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Yonnihof

Das Pendeln – Die (Hass-) Liebe meines Lebens

Bild: Denis linine/shutterstock

Ein Alltagsbericht zum Feierabend.



Ich bin den Grossteil meines Lebens über gependelt. Dorf-Kleinstadt, Agglo-Zentrum, Grossstadt-Kleinstadt. In jahrelanger Kleinstarbeit konnte ich mir so eine komplexe Form der Hassliebe zu diesem unserem liebsten Volkssport erarbeiten.

Das Pendeln gehört meiner Meinung nach zu den Dingen des Lebens, die das Schönste und das Hässlichste in den Menschen hervorbringen – gleich neben Kommentarspalten und dem Zusammenbauen von IKEA-Möbeln.

So erlebte ich im Zug schon wunderbare Momente, die mein Herz berührten und mich nachhaltig begleiten. 

Es kann aber ganz anders sein. Davon handelt dieser Bericht.

Einst, als ich noch in Baden arbeitete, entschlossen die SBB aus mir bisher unerfindlichen Gründen, den Zug nach Zürich um 18.00 Uhr um drei Wagen zu kürzen. Ich stelle mir in solchen Momenten jeweils SBB-CEO Andreas Meyer (keine Verwandtschaft) vor, böse grinsend, in einem Dracula-Cape und an einem Feuer sitzend, optional mit einer Katze auf dem Schoss, wie er einen seiner Lakaien herbeiruft und mit tiefer Stimme befiehlt: «Küenzli, hüt nämemer Bade-Züri. Am sächsi. Muaaaaahahahaha.»

Küenzli stimmt ins Lachen mit ein, reibt sich die Hände und sagt mit nasal-krächzender Stimme: «Jaaaaa, Meister, jaaaaa.» Küenzli hat in meiner Fantasie übrigens einen Buckel und eine krumme Nase.

Anyways. Es gab also zu viele Menschen und der Zug war zu kurz, genauso wie die Zündschnüre der Passagiere. Innert Kürze hatten sich die Waggons inklusive Gängen gefüllt, sodass meine Wenigkeit im Rüümli vor der Tür im letzten Wagen landete.

Zusammen mit einem gefühlten Viertel der Erdbevölkerung.

Zum Schluss quetschten sich noch zwei Velofahrer inklusive Drahtesel auf die vier Quadratmeter grosse Fläche (die an sich für Velos gedacht ist), wofür sie selbstverständlich zusammengeschissen wurden, was in einer Diskussion mündete und ich belustigt zuschaute und mir wünschte, ich hätte Popcorn und ein Coci. Oder wenigstens ein bisschen Konfetti fürs Finale.

Nachdem sich die Gemüter ein wenig beruhigt hatten, entstand angespannte Stille. Man merkte, wie alle Beteiligten versuchten, sich möglichst nicht gegenseitig zu berühren, was absolut unmöglich war und so verwandelte sich der kleine Raum innert Minuten in eine Art Dampfbad. Sehr zum Leidwesen meiner Haare, welche sich bei solchem Klima in eine Art Stahlwollen-Stroh-Filz zu verwandeln pflegen.

Da standen wir nun alle. Schwitzend, leidend – denkend, es könne nicht noch schlimmer kommen. Und dann greift ein junger Mann in der Ecke in eine Plastiktüte und zieht was hervor?

Richtig, einen Döner. Oh ja, einen Döner, mit Zwiebeln und Extra-Fleisch und literweise Knoblauchsauce. Ebendiese ergoss sich denn auch ab Biss Nummer drei über die Hände des jungen Mannes, auf den Boden und auf die Schuhe der Dame, die mit gerümpfter Nase neben ihm stand und sehr suizidal aussah.

Es sagte niemand etwas – wahrscheinlich auch, weil die Alternative zum Kebab-Gestank nach fünf Minuten in den beengten Verhältnissen wohl «nasser Hund mit Schweiss» gewesen wäre. Noch nie sind mir 15 Minuten dermassen lang vorgekommen – ausser vielleicht damals an der mündlichen Mathematur, aber da roch der Lehrer wenigstens ok. An dieser Stelle: Lieber Herr Wanner. Es tut mir leid. Alles.

Aber zurück zum Zug des Verderbens. Neben mir standen zwei Wanderer, ganz flott in Partner-Mammut-Jacken, Farbe knallfroschneongrün. Die beiden machten keinen Hehl daraus, dass es sie satanisch anschiss, gerade diesen Zug erwischt zu haben. «Du, was fallt dene eigentlech ii? Mer hend es Setzplatzticket kauft, dänn möchte ech au chöne setze.» – „Gsehsch, ech han doch gseid, mer hättid selle ofe früehner Zog. All die Pendler bruuchid ja alle Platz om die Ziit.»

Die erwähnten Pendler schauten sich gegenseitig an und verdrehten die Augen. Ja, wärt ihr doch mal auf den früheren Zug gegangen, dann hätte es mehr Platz und bedeutend mehr Intelligenz pro Quadratmeter Zug.

So fuhren wir denn alle gen Zürich, das Wasser lief die beschlagenen Scheiben herunter und landete auf dem Boden, wo sich auch die Stimmung befand. Draussen schiffte es und drinnen hing der Dönerduft so penetrant in der Luft, dass man sie wohl hätte durchschneiden können.

Am HB angekommen presste sich die ganze Gesellschaft gegen die sich an der Tür befindliche Person, nämlich mich. Natürlich ging dann auch die Tür noch 30 Sekunden nicht auf, was dazu führte, dass die Wandervögel mich etwa dreimal anschrien, ich sollte «kräftiger drücken», was ich gekonnt ignorierte.

Auf dem Perron atmete ich durch und hörte der fluchenden, schnatternden, zeternden Menge zu, die an mir vorbeizog. Und in meinen Gedanken sah ich Andreas Meyer seine Hände zusammenfalten und teuflisch grinsend zu Küenzli sagen: «Das war’s. Vorerst...»

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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