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Lifestyle: Es gibt ein Recht auf Verwahrlosung.

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Lifestyle: Ich mache, was ICH will! Oder?

Ist der Lebensstil wirklich komplett dem Einzelnen überlassen?
29.10.2015, 14:3029.10.2015, 14:30
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Ein alter Freund meines Vaters war während seines Berufslebens Drogenbeauftragter einer grösseren Stadt. Als man ihn einst darauf ansprach, dass nach wie vor viele Drogenabhängige auf der Strasse leben würden und warum man denn für diese nichts täte, antwortete er: «Es gibt in dieser Stadt ein Recht auf Verwahrlosung.» Er meinte damit, dass man allen obdachlosen Drogenabhängigen zwar Unterschlupf anbiete, sie jedoch nicht dazu zwingen könne, diesen in Anspruch zu nehmen.  

Ich finde das eine sehr spannende Aussage, weil sie auch auf alle anderen Formen von Lebensstil übertragen werden kann.  

Nur, weil eine Lebensweise von der Norm abweicht, muss sie ja nicht falsch sein.

Es gibt ein Recht darauf, zehn Millionen Franken pro Jahr zu verdienen. Man kann das pervertiert finden, aber man kann es niemandem verbieten. Es gibt ein Recht darauf, jedes Wochenende literweise Alkohol zu trinken und sich mit sonst was zuzuballern. Man kann das unsinnig finden, es geht aber nur den/die Betroffene/n etwas an. Es gibt ein Recht darauf, sich ausschliesslich von Früchten zu ernähren, die sich freiwillig vom Baum gestürzt haben. Man kann das umständlich und seltsam finden, aber es ist die Entscheidung des/r Einzelnen. Und es gibt ein Recht auf Verwahrlosung.

Es stellt sich jedoch die Frage: Sind alle Menschen in der psychischen Lage, sich ihren Lebensstil auszusuchen? Wann muss man trotzdem von aussen eingreifen? Kann ein Obdachloser, der seinen Körper jahrzehntelang mit Heroin malträtiert hat, entscheiden, dass er lieber im Schnee schläft als in der Notschlafstelle, auch wenn die Gefahr besteht, dass er dabei erfriert? Muss man ihm auch diese Entscheidung überlassen oder ist es unsere Pflicht, einzugreifen, weil jemand, der lieber erfriert als auf einer Pritsche im Warmen zu schlafen, ja gar nicht entscheidungsfähig sein kann?  

Kürzlich diskutierte ich genau über dieses Thema mit einer Gruppe von Freunden und jemand sagte mir, ich müsse also auch Verständnis für Nazis haben, denn das sei halt auch ein Lebensstil. Stimmt das? Muss man einen Lebensstil tolerieren, wenn er auf die Diskriminierung und die Verhetzung anderer Menschen abzielt? Oder diktiert es mir mein humanitär geprägter Lebensstil nicht, das eben gerade nicht zu tun?

Lifestyle. Was für ein Unwort. Und trotzdem sollte es jedem und jeder selber überlassen sein, sich den ihren auszusuchen, solange er andere nicht schädigt. Da würde dann der Nazi schon einmal rausfallen.

Jedoch gibt es kaum einen Lifestyle, der andere nicht beeinflusst. Z.B. beim Obdachlosen: Sollte man da nicht einschreiten, weil er potentiell z.B. Kindern Angst machen könnte? Oder bei Rauchern, weil sie andere olfaktorisch belästigen? Oder bei Übergewichtigen, weil sie im Flugzeug zu viel Platz beanspruchen? Oder bei Partygängern, die «halt nun mal laut sind», jedoch den Anwohnern vor die Tür kotzen, ihre Kebabresten in Briefkastenschlitze stopfen, nachts sturmläuten und bis morgens um sechs draussen rumjohlen?  

Ab wann geht die Gesellschaft der Lifestyle des Einzelnen etwas an? Oder hat die Gesellschaft als ganze ein Recht auf Verwahrlosung?

Yonni Meyer
Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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