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Yonnihof

Pünktlich zum Züri Fäscht: Der Kater – ein Erfahrungsbericht

Bild: shutterstock
01.07.2016, 16:2101.07.2016, 17:26

Das Zimmer ist dunkel. Abgesehen von zwei Lichtstreifen, welche sich an der Rollladenaufhängung vorbeimogeln. SCHEISS LICHTSTREIFEN. VIEL ZU HELL. HAUED AP!

In den Ohren macht sich ein Rauschen, nein, ein Tosen breit – ich wünschte, es wäre Meeresrauschen oder das Bildrauschen eines Fernsehers. Tatsächlich ist es Blut, das an meinem Innenohr vorbeiprescht, weil mein Herz viel zu schnell klopft. Scheissrauschen, Scheisspochen. SCHEISS LICHTSTREIFEN. Alles viel zu laut und viel zu hell.

Meine Haare tun weh. Und sie riechen ... wow! Meine Locken duften wie die komprimierte Abluft aus den gesammelten Fumoirs der Nation und meine Lunge hat sich schon weitaus gesünder angefühlt. Das Rasseln aus ebendieser gesellt sich also zum Rauschen und zum Pochen. Ohren, Augen, Nase – alles mässig lässig.

Der Ausgang war super – in der Stadt rumgezogen, coole Leute, spannende Diskussionen, die mit der Zeit immer lustiger und zusammenhangsloser wurden. Je länger der Abend, desto höher das Skurrilitätslevel. Von irgendwo her kamen Luftballons und je fortgeschrittener die Stunde, desto öfter wurden die aufgeblasenen Gummihüllen als Brüste oder Penisse an den Körper gehalten und sehr herzhaft gelacht. Ich fand’s uhueren lustig.

Ach Alkohol. Du machst uns so genügsam.

Ja. Der Abend war toll. Und ich fand mich ausserordentlich clever, denn: Ich legte mir beim Nachhausekommen brav zwei Alka Seltzer bereit. Ich war vorbereitet. Kampfbereit. Bring it on! Dachte ich. Nun, die beiden Tabletten liegen auch jetzt noch brav auf dem Rand meines Lavabos.

Ich bin nicht mehr 20 (aber nur bitzli nicht mehr). Und auch der Kater, der heute in meinem Kopf wohnt, ist eher ein ausgewachsenes Säbelzahntigermännchen als ein normaler Hausbüsel. Mein Wasser-und-Alka-Seltzer-Vorhaben war zwar löblich und kostete mich morgens um «weiss nicht mehr so genau wie viel» Uhr so viel Konzentration, dass mir beinahe der Kopf explodiert wäre, war jedoch denkbar erfolglos.

Ich liege also mit zusammengekniffenen Augen und pochendem Schädel im Bett. Keine Ahnung, wie spät es ist. Mal aufs iPhone schauen. Dieses ist selbstverständlich auf maximale Helligkeit eingestellt und sendet einen weissen Blitz aus Grelligkeit und Schmerz durch meine Augen, dem Sehnerv entlang bis in meinen visuellen Kortex. Der liegt ganz hinten im Gehirn. Augen: vorne oben. Seh-Hirni: hinten unten. Die Autobahn der Qual quer durch meinen Schädel.

Das ist natürlich Blödsinn, denn das Hirni selber kann einem nicht wehtun – ändert nichts daran, dass ich, als mir mein Handy guantánamoscheinwerferartig in die Iris zündet, laut «DAAAAAAAAUUU» rufe und meinen Kopf im Kissen vergrabe, um mein vermeintlich zerstörtes Augenlicht zu retten.

Dabei merke ich einerseits, dass von meiner Stimme (Karaoke sei Dank) lediglich ein erbärmliches Quietschen übrig geblieben ist und andererseits kommt nun die Geschichte mit dem Bewegen ins Spiel: ruckartige Bewegung des Schädels. Not so good. Schwindel und Übelkeit tanzen kurzzeitig in meinem Magen Samba. Okay. Bloss. Nicht. Zu. Arg. Bewegen. Mit ins Kissen gedrücktem Kopf und einem halb geöffneten Auge stelle ich die Helligkeit der Handy-Screens auf Minimum. 10.30 Uhr. WHAT?! VIEL ZU FRÜH.

Warum bin ich überhaupt wach, gopf? Warum konnte mein Körper nicht clever genug sein, so lange zu schlafen, bis ich wenigstens atmen kann, ohne mich zu übergeben? Ahja, genau. Die Blase. Unnötigstes Organ ever. Macht einem immer alles kaputt. Auf Reisen, an Konzerten (ahoi TOITOI) – und nun auch am «Morgen danach», wenn man einfach in Frieden ein bisschen vor sich hinsterben will.

Es folgt die Frage, die sich einem des Nachts so oft stellt: Kann ich wieder einschlafen, obwohl ich pinkeln muss – auf die Gefahr hin, dass ich dann nochmals erwache – oder soll ich’s hinter mich bringen und anschliessend friedlich durchschlafen? Verkatert ist das noch eine Runde schwieriger: Liege ich mit übereinandergeschlagenen Beinen im Bett und hoffe, dass ich durch irgendeine Schicksalsfügung einpennen kann (Wahrscheinlichkeit gleich 0,001%) oder gehe ich das Risiko ein, aufzustehen und somit der Sonne, der Gravitation und sonstigen hinterlistigen Naturkräften und der damit verbundenen Übelkeit ausgesetzt zu werden?

Auf Facebook reihen sich Bilder von an der Sonne sitzenden Menschen aneinander. «Endlich Sommer», «Jeeeeeeh, Sonne». FUCK YOU, SONNE! Geh in den Süden, wo du hingehörst! Ich glaub, mine Auge isch schlächt.

Ich zwinge mich, aufzustehen, taste mich mit zusammengekniffenen Augen Richtung Badezimmer. So. Das wäre erledigt. Im Spiegel schaut mir ein deformiertes Etwas entgegen, bleich wie ein Leintuch, das Make-up an Stellen, wo es nun wirklich nicht hingehört. Ich trage ein Plastikarmband, das ich noch nie gesehen habe (und auch niemals anziehen würde), dafür fehlt meine Uhr.

Mir schwant Schlimmes und ganz generell ist alles einfach sehr sehr elend. Die Uhr finde ich in meiner Handtasche wieder – meine Menschenwürde vorerst nicht. Weiss nun wieder, weshalb ich so selten trinke.

NIE WIEDER TRINKEN, schwöre ich mir. NEVER EVER EVER AGAIN! Und ja, für den mickrigen Wahrheitsgehalt dieses Vorhabens würde ich mich selber auslachen, wenn ich nicht befürchten würde, mich dann übergeben zu müssen.

«Wer saufen kann, der kann auch leiden», sagten alle vor uns lebenden Generationen. 

«Wer saufen kann, der kann auch leiden», sagte keine verkaterte Person EVER.

Voilà. Ich geh’ mich dann mal wieder gaaaaanz süüüüüferlig hinlegen.

See you on the other side.

Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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