03.2017, 11:54

In den letzten Tagen habe ich mir vermehrt Gedanken über das Wort «sobald» gemacht.  

Kleines Wort, nicht wahr? Genauso unbedeutend? Mitnichten.  

«Sobald» ist meiner Meinung nach nämlich eins der Worte, das uns im Leben am meisten hemmt, uns am meisten bremst. Wir – und damit meine ich mich und auch viele Menschen, die ich kenne, kann aber selbstverständlich nicht für alle sprechen – tendieren dazu, zu denken, dass das Leben ein besseres werde, «sobald» wir reicher, schöner, dünner, erfolgreicher sind. «Sobald» wir mal mehr Zeit haben... «Sobald» Projekt xy abgeschlossen ist... «Sobald» die Kinder aus dem Haus sind...   «Sobald», «sobald», «sobald».  

Das katapultiert uns in eine Position zwischen Stühlen und Bänken.  

Denn einerseits gehen wir das, was wir erreichen wollen, nicht sofort an, denn «sobald» ist ja nicht jetzt. Es ist in diesem Punkt ein wenig wie mit wenn man mit dem Rauchen aufhören will (ich spreche da aus Erfahrung): Da ist noch das Neujahrsfest und dann der Geburtstag und dann die Ferien. Und so weiter. Der richtige Zeitpunkt ist nie. Redet man sich ein. Denn der richtige Zeitpunkt ist eigentlich immer – lediglich der einfache Zeitpunkt ist nie und er wird auch nie kommen.  

Wir sind also noch nicht startklar, uns wirklich in unser Vorhaben zu investieren. Andererseits sind wir trotzdem in Aufbruchstimmung und sind deshalb auch mit dem Status quo nicht zufrieden. Das nimmt uns die Möglichkeit, uns mit uns selbst und dem, wie und was wir sind, zu versöhnen. Das ist nämlich auch eine Weise, mit Dingen umzugehen, mit denen man nicht zufrieden ist: Sie annehmen und sich bewusst sein, dass man nicht alles können/wollen/sein muss, sondern dass man trotz «Makeln» ein durchaus guter Mensch ist. Der eine oder die andere mag denken, das sei der «easy way out». Das glaube ich nicht. Zumindest nicht immer. Vor allem, wenn es nicht um Schönreden, sondern um Selbstakzeptanz und Selbstvergebung geht. Das ist etwas vom Schwierigsten, was es gibt.  

Eine Weile arbeitete ich während des Studiums als Coach für prüfungsängstliche Jugendliche. Eins der Kernprobleme war, dass diese das Gefühl hatten, sie müssten in allen Fächern exzellent sein. Aber das ist nicht das Ziel. Es ist okay, wenn man in Mathe oder Franz einen 3.5-er im Zeugnis stehen hat, solange man diesen kompensieren kann. Wenn man einmal weiss, dass man nicht von der Mathenull zum Mathegenie zu mutieren, sondern lediglich ein Bewusstsein für seine Stärken und Schwächen zu entwickeln braucht (und schauen muss, dass die Schwächen nicht ausser Kontrolle geraten), dann kann man diese Noten-Geschichte viel angstfreier angehen.  

Und so ists auch im Leben, nicht? Wir müssen nicht die Schönsten, Reichsten, Erfolgreichsten, Dünnsten, Fehlerfreisten sein. Wir müssen nicht jede kleine Delle in unserem Chassis gleich wieder ausbügeln. Wir alle sind «Tütschiautöli» und die sehen halt irgendwann etwas ramponiert aus. Und wenn dabei mal ein Hick entsteht, mit dem wir nicht umgehen können und von dem wir denken, ihn auszubeulen würde unserem Leben mehr Qualität geben, sollten wir ihn angehen.  

Und da sind wir wieder bei der «Sobald»-Situation.  

Ich zitiere bei diesem Thema immer gerne mein Lieblingsbuch («Bis bald» von Markus Werner): «Weisst du, ich habe in meinen guten und gesunden Tagen selten besonders gern gelebt, und ebenso selten habe ich ungern gelebt, ich habe einfach gelebt, weitgehend fraglos und flach wie die meisten, und wie die meisten hat mich das Gefühl begleitet, das Leben, das andere, das eigentliche, komme noch. Es ist kein lautes, störendes Gefühl gewesen, es hat nicht sagen wollen: du lebst verfehlt, es hat nur sagen wollen, dass es noch andere Wege gebe und es beweist, so glaube ich, nichts weiter, als dass man dazu neigt, im jeweils Unverwirklichten das Eigentliche zu vermuten.»  

Memo to me: Entweder mache ich das Jetzt zum Eigentlichen, indem ich anerkenne, dass ich/meine Situation/das Leben durchaus schon okay ist – oder ich nehme «di Hindere füre» und mache das Unverwirklichte zum Verwirklichten. Aber ich verharre nicht mehr in der «Sobald»-Starre.  

Kurz: Dear me, get a life.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (35) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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lilie ❤ Bambusbjörn
22.03.2017 12:50registriert Juli 2016
Hach, einfach alles so wahr! Ich bin etliche Jahre älter als du, und hab das alles erst vor Kurzem rausgefunden...

Man kanns auch so sagen:

Ich möchte den Mut haben, das zu ändern, was ich ändern kann,
die Gelassenheit, das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.

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Luca Brasi
22.03.2017 13:16registriert November 2015
Ich nehme die Pizza aus dem Ofen, SOBALD sie die richtige Farbe hat. :P
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Bruno Wüthrich
22.03.2017 14:24registriert August 2014
Ich kann mir vorstellen, dass da viel Wahres dran ist. Es hat aber auch das «Sobald» seine Berechtigung. Ein Beispiel:

Ich nahm mir seinerzeit vor, mit dem Rauchen (3 Päckli pro Tag) aufzuhören, sobald ich mich dafür stark genug fühle. Das dauerte dann eine Weile (drei Jahre), aber ich verlor dieses «Sobald» nie aus den Augen. Als meine Frau schwanger wurde, kam auch der Moment. Ich fühlte mich total motiviert und stark genug. Den Zeitpunkt meiner letzten Zigarette setzte ich auf den nächsten Freitag Abend und bereitete mich nochmals darauf vor. Seit gut 30 Jahren bin ich nun rauchfrei.
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