International
Interview

Carlo Masala im Interview: «Amerikaner haben nicht unbegrenzt Munition»

Interview

«Die Amerikaner haben nicht unbegrenzt Munition»

Im Gespräch mit CH Media erklärt der renommierte Militärexperte Carlo Masala, warum die scheinbare Planlosigkeit der USA im Iran brandgefährlich ist, und warum Europa sich auf mehr einstellen muss als nur steigende Ölpreise.
07.03.2026, 10:1007.03.2026, 10:10
Natasha Hähni
Natasha Hähni
This image provided by U.S. Central Command shows Navy sailors transferring ordnance on the flight deck of Nimitz-class aircraft carrier USS Abraham Lincoln (CVN 72) on Friday, Feb. 27, 2026. (U.S. Na ...
US-Navy-Matrosen verladen am Freitag, 27. Februar 2026, Munition auf dem Flugdeck eines Flugzeugträgers.Bild: keystone

Ob in Südamerika, in der Karibik oder im Mittleren Osten – die Nachrichtenlage könnte nicht chaotischer sein. Hinter den meisten Brandherden steckt zurzeit ein Mann: Donald Trump. Sein Krieg im Iran dauert nun bereits eine Woche. Am Freitag bombardierten israelische Kampfflugzeuge Ziele in Teheran und Beirut, während der Iran seine Vergeltungsangriffe auf Staaten in der Region fortsetzte.

Militärexperte Carlo Masala sagt im Interview, was das grösste Problem des neuen Kriegs ist, weshalb das Mullah-Regime stabiler sein könnte, als viele hoffen, und warum sich Europa auf unangenehme Folgen einstellen muss.

Vor einer Woche hat Donald Trump den Iran angegriffen. Welches Ziel verfolgt er mit dem Krieg?
Carlo Masala: Das wissen wir nicht, weil er seine Vorstellungen im Prinzip mit jeder Aussage wieder verändert. Nach der ersten Welle der Luftangriffe sagte er, es gebe drei Ziele: Die Zerstörung des Nuklearprogramms – womit er eingestanden hat, dass er es im Juni nicht zerstört hat –, die Zerstörung des ballistischen Raketenprogramms und die Voraussetzungen für einen Regimewechsel zu schaffen. Von diesem Regimewechsel ist er dann sukzessive wieder abgerückt. Er hat gesagt, er könnte mit einem «freundlichen» Mullah auch leben. Es käme also darauf an, wie die iranische Führung jetzt wählt. Ausserdem hat sich der US-Präsident gestern positiv über die mögliche Unterstützung für kurdische Iraner geäussert, die im Krieg eine Rolle spielen könnten. Letzten Endes verändert er die Zielsetzung ständig. Und macht damit eigentlich deutlich, dass es gar kein Ziel gibt, dass man sich über das Ziel nicht im Klaren ist.

Wie problematisch ist das?
Grundsätzlich sollte man Militär nie einsetzen, wenn man kein klar definiertes politisches Ziel hat, das man erreichen will. Kann es für die iranische Bevölkerung trotzdem gut ausgehen? Theoretisch ja. Dass es von innen heraus gestürzt werden kann, das kann noch kommen. Aber es sieht momentan nicht danach aus, als wäre das Regime wirklich so geschwächt.

Prof.Dr. Carlo MASALA Professor fuer Internationale Politik an der Universitaet der Bundeswehr, Einzelbild,angeschnittenes Einzelmotiv,Portraet,Portrait,Portr�t. Ludwig Erhard Gipfel 2025 auf Gut Kalt ...
Carlo Masala ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr.Bild: www.imago-images.de

Woran erkennen Sie das?
An der Fähigkeit des Regimes, militärisch zu operieren, an ihrer Fähigkeit, immer noch einen Nachfolger zu bestimmen, und an den fehlenden Massenprotesten. Die Leute sitzen eher in ihren Häusern, weil sie entweder in Regionen sind, wo bombardiert wird – da würde ich halt auch nicht auf die Strasse gehen –, oder sie warten einfach ab, was passiert.

Donald Trump sagte diese Woche, dass das Worst-Case-Szenario wäre, wenn jemand auf Ajatollah Khamenei folgen würde, der schlimmer ist, als er. Favorit für den Nachfolger-Posten ist aktuell Khameneis Sohn – ein Hardliner – ist der schlimmste Fall eingetroffen?
Trump hat ja gestern noch gesagt, dieser Mann gefällt ihm überhaupt nicht und er beharrt darauf, dass er sozusagen eingebunden wird in die Wahl eines Nachfolgers, was verrückt ist. Zu inneriranischen Sachen kann ich aber nichts sagen.

Die Amerikaner erhoffen sich Unterstützung von bewaffneten Kurden-Gruppierungen. Wie hilfreich können diese im Kampf gegen das Mullah-Regime sein?
Wir reden laut Schätzungen von 3000 bis 5000 potenziell bewaffneten Menschen, in einem riesengrossen Land. Man darf nicht vergessen, dass das Regime mehr als eine Million Menschen unter Waffen hat: die Revolutionsgarden, Milizen und die Armee. Sie alle haben etwas zu verlieren, weil sie bei einem Regimewechsel befürchten müssen, ihre Position zu verlieren, beziehungsweise vor Gericht zu landen. Dem stehen die paar Tausend Kurden gegenüber. Das ist keine gute Ausgangssituation. Wir wissen bei Trump aber auch, dass er die Operation morgen beenden und sie als Sieg erklären könnte.

Die Iraner weiten den Krieg gerade weiter aus. Die Türkei hat diese Woche eine Rakete abgeschossen – ein Nato-Land. Welche Folgen könnte der Krieg für Europa haben?
Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen aus dem Iran fliehen, ist relativ gross. Natürlich könnte dann Europa eines der Ziele sein. Dazu kommt, dass der Iran, wie schon in der Vergangenheit, damit droht, sogenannte Schläferzellen zu aktivieren. Die haben sie angeblich überall. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob die Schläferzellen tatsächlich vorhanden sind, aber darauf reagieren die Sicherheitsdienste gerade. Europäische Nato-Kommandos haben ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Beispiel angewiesen, ausserhalb des Kasernengeländes nicht in Uniform rumzulaufen.

Trumps Aufmerksamkeit liegt bereits nicht mehr ausschliesslich auf dem Iran. Diese Woche schickte er ein Kommando nach Ecuador und sprach wieder von einem Regimewechsel in Kuba. Muss sich der Inselstaat jetzt auf eine grossangelegte US-Intervention vorbereiten?
Das wissen wir nicht. In Kuba ist aber eine Operation mit begrenzten Spezialkräften wahrscheinlicher. Wahrscheinlich mit Oppositionspolitikern oder Teilen des Regimes. Ich glaube nicht, dass wir in Kuba eine umfangreiche militärische Operation sehen werden.

Wieso nicht?
Das muss man ganz einfach sagen: Was die USA da gerade verschiessen im Persischen Golf, ist natürlich ein Problem. Sie haben nicht unbegrenzt Munition zur Verfügung. Gerade die Bestände der Interzeptoren für die Luftverteidigung und Raketen werden leergeschossen.

Könnten den Amerikanern die Waffen ausgehen?
Naja, es wird nachgeliefert, aber es ist jetzt nicht so, dass die USA über unendliche Bestände verfügen, um da jetzt einfach monatelang und an mehreren Stellen die gleiche Art von Operation durchzuführen.

Die Amerikaner haben bei der Ukraine Hilfe wegen der Drohnenabwehr angefragt. Hätten sie sich besser vorbereiten müssen?
Das Problem ist, dass sie alle ballistischen Raketen relativ gut abfangen können. Das sehen wir in der gesamten Region. Die Abschussrate liegt teilweise bei über 90 Prozent der ballistischen Raketen. Gleichzeitig haben die meisten nicht genügend Drohnenabwehrsysteme. Das ist ein Versäumnis aller, auch der Europäer. Wenn wir darüber diskutieren, wie wir aufrüsten, ist die Frage der Drohnenabwehr eine der dringendsten Fragen, weil wir sehen, wie effektiv der Einsatz von Drohnen sein kann. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Iran-Krieg in Bildern
1 / 24
Iran-Krieg in Bildern

Der Iran-Krieg zieht immer weitere Kreise. Israel etwa greift Hisbollah-Stellungen im Libanon an.

quelle: keystone / mohammed zaatari
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Statt über den Iran sprach Trump an der Pressekonferenz lieber über … Vorhänge
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
97 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
RicoH
07.03.2026 10:19registriert Mai 2019
Das scheint mir eine realistische Einschätzung zu sein.
Dass Trump keinen Plan hat, ist jetzt nicht wirklich etwas neues.
495
Melden
Zum Kommentar
avatar
Kaoro
07.03.2026 11:01registriert April 2018
eine Shahed Drohne kostet im teuersten Fall 30k USD, eine Patriot gegen 4 Millionen USD. die Iraner schicken einen Teppich von Drohnen los, einige werden das Ziel erreichen. Wie dreist die Trump Regierung weismachen will, dass es genügend Munition hat ist schon frech.
4210
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sisyphus
07.03.2026 11:05registriert Dezember 2021
Wenn die USA ihre Basen beispielsweise mit dem Patriot-System schützen, bei dem eine Rakete das 60- bis 200-fache einer abzuwehrenden Drohne kostet, ist das wirtschaftlich nicht tragfähig. Dieser Krieg wird für die USA zur Tragödie werden, das ist bereits jetzt absehbar. Ein Blitzkrieg hätte allenfalls noch funktionieren können, aber auf die Dauer wird das zum Fiasko für die USA.
388
Melden
Zum Kommentar
97
Partei von Ex-Rapper liegt bei Parlamentswahl in Nepal vorn
Bei der Stimmenauszählung für die als richtungsweisend geltende Parlamentswahl in Nepal liegt die Partei des ehemaligen Bürgermeisters von Kathmandu, Balendra Shah, vorn.
Zur Story